Politik

Eiskalter Krieg: Darum geht es im Kampf um die Arktis

Die wirtschaftliche Erschließung der Arktis ist in vollem Gange. Die USA, Russland und China stehen miteinander im Konflikt darum, wer die Potentiale der Region am schnellsten für sich nutzbar machen kann.
11.01.2020 15:20
Lesezeit: 4 min
Eiskalter Krieg: Darum geht es im Kampf um die Arktis
Ein gigantisches Flüssiggasprojekt auf der russischen Halbinsel Jamal zeigt den in der Arktis sich vollziehenden Wandel. (Foto: dpa) Foto: Friedemann Kohler

In den letzten Jahren hat das Interesse an der Arktis stetig zugenommen. Denn in der Folge der Erderwärmung schmilzt das Eis, was die wirtschaftliche Nutzung der Region deutlich erleichtert. Wenn irgendwann das Eis in der Nordwestpassage der Arktis komplett verschwunden ist, wird dies den Schiffsweg von Europa nach Asien um 4.000 Kilometer verkürzen. Dies hätte offensichtlich bahnbrechende Folgen für den internationalen Handel.

Kurz vor Jahresende hat die Regierung in Moskau ein Gesetz gebilligt, wonach die Arktis und die Nordseeroute industrialisiert werden sollen. Dabei geht es unter anderem um den Bau von Seehäfen, Eisenbahnen und Schiffen. So soll etwa bis Juni über den Ausbau einer Eisenbahnlinie zum Seehafen Sabetta und zum LNG-Terminal an der Nordküste der Jamal-Halbinsel entschieden werden. Im April letzten Jahres sagte Präsident Wladimir Putin auf einer Konferenz in St. Petersburg, dass die Arktis mehr als 10 Prozent aller Investitionen in Russland ausmacht.

Doch nicht nur Russland, sondern auch die USA und China kämpfen um die Führungsrolle bei der wirtschaftlichen und militärischen Nutzung der Region. So sagte US-Außenminister Mike Pompeo im Mai letzten Jahres in einer Rede in Finnland, dass die Arktis zu einer "Arena für Macht und Wettbewerb" geworden sei. Die US-Zeitung Politico berichtete kürzlich über den Kampf der Großmächte um die Vorherrschaft über die Arktis ringen und wie der Konkurrenzkampf voraussichtlich verlaufen wird. Dies sind demnach die drei wichtigsten Streitpunkte:

1. Der Kampf um die Seerouten

Prognosen gehen davon aus, dass der Arktische Ozean bereits im Jahr 2040 im Sommer eisfrei sein wird. Zwei neue Schifffahrtsrouten, der Nördliche Seeweg, der entlang der Nordküste Russlands verläuft, und die Nordwestpassage, die durch die nördlichen Inseln Kanadas führt, sind bereits im Aufbau. Durch diese Abkürzungen könnte die auf dem Seeweg zurückzulegende Entfernung zwischen Europa und Asien um bis zu 40 Prozent verringert werden.

Da 90 Prozent des Welthandels über den Seeweg abgewickelt werden, könnte selbst eine geringe Effizienzsteigerung erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Doch die Experten sind uneins über das Potenzial der neuen Routen für den Handel. Diese sind zwar kürzer, können aber mindestens neun Monate im Jahr durch Eis blockiert sein. Zudem fehlen ihnen über weite Strecken grundlegende Dienstleistungen wie Unterstützung im Notfall.

Bisher fahren auf dem Nördlichen Seeweg weniger als 100 Handelsschiffe pro Jahr, verglichen mit den fast 20.000 Schiffen, die den ägyptischen Suezkanal benutzen, sagt Malte Humpert, Analyst des in Washington ansässigen Think-Tanks Arctic Institute. Aber der Verkehr nimmt zu. Die chinesische Reederei COSCO plant, den nördlichen Seeweg verstärkt zu nutzen, um Fracht nach Europa zu liefern. Sie wird wahrscheinlich mit einigen Dutzend Fahrten pro Jahr beginnen und bis Mitte des nächsten Jahrzehnts auf "vielleicht 200-300" ansteigen, so Humpert.

Mit dem Ausbau der Route werden neue Handelsknotenpunkte entlang der russischen Küste entstehen. Dann werden die in Eile gebauten und dann jahrzehntelang vernachlässigten Siedlungen aus der Sowjetzeit mit neuem Leben erfüllt. In Island will ein Konsortium unter Führung der deutschen Bremenports ein neues Drehkreuz in der nordöstlichen Bucht von Finnafjord entwickeln. Die neuen Routen könnten zu neuen Spannungen zwischen den Großmächten führen. Die USA haben die Souveränitätsansprüche über die Routen aus Kanada und Russland als "illegitim" und "illegal" bezeichnet.

2. Der Kampf der Militärs

Zu Zeiten des Kalten Krieges diente die Arktis als Grenze zwischen der Nato und der Sowjetunion und war mit Militärbasen und teurer Hardware ausgerüstet. Als die Feindseligkeiten nach dem Auseinanderbrechen der UdSSR nachließen, wurden viele dieser Anlagen demontiert oder man ließ sie verfallen. Russland und Norwegen bereinigten im Jahr 2010 einen langjährigen Streit um die Seegrenzen in der Barentssee. Andererseits haben sich die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland in den letzten Jahren wieder abgekühlt.

Zwar ist ein Krieg in der Arktis nur noch eine entfernte Möglichkeit, sagen Analysten. Doch der geopolitische Wettstreit in der Region wird wohl kaum reibungslos verlaufen. Russland baut in den nördlichen Küstensiedlungen und auf mehreren Inseln eine Reihe neuer Stützpunkte, darunter Kotelny in der Ostsibirischen See. Groß angelegte Militärübungen der Nato und Russlands werden in den arktischen Gebieten zunehmend zur Routine, und beide Seiten erweitern und aktualisieren ihre Eisbrecherflotten, die als Schlüssel zur Ausübung militärischen Einflusses in den arktischen Gewässern gelten.

Die Rivalen des Kalten Krieges sind nicht die einzigen, die ihre militärischen Kapazitäten in der Region aufstocken. Das US-Verteidigungsministerium nennt auch verschiedene chinesische Aktivitäten, darunter der Einsatz von Eisbrechern und zivilen Forschungsprojekte, die zur Verstärkung der chinesischen Militärpräsenz im Arktischen Ozean genutzt werden könnten. "So wie China versucht, Einfluss in der Arktis zu gewinnen, könnte dies die internationalen Regeln und Normen untergraben, und es besteht die Gefahr, dass sich sein weltweites räuberisches wirtschaftliches Verhalten in der Arktis wiederholt", so ein im Juni veröffentlichter Bericht der US-Regierung.

3. Der Kampf um Ressourcen

Die schmelzenden Gletscher in der Arktis legen mehr Land für eine mögliche Nutzung frei. Gleichzeitig erleichtert der Rückgang des Meereises den Zugang zu Offshore-Ressourcen wie Erdgas und Fisch sowie die Vermarktung der Onshore-Ressourcen. Zu den Ressourcen, die es zu erschließen gilt, gehören "13 Prozent des unentdeckten Öls, 30 Prozent des unentdeckten Gases und eine Fülle von Uran, Seltenen Erden, Gold und Diamanten sowie Fischerei in Hülle und Fülle", so US-Außenminister Mike Pompeo.

Ein Bericht des U.S. Geological Survey aus dem Jahr 2008 schätzte, dass die Arktis 90 Milliarden Barrel Öl, 669 Billionen Kubikfuß Erdgas und 44 Milliarden Barrel flüssigem Erdgas enthalten könnte, was darauf hindeutet, dass der Gesamtwert der Ressourcen in die Billionen von Dollar gehen könnte. Diese Zahlen haben die Aufmerksamkeit der Staaten am Polarkreis auf sich gezogen. Der Zugang zu diesen fossilen Brennstoffen würde zur Diversifizierung der Energieversorgung und zur Verbesserung der nationalen Sicherheit beitragen, da die Abhängigkeit von Importen aus potentiellen globalen Krisenherden verringert würde.

Ein gigantisches Flüssiggasprojekt auf der russischen Halbinsel Jamal zeigt den sich vollziehenden Aufschwung. Das verantwortliche Unternehmen Jamal LNG fördert, verflüssigt und verschifft Gas aus dem South Tambey-Feld oberhalb des Polarkreises. Die Anlage hat 27 Milliarden Dollar gekostet und ruht auf 80.000 Pfählen, die in den Permafrost gerammt wurden. Russlands Premierminister Dmitri Medwedew nannte es einen "bedeutenden Meilenstein für die gesamte russische Gasindustrie".

Weitere hochkarätige Projekte umfassen einen Vorschlag eines chinesischen und eines australischen Unternehmens zum Abbau von Uran und anderen Seltenen Metallen an einem Standort in Kvanefjeld in Südgrönland. China wolle "an der Spitze dessen stehen, was eine Revolution in der Rohstoffindustrie auf der Insel sein könnte", zitiert Politico Marc Lanteigne von der norwegischen Universität Tromso.

Das schmelzende Eis schafft auch neue Möglichkeiten für die Fischereiindustrie, da die Schiffe in der Region für größere Zeiträume weiter nach Norden fahren können und den veränderten Migrationsmustern einiger Fischarten folgen können, die auf der Suche nach kühleren Gewässern nach Norden ziehen. Für ein Gebiet wie Grönland, das rund 90 Prozent seiner Exporteinnahmen in der Fischerei erwirtschaftet, sind diese Veränderungen möglicherweise ein Segen. Neben den traditionellen Kaltwassergarnelenbeständen fangen die Fischer jetzt auch Roten Thun und Makrele.

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