Finanzen

Deutsche Banken horten Geldscheine, finden kaum noch Tresore

Die Banken hierzulande horten große Menge in Tresoren, um die steigenden Kosten der negativen Zinssätze zu umgehen. Doch einigen der Banken geht nun der Platz aus.
06.02.2020 06:56
Lesezeit: 2 min
Deutsche Banken horten Geldscheine, finden kaum noch Tresore
Ein Bank-Schließfach. (Foto: dpa) Foto: Daniel Reinhardt

Die physischen Geldbestände der Banken in Deutschland stiegen im Dezember auf den Rekordstand von 43,4 Milliarden Euro, so die am Freitag veröffentlichten Daten der Bundesbank. Das ist fast dreimal so viel wie noch Ende Mai 2014, bevor die Europäische Zentralbank damit begann, Strafzinsen auf die Einlagen der Banken zu erheben, was den Druck auf die bereits angeschlagenen deutschen Banken weiter erhöhte.

Im vergangenen Jahr drückte die EZB die Zinsen sogar noch weiter unter Null, um die in ihren Augen zu niedrige Inflation in der Eurozone anzufachen. Negative Zinsen sollen die Kreditaufnahme für Unternehmen und Privatpersonen noch günstiger machen. Doch für die deutschen Banken sind negative Zinssätze eine Bedrohung, da ihre Geschäfte stark von Kreditzinsen abhängig sind und sie auf einem Berg von Einlagen sitzen.

"Die negativen Zinssätze der EZB machen das Horten von Bargeld attraktiv", zitiert Bloomberg den FDP-Bundestagsabgeordneten Frank Schaeffler. "Dies ist erst der Anfang. Wenn es so weitergeht, werden wir einen Boom für Tresorbauer und Sicherheitsfirmen erleben".

Tatsächlich gibt es im Moment nicht mehr genug Platz für das viele Bargeld, das die Banken aufbewahren wollen. so hat Pro Aurum, ein in München ansässiger Edelmetallhändler, mehrere Anfragen von Banken erhalten, die Banknoten in seinen Tresoren aufbewahren wollten. Die Firma musste die Anfragen jedoch aus Kapazitätsgründen ablehnen.

Die Annahme von Einlagen zur Finanzierung von Krediten ist das Herzstück des Bankwesens. Doch die europäischen Kreditgeber sagen, dass die Einlagen bei ihnen heute viel größer sind, als dies zur Vergabe von Krediten nötig wäre. Sie sitzen daher auf Milliarden von Euro, die sie zur EZB bringen oder für die sie eine andere Lösung finden müssen.

Mehr Bargeld zu halten, reicht für einen Bankensektor mit etwa 3 Billionen Euro Einlagen nicht aus, um der Last der negativen Zinsen zu entgehen. Der Bundesverband deutscher Banken schätzt, dass die Strafzinse der EZB die Kreditgeber hierzulande jährlich etwa 2 Milliarden Euro kosten werden. Zudem erheben haben zahlreiche deutsche Banken zum Jahresbeginn Negativzinsen für Privatkunden eingeführt oder bereits bestehende Strafzinsen erhöht.

Deutschland ist von den Negativzinsen besonders schwer betroffen, da die Deutschen mehr als die meisten anderen Europäer sparen und riskantere Finanzprodukte vermeiden, die den Banken Gebühren einbringen. Die Sparquote hierzulande lag laut Zahlen der Deutschen Bank im Jahr 2017 bei rund 10 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Eurozone. Im vergangenen Jahr hielten die Deutschen laut Zahlen der DZ Bank nur 21 Prozent ihres 6,6 Billionen Euro Geldvermögens in Form von Investmentfonds, Aktien, Zertifikaten und Anleihen.

Zwar ist das Volumen der Banknoten, die von den Banken in den Tresoren gehortet werden, im Vergleich zu den Einlagen, die sie halten, noch gering. Doch die deutschen Kritiker der EZB fühlen sich durch den Trend bestätigt. Sie sagen, dass die negativen Zinssätze an ihre Grenzen stoßen und die Wirtschaft nicht so stimulieren, wie es das erklärte Ziel der Zentralbank war.

Die EZB hat die Kritik der deutschen Banken an den negativen Zinssätzen zurückgewiesen und gesagt, dass sich ineffiziente Banken auf die Senkung der Kosten konzentrieren sollten, anstatt die lockere Geldpolitik der Zentralbank für ihre hausgemachten Probleme verantwortlich zu machen.

Zudem hat die EZB versucht, die Nebenwirkungen ihrer negativen Zinssätze zu begrenzen, indem sie einen Teil der Einlagen bei der Zentralbank von den Gebühren befreit hat. Dieses als "Tiering" bezeichnete System hat den Druck auf die Banken möglicherweise verringert, sagt Cornelia Schulz, Sprecherin des Verbandes der deutschen Genossenschaftsbanken. So erwartet der Verband, dass seine Mitglieder Ende 2019 ihre gemeinsamen Bargeldbestände gegenüber den Vorjahren reduziert haben.

Doch nicht nur die Banken horten Bargeld. Auch vermögende Privatpersonen setzen zunehmend auf Bargeld (und Gold). Denn zum einen wollen sie die Gebühren bei ihren Banken vermeiden, zum anderen haben sie ein tiefes Misstrauen gegenüber der Geldpolitik. Daher verzeichnen Tresorhersteller und Anbieter von Schließfächern eine extreme Nachfrage.

"Wir stellen eine verstärkte Nachfrage nach unseren Tresoren fest, häufig zur Aufbewahrung von Bargeld", zitiert Bloomberg Markus Weiss, Geschäftsführer von Degussa Goldhandel. "Diese hohe Nachfrage hält nun schon seit Monaten an, und wir bauen unsere Kapazitäten kontinuierlich aus", so Weiss, dessen Unternehmen Gold verkauft und seinen Kunden Raum zur Aufbewahrung ihrer Wertsachen bietet.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU Single Rulebook: Warum der 10. Juli 2027 für Banken zum wichtigen Stichtag wird

Die europäische Geldwäschebekämpfung wird mit einem grundlegenden Wandel konfrontiert. Mit der Anti-Money Laundering Regulation (AMLR)...

DWN
Panorama
Panorama Rolex Daytona: Vier Einzelstücke könnten Millionenrekord brechen
12.09.2026

Vier Rolex Daytona, vier Jahreszeiten und kein einziges zweites Exemplar auf der Welt: Rolex bricht mit einer Tradition, die den Mythos der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen AeroSHARK-Installation: Airbus-Flugzeuge bekommen "Haifischhaut"
12.09.2026

Flugzeuge könnten künftig mit einer Oberfläche starten, deren Prinzip aus dem Meer stammt. Die sogenannte AeroSHARK-Folie soll...

DWN
Panorama
Panorama Angst vor dem Älterwerden: Wie aus Sorge neue Freiheit wird und was Experten raten
12.09.2026

Der Blick in den Spiegel, ein runder Geburtstag oder erste körperliche Beschwerden können plötzlich Angst vor dem Älterwerden...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Berufswahl und KI: Warum junge Menschen mehr auf Praxiserfahrungen achten sollten
12.09.2026

Die traditionellen Ratschläge zur Berufsorientierung greifen nicht mehr. Lange Zeit galt das Absolvieren eines rein akademischen Studiums...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Handel schließt trotz heißgelaufener Inflationsdaten im grünen Bereich
11.09.2026

Überraschende Wende an der Wall Street: Warum eine vermeintliche Hiobsbotschaft die Märkte beflügelt.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mehr Existenzgründungen in Deutschland: Positiver Trend trotz lahmender Konjunktur
11.09.2026

Trotz der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung verzeichnen Experten ein Plus bei den Gewerbegründungen. In einzelnen Bundesländern fiel...

DWN
Politik
Politik Teilzeitrepublik: Teilzeit boomt, Vollzeit schrumpft: Arbeiten die Deutschen zu wenig?
11.09.2026

Der Staat klagt über Personalmangel – hat aber selbst die höchste Teilzeitquote unter den Beschäftigten. Eine Studie schlägt nun die...

DWN
Politik
Politik Klage eingereicht: BUND geht gegen Atomproduktion für russische Reaktoren vor
11.09.2026

Die geplante Herstellung von Brennelementen für Atomkraftwerke russischer Bauart im emsländischen Lingen soll mithilfe russischer Technik...