Wirtschaft

Saudi-Arabien will US-Markt mit 40 Millionen Barrel Öl fluten, Washington erwägt Blockade

Saudi-Arabien entsendet 40 Millionen Barrel Öl an Bord von Tankschiffen in die USA. Falls US-Präsident Donald Trump beschließt, die Einfuhr von Rohöl aus dem Königreich zu blockieren, müssten die Saudis das Öl nach Europa und Asien umleiten.
23.04.2020 13:27
Aktualisiert: 23.04.2020 13:27
Lesezeit: 4 min
Saudi-Arabien will US-Markt mit 40 Millionen Barrel Öl fluten, Washington erwägt Blockade
Die Saudis entsenden zahlreiche Tanker in die USA. (Grafik: Tanker Tracker/DWN)

Etwa 40 Millionen Barrel saudisches Öl sind auf dem Weg in die USA und werden voraussichtlich in den kommenden Wochen eintreffen. Dies erhöht den Druck auf die Märkte, die laut Versanddaten und -quellen bereits Schwierigkeiten haben, eine Flut von Lagerbeständen aufzunehmen.

Der republikanische US-Politiker Ted Cruz teilte über Twitter mit: “20 Tanker - gefüllt mit 40 Millionen Barrel saudischem Öl - fahren in die USA. Dies ist SIEBEN MAL mehr als der typische monatliche Fluss. Gleichzeitig sinken die Öl-Futures und Millionen von US-Arbeitsplätzen sind in Gefahr.”

Zuvor hatte das Wall Street Journal getitelt: “Flottille von saudischem Öl droht, US-Versorgungsschwemme zu verschlechtern”. Das Blatt wörtich: “Eine Flotte von Tankern mit saudischem Öl macht sich langsam auf den Weg zur US-Golfküste und droht, ein bereits historisches Überangebot an Rohöl zu verschlechtern.”

Das Portal Tanker Trackers bestätigte die massiven saudischen Öllieferungen in die USA. “Es sind tatsächlich 24 VLCC-Supertanker mit insgesamt 50,4 Millionen Barrel, die sich über 48 Exporttage auf 1,05 Millionen Barrel pro Tag verteilen, auf dem Weg. Alles, was Sie zwischen Madagaskar und Brasilien sehen, soll im Mai eintreffen”, so das Portal Tanker Trackers.

Nach Angaben des englischsprachigen Dienstes von Reuters könnten die USA ihre Öllieferungen in die USA umleiten, falls die US-Regierung sich dazu entscheiden sollte, eine Blockade zu verhängen. Denn genau das haben US-Regierungsbeamte in den vergangenen Tagen angedeutet. Alternativ sei es möglich, Zölle auf die saudischen Sendungen zu erheben. Der durch das neuartige Coronavirus ausgelöste Nachfrageeinbruch und die Suche nach Speicheroptionen hatten die USA ohnehin dazu veranlasst, über solche Maßnahmen nachzudenken. Der saudische Ölriese Saudi Aramco meint hingegen, Änderungen der Schiffsziele im Verlauf seines Geschäfts seien Routine, insbesondere in einem Unternehmen seiner Größenordnung.

Ölhändler, die auf europäischen und asiatischen Märkten tätig sind, sagen, es sei zu erwarten, dass die Saudis versuchen würden, die Ladungen auf andere Märkte umzuleiten, wenn ein Verbot verhängt würde, was dann einen enormen Druck auf die Lagertanks in Europa und Asien ausüben würde. “Europa sieht voll aus, aber wenn die Saudis es auf wirklich billigem Niveau anbieten, würden die Käufer es nehmen”, sagte ein Ölhändler Reuters unter der Bedingung der Anonymität. “Dies könnte sich für Saudi-Arabien als sehr kostspielig erweisen, da für alles, was mit den Ladungen und den Tankerbesitzern passiert, eine Liegezeit (für die Schiffe) gezahlt werden muss. Während dies für die Saudis ein teures Spiel ist, würde sich die Einstellung der Produktion als noch kostspieliger erweisen”, so eine Quelle aus der Schiffahrtsbranche.

Die zusätzlichen Kosten, die als Liegezeiten bezeichnet werden, wurden auf 250.000 Dollar pro Tag geschätzt, basierend auf den Raten des vergangenen Monats. Die täglichen Tankertarife stiegen im vergangenen Monat auf fast 300.000 Dollar, und obwohl sie diese Woche auf 150.000 Dollar pro Tag zurückgegangen sind, sind sie immer noch erheblich und würden zusätzlich zu anderen Kosten - einschließlich der Versicherungensummen - anfallen.

Die leichte Erholung der Ölpreise hat sich am Donnerstagmorgen fortgesetzt. Im Zuge der anhaltenden Doppelbelastung aus Angebotsschwemme und Nachfrageeinbruch wegen der Corona-Pandemie, bleiben die Ölpreise dennoch belastet.

Die meisten großen Käufer von saudischem Öl befinden sich an der Westküste. Laut der US Energy Information Administration macht die Region etwa die Hälfte aller saudischen Rohölimporte in die USA aus. Die Lager waren dort zum 17. April bereits zu 66 Prozent voll. Die niedrige Nachfrage und das aktuelle Überangebot auf dem Ölmarkt wirken sich logischerweise auch negativ auf die Einnahmen der großen US-Ölkonzerne aus.

Ölpreise erholen sich etwas, aber Lage bleibt sehr angespannt

Im asiatischen Handel kostete ein Barrel der Nordseesorte Brent zuletzt 21,80 Dollar. Das waren 1,45 Dollar mehr als am Vortag. Die US-Sorte WTI wurde je Barrel zu 15,21 Dollar gehandelt. Sie kostete damit 1,46 Dollar mehr als am Mittwoch. Zum Wochenstart war der Preis eines mittlerweile ausgelaufenen Terminkontrakts auf US-Öl unter die Nulllinie gefallen. Es war das erste Mal überhaupt, dass so etwas passiert ist. Einer DWN-Prognose zufolge werden sich die Ölpreise auch nicht im Mai sonderlich erholen.

Grund für diesen Preissturz waren neben der Sorge um genügend Rohöl-Lagerkapazitäten auch Engpässe am Lieferterminal Cushing im US-Bundesstaat Oklahoma. Jedoch litt auch der Preis für europäisches Öl zusehends. Am Mittwoch fiel dieser bis auf 15,98 US-Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit 1999. Am Nachmittag erholten sich die Notierungen dann aber sichtlich.

Ausschlaggebend für die dann steigenden Ölpreise war eine Drohung von US-Präsident Donald Trump in Richtung Iran. Trump twitterte, er habe die US-Marine angewiesen, iranische Schiffe zu zerstören, falls diese sich amerikanischen Schiffen in den Weg stellen sollten. Hintergrund war ein Zwischenfall auf offener See. Am Ölmarkt stiegen nach Trumps Drohung die Risikoprämien an. Das Verhältnis zwischen den USA und dem ölreichen Iran ist stark belastet.

Doch diese Erholung könnte laut der Rohstoffbörse ICE Futures Europe nicht von Dauer sein. Bereits am Dienstag gab die für den Brent-Preis entscheidende Handelsplattform bekannt, man bereite sich auch bei der Nordseesorte auf negative Preise vor. Solange Produktionskürzungen nicht mit der eingebrochenen Nachfrage am Markt Schritt halten, erwarte das Unternehmen Preise nahe oder unter der Nulllinie. Derweil passen auch Händler ihre Risikomodelle an die neuen Realitäten an.

Ungeachtet der jüngsten Preissteigerungen ist die Lage am Ölmarkt nach wie vor drastisch. Sie ist gekennzeichnet durch eine massiv fallende Nachfrage wegen der Corona-Krise, einem viel zu hohen Angebot und zur Neige gehende Lagerkapazitäten. Am Dienst hatte das American Petroleum Institute (API) einen erneut starken Zuwachs der amerikanische Rohölvorräte gemeldet. Am Mittwoch folgte das US-Energieministerium und teilte ebenfalls einen erheblichen Anstieg der Erdölvorräte mit.

Auch Marktbeobachter schätzten die Turbulenzen am Ölmarkt zuletzt als mehr als nur eine Anomalie des Termin-Handels ein, so die dpa. "Obwohl manche die negativen WTI-Preise am Anfang der Woche als Kapriole des Future Marktes sehen, es ist ein unheilvolles Zeichen", hieß es Victor Shum, Vizepräsident für Energieberatung beim britischen Marktforschungsinstitut IHS Markit. Es zeige die brutalen Marktkräfte, die die Produzenten dazu zwingen sich auf eine wesentlich niedrigere weltweite Öl-Nachfrage einzustellen.

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Cüneyt Yilmaz

                                                                                ***

Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.

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