Politik

Nachruf auf Norbert Blüm: Ein bemerkenswerter Deutscher ist von uns gegangen

16 Jahre lang war Norbert Blüm deutscher Arbeits- und Sozialminister. Bis heute kennt man seinen berühmt-berüchtigten Satz «Die Rente ist sicher». Er hatte eine besondere Beziehung zu Helmut Kohl und gehört zu den wichtigen Politikern der Nachkriegs-Geschichte. Die Bundesrepublik nimmt Abschied.
24.04.2020 15:55
Aktualisiert: 24.04.2020 15:55
Lesezeit: 2 min
Nachruf auf Norbert Blüm: Ein bemerkenswerter Deutscher ist von uns gegangen
25.11.1997, Nordrhein-Westfalen, Bonn: Lachend telefoniert der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (r, CDU) neben dem damaligen Bundesarbeiteminister Norbert Blüm während der Haushaltsberatungen in der Regierungsbank des Bonner Bundestages. Foto: Michael Jung

Der frühere Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm ist tot. Der CDU-Politiker starb im Alter von 84 Jahren, wie sein Sohn am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in Bonn mitteilte. Seit 2019 war Blüm infolge einer Blutvergiftung an Armen und Beinen gelähmt und saß im Rollstuhl. Weggefährten, Freunde und Kollegen würdigten ihn als große politische Persönlichkeit der Bundesrepublik.

Blüm war der einzige Minister, der Bundeskanzler Helmut Kohl die ganzen 16 Jahre seiner Regierungszeit (1982-1998) im Kabinett begleitete. Er galt in der schwarz-gelben Koalition je nach politischem Standort als «soziales Gewissen» oder «soziales Feigenblatt». Seine nachhaltigste Leistung war die Einführung der Pflegeversicherung 1995. In Erinnerung blieb jedoch vor allem eine Plakataktion aus dem Jahr 1986: Da ließ er sich vor einer Litfaßsäule fotografieren, auf der der Spruch prangte: «Denn eins ist sicher - die Rente». Der verkürzte Satz «Die Rente ist sicher» wurde geradezu zum Sprichwort.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, Blüm habe ihre eigene politische Arbeit «stark geprägt». Zusammen hatten sie in den 1990er Jahren dem Kabinett von Helmut Kohl angehört. «Er kannte Werkbank und Ministerschreibtisch. Sein Herz schlug für die Menschen, die mit ihrer Arbeit unser Land aufgebaut haben», sagte Merkel. Sie habe «mit großer Betroffenheit» die Nachricht von seinem Tod erhalten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach Blüms Witwe sein Beileid aus. «Er war mit einer Leidenschaft Politiker und mit einer Hingabe Mitgestalter unseres Gemeinwesens, die selten zu finden waren und sind», schrieb Steinmeier. «Gerechtigkeit, Glaubwürdigkeit und Menschenfreundlichkeit waren für ihn keine bloßen Floskeln, sondern die Handlungsmaxime eines christlich-sozialen Politikers.»

Der Arbeitersohn aus Rüsselsheim war gelernter Werkzeugmacher. Er holte das Abitur am Abendgymnasium nach, studierte Philosophie, Geschichte und Theologie. 1968 wurde er Hauptgeschäftsführer der CDU-Sozialausschüsse. Von 1977 an stand Blüm für zehn Jahre an der Spitze der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA). Sie würdigte ihn am Freitag als «Streiter für eine bessere Welt». Wie kein Zweiter habe er das soziale Gewissen der CDU verkörpert. Auch die IG Metall trauerte um ihr Mitglied. «Wir verneigen uns vor seiner Lebensleistung», sagte der Erste Vorsitzende, Jörg Hofmann.

Blüms politische Heimat war die CDU. Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer erklärte im Südwestrundfunk, für sie sei Blüm einer der Gründe gewesen, in die Partei einzutreten. «Als Bundesminister hat er unser Land maßgeblich mit geprägt, als Vorsitzender der CDA hat er dem Sozialflügel der Union ein Gesicht und eine gewichtige Stimme verliehen.» Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unterstrich Blüms nachhaltiges Wirken als Vater der Pflegeversicherung: «Alle Deutschen können sich seitdem darauf verlassen, dass sie unabhängig von ihrem Einkommen im Alter und im Pflegefall gut versorgt werden.» NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) nannte Blüm - lange Jahre CDU-Landesvorsitzender - das «soziale Gewissen der Bonner Republik».

Auch Vertreter anderer Parteien kondolierten. «Wir haben mit ihm über manche Frage der Wirtschafts- und Rentenpolitik gestritten. Dennoch haben wir größten Respekt vor seinen Verdiensten um unser Land», schrieb FDP-Chef Christian Lindner auf Twitter. «Die kleinen Leute sollten es gut haben» - das sei stets Blüms Anliegen gewesen, sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD).

Nach seinem Ausscheiden aus der Bundespolitik engagierte sich Blüm weiterhin sozial, schrieb Bücher, trat als Talkshowgast im Fernsehen auf und machte sogar Kabarett. Zeitweise zog es ihn ins Show-Geschäft, er war Mitglied des Rateteams in der Neuauflage des TV-Klassikers «Was bin ich?». «Was ihn auszeichnete, war eine humane Radikalität, gepaart mit Witz. Als er aus der aktiven Politik ausgeschieden war, lief er zu großer Form auf», sagte der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff der Deutschen Presse-Agentur.

Seit 1964 war Blüm mit Marita Blüm verheiratet, die er während des Studiums kennengelernt hatte. Das Paar bekam drei Kinder: zwei Töchter und Sohn Christian, der Mitglied der Kölschrock-Band Brings ist. Erst im März hatte Blüm öffentlich gemacht, dass er wegen einer Blutvergiftung im Rollstuhl saß. Seinen Lebensmut hatte er aber noch nicht verloren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Während der Markt panikartig verkauft, setzt das "kluge Geld" fieberhaft Bitcoin-Druckmaschinen ein?

Der Markt hat kürzlich eine scharfe Korrektur durchlaufen, wobei sich Panik wie eine Seuche ausbreitete, als Verkäufer ihre...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Netflix-Aktienkurs rutscht unter 80 US-Dollar – was das für Anleger bedeutet
12.02.2026

Die Netflix-Aktie gerät massiv unter Druck und fällt auf ein neues 52-Wochen-Tief. Insider-Verkäufe und ein milliardenschwerer...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hensoldt-Helsing-Kooperation: KI-Rüstungsallianz stärkt Europas Abschreckung
12.02.2026

Zwei deutsche Rüstungsunternehmen bündeln ihre Kräfte, um Europas Verteidigungsfähigkeit technologisch neu auszurichten. Im Zentrum...

DWN
Politik
Politik EU-Gipfel: Merz und Macron suchen gemeinsamen Kurs für Europas Industrie
12.02.2026

Europa steht wirtschaftlich unter massivem Druck: Bürokratie, hohe Energiepreise und internationale Konkurrenz fordern schnelle Antworten....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dollar-Abwertung: Historische Maßstäbe für den aktuellen Wertverlust beim Dollarkurs
12.02.2026

Der Dollarkurs verliert an Wert und steht damit erneut im Fokus der globalen Wirtschafts- und Finanzmärkte. Wie weit reicht die aktuelle...

DWN
Finanzen
Finanzen Hellofresh-Aktie unter Verkaufsdruck: Nach Zahlenvorlage droht das Rekordtief
12.02.2026

Die Hellofresh-Aktie ist am Donnerstag eingebrochen, ein schwieriger Jahresstart des Kochboxenversenders belasten den Kurs. Trotz...

DWN
Politik
Politik Nato-Treffen: USA senden versöhnliche Signale – Debatte über gemeinsame EU-Schulden zur Verteidigung
12.02.2026

Beim Nato-Treffen in Brüssel zeigen sich die USA plötzlich versöhnlich, Europa erhöht massiv seine Verteidigungsausgaben und die...

DWN
Finanzen
Finanzen Mercedes Benz-Aktie stürzt ab: Wie Anleger auf den Mercedes-Gewinneinbruch reagieren sollten
12.02.2026

Die Mercedes Benz-Aktie steht nach einem deutlichen Gewinneinbruch und sinkender Dividende am Donnerstag stark unter Druck. Schwache...

DWN
Finanzen
Finanzen Siemens-Aktie klettert auf Rekordhoch: Siemens-Zahlen übertreffen Analystenerwartungen – Prognose angehoben
12.02.2026

Die Siemens-Aktie klettert am Donnerstag weiter nach oben und markiert ein neues Rekordhoch. Das nach Marktkapitalisierung wertvollste...