Politik

Chinas Griff nach der Weltmacht: Trump schert aus westlicher Phalanx aus

Der letzte britische Gouverneur von Hong Kong und jetzige Kanzler der Universität Oxford, Christopher Patten, macht der chinesischen Führung schwere Vorwürfe im Zusammenhang mit Corona. Gleichzeitig beschuldigt er Donald Trump, Amerika zu isolieren.
02.05.2020 09:34
Aktualisiert: 02.05.2020 09:34
Lesezeit: 3 min

Während das Coronavirus seinen brutalen weltweiten Raubzug fortsetzt, die Anzahl der Toten steigt und die wirtschaftliche Zerstörung zunimmt, braucht es schon eine besondere Art bösartigen Genies, um die Vereinigten Staaten politisch zu isolieren. Aber dies ist es, was Präsident Donald Trump tut.

Aber fangen wir am Anfang an: In sämtlichen Ländern standen die Mediziner und Helfer an der Front, um für uns alle die Pandemie zu bekämpfen. Seitdem mutige chinesische Ärzte und Pflegerinnen ihr Leben riskierten, und, als sie Alarm schlugen, von Lokalpolitikern zum Schweigen gebracht wurden, haben wir überall ähnliche Beispiele professioneller Courage gesehen. Und außerdem sollten wir an jene denken, die versuchen, das normale Leben aufrecht zu erhalten, indem sie uns unser Essen bringen, unseren öffentlichen Verkehr in Gang halten und unsere Straßen säubern.

Inmitten eines Feuers macht es keinen Sinn, mit dem Finger auf den Brandstifter zu zeigen. Erst muss man zum Schlauch greifen und das Feuer löschen. Aber um in Zukunft ähnliche Katastrophen zu verhindern, müssen wir wissen, wie die COVID-19-Pandemie begann.

Erstens hatte der Ausbruch (ebenso wie SARS 2002) seinen Ursprung in China, und dort wahrscheinlich in einem Tiermarkt (einem so genannten „Nassmarkt“) in Wuhan – obwohl es Hinweise auf angeblich schwache Sicherheitsvorkehrungen in einem nahe gelegenen Forschungszentrum für Virologie gab (auch wenn dieser Verdacht weithin zurückgewiesen wird, gewinnt er in den Augen einiger Personen dadurch an Glaubwürdigkeit, dass dort und anderswo in China Forschungsergebnisse systematisch vernichtet wurden).

Zweitens verschwieg die Kommunistische Partei Chinas (KPC) ursprünglich nicht nur den Ausbruch, sondern auch die Leichtigkeit, mit der sich das neuartige Coronavirus zwischen einzelnen Menschen verbreiten konnte.

Drittens glauben einige Kritiker, die Weltgesundheitsorganisation sei über die genauen Ereignisse in China getäuscht worden. Zumindest, so argumentieren sie, reagierte die WHO außerordentlich unkritisch auf das Ausmaß der Intransparenz der KPC und die mangelnde Bereitschaft Chinas, seine Pflicht zur Berichterstattung zu erfüllen.

Und viertens schien das Leben in Wuhan während der frühen Phase des Ausbruchs normal weiter zu gehen. So verließen während des chinesischen Neujahrsfests viele Tausende die Provinz Hubei und ihre Hauptstadt Wuhan, um andere Teile Chinas zu besuchen oder ins Ausland zu verreisen.

Bald dominierten einige dieser Themen die internationale Agenda, und die KPC wurde wegen der fatalen Folgen ihrer Geheimhaltung schwer kritisiert. Die chinesischen Politiker reagierten darauf durch Angriffe auf ihre Kritiker und versuchten sogar, für den COVID-19-Ausbruch das US-Militär oder gar Italien verantwortlich zu machen.

All dies wird die Einstellung anderer Länder gegenüber dem Reich der Mitte – oder vielmehr dem chinesischen Kommunismus – verändern und uns eine Lehre für die Vorbeugung ähnlicher globaler Katastrophen sein. Aber die Welt sollte sich durch die jüngsten Ereignisse nicht zu sehr beeinflussen lassen, denn China ist momentan das bevölkerungsreichste Land und eine große wirtschaftliche Macht – trotz der unmoralischen und gefährlichen Natur seines Regimes. Um uns von dieser Katastrophe und ihren Folgen erholen zu können, müssen wir China dazu bewegen, mit uns zusammenzuarbeiten – und wir müssen die Institutionen stärken, die für eine effektive internationale Kooperation entscheidend sind.

Aber Trump, der sich seit langem über die chinesischen Wirtschafts- und Handelspraktiken ärgert, entschied sich stattdessen für Protektionismus und Unterdrückung. Gleichzeitig lag er auch noch mit den meisten der großen Handelspartner Amerikas im Streit, die China gegenüber selbst kritisch eingestellt sind. Anstatt Partnerschaften zu bilden, setzte er auf einen kraftmeiernden Isolationismus. Damit hat er nicht nur den amerikanischen Interessen geschadet, sondern auch die nationalistische Einstellung in China gefördert.

Und nun tut er bei COVID-19 dasselbe.

Natürlich müssen die liberalen westlichen Demokratien im Umgang mit der Pandemie von China Ehrlichkeit und Offenheit fordern, um ähnliche Vorkommnisse in Zukunft zu verhindern. Und keinesfalls sollten die offenen Gesellschaften ihre Werte aufgeben, um bei China zu punkten – oder den selbstsüchtigen Schmeicheleien der chinesischen Führung verfallen, deren Agenda gegenüber einem großen Teil dessen, wofür die Welt steht, feindlich gesonnen ist.

Darüber hinaus dürfen die liberalen Demokraten nie damit aufhören, China zu kritisieren, wenn es im Unrecht ist – beispielsweise wenn das Land die momentane Gesundheitskrise als Vorwand nimmt, um Hongkongs führende Demokratie-Aktivisten zu verhaften. Und auch die internationale Isolierung Taiwans muss aufhören – eine Politik, an der leider auch die WHO beteiligt war.

Aber Trumps Ansatz, China bei jeder Gelegenheit anzugreifen und jetzt die US-Finanzierung der WHO zu beenden, scheint Amerika in den Augen vieler, die eigentlich Freunde sein sollten, zu diskreditieren. Immerhin brauchen wir keine bankrotte oder zahnlose WHO, sondern eine bessere und effektivere.

Beispielsweise ist die Führung durch die WHO entscheidend für den Kampf gegen Antimikrobielle Resistenz (AMR) – eine Seuche, die, wie eine von der britischen Regierung beauftragte Untersuchung unter der Leitung des führenden Ökonomen Jim O’Neill 2016 warnte, bis 2050 jährlich zehn Millionen Opfer kosten könnte. Und da China einer der weltgrößten Produzenten und Konsumenten von Antibiotika ist, müssen wir beim Kampf gegen die AMR auch mit Präsident Xi Jinping zusammenarbeiten, so lange er noch an der Macht ist.

Aber eine Zusammenarbeit mit China bedeutet nicht, sich unterzuordnen. Stattdessen brauchen wir dazu Entschlossenheit und guten Willen.

Momentan ist der chinesische Kommunismus eine Realität und eine Herausforderung, und dadurch, dass das Regime einen höchst effektiven Überwachungsstaat aufbaut, könnte er noch stärker im Land verankert werden. Aber wie jede autoritäre Ideologie in der Geschichte wird er einmal Platz für etwas Besseres machen – nicht nur für das chinesische Volk, das ein politisches System verdient, welches die besten Qualitäten der großartigen chinesischen Zivilisation verkörpert, sondern auch für den Rest der Menschheit.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Chris Patten, der letzte britische Gouverneur von Hongkong und ehemaliger EU-Kommissar für auswärtige Angelegenheiten, ist Kanzler der Universität Oxford.



Copyright: Project Syndicate, 2020.

www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Christopher Patten

                  ***

Chris Patten, der letzte britische Gouverneur von Hongkong und ehemaliger EU-Kommissar für auswärtige Angelegenheiten, ist Kanzler der Universität Oxford.

DWN
Politik
Politik Dexit: Was von Europa ohne Deutschland bliebe
06.09.2026

Ein Dexit galt lange als politisches Randthema. Doch wenn die AfD weiter zulegt, wird der Austritt Deutschlands aus EU, Euro und Schengen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ratan Tata im Porträt: Das Auto war zu billig, um ein Erfolg zu werden
06.09.2026

Ratan Tata wollte indischen Familien ein sicheres und bezahlbares Auto geben. Der Tata Nano wurde als billigstes Auto der Welt gefeiert,...

DWN
Technologie
Technologie Elektroschrott in Europa: Milliardenwerte bleiben ungenutzt
06.09.2026

Europas Elektroschrott enthält Rohstoffe im Wert von Milliarden Euro, doch ein Großteil bleibt ungenutzt. Eine neue Studie zeigt, wie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Billigimporte aus China: Die EU zieht die Zollmauer hoch
06.09.2026

Die EU verschärft ihre Zollregeln gegen die Flut kleiner Pakete aus China. Nach dem festen Drei-Euro-Zoll kommt ab November eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Shein an der Börse: Wer bei Fast Fashion jetzt vorn liegt
05.09.2026

Der chinesische Konzern Shein hat sich an der Börse den größten Namen der Fast Fashion angeschlossen. Doch wie läuft es bei seinen...

DWN
Politik
Politik 37 Jahre alt und rund 15 Milliarden Euro schwer: Das ist Mario Draghis neuer Partner
05.09.2026

Der frühere EZB-Chef und ehemalige italienische Ministerpräsident Mario Draghi hat sich mit einem irischen Tech-Milliardär...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bahn-Sanierung ohne monatelange Vollsperrungen: VCD legt Gegenentwurf vor
05.09.2026

Die Bahn will ihr marodes Schienennetz mit groß angelegten Generalsanierungen zuverlässiger machen. Doch das bisherige Konzept bringt...

DWN
Finanzen
Finanzen Restaurant-Aktien: Zwei Wachstumswetten für die nächsten 20 Jahre
05.09.2026

Tech-Aktien gelten als erste Adresse für spektakuläres Wachstum. Doch zwei Restaurantketten aus den USA könnten Anlegern langfristig...