Politik

Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien: Ein weiterer Rückschlag für Chinas Seidenstraße

Der aktuelle Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien hat mehrere Auswirkungen. Zum einen stellt er einen schweren Rückschlag gegen Chinas Neue Seidenstraße dar. Doch zum anderen sabotiert der Konflikt ein wichtiges Projekt zwischen British Petroleum und Aserbaidschan, das dazu dienen soll, Europa mit Öl und Gas zu beliefern.
09.10.2020 12:12
Aktualisiert: 09.10.2020 12:12
Lesezeit: 4 min
Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien: Ein weiterer Rückschlag für Chinas Seidenstraße
Armenien zielt auf die Pipeline- und Eisenbahnroute ab. (Grafik: Heritage Foundation)

Vor wenigen Tagen haben die Streitkräfte Armeniens die Ölpipeline Baku-Tiflis-Ceyhan (BTC) beschossen. Die BTC-Pipeline liefert Aserbaidschans Rohöl – hauptsächlich vom Feld Azeri-Chirag-Gunashli – über Georgien zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan für den Export. Doch die BTC spielt auch im Zusammenhang mit dem Öl-Projekt Azeri-Central East (ACE) eine wichtige Rolle. Das Projekt Azeri Central East (ACE) ist die neue Entwicklungsphase im Vertragsgebiet Azeri-Chirag und Deepwater Gunashli (ACG) in Aserbaidschan.

Das ACG-Vertragsgebiet ist im gemeinsamen Besitz von BP (30,37 Projekt, Betreiber), SOCAR / AzACG (25 Prozent), Chevron (9,57 Prozent), INPEX (9,31 Prozent), Equinor (7,27 Prozent), ExxonMobil (6,79 Prozent), TPAO ( 5,73 Prozent), ITOCHU (3,65 Prozent) und ONGC Videsh (OVL, 2,31 Prozent).

Das Sechs-Milliarden-Dollar-Projekt wurde nach einer Vereinbarung zwischen der aserbaidschanischen Regierung und dem britischen Energie-Riesen BP angekündigt. Es soll 100.000 Barrel Öl pro Tag und 350 Millionen Standardkubikfuß pro Tag (Mscfd) an Gas verarbeiten.

"Offshore Technology" führt aus: „Das ACG-Feld produziert täglich rund 585.000 Barrel Rohöl aus dem Vertragsgebiet. Bis heute wurden 3,5 Milliarden Barrel Öl gefördert, das über die Exportpipelines Baku-Tiflis-Ceyhan und die ,Western Route' exportiert wird.“

„Das von der ACE-Plattform produzierte Öl und Gas wird an Land an das bestehende Öl- und Gasterminal Sangachal geliefert, das von BP in der Nähe von Baku, Aserbaidschan, betrieben wird. Das Sangachal-Terminal kann bis zu 1,2 Millionen Barrel Öl pro Tag (bpd) und mehr als 49 Millionen Kubikmeter (Mcm) Gas pro Tag verarbeiten und gilt als eines der größten integrierten Öl- und Gasterminals der Welt. Das verarbeitete Öl vom Terminal wird über die 1.768 km lange Pipeline Baku Tblisi Ceyhan (BTC) und die 829 km lange Exportpipeline Western Route (WREP) in die Türkei, nach Georgien und in die europäischen Märkte transportiert. Das verarbeitete Gas wird über die 691 km lange Südkaukasus-Pipeline (SCP) sowie die Gaspipelines der State Oil Company der Aserbaidschanischen Republik (SOCAR) geliefert“, so NS Energy.

Damit wird deutlich, dass Armenien in Stellung gebracht wurde, um das britische ACE-Projekt zur Belieferung Europas mit Öl und Gas zu sabotieren. Doch auch die Eisenbahnlinie Baku-Tiflis-Kars, die im Zusammenhang mit der Neuen Seidenstraße Chinas eine wichtige Rolle spielen soll, ist in Gefahr. Sowohl die BTC-Pipeline als auch die Eisenbahnlinie verlaufen durch die Region Towuz, die sich unweit der armenischen Grenze befindet. Diese Region ist einer der Angriffspunkte der armenischen Streitkräfte.

Dabei ist zu beachten, dass die aktuelle armenische Regierung sehr enge Beziehungen zu Washington pflegt. Armenien befindet sich derzeit im pro-amerikanischen und nicht im pro-russischen Lager. Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev hatte kürzlich behauptet, dass vor zwei Jahren in Armenien ein Regime-Change im Auftrag des US-Investors George Soros stattfand. Die Regierung in Jerewan setze sich aus Personen zusammen, die in Verbindung zu Soros, Freedom House und weiteren US-Organisationen stehen.

In diesem Zusammenhang ist zu erwarten, dass auch Georgien destabilisiert werden könnte. Aus einem Dokument des Bundestags geht hervor, welche energiepolitische Bedeutung Georgien in der Region hat.

Armeniens Premier Nikol Pashinyan wurde im jüngsten Interview (7. Oktober 2020) mit der BBC in die Mangel genommen. Der BBC-Korrespondent John Fisher fragte Pashinyan, ob die armenischen Streitkräfte bereit seien, Berg-Karabach und die umliegenden Bezirke zu verlassen. Pashinyan antwortete: „Dafür muss Aserbaidschan das Recht der Armenier von Berg-Karabach auf Selbstbestimmung anerkennen“. Doch Fisher hakte nach und sagte offensiv: „Aber diese Resolutionen besagen eindeutig, dass Berg-Karabach zu Aserbaidschan gehört.“

Der Konflikt zwischen den beiden südkaukasischen Ländern begann 1988, als Armenien Gebietsansprüche gegen Aserbaidschan geltend machte. Infolge des folgenden Krieges besetzten armenische Streitkräfte 20 Prozent Aserbaidschans, darunter die Region Berg-Karabach und sieben umliegende Bezirke.

Auf das Waffenstillstandsabkommen von 1994 folgten Friedensverhandlungen. Armenien hat noch keine der vier Resolutionen des UN-Sicherheitsrates zum Abzug der armenischen Streitkräfte aus Berg-Karabach umgesetzt. Es war kein Zufall, dass ausgerechnet ein britischer Reporter versuchte, Pashinyan in die Enge zu treiben.

Russland, Türkei und China

Der aktuelle Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan behindert nicht nur BP bei seinen energiepolitischen Ambitionen, sondern birgt auch das Potenzial in sich, Russland und die Türkei gegeneinander aufzubringen. Doch offenbar haben Ankara und Moskau das Spiel erkannt. Der russische Oligarch Jewgeni Prigoschin, der zum inneren Kreis Wladimir Putins gehört, meint, dass der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan durch die USA provoziert werde. Die armenische Regierung stehe im Dienste der Amerikaner. Aus dieser Aussage geht hervor, dass der Kreml auf dem indirekten Wege eine klare Botschaft an Armenien richtet. Russland macht deutlich, dass Armenien nicht auf die Unterstützung des Kremls im Konflikt mit Aserbaidschan zählen kann. Moskau befürchtet, dass Armenien als Anfangspunkt für einen „Kaukasischen Frühling“ dienen könnte, um diverse Staaten des Kaukasus und Zentralasiens in das anti-russische Lager zu treiben.

Ein weiterer Staat, der mit dem Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan unzufrieden ist, ist China. Die South China Morning Post (SCMP) berichtet: „China hat auch beide Seiten aufgefordert, ihre Differenzen durch Dialog zu lösen. Die Region Südkaukasus, die als Bindeglied zwischen dem Nahen Osten, China, Russland und Europa fungiert, hat eine enorme strategische Bedeutung. China hat diese Tatsache aufgrund des Projekts zur Neuen Seidenstraße erkannt.“

China begann schloss im Jahr 2015 Abkommen mit Georgien, Aserbaidschan und Armenien. Im Jahr 2016 gewährte die Asian Infrastructure Investment Bank Aserbaidschan ein Darlehen in Höhe von 600 Millionen US-Dollar zur Finanzierung des teilweisen Baus des transanatolischen Erdgaspipeline-Projekts durch die Türkei.

Im Jahr 2019 unterzeichneten Aserbaidschan und China Verträge im Wert von über 800 Millionen US-Dollar, die die bilaterale Zusammenarbeit stärken sollen. Der verstärkte Handel hat zur Vertiefung der Beziehungen beigetragen. 2018 belief sich der bilaterale Handelsumsatz auf 1,3 Milliarden US-Dollar. Damit war Aserbaidschan Chinas größter Handelspartner in der Region und machte 40 Prozent des chinesischen Handels im Südkaukasus aus.

China interessiert sich für die Baku-Tiflis-Kars-Eisenbahn, die beim Projekt zur Neuen Seidenstraße eine wichtige Rolle spielen soll. Es ist derzeit die kürzeste Möglichkeit, chinesische Waren in die Türkei zu liefern, und verkürzt die Lieferzeit nach Westeuropa von über einem Monat auf 15 Tage.

In der Zwischenzeit entwickeln Aserbaidschan und Kasachstan einen Telekommunikationskorridor zwischen Asien und Europa, der für Gürtel- und Straßenländer nützlich sein wird. Damit wird Baku neben Amsterdam, Frankfurt und London zu einem neuen Internet-Austauschpunkt.

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