Deutschland

Baute der Verfassungsschutz gezielt rechtsextreme und islamistische Organisationen auf?

Ein führender Kopf von al-Qaida und den Salafisten in Deutschland war einem Bericht zufolge V-Mann des Verfassungsschutzes. Doch auch beim Aufbau der rechtsextremen Szene spielen die Verfassungsschutzämter angeblich eine herausgehobene Rolle.
26.02.2021 21:50
Aktualisiert: 26.02.2021 21:50
Lesezeit: 3 min
Baute der Verfassungsschutz gezielt rechtsextreme und islamistische Organisationen auf?
Die jugendliche Elsa steht in einer Gruppe von Menschen, die ihren rechten Arme zum Hitlergruß erhoben haben in einer Szene des Films «Kleine Germanen» (undatierte Filmszene). (Foto: dpa) Foto: SWR/brave new work/Little Dream

Einem „Telepolis“-Bericht zufolge war ein sogenannter Yahia Yousif, der zum Kader von Al-Qaida in Deutschland gehörte, jahrelang als V-Mann für das Landesamt für Verfassungsschutz in Stuttgart tätig. Er hatte eine Schlüsselrolle in der Radikalisierung der Sauerland Gruppe gespielt. „Außerdem hat Yousif entscheidend zum Erstarken salafistischer Gruppen in Deutschland beigetragen“, so das „Privacy-Handbuch“.

Die „B.Z.“ wörtlich: „Das ZDF-Magazin ,Frontal 21‘ berichtet, dass ein Berliner V-Mann einem Teenager geholfen haben soll, nach Syrien auszureisen. Die Informationen gehen aus Ermittlungsakten der Berliner Staatsanwaltschaft hervor, berichtete das ZDF-Magazin ,Frontal 21‘ am Dienstag vorab. Dem V-Mann mit dem Namen Emanuel P. werde Mithilfe zur Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat vorgeworfen.“

Das „Privacy-Handbuch“ führt aus: „Die Globale Islamische Medienfront (GIMF) drohte 2007 in Videos mit Terroranschlägen in Deutschland. Im Gerichtsverfahren gegen Mitglieder der GIMF kam heraus, dass der Anführer dieser Gruppe ein V-Mann des Verfassungsschutzes war. Irfan Peci soll monatlich 2.500 - 3.000 Euro vom Verfassungs­schutz erhalten haben. Außerdem finanzierte das BfV die Ausbildung an Waffen in einem Terrorcamp in Bosnien und deckte Straftaten von I. Peci.“

Weiterhin heißt es: „Anis Amri, der Attentäter mit dem LKW auf dem Berliner Weihnachtsmarkt 2016, wurde von einem V-Mann des LKA zu dem Anschlag angestachelt. Es ist bekannt, dass der V-Mann nicht nur A. Amri zu Anschlägen in Deutschland anstacheln wollte und dass er das radikalste Mitglied der Gruppe ,Abu Walaa‘ war. Er hat es neben A. Amri auch bei anderen islamisch orientierten Männern versucht. Dokumentiert ist folgende Aussage von ihm: , Komm, du hast eh keinen Pass, mach hier was, mach einen Anschlag‘. Außerdem wurden die Akten beim Berliner LKA über A. Amri gefälscht, um eine vorzeitige Fest­nahme und Veruteilung wegen banden­mäßiger Kriminalität und gewerbs­mäßigen Drogen­delikten zu vermeiden. Der Berliner LKA Präsident zeigte sich schockiert und ratlos über diesen Vorgang, der erst nach dem Attentat bekannt wurde.“

Telepolis“ führt in einem weiteren Bericht aus: „Im Prozess gegen die Globale Islamische Medienfront (GIMF), der derzeit am Oberlandesgericht München läuft, behauptet der Bremer Rechtsanwalt Rainer Ahues, dass hinter dem Pseudonym des in der Gruppe aktiv gewesenen Islamisten ,Ahmet K.‘ angeblich Joshua Devon vom privaten Sicherheitsunternehmen Site Intelligence Group steckte, das angeblich alle aus dieser Online-Undercover-Operation gewonnenen Informationen an den Bundesnachrichtendienst weiterleitete. Dem Bundeskriminalamt, das die GIMF überwachte, war dies offenbar nicht bekannt.“

Die Rolle der V-Männer beim Aufbau des Rechtsextremismus

Doch damit nicht genug. Die Verfassungsschutzämter sollen auch an der Radikalisierung von Jugendlichen in Richtung des Rechtsextremismus einen maßgeblichen Anteil haben. Das „Privacy-Handbuch“ berichtet: „Der Verfassungsschutz hat die rechtsradikale Szene in Deutschland nicht unterwandert, sondern seit Jahren finanziell unterstützt und vor Strafverfolgung geschützt. Laut einem BKA-Report von 1997 soll der Verfassungsschutz rechtsradikale Neonazis systematisch geschützt haben. Die Vorwürfe werden mit konkreten Fällen untermauert. V-Leute wurden vor Durchsuchungen gewarnt und einer Straftat über­führte Nazis wurden nicht angeklagt und verurteilt, wenn sie als V-Leute arbeiteten. Informationen wurde zu spät an die Polizei weitergeleitet, so dass rechtsradikale Aktionen nicht mehr verhindert werden konnten. 2002 hat das LKA Sachsen-Anhalt dem Verfassungsschutz misstraut und aus ,ermittlungstaktischen Gründen' nicht über Exekutivmaßnahmen in der rechten Szene informiert. In einem Vermerk des Bundesinnenministeriums heißt es: ,Nach Rücksprache (...) stützen sich die ermittlungstaktischen Gründe vermutlich auf die Befürchtung, die Verfassungsschutzbehörden würden ihre Quellen über bevorstehende Exekutivmaßnahmen informieren‘. 2008 wurden Ermittlungen gegen den Neonazi Sebastian Seemann eingestellt. Er baute das verbotene ,Blood and Honour' Netzwerk auf und war im schwer­kriminellen Millieu aktiv (Drogen- und Waffenhandel). Der Verfassungsschutz warnte ihn vor Exekutivmaßnahmen. Mitarbeiter des Verfassungsschutzes wurden daraufhin wegen Geheimnisverrats und Strafvereitelung im Amt angeklagt. Auf Veranlassung des Innenministers Dr. Ingo Wolff wurden die Anklagen eingestellt.“

So war das Führungsmitglied des „Thüringer Heimatschutzes“ (THS), Tino Brandt, V-Mann des Verfassungsschutzes.

Die „Frankfurter Rundschau“ titelt: „Chef von ,Blood and Honour‘ war V-Mann“.

Der Gründer des „European White Knights of the Ku Klux Klan“, Achim Schmidt, war V-Mann des Verfassungsschutzes, so die „Stuttgarter Zeitung“.

Die Führungsfigur der Sauerländer Aktionsfront (SAF), Andree Zimmermann, war V-Mann des Verfassungsschutzes, so das Blatt „Der Westen“. Einer der Betreiber des rechtsextremen Online-Netzwerks Thule-Web war Kau Dalek, der ebenfalls als V-Mann des Verfassungsschutzes tätig war, berichtet „Nordbayern“. Der Leiter der Karateschule in Solingen, Bernd Schmitt, der die vier Jugendlichen, die später den Anschlag von Solingen ausführen sollten, radikalisiert hatte, war ein V-Mann des Verfassungsschutzes. Schmitt hatte zudem eine Neonazi-Schutztruppe aufgebaut, berichtet der „Spiegel“.

Diese Liste könnte noch weiter ausgeführt werden. Doch darauf soll an dieser Stelle verzichtet werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Zufall mit System: Die entscheidende Rolle von RNGs im Gaming

Viel mehr als Würfel-Glück: Erfahre, wie Zufallsgeneratoren von Slot-Klassikern bis hin zu KI-Welten für Fairness, Immersion und echten...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Chip-Aktien erholen sich, Waffenstillstand hält
08.06.2026

Zwischen geopolitischen Entwicklungen und überraschenden Marktbewegungen: Erfahren Sie, was die Börse aktuell antreibt.

DWN
Panorama
Panorama Teure Störungen am Himmel: Drohnen belasten den Luftverkehr
08.06.2026

Immer häufiger zwingen Drohnensichtungen deutsche Flughäfen zu Einschränkungen oder sogar Betriebspausen. Die wirtschaftlichen Schäden...

DWN
Finanzen
Finanzen Digitaler Yuan: Peking setzt auf eine Alternative zur Dominanz des Dollars
08.06.2026

China treibt den digitalen Yuan mit neuer Entschlossenheit voran. Peking sieht im e-CNY nicht nur ein Zahlungsmittel, sondern ein...

DWN
Finanzen
Finanzen SpaceX-IPO zeigt die gefährliche Macht der Musk-Erzählung
08.06.2026

Elon Musk verkauft den Kapitalmärkten nicht nur Raketen und Satelliten, sondern eine Zukunft, die bis zum Mars reicht. Doch das SpaceX-IPO...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wie viel Markterfolg hat sich China mit staatlichen Subventionen erkauft?
08.06.2026

Chinesische Unternehmen erhalten bis zu achtmal mehr Subventionen als ihre Konkurrenten, stellt die OECD in einem Bericht über...

DWN
Finanzen
Finanzen Magnificent Seven-Aktien: Wo Analysten jetzt die größten Chancen sehen
08.06.2026

Sieben Tech-Konzerne dominieren den S&P 500, doch ihre Aktien laufen längst nicht mehr im Gleichschritt. Der KI-Boom treibt Umsätze,...

DWN
Technologie
Technologie Dokumentenanalyse mit KI: Was Unternehmen jetzt beachten sollten
08.06.2026

KI revolutioniert die Dokumentenanalyse und stellt Unternehmen, Verwaltungen und Beschäftigte vor eine neue Arbeitsteilung. Welche Rolle...

DWN
Panorama
Panorama Fußball-WM 2026 in USA, Kanada und Mexiko: UN-Experten warnen vor gefährlichen Hitzewellen
08.06.2026

Millionen Fans freuen sich auf die größte Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. Doch die klimatischen Bedingungen in Teilen...