Politik

Brennpunkt Tschad: Emmanuel Macron treibt in Afrika ein doppeltes Spiel

Die Rolle Frankreichs in Afrika ist hochumstritten. Emmanuel Macron treibt im Tschad offenbar ein doppeltes Spiel. Der Konflikt im Tschad hängt direkt mit dem Krieg in Libyen und möglichen Ölverträgen zusammen.
04.05.2021 10:00
Lesezeit: 3 min
Brennpunkt Tschad: Emmanuel Macron treibt in Afrika ein doppeltes Spiel
Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, lacht bei seiner Ankunft zum zweiten Tag des EU-Gipfels in Brüssel. Die Staats- und Regierungschefs wollen die strategischen Ziele der Gemeinschaft für die nächsten fünf Jahre und die Finanzplanung bis 2027 besprechen. (Foto: dpa) Foto: Olivier Matthys

Am 20. April 2021 wurde bekanntgegeben, dass der Präsident der Republik von Tschad, Idriss Déby, von Rebellen getötet wurde. Déby hatte das Land über 30 Jahre lang regiert. Im Tschad regiert aktuell eine provisorische Militärregierung unter dem politisch schwachen Sohn des Ermordeten, Mahamat Idriss Déby. Der Tschad ist das Nachbarland von Libyen, der Zentralafrikanischen Republik, des Sudan, von Niger und Nigeria und des Kamerun.

Die Rebellen im Land gehören der „Le Front pour l'Alternance et la Concorde au Tchad“ (FACT) an. Sie hatten in den vergangenen Jahren auf Seiten des libyschen Söldner-Generals Haftar in Libyen gekämpft – natürlich gegen sehr viel Geld. Vor wenigen Wochen rückten sie mit neuer Ausrüstung und neuen Fahrzeugen aus Libyen im Tschad ein, um die Regierung zu stürzen. Die Rebellen lehnen die Übergangsregierung im Tschad ab. Haftar wird wiederum unter anderem von Frankreich unterstützt.

Daniel Eizenga vom Africa Centre for Strategic Studies teilte dem französischsprachigen Dienst der BBC mit: „Sie scheinen Unterstützung erhalten zu haben, obwohl zu diesem Zeitpunkt nicht klar ist, von wem. Aber angesichts ihrer Verbindungen in Südlibyen wurden sie möglicherweise von General Khalifa Haftar, dem Oberbefehlshaber der Libyschen Nationalarmee (eine internationale Söldner-Armee, Anm.d.Red.), unterstützt. Sie verfügen über mächtige Waffen und eine hochentwickelte Ausrüstung.“

Es sollen 1000 bis 1.500 FACT-Rebellen mit etwa 100 bis 150 Fahrzeugen in den Tschad eingesickert sein. Die FACT-Rebellen scheinen eine gewisse Nähe zur Regierung in Paris aufzuweisen. „Wir halten an dem fest, was Emmanuel Macron gesagt hat. Wir halten an einem integrativen Dialog fest, um die Zukunft der Menschen auszudiskutieren“, zitiert „France24“ den Führer von FACT, Mahamat Mahadi Ali.

Der französische Präsident Emmanuel Macron wird scharf kritisiert, weil er sich als Freund des getöteten Déby aufspielt, um gleichzeitig die Rebellen-Offensive im Land zu billigen und die vom Militär eingesetzte Übergangsregierung zu unterstützen.

Kritik gibt es auch von der „Frankfurter Rundschau“: „Keine der echten Demokratien des Kontinents befindet sich derzeit in einem bewaffneten Konflikt - aber neun von 16 Autokratien. Dazu zählt auch der Tschad. Das ist natürlich auch in Paris bekannt. Deshalb werden Autokratien nicht offiziell unterstützt - es sei denn, der regierende Schuft ist unser Schuft, wie zynische Realpolitiker zu sagen pflegen. Solange die Autokraten eine wichtige Aufgabe erfüllen - die stets mit vermeintlicher Sicherheit in Verbindung gebracht wird -, wird ihr miserabler Regierungsstil in Kauf genommen. Was das alles mit Deutschland zu tun hat? Erst vor wenigen Tagen stimmte das Kabinett einer Vergrößerung des deutschen Kontingents zum Training malischer Soldaten zu. Warum kommt zu solchem Anlass nicht mal die fragwürdige Pariser Afrikapolitik zur Sprache?“

Der Chef der Übergangsregierung, Mahamat Idriss Déby, gehört der zahlenmäßig unterlegenen Ethnie der Zaghawa an. Doch die größte Opposition gegenüber Déby und seinen Vater kam ebenfalls aus dieser Gruppe, weil Déby Senior seine Brüder, Söhne und Verwandten in verschiedene Positionen des Staates installiert hatte. Innerhalb dieser Ethnie gibt es erhebliche Spannungen. Es gibt auch zunehmende Reibereien zwischen tschadischen Arabern und der tschadischen Regierung.

Die Übergangsregierung des Tschad wird wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, ihre entscheidende Rolle bei regionalen Operationen zur Terrorismusbekämpfung aufrechtzuerhalten. Das Land, das einen wichtigen Beitrag zur UN-Mission in Mali leistet und Teil der Multinational Joint Task Force (MNJTF) ist, ist militärisch überlastet.

Während Déby vor seinem Tod auf Geheiß Frankreichs ein Bataillon in die Liptako-Gourma-Region der Sahelzone entsandte, rief die Regierung kürzlich Truppen zurück, um die FACT-Rebellion abzuwehren. Es ist wahrscheinlich, dass sich dieser Trend unter der neuen Übergangsregierung verstärken wird, was weitere Einsätze unterbrechen kann, um sich auf die Sicherheit des Regimes zu konzentrieren, so das „Center for Strategic & International Studies“ (CSIS).

Der Tschad ist mit 1,5 Milliarden Barrel nachgewiesenen Öl-Reserven und einer Produktion von über 140.000 Barrel pro Tag im Jahr 2020 das Land mit den zehntgrößten Öl-Reserven in Afrika.

Erdöl ist die wichtigste öffentliche Einnahmequelle des Tschad und rund 90 Prozent des Öls Produktion wird exportiert. Die Ölförderung im Tschad wird von der China National Petroleum Company im Tschad (CNPCIC), dem von ExxonMobil geführten Konsortium Esso Exploration & Production Chad Inc. (EEPCI), Glencore und der Taiwanese Chinese Petroleum Corp (als OPIC tätig) dominiert. Andere Ölfirmen erforschen neue Blöcke.

EEPCI eröffnete 2003 die tschadische Ölförderung und besitzt eine Mehrheitsbeteiligung an der 1.100 Kilometer langen Pipeline Tschad-Kamerun, über die alle tschadischen Ölexporte den Hafen von Douala in Kamerun erreichen. Ein Joint Venture zwischen CNPCIC und der staatlichen Ölgesellschaft der Regierung des Tschad, Societé des Hydrocarbures du Tchad (SHT), raffiniert Erdöl für den Export und den Inlandsverbrauch in einer Raffinerie mit 20.000 Barrel pro Tag. Die Raffinerie befindet sich 40 Kilometer außerhalb von N'Djamena. Der Erdgassektor im Tschad ist im Entstehen begriffen.

Wenn Frankreich es schaffen sollte, bei der Zukunft des Tschad eine noch wichtigere Rolle zu spielen, dürften neue Energieverträge an Paris gehen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Wandel im Vaping-Markt: Nachhaltigkeit und Kostendruck treiben Wechsel zu Mehrwegsystemen

Der Markt für E-Zigaretten durchlebt eine tiefgreifende Transformation. Lange Zeit galten Einweg-Vapes, popularisiert durch Marken wie Elf...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ende der Einspeisevergütung: Was sich durch die EEG-Reform bei der Solarförderung ändert
29.07.2026

Die Bundesregierung stellt die Förderung von Solarstrom grundlegend um. Das Kabinett hat eine Reform des EEG beschlossen, die private...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie: Starke Quartalszahlen stützen Erholung, Cashflow bleibt Belastungsfaktor
29.07.2026

Nach Monaten deutlicher Kursverluste zeigt sich die Rheinmetall-Aktie am Mittwoch von ihrer besten Seite – dank starker Quartalszahlen....

DWN
Finanzen
Finanzen DWS-Aktie sackt ab: Deutsche-Bank-Tochter enttäuscht mit Erträgen
29.07.2026

Auf den ersten Blick liefert DWS starke Zahlen: Milliarden fließen neu in die Fonds, das verwaltete Vermögen erreicht einen Höchststand...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererklärung 2025: So nutzen Sie die neuen Freibeträge und Steuerpauschalen
29.07.2026

Die Steuererklärung 2025 müssen pflichtveranlagte Steuerzahler bis spätestens 31. Juli 2026 beim Finanzamt einreichen. Auch in diesem...

DWN
Finanzen
Finanzen BMW-Aktie unter Druck: Anlegern reicht BMW-Stellenabbau offenbar nicht aus – BMW-Zahlen stehen an
29.07.2026

BMW galt lange als Ausnahme unter den deutschen Autobauern. Nun folgt ein BMW-Stellenabbau, der Münchener Autobauer verschärft seinen...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Prognose 2027: Kommt jetzt der nächste große Kursrutsch?
29.07.2026

Nach einem Kursrückgang von über 25 Prozent seit dem Goldpreis-Rekordhoch Ende Januar haben Anleger ihre Investitionen in Gold-ETFs...

DWN
Politik
Politik Russland-Sanktionen: Nach griechischem Veto sucht die EU neue Wege
29.07.2026

Wochenlang blockierte Griechenland ein neues EU-Sanktionspaket gegen Russland – wegen der Interessen eines einzigen...

DWN
Politik
Politik Verpasster Neustart: Merz' Regierungsumbau sorgt für neue Spannungen
29.07.2026

Mit acht Personalwechseln in kurzer Zeit setzt Bundeskanzler Friedrich Merz auf einen politischen Neustart. Während neue Minister und...