Weltwirtschaft

Metalle, Kaffee, Getreide: Rohstoffe werden knapp, Inflation unvermeidlich

Lesezeit: 4 min
24.05.2021 12:15
Um sich gegen Versorgungsengpässe und Inflation abzusichern bemühen sich die Unternehmen, ihre Lager zu füllen. Doch dadurch werden die Lieferketten nur noch stärker überlastet.
Metalle, Kaffee, Getreide: Rohstoffe werden knapp, Inflation unvermeidlich
Das Containerschiff „CMA CGM Jacques Saade“ auf der Elbe. (Foto: dpa)
Foto: Marcus Brandt

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In Erwartung von Versorgungsengpässen und höheren Preisen decken sich die Unternehmen mit Vorräten ein. Die Hamsterkäufe strapazieren die Lieferketten. Nie dagewesene Engpässe bei Dingen wie Kupfer, Eisenerz, Stahl, Mais, Kaffee, Weizen, Sojabohnen, Holz, Halbleitern, Plastik und Verpackungskarton tun sich auf. Auch die Transportmöglichkeiten werden knapp und teuer. Und alles deutet darauf hin, dass die hohen Kosten bald auf die Verbraucherpreise durchschlagen werden. Zusätzlich verschärft wird die Situation durch "eine lange Liste von Katastrophen, welche die Rohstoffmärkte in den letzten Monaten erschüttert haben", wie Bloomberg es ausdrückt.

  • Ein verrückter Unfall im Suezkanal legte im März die weltweite Schifffahrt lahm.
  • Eine Dürre hat die landwirtschaftlichen Ernten verwüstet.
  • Ein tiefer Frost und ein massiver Stromausfall legten im Februar den Energie- und Petrochemiesektor im Zentrum der USA lahm.
  • Vor zwei Wochen brachten Hacker die größte Treibstoffpipeline in den USA zum Einsturz und trieben die Benzinpreise zum ersten Mal seit 2014 auf über 3 Dollar pro Gallone.
  • Diese Woche bedrohte Indiens massiver Covid-19-Ausbruch die größten Häfen des Landes.

Die Lieferkettenprobleme halten in vielen Bereichen an. Selbst große Konzerne sind davon betroffen. So sagte kürzlich der CEO des Haushaltsgeräteherstellers Whirlpool, Marc Bitzer, zu Bloomberg Television, dass seine Lieferkette "ziemlich auf dem Kopf steht" und man bereits schrittweise Preiserhöhungen einführt. Normalerweise produzieren Whirlpool und andere große Hersteller Waren auf der Grundlage von Verkaufsprognosen. Doch derzeit produzieren sie auf der Basis der verfügbaren Teile. "Das ist alles andere als effizient oder normal, aber so muss man es im Moment betreiben", so Bitzer.

Die derzeitigen Engpässe werden noch lange Zeit andauern, wie aus dem sogenannten Logistics Managers' Index hervorgeht. Dieser US-Wirtschaftsindikator basiert auf einer monatlichen Umfrage unter den Leitern von Zulieferbetrieben, in der sie gefragt werden, wie sie die Kosten für Bestände, Transport und Lagerhaltung jetzt und in 12 Monaten einschätzen. Der aktuelle Index ist auf dem zweithöchsten Stand seit den Aufzeichnungen im Jahr 2016, und die Zukunftsprognose zeigt wenig Entspannung. Der Logistics Managers' Index hat sich in der Vergangenheit als äußerst genau erwiesen. In etwa 90 Prozent der Fälle stimmte er mit den tatsächlichen Kosten überein.

Zudem warnt Zac Rogers, der an der Erstellung des Index mitwirkt, dass sich in der Logistikbranche inzwischen ein Paradigmenwechsel vollzogen hat. In der Vergangenheit wurden Bestände, Transport und Lagerhaltung auf niedrige Kosten und Zuverlässigkeit hin optimiert. Heute hingegen haben sich die Lagerhäuser von den billigen Außenbezirken der Städte in erstklassige Parkhäuser in der Innenstadt oder in leer stehende Kaufhäuser verlagert. So können Lieferungen schnell erfolgen, auch wenn die Infrastruktur teurer ist. Vor Corona wurden größere Lagerbestände noch als Belastung angesehen, heute sind sie in Mode.

Die Kosten für den Transport sind volatiler als die Kosten für die Bestände selbst und für die Lagerhaltung, und sie werden sich erst dann wieder entspannen, wenn die Nachfrage nach Transporten nachlässt. "Im Wesentlichen sagen uns die Leute, dass es schwer sein wird, das Angebot so weit zu steigern, dass es der Nachfrage entspricht", sagte Rogers, "und deshalb werden wir in den nächsten zwölf Monaten weiterhin einige Preissteigerungen sehen." Die bereits sehr hohen und weiter steigenden Kosten für Materialien, Transport und Lagerhaltung werden sich schließlich unweigerlich in höheren Kosten für die Verbraucher niederschlagen.

Die Verbraucherpreise sind zuletzt wieder stärker gestiegen. So haben höhere Kosten für das Tanken und Heizen die deutschen Verbraucherpreise im April so stark steigen lassen wie seit zwei Jahren nicht mehr. Und das US-Arbeitsministerium meldete kürzlich die höchste Inflationsrate seit 2008. Grund für die Preisanstiege ist auch, dass die Unternehmen ihre erhöhten Kosten an die Verbraucher weitergeben. Und das alles ist wohl erst der Beginn einer noch stärkeren Inflation. Beobachter sehen wieder eine höhere Chance, dass die Notenbanker die Zinsen anheben und dass die auf Verschuldung - sprich Gelddrucken - beruhenden extremen Ausgabeprogramme der Staaten zurückgefahren werden.

Die Preise für Holz, Kupfer, Eisenerz und Stahl sind in den letzten Monaten stark angestiegen, da das Angebot angesichts der stärkeren Nachfrage aus den USA und China immer knapper wird. Auch Rohöl ist im Steigen begriffen, ebenso wie die Preise für industrielle Materialien von Kunststoffen über Gummi bis hin zu Chemikalien. Zwar sind die Rohstoffpreise in den letzten Wochen mehrjährigen Höchstständen wieder gefallen. Doch die Spannungen dürften anhalten, weil in vielen Fällen eine zusätzliche Produktion nur sehr langsam und unter dem Einsatz von viel Kapital hochgefahren werden kann.

Auch die Lebensmittelkosten steigen. Das weltweit am meisten konsumierte Speiseöl, das aus den Früchten von Ölpalmen gewonnen wird, ist im vergangenen Jahr um mehr als 135 Prozent auf einen Rekordwert gestiegen. Der Preis für Sojabohnen überstieg zum ersten Mal seit 2012 die Marke von 16 Dollar pro Scheffel. Die Kurse für Mais haben ein Acht-Jahres-Hoch erreicht, während Weizen auf den höchsten Stand seit 2013 gestiegen ist. Ein UN-Indikator für die weltweiten Lebensmittelkosten erreichte im April den höchsten Stand seit sieben Jahren. Die Preise steigen bereist seit elf Monaten. Zu Beginn dieses Monats erreichte der Bloomberg Commodity Spot Index den höchsten Stand seit 2011.

In Ostasien sind die Lieferkettenprobleme besonders akut. Die Halbleiterkrise bedroht dort den breiteren Elektroniksektor und könnte Asiens leistungsstarke Exportwirtschaften unter Druck setzen, so Vincent Tsui von Gavekal Research. Es ist "nicht einfach das Ergebnis von ein paar temporären Störungen", schrieb Tsui in einer Notiz. "Sie sind eher struktureller Natur, und sie betreffen eine ganze Reihe von Branchen, nicht nur die Automobilproduktion." Wie ernst die Chip-Krise ist, zeigen die Pläne Südkoreas, in den nächsten zehn Jahren rund 450 Milliarden Dollar für den Aufbau der weltgrößten Chipherstellungsbasis auszugeben.

In der Zwischenzeit laufen die Schiffe, Lastwagen und Züge zwischen den Fabriken und den Verbrauchern auf Hochtouren, um die Teile durch den globalen Produktionsprozess und die fertigen Waren auf den Markt zu bringen. Die Containerschiffe sind voll ausgelastet, was die Preise für Seefracht auf ein Rekordhoch treibt und die Häfen verstopft. Führungskräfte des weltgrößten Containerfrachtunternehmens A.P. Moller-Maersk sagen, dass sie für den Rest des Jahres nur einen allmählichen Rückgang der Seefrachtraten erwarten, allerdings nicht zu den billigen Seefrachtdiensten des vergangenen Jahrzehnts. Neue Schiffen sind bestellt, aber deren Bau dauert zwei bis drei Jahre.

Die HSBC-Handelsökonomin Shanella Rajanayagam schätzt, dass der Anstieg der Containerraten im vergangenen Jahr die Erzeugerpreise in der Eurozone um bis zu 2 Prozent erhöhen wird. Auch die Kosten für Bahn- und Lkw-Transporte sind erhöht. Der Cass Freight Index, der diese Kosten misst, erreichte im April einen Rekordwert - den vierten innerhalb von fünf Monaten. Und laut Todd Fowler, Analyst bei KeyBanc Capital Markets, werden die Spotpreise für Lkw-Ladungen im zweiten Quartal um 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigen und in diesem Jahr um etwa 30 Prozent im Vergleich zu 2020.

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