Wirtschaft

Der „Great Reset“: Theorie oder Realität? Teil 2

In den USA wird öffentlich über die „Great Reset“-Initiative diskutiert. Nur in Deutschland ist das offenbar nicht möglich, weil der „Great Reset“ per se als Verschwörungstheorie abgetan wird.
31.05.2021 22:20
Aktualisiert: 01.06.2021 19:28
Lesezeit: 3 min
Der „Great Reset“: Theorie oder Realität? Teil 2
Der Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab. (Foto: dpa) Foto: Laurent Gillieron

Es ist nicht nachvollziehbar, warum die „Great Reset“-Initiative des Weltwirtschaftsforums per se als Verschwörungstheorie abgetan wird. Zuvor hatten die Deutschen Wirtschaftsnachrichten dokumentiert, dass es sich um eine ernsthafte und durchdachte Initiative handelt, die in der Öffentlichkeit diskutiert werden muss – HIER.

Während alle politischen Lager in Deutschland damit beschäftigt sind, diese Initiative zum Anlass zu nehmen, sich im Sinne des tagespolitischen Profits und angesichts des Bundestagswahlkampfs gegenseitig zu diffamieren, machen sich in den USA Denkfabriken, Institutionen und Politiker ernsthafte Gedanken über diese Initiative, die eine Transformation der Gesellschaften und Volkswirtschaften herbeiführen soll – vor allem im finanzpolitischen Bereich im Zusammenspiel mit der Digitalisierung (CBDC, Digital Currency Wallets etc.) Wie wird das neue Finanzsystem ausschauen, wenn sogar die IWF-Chefin Kristalina Georgieva offen von einem neuen „Bretton Woods-Moment“ spricht? Die „Financial Times“ titeln deshalb sinngemäß: „Time for a great reset of the financial system“

Auf einige Berichte aus den USA soll hier verwiesen werden, um die gedankliche Starre in Deutschland in Frage zu stellen:

Das Competitive Enterprise Institute (CEI): „Roadmap for the ,Great Reset‘“

The Brookings Institution: „The Great Reset – Relaunching Africas Economies“

The Brookings Institution: „Rebuilding toward the great reset: Crisis, COVID-19, and the Sustainable Development Goals“

American Institute for Economic Research: „What’s Up with the Great Reset?“

RAND Corporation: „The Great Reset: Policing in 2030“

The Rockefeller Foundation: „Rebuilding Towards the Great Reset: Crisis, Covid-19, and the Sustainable Development Goals“

The Heritage Foundation: „Free Markets Trump Globalists‘ ,Great Reset‘ for Post-Covid-19 Recovery“

Geopolitical Intelligence Services (GIS): „The ,Great Reset’: Prospects and risks“

Das Weltwirtschaftsforum (WEF): „How US foreign policy will shape the 'Great Reset' - 12 experts explain“

TIME Magazine-Rubrik über den „Great Reset“: „THE GREAT RESET. The COVID-19 pandemic has provided a unique opportunity to think about the kind of future we want. TIME partnered with the World Economic Forum to ask leading thinkers to share ideas for how to transform the way we live and work.“

Rede der IWF-Chefin Kristalina Georgieva zum „Great Reset“ (3. Juni 2020)

Prince Charles hat eine eigene „Great Reset“-Rubrik auf seiner offiziellen Webseite

Die Zeitung „The Hill“: „Introducing the ,Great Reset‘ world leaders' radical plan to transform the economy“

Diese Liste könnte weitergeführt werden. Doch in der deutschen Öffentlichkeit wäre es angebracht, wenn sich Journalisten, Politologen, Bürger und vor allem Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler zunächst die obigen Berichte durchlesen, um eine objektive Einschätzung über den sogenannten „Great Reset“ vorzunehmen.

Im zweiten Schritt kann diese Initiative dann abgelehnt oder unterstützt werden. Beide Sichtweisen hätten zumindest eine Berechtigung.

Doch gegenseitige Diffamierungen und Verleumdungen führen zu nichts. Ganz im Gegenteil: Wenn die Gruppe A die Gruppe B als „Verschwörungstheoretiker“ und die Gruppe B die Gruppe A im Gegenzug als „Vaterlandsverräter“ bezeichnet, vergiftet das die Atmosphäre.

Eine Radikalisierung des Bundestagswahlkampfs muss unter allen Umständen verhindert werden. Das geht aber nur dann, wenn dieses Thema, das die Bürger sehr bewegt, nicht tabuisiert wird. Andernfalls besetzen die Deutung und die Interpretation dieses Themas die realen und maskierten „Verschwörungstheoretiker“ in den sozialen Medien, um eine gezielte Spaltung der Gesellschaft herbeizuführen.

Schwere Unruhen in Deutschland im Juni 2021?

An dieser Stelle möchte ich etwas erwähnen, was die Menschen in Deutschland genau lesen sollten. Es gibt eine Frau, die sich Mariana Mazzucato nennt. Sie ist Gründerin und Direktorin des Institute for Innovation and Public Purpose. Außerdem ist sie aktive Autorin auf der Webseite des Weltwirtschaftsforums. Diese besonders schlaue Dame hatte am 21. Oktober 2020 beim TIME-Magazin einen Prognose-Artikel unter dem Titel „It's 2023. Here's How We Fixed the Global Economy“ veröffentlicht. In ihrem Artikel schildert sie alle Entwicklungen bis zum Jahr 2023. Bisher haben sich all ihre Schlüsselprognosen bewahrheitet – sogar die „Vorhersage“, dass Joe Biden die Präsidentschaftswahl gewinnt.

In einem Abschnitt ihrer Prognose vom Oktober 2020 führt sie aus: „Das Ende unserer Gesundheitskrise war in Sicht. Doch im Juni 2021 befand sich die Weltwirtschaft noch in einem gedrückten Zustand. Als die Regierungen begannen, ihre Optionen für neue Konjunkturpakete zu diskutieren, brach eine Welle öffentlicher Proteste aus.“

Mazzucato meint, dass im Juni 2021 die „Steuerzahler“ vor allem in Deutschland, Brasilien und Kanada auf die Straßen gehen werden, um gegen Konjunkturpakete zu protestieren, von denen lediglich die Großkonzerne profitieren werden.

Dann schreibt sie: „Mit Biden im Amt nahmen die USA diese Forderungen ernst und knüpften die nächste Welle von Unternehmensrettungsaktionen an strenge Bedingungen. Unternehmen, die Gelder erhielten, mussten ihre Löhne- und Gehälter aufrechterhalten und ihren Arbeitern einen Mindestlohn von 15 US-Dollar pro Stunde zahlen. Den Unternehmen wurde bis 2024 dauerhaft verboten, Aktienrückkäufe zu tätigen und Auszahlungen von Dividenden oder Vorstandsboni durchzuführen.“

Liebe Leser, was lernen wir aus all diesen „Vorhersagen“, die bisher weitgehend eingetreten sind?

Halten Sie sich von den Straßen fern. Lassen Sie sich nicht für die Interessen von Menschen instrumentalisieren, denen Sie nichts bedeuten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Wandel im Vaping-Markt: Nachhaltigkeit und Kostendruck treiben Wechsel zu Mehrwegsystemen

Der Markt für E-Zigaretten durchlebt eine tiefgreifende Transformation. Lange Zeit galten Einweg-Vapes, popularisiert durch Marken wie Elf...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Cüneyt Yilmaz

                                                                                ***

Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dänemark-Handelspolitik: „Langlebige Mythen über Afrika sind kostspielig“
29.07.2026

Afrika gewinnt im globalen Wettbewerb um Märkte, Wertschöpfungsketten und die grüne Transformation zunehmend an Bedeutung. Damit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Dieses Familienunternehmen profitierte vom Krieg, nun droht der Kontrollverlust
29.07.2026

Aller Petfood blieb mit zwei Fabriken in Russland aktiv und profitierte zunächst vom abgeschotteten Markt. Nun geraten das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäischer Gaspreis steigt wieder: Iranische Attacken nach US-Angriffsstopp – Entspannung nicht in Sicht
29.07.2026

Die Hoffnung auf eine Entspannung im Nahen Osten war nur von kurzer Dauer. Neue militärische Entwicklungen lassen den europäischen...

DWN
Finanzen
Finanzen Europa droht ein Preisschock und ein stärker als erwarteter Anstieg des Euribor
29.07.2026

Der 6-Monats-Euribor ist auf den höchsten Stand seit anderthalb Jahren geklettert. Der Anstieg dürfte sich fortsetzen, da ein unerwartet...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie: Starke Quartalszahlen stützen Erholung, Cashflow bleibt Belastungsfaktor
29.07.2026

Nach Monaten deutlicher Kursverluste zeigt sich die Rheinmetall-Aktie am Mittwoch von ihrer besten Seite – dank starker Quartalszahlen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ende der Einspeisevergütung: Was sich durch die EEG-Reform bei der Solarförderung ändert
29.07.2026

Die Bundesregierung stellt die Förderung von Solarstrom grundlegend um. Das Kabinett hat eine Reform des EEG beschlossen, die private...

DWN
Finanzen
Finanzen DWS-Aktie sackt ab: Deutsche-Bank-Tochter enttäuscht mit Erträgen
29.07.2026

Auf den ersten Blick liefert DWS starke Zahlen: Milliarden fließen neu in die Fonds, das verwaltete Vermögen erreicht einen Höchststand...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererklärung 2025: So nutzen Sie die neuen Freibeträge und Steuerpauschalen
29.07.2026

Die Steuererklärung 2025 müssen pflichtveranlagte Steuerzahler bis spätestens 31. Juli 2026 beim Finanzamt einreichen. Auch in diesem...