Politik

Alles erinnert „an die 1930er Jahre und an Deutschland, als ein kleiner Mann mit einem Schnurrbart auftauchte“

Ist der Zerfall der EU und der Zerfall Europas beschlossene Sache? Drohen dem Kontinent ethnische und religiöse Kriege? Einige US-Geopolitiker argumentieren, dass all diese Schreckensszenarien eintreten werden. „Es erinnert nur allzu sehr an die 1930er Jahre und an Deutschland, als ein kleiner Mann mit einem Schnurrbart auftauchte“, so ein renommierter US-Geopolitiker. Einige europäische Denker haben dieses Narrativ übernommen.
04.09.2021 15:05
Lesezeit: 3 min

Der europäische Historiker David Engels von der Universität Brüssel zieht einen direkten Vergleich zwischen dem Untergang des Römischen Reichs und der Europas. „Gevestor.de“ berichtet: „Er rechnet damit, dass die derzeitige EU-Krise, die mit dem BrExit begonnen hat, zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führen wird, welche eine grundlegende gesellschaftliche und politische Neuformierung Europas erzwingen werden. Am Ende steht nach seiner Meinung ein Zerfall der Demokratie und ein autoritärer Staat im Sinne einer Diktatur, wie man sie im alten Rom ab dem 1. Jahrhundert nach Christus gesehen hat. Die Parallelen sind nach Ansicht des Historikers frappierend: Egal, ob bei der Arbeitslosigkeit, dem Familien-Zerfall, dem Individualismus, dem Niedergang traditioneller Konfessionen, der Migration oder der wachsenden ,Brot und Spiele-Mentalität' – überall gleicht der Niedergang der heutigen EU dem des Römischen Imperiums.“

Die US-Denkfabrik „Chicago Council on Global Affairs“ kommentiert einige Aussagen des US-Geopolitikers George Friedman, der durchgehend den Zerfall Europas und der EU propagiert, mit folgenden Worten: „Die Probleme in Europa mögen größtenteils wirtschaftlicher Natur sein und sich primär um die Zukunft des Euro drehen. Aber George Friedman sagte, dass tief versteckt historische und kulturelle Dämonen lauern, die die Europäische Union und Europa selbst destabilisieren könnten. Im letzten Jahrhundert habe Europa von 1914 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 31 Jahre lang Kriege mit 100 Millionen Toten in Schlachten, Völkermorden, Hungersnöten und im Holocaust geführt. Unter dem amerikanischen Druck, sich zu vereinen, habe der Kontinent 1992 die Europäische Union mit ihrem Versprechen auf postnationalen Frieden und Wohlstand gebildet. ,Aber ist es in Europa wirklich vorbei?', fragt Friedman. ,Ist das Gemetzel, das 1914 begann, vorbei? Hat sich etwas geändert? Wird die EU überleben? Und wenn nicht, was kommt als nächstes?'“

Die EU überdecke die alten Feindseligkeiten zwischen den europäischen Völkern nur, die gegenseitige Verachtung sei aber nach wie vor lebendig. Darüber hinaus würden die Europäer sich selbst belügen, wenn sie den Jugoslawien-Krieg und auch den aktuellen Ukraine-Konflikt als blutige Konflikte ansehen, die sich nicht wirklich in Europa abspielen. Doch diese Annahme ist falsch.

Friedman sieht eine Parallele zwischen dem heutigen Europa und dem der 1930er Jahre. In Spanien, Rumänien und anderen Ländern würden sezessionistische Bewegungen aufsteigen, die zu Bürgerkriegen führen könnten. Es gebe eine „massive Delegitimierung von Mainstream-Parteien“. Dies sei verbunden mit einem „Anstieg des Hasses“. Die vergangenen islamistischen Anschläge hätten die nationalistischen Bestrebungen in Europa verstärkt. In einem weiteren Artikel führt er aus, dass Europa und „der Islam“ dazu verdammt seien, sich in blutige Konflikte zu verwickeln. Dieser Krieg zwischen „zwei Welten“ sei ein regelrechtes Naturgesetz. Doch für die USA und „den Islam“ gelte das nicht.

Zudem gebe es unter den Europäern Menschen, die verbittert seien, weil sie trotz ihrer guten Voraussetzungen Arbeitslosigkeit und Verarmung beobachten und spüren. Doch diese Menschen, die hauptsächlich der Mittelschicht angehören, würden auch erkennen, dass dies kein vorübergehender Zustand sei, sondern die fortdauernde Realität ihres Lebens.

„Und das ist der gefährliche Punkt. Es erinnert nur allzu sehr an die 1930er Jahre und an Deutschland, als ein kleiner Mann mit einem Schnurrbart auftauchte“, so Friedman. Diesen Vergleich zieht er im Zusammenhang mit all jenen Ereignissen, die in den vergangenen Jahren stattgefunden haben und weiteren Ereignissen, die stattfinden werden/sollen.

Doch es wird offenbar noch eine Schlüsselentwicklung benötigt, damit das Unheil seinen Lauf nehmen kann. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten hatten in ihrem Magazin vom Dezember 2020 gewarnt:

„Es sollte nicht vergessen werden, dass es eigentlich die Inflation war, die den Tod der Weimarer Republik und des demokratischen Rechtsstaats besiegelt hatte. Der große österreichische Schriftsteller Stefan Zweig schreibt in seinem Werk ,Die Welt von gestern: Erinnerungen eines Europäers‘, das postum im Jahr 1942 veröffentlicht wurde: ,Nichts hat das deutsche Volk – dies muß immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden – so erbittert, so haßwütig, so hitlerreif gemacht wie die Inflation.‘

Die Zeitung ,Der gerade Weg' berichtete am 3. November 1929: ,Katastrophe im Einzelhandel – Alteingesessene bayerische Firmen schließen – die Lage in München, Nürnberg, Augsburg. Die wirtschaftliche Lage der führenden Detailgeschäfte, besonders in München, ist durch die unerschwinglichen Abgaben und die in Konzernen vorgehende Konkurrenz derart unerträglich geworden, dass man von einer schematischen Vernichtung des Einzelhandels sprechen kann.‘“

Nachtrag: Bei George Friedman und einigen anderen US-Geopolitikern gewinnt der Beobachter immer wieder den Eindruck, dass es sich bei ihren Prognosen um Wunschvorstellungen handelt. Viele dieser amerikanischen außenpolitischen Denker sind eingefleischte Anti-Europäer, wobei diese Haltung bei Friedman besonders stark ausgeprägt ist. Es wird immer wieder deutlich, dass es in den USA Kreise gibt, die nichts gegen ethnische, religiöse und politische Konflikte in Europa einzuwenden haben, und es erhebt sich die Frage, inwiefern sie diese sogar aktiv provozieren wollen. Dass Menschen aller Völker und Religionen auf dem altenKontinent - der eine Kultur hervorbrachte, wie sie in der Geschichte der Menschheit einzigartig ist - friedlich zusammenleben, ist ganz offensichtlich nicht das Ziel dieser Bellizisten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Immobilienmakler für Kitzbühel – Hotel und Gewerbeimmobilien verkaufen mit Experten

Der Verkauf von Hotels und Gewerbeimmobilien in Kitzbühel stellt besondere Anforderungen an Eigentümer und Makler. Ein erfahrener...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bankrun in Russland: Warum Bürger ihre Konten leeren
20.08.2026

Ein Bankrun in Russland ist für den Kreml ein Warnsignal. Viele Bürger heben panikartig ihr Bargeld ab. Ökonomen warnen zugleich vor...

DWN
Unternehmen
Unternehmen MG4 Urban im Test: Fast "Das Auto", nur aus China
20.08.2026

Als SAIC Motor das Modell MG4 vorstellte, wurde es sofort zu einem der begehrtesten in China gebauten Elektroautos. Autojournalisten...

DWN
Finanzen
Finanzen Euro-Stablecoins: Wie Europa die Kontrolle über seine Währung verlieren könnte
20.08.2026

Der Euro ist die zweitwichtigste Währung der Welt, doch in der digitalen Finanzwelt spielt er bislang kaum eine Rolle. Während nahezu...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Gewinnmitnahmen nach Zweimonatshoch
20.08.2026

Der Goldpreis hat binnen kurzer Zeit deutlich an Wert gewonnen, doch am Donnerstag legt das gelbe Edelmetall eine Verschnaufpause ein....

DWN
Finanzen
Finanzen JD Sports-Aktie stürzt ab: Gewinnwarnung und Filialabbau belasten – Branche leidet mit
20.08.2026

JD Sports senkt sein Gewinnziel und enttäuscht vor allem in Nordamerika. Gleichzeitig verschwinden immer mehr deutsche Filialen. Der...

DWN
Technologie
Technologie Weltmarkt für E-Lkw wächst rasant – Infrastruktur bleibt Engpass
20.08.2026

Eine halbe Million verkaufte E-Lkw und E-Busse markieren einen neuen Meilenstein für die Verkehrswende. Während China den Weltmarkt...

DWN
Finanzen
Finanzen Criteo-Aktie: Übernahmewette für Mutige oder unkalkulierbares Risiko?
20.08.2026

Die Criteo-Aktie führt vor Augen, welche Chancen Sondersituationen für Anleger bieten können. Doch gerade bei vermeintlich klaren Deals...

DWN
Finanzen
Finanzen Adieu Frankreich, adieu Deutschland: Wohin Europas Reiche ziehen
20.08.2026

Politische Unsicherheit, hohe Steuern: Das sind die wichtigsten Gründe, warum Reiche die zwei stärksten Länder Europas verlassen. Wohin...