Finanzen

Nie zuvor sind die Zinsen so schnell gestiegen

Die globalen Zentralbanken haben die Zinssätze in einem noch nie dagewesenen Ausmaß angehoben - weitgehend ohne Koordination. Die Folgen für die Weltwirtschaft werden extrem sein.
Autor
30.09.2022 12:08
Aktualisiert: 30.09.2022 12:08
Lesezeit: 2 min

Die geldpolitische Straffung begann bereits im Frühjahr 2021, als eine Handvoll von Zentralbanken in Lateinamerika und Mitteleuropa damit begann, ihre Zinssätze zu erhöhen. Damit wollten sie ihre schwankenden Währungen stützen und die beginnende Inflation eindämmen. Bis Ende letzten Jahres schlossen sich dann auch einige reiche Länder wie Norwegen und Südkorea der Zinswende an.

Im Laufe dieses Jahres haben nun fast alle großen Notenbanken der Welt damit begonnen, ihre Zinsen zu erhöhen. Die weltweiten Zinserhöhungen sind so zahlreich und deutlich, wie es in den letzten fünf Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen ist, so das Ergebnis einer aktuellen Zusammenstellung der Zinsschritte von 38 großen Zentralbanken durch den Economist. Das Tempo der Straffung hat demnach zuletzt sogar zugenommen.

Jeder Zinsanstieg hat globale Folgen

Diese Zinserhöhungen der verschiedenen Notenbanken laufen weitgehend unkoordiniert. Daher warnt Maurice Obstfeld, ein ehemaliger Chefvolkswirt beim IWF, dass das Versäumnis der Zentralbanken, die globalen Auswirkungen ihrer Politik zu berücksichtigen, die Gefahr eines „historischen“ Abschwungs der Weltwirtschaft birgt. Auch wenn jede einzelne Zinserhöhung vertretbar sein mag, könnten sie in ihrer Gesamtheit eine größere Wirkung haben als erwartet.

Die Zentralbanken haben der Inflation den Kampf angesagt. Sie erhöhen die Zinsen, um auf diese Weise die Geldmenge zu verringern und damit die Nachfrage zu drosseln. Doch eine gedrosselte Nachfrage wirkt sich auch auf die Nachfrage nach ausländischen Waren aus. So hilft eine Notenbank der anderen im Kampf gegen die Inflation. Wenn aber solche Effekte nicht berücksichtigt werden, könnte sich die Weltwirtschaft stärker abschwächen als beabsichtigt.

Auch die globalen Finanzströme müssen berücksichtigt werden. Denn eine Zinserhöhung in einem Land kann Geld von Anlegern aus anderen Ländern anlocken, was zu einer Aufwertung der Währung führt. Dies bedeutet eine Senkung der Importkosten, was dazu beitragen kann, die inländische Inflation zu dämpfen. Andere Staaten hingegen sehen sich dadurch mit höheren Importrechnungen konfrontiert, was ihre Inflationsprobleme verschärft.

Umgekehrter Währungskrieg

Dieser Mechanismus könnte einem umgekehrten Währungskrieg führen, bei dem jede Notenbank die eigene Währung immer weiter stärkt, um ihre Importe billiger zu machen und sozusagen ihre Inflation zu exportieren. Bei einem herkömmlichen Währungskrieg schwächen die Staaten die eigenen Währungen, um ihre Exporte billiger zu machen und dadurch ihre Wirtschaft anzukurbeln.

Die amerikanische Federal Reserve ist weiterhin die unangefochten dominierende Zentralbank, der die anderen Zentralbanken folgen müssen, ob sie wollen oder nicht. Und das erklärte Ziel, dass die Fed unnachgiebig verfolgt, nämlich die Inflation in den USA wieder auf 2 Prozent herunter zu bringen, lässt ihr wenig Spielraum, um anderen Staaten entgegen zu kommen.

Die Fed könnte Zinserhöhungen in anderen Ländern als hilfreichen Beitrag zur eigenen Inflationsbekämpfung begrüßen, selbst wenn diese Länder eins nach dem anderen in die Rezession stürzen. Denn in der Folge sinkt nicht nur die Nachfrage in diesen von einer Rezession betroffenen Staaten, sondern auch der globale Preisdruck insgesamt. Dies bedeutet, dass die Fed ihrem eigenen Inflationsziel näher kommt.

Seit 1971, als der damalige Finanzminister John Connally den Vertretern der anderen großen Volkswirtschaften der Welt sagte: „Der Dollar ist unsere Währung, aber er ist euer Problem“, hat sich die Welt finanziell noch viel stärker integriert. In dem Maße, wie die Zinssätze weltweit unkoordiniert in die Höhe schießen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass irgendein Staat der Welt unbeschadet daraus hervorgehen könnte.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Warum Deon Markets in der Krypto-Landschaft herausragt

In der dynamischen Welt der Kryptowährungen hebt sich Deon Markets deutlich ab. Diese Plattform bietet mehr als nur den Handel mit...

DWN
Politik
Politik Gericht verurteilt Le Pen zu einem Jahr Haft mit Fußfessel
07.07.2026

Nur wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl fällt ein Schuldspruch: Für Frankreichs Rechtsnationale Marine Le Pen ist das eine...

DWN
Politik
Politik Leere Kassen: Kommunen ziehen vor das Kanzleramt
07.07.2026

Deutschlands Kommunen schlagen Alarm: Milliardenlöcher in den Haushalten bedrohen immer mehr Städte und Gemeinden. Die Verantwortlichen...

DWN
Technologie
Technologie Das Aus für die Wärmepumpenförderung
07.07.2026

Die Bundesregierung will Milliarden sparen und kürzt dafür die Förderung klimafreundlicher Heizungen. Für Hausbesitzer könnte der...

DWN
Technologie
Technologie Cybersicherheitsgesetz: Der Staat rüstet auf – der Mittelstand bleibt verwundbar
07.07.2026

Der Staat rüstet auf – doch im digitalen Ernstfall bleibt Ihr Unternehmen auf sich allein gestellt. Zwar will die Bundesregierung...

DWN
Technologie
Technologie Fusionsreaktor: Münchner Start-up sammelt 411 Millionen Euro ein
07.07.2026

Die Fusionsenergie galt lange als Zukunftsmusik – jetzt fließen Hunderte Millionen Euro in ein deutsches Start-up mit großen Plänen....

DWN
Finanzen
Finanzen Samsung überrascht mit Rekordgewinn – doch die Aktie fällt erstmal
07.07.2026

Samsung erzielt den höchsten Quartalsgewinn seiner Geschichte – doch statt Jubel folgt ein heftiger Kursrutsch. Der Fall zeigt, warum...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Industrieproduktion legt stärker zu als erwartet
07.07.2026

Die Kennzahlen der deutschen Industrie zeigen trotz der Verwerfungen durch den Iran-Krieg nach oben. Ökonomen sind jedoch uneins, ob sich...

DWN
Politik
Politik US-Waffenmangel: Warum Amerikas Raketenkrise Europa alarmieren muss
07.07.2026

Amerika gilt als militärische Supermacht, doch nach dem Krieg gegen Iran geraten die Raketenlager der USA offenbar unter massiven Druck....