Finanzen

Der Preis der verringerten Glaubwürdigkeit der Fed

Die Reaktion der Finanzmärkte auf die jüngsten geldpolitischen Schritte der US-Notenbank sorgen bei vielen Beobachtern für Kopfschütteln. Mohamed A. El-Erian, Präsident des Queens College der University of Cambridge, sieht für die Fed ein Glaubwürdigkeitsproblem.
01.10.2022 07:50
Aktualisiert: 01.10.2022 07:50
Lesezeit: 3 min
Der Preis der verringerten Glaubwürdigkeit der Fed
Die Fed und Notenbank-Chef Jerome Powell haben laut Mohamed A. El-Erian an Glaubwürdigkeit eingebüßt. (Foto: dpa) Foto: ---

Die Reaktion der Finanzmärkte auf den jüngsten geldpolitischen Schritt der US Federal Reserve erinnerte mehr an Entwicklungsländer als an die leistungsstärkste Volkswirtschaft der Welt. Angesichts der Tatsache, dass die Fed die systemisch bedeutsamste Notenbankbank der Welt ist, ist dies mehr als nur ein Kuriosum. Es hat Auswirkungen auf das wirtschaftliche Wohlergehen der USA – und das der übrigen Welt.

Böse Vorahnung für USA und andere Volkswirtschaften

Am 21. September forcierte die Fed ihre zwei Monate alte Strategie, die Zinssätze stärker, schneller und für einen längeren Zeitraum anzuheben als zuvor erwartet. Sie setzte eine beispiellose dritte sukzessive Zinserhöhung um 75 Basispunkte um und sandte ein starkes Signal aus, dass auf den beiden letzten Sitzungen zur Geldpolitik in diesem Jahr Zinserhöhungen um insgesamt weitere 125 Basispunkte zu erwarten seien. Sie signalisierte zudem, dass ein „Schwenk“ hin zu niedrigeren Zinssätzen vor 2023 unwahrscheinlich sei.

Dass die Fed ihre Wirtschaftsprognosen dergestalt geändert hat, lässt Böses für die USA und andere Volkswirtschaften erwarten. Sie prognostiziert nicht nur ein geringeres Wachstum, sondern auch (und überraschender) eine höhere Inflation – etwas, das sie in den letzten Quartalen wiederholt getan hat.

Die jüngsten Schritte der Fed stehen im Einklang mit einer Notenbank, die sich kontinuierlich abmüht, den lokalen Realitäten hinterherzulaufen. Das ist etwas, was einem in der Regel eher in Entwicklungsländern mit schwachen Institutionen begegnet, und nicht bei der Emittentin der Weltreservewährung und der Hüterin der hochentwickeltsten Finanzmärkte der Welt, denen viele andere Länder und Unternehmen ihre Ersparnisse anvertrauen.

Notenbank kalkuliert weitere Kollateralschäden ein

Der Vergleich ist sogar noch besorgniserregender, wenn man berücksichtigt, was die jüngsten Marktturbulenzen bedeuten. Zunächst einmal sehen die Märkte eine Notenbank, die sich trotz aller Mühen schwertut, den Markterwartungen gerecht zu werden und das Nötige zu tun, um den von den Lebenshaltungskosten ausgehenden Druck in Grenzen zu halten. Nachdem die Märkte sie kontinuierlich gedrängt hatten, mehr zu tun – und das aus gutem Grund, da die Kerninflation bei 6,3 % liegt und weiter steigt –, führten die jüngsten geldpolitischen Schritte der Fed erwartungsgemäß zu einem weiteren steilen Rückgang der Kurse von Aktien und Anleihen.

Zweitens sehen die Märkte eine Notenbank, die damit rechnet, bei ihren Versuchen zum Erreichen ihres Inflationsziels weitere Kollateralschäden anzurichten. Notenbankchef Jerome Powell hat das in diesem Monat praktisch selbst zugegeben, als er sich erneut von der Möglichkeit einer weichen oder, wie er selbst einmal formulierte, „einigermaßen weichen“ Landung distanzierte. Powell hat inzwischen wiederholt mehr kommende „Schmerzen“ signalisiert, was ein unangenehm hohes Rezessionsrisiko nahelegt. Der Markt scheint diese Ansicht zu teilen: Die Renditekurve hat sich umgekehrt; die Renditen zehnjähriger Schatzanleihen sind um rund 40 Basispunkte unter die zweijähriger Anleihen gefallen.

Diese Marktsignale deuten in bedrohlicher Weise darauf hin, dass es der US-Wirtschaft (und daher auch der Weltwirtschaft) an einem geldpolitischen Anker und einer ausreichend glaubwürdigen Notenbank fehlt. Daher ist in den USA nun eine stärkere Straffung der Geldpolitik erforderlich, als das bei einer zeitnahen und glaubwürdigen Reaktion der Fed der Fall gewesen wäre. Das wird in der Tat für „Schmerzen“ sorgen, nämlich in Gestalt eines geringeren (tatsächlichen und potenziellen) Wachstums und höherer Arbeitslosigkeit, was die schutzbedürftigsten Segmente der Gesellschaft am härtesten treffen wird.

Glaubwürdigkeit der Fed beschädigt

Was die Weltwirtschaft angeht, so wird dies in einer Zeit, in der Europa auf die Rezession zusteuert, die Entwicklung in China zunehmend hinter dem wirtschaftlichen Potenzial des Landes zurückbleibt und überall in den Entwicklungsländern kleine Brandherde bestehen, zu noch größerer Wachstumsschwäche führen. Trotz dieser erhöhten Fragilität werden viele andere Notenbanken keine andere Wahl haben, als es der Fed nachzutun und die Zinsen über das ansonsten erforderliche Maß hinaus anzuheben, um zu vermeiden, eine noch schädlichere Inflation und besorgniserregende Finanzinstabilität zu „importieren“.

Die Fed könnte sich angesichts dieser unbequemen Lage – die sie überwiegend selbst verschuldet hat – nun womöglich geneigt fühlen, auf weitere Zinserhöhungen zu verzichten, insbesondere angesichts der wachsenden Kritik, dass sie die Wirtschaft in die Rezession stürzt, Vermögen vernichtet und die Instabilität anheizt. Doch würde ein derartiger Kurs die Gefahr bergen, den geldpolitischen Fehler der 1970er-Jahre zu wiederholen, und den USA und der Welt eine noch längere Phase stagflationärer Trends aufzubürden. Stattdessen sollte die Fed deutlich mehr tun, um die negativen Folgen ihrer fehlerhaften Politik zu begrenzen. Dies schließt auch innovative Ideen über ihren geldpolitischen Rahmen und eine stärker proaktive Zusammenarbeit mit anderen an für die Geldpolitik zuständigen Institutionen (im In- und Ausland) mit ein.

Es ist leider zu spät, um die negativen wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Schadens, den die Fed ihrer eigenen Glaubwürdigkeit zugefügt hat, zu vermeiden. Die Notenbank hat bemerkenswert spät auf die Inflation regiert. Doch ist es noch nicht zu spät, um den Schaden in Grenzen zu halten. Dies zu tun ist nun äußerst wichtig.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Mohamed A. El-Erian ist Präsident des Queens’ College der University of Cambridge, Professor an der Wharton School der University of Pennsylvania und der Verfasser von Aufstieg und Fall der Zentralbanken: Und was das für uns alle bedeutet (FinanzBuch Verlag, 2016).

Copyright: Project Syndicate, 2022.

www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Panorama
Panorama Stromausfall Berlin bis Donnerstag: Linksextremistische Vulkangruppe bekennt sich zum Anschlag
04.01.2026

45 000 Haushalte und 2200 Unternehmen sind plötzlich ohne Strom. Dunkelheit, Kälte, kein Netz: Nach einem Anschlag auf die Berliner...

DWN
Finanzen
Finanzen Generalsanierungen: Bahn will 2026 mehr als 23 Milliarden Euro ins Netz stecken
04.01.2026

Bahn und Bund treiben mit Rekordsummen die Sanierung des Schienennetzes voran. Warum Fahrgäste trotzdem weiter mit Verspätungen und...

DWN
Politik
Politik Ausblick 2026: Mehr Mindestlohn, teureres Deutschlandticket und steuerliche Änderungen
04.01.2026

Im neuen Jahr ändern sich in Deutschland mehrere wichtige Regelungen für Bürgerinnen und Bürger. 2026 steigt der Mindestlohn, das...

DWN
Immobilien
Immobilien Modulhäuser und Tiny Houses in Deutschland: Schnelle, flexible Wege zum Eigenheim
04.01.2026

Modulare Häuser gelten als moderne Alternative zum klassischen Bau, da sie flexibel geplant und schnell errichtet werden können. Sie...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Blase: Warum Investoren trotz Überinvestitionssorgen weiter auf den Markt setzen
04.01.2026

Die globalen Finanzmärkte erleben eine Phase ungewöhnlich hoher Investitionen in künstliche Intelligenz, die sowohl Optimismus als auch...

DWN
Finanzen
Finanzen In Rohstoffe investieren: So sichern Anleger Rendite und Stabilität
04.01.2026

Die Marktunsicherheit stärkt das Interesse an Rohstoffen als stabilisierendem Baustein im Depot. Doch welche dieser Anlagen bieten...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 01: Die wichtigsten Analysen der Woche
04.01.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 01 des neuen Jahres fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Politik
Politik Staat dämpft bei Strom- und Gaskosten: Wie sich das auswirkt
04.01.2026

Die Strom-Netzentgelte sinken. Das entlastet viele Kunden – aber nicht alle gleichmäßig. Bei Gaskunden macht sich der Wegfall der...