Unternehmen

Expansionen: Online-Supermärkte drücken auf die Bremse

Viele Online-Supermärkte haben Schwierigkeiten, geplante Expansionen zu verwirklichen. Die Unternehmen verschieben Projekte und Investitionen.
12.12.2022 14:41
Aktualisiert: 12.12.2022 14:41
Lesezeit: 3 min

Der Markt der digitalen Vollsortimenter kommt nach Großbritannien nun auch in Deutschland in Schwierigkeiten und spart bei seinen Expansionen ein. Geplante Investitionen werden verschoben, Lager werden nicht in Betrieb genommen und Neueröffnungen von Standorten verlegt. Es wird gespart und Gründe sind unter anderem die schwache Nachfrage der Konsumenten.

Schwaches Konsumklima trifft die Branche

Neuestes Beispiel für das Umdenken bei Online-Supermärkten ist der norwegische Lebensmittellieferdienst Oda. Das Unternehmen hat vor seinem Start in Mittenwalde bei Berlin laut der Lebensmittelzeitung noch mal durch frisches Geld nachgelegt. In einer Finanzierungsrunde konnte das Unternehmen 1,5 Milliarden Kronen (umgerechnet 145 Millionen Euro) sammeln. Diese Summe soll auch in den Aufbau des Deutschlandstandorts fließen. Nun ist alles vorbereitet für das Debüt hierzulande. Die Vans, mit denen die Lebensmittel verbreitet werden sollen, befinden sich schon im Lager in Mittenwalde und die Mitarbeiter warten auf das „Go“.

Der Lieferdienst startet mit seinem Markteintritt ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant. Interessant ist auch die Summe, mit der man plant. So geht der Lebensmittelzeitung zufolge Oda das Projekt Markteintritt in Deutschland mit weniger Schlagkraft an wie noch 2021 verkündet. Dieses Umdenken passt zur generellen Entwicklung der Online-Supermarkt-Branche. Auch beim digitalen Vollsortiment wird auf die aktuelle Wirtschaftslage geschaut. Das Ende des Corona-Booms, welcher vielen Online-Supermärkten in die Karten spielte, und das schwächelnde Konsumklima lassen die Unternehmen stark auf die Rentabilität gucken.

Oda wartet mit Start von Standort in Bochum

Oda wollte neben dem Standort in Mittenwalde auch in Bochum an den Start gehen. Nun gibt das Unternehmen an, dass man prüfe, wie man mit dem noch nicht fertig gebauten Logistikzentrum in Bochum weitermache. Der Deutschlandchef von Oda, Malte Nousch, verdeutlicht, dass Expansionen in neue Gebiete neben Berlin nicht an erster Stelle stehen: „Wir möchten im nächsten Jahr aus dem Standort Berlin herauswachsen. Neue Gebiete werden wir erst im zweiten Schritt angehen. Wie andere Anbieter im Markt wollen auch wir erst einmal die Profitabilität sicherstellen.“

Wie Nousch erklärt, könnte der Standort in Mittenwalde einen Umsatz von 250 Millionen Euro erwirtschaften und Berlin biete als nahe gelegene Hauptstadt viel Potential. Beliefert werden soll in einem Radius von ein bis zweieinhalb Stunden Fahrtzeit. Die zurückhaltende Expansion von Oda ist nicht nur auf dem deutschen Markt zu beobachten. Wie die Lebensmittelzeitung schreibt, erklärte CEO Karl Munthe-Kaas auf der Finanzierungsrunde die Herangehensweise: „Unsere Vorgehensweise für die weitere internationale Expansion haben wir dem aktuellen Marktumfeld angepasst. Odas Fokus liegt auf profitablem Wachstum in Finnland und Deutschland, bevor wir weitere Märkte erschließen.“

Knuspr verschiebt seine Expansionen

Oda ist nicht der einzige Online-Supermarkt in Deutschland, welcher bei Expansionen auf die Bremse drückt. Der Konkurrent und Online-Supermarkt Knuspr geht einen ähnlichen Weg. Ebenso wie Oda ist Knuspr fokussiert auf den tschechischen Heimatmarkt. Auf Nachfrage der Lebensmittelzeitung erklärt man, dass der Fokus nicht auf einer schnellen Expansion liegt. Wichtiger sei die Perfektionierung des Auto-Store-Systems, die bereits im Lager in Garching durchgeführt wird.

Aktuell ist Knuspr nur in München und Frankfurt aktiv. Eigentlich hatte man bereits im September die Idee, ein Lager mit Auto-Store-Anlage in Hamburg zu eröffnen. Diese Öffnung soll nun erst im Frühling 2023 erfolgen. Auch die anderen Starttermine für Expansionen, wie beispielsweise in Nordrhein-Westfalen, werden sich verschieben.

E-Food Vorreiter ändert Strategie in Großbritannien

Während Knuspr und Oda die Expansionen zurückhaltend angehen oder verschieben, ist von solchen Vorgängen bei REWE nichts zu spüren. Im Gegensatz zu den zwei Online-Supermärkten setzt REWE das Ziel, vier neue Lager für Lieferdienste zu eröffnen, um. Die Lager befinden sich in Frankfurt, Nürnberg, Neuss und nach einer Erweiterung in Berlin. In den kommenden Wochen sollen noch weitere Lageröffnungen realisiert werden.

Keiner dieser neuen Standorte verfügt jedoch über den speziellen Automatisierungsgrad des Kölner E-Food Lagers Scarlett One. Das vor vier Jahren eröffnete Food Fulfillment Center sollte ursprünglich als Blaupause für folgende Lager fungieren. Für eine volle Auslastung benötigt das Lager aber zwischen 110 und 120 Millionen Euro Umsatz.

Wie brisant die Lage ist, hatte Anfang Dezember schon E-Food Vorreiter Ocado in Großbritannien verdeutlicht. Das Unternehmen lässt die Pläne zur Eröffnung zweier automatisierter Lager ruhen. Man änderte der Lebensmittelzeitung zufolge die Strategie wegen der geringen Nachfrage. Die Financial Times berichtete Anfang Dezember, dass der Einzelhändler den Entschluss getroffen habe, den Bau von Zentren im Nordwesten und Südosten Großbritanniens vorerst zu stoppen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

DWN
Unternehmen
Unternehmen Förderprogramm für Azubi-Vermittlung vor dem Aus – trotz offener Ausbildungsplätze
29.09.2026

Viele offene Lehrstellen, viele Jugendliche ohne Perspektive – und trotzdem soll ein bewährtes Förderprogramm für die Azubivermittlung...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldvermögen: Haushalte so reich wie nie - Rekordsumme ungleich verteilt
29.09.2026

Das weltweite Geldvermögen erreicht laut Allianz ein Rekordhoch. Doch der Zuwachs kommt bei Milliarden Menschen nicht an. Die Unterschiede...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Funflation: Warum selbst der Spaß immer teurer wird
29.09.2026

Urlaub, Restaurant oder Hobby: Wer seine Freizeit genießen will, muss immer tiefer in die Tasche greifen. Eine Analyse der Bank of America...

DWN
Politik
Politik Kippt der Länderfinanzausgleich? Union droht bei Linksregierung mit Geldentzug
29.09.2026

Nach dem Wahlsieg der Linkspartei in Berlin könnte diese bald die Regierung anführen. Die CDU- und CSU-geführten Bundesländer drohen...

DWN
Finanzen
Finanzen Reicher Westen, armer Osten: Enorme Vermögensungleichheit verschärft sich 2025
29.09.2026

Am 36. Jahrestag der Wiedervereinigung herrschen enorme Unterschiede bei der Vermögensverteilung: Alleine im Jahr 2025 entfielen 95...

DWN
Politik
Politik Deutschland vergreist: Kinderwunsch sinkt – das sind die Folgen
29.09.2026

In Deutschland sinkt nicht nur kontinuierlich die Geburtenrate, sondern erstmals seit vielen Jahren sogar auch der Wunsch nach eigenen...

DWN
Finanzen
Finanzen Lateinamerika-Aktien: Das Comeback, das kaum jemand auf dem Radar hat
29.09.2026

Jahrelang mieden Anleger Lateinamerika, nun schlägt die Region sogar den S&P 500. Rohstoffe, Banken und überraschend niedrige Bewertungen...

DWN
Politik
Politik Personalie Jens Spahn: Doch kein Comeback im Haushaltausschuss
29.09.2026

Der Skandal um die Leihmutterschaft kostete Jens Spahn seinen Posten an der Spitze der CDU‑Fraktion. Im Haushaltsausschuss wollte er...