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Trotz politischem Rückenwind: Windturbinen-Hersteller machen herbe Verluste

Die Politik fördert die Hersteller von Windturbinen über alle Maßen - und nicht erst im Zuge des Kampfes gegen Russland. Doch die Branche schreibt massive Verluste. Warum?
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20.05.2023 08:31
Aktualisiert: 20.05.2023 08:31
Lesezeit: 5 min

Die Hersteller von Windturbinen sind im letzten Jahr überraschend deutlich in die roten Zahlen gerutscht. Eigentlich sollte die Branche boomen, da die Politik in Europa die Windräder nicht nur massiv fördert, sondern zugleich auch ihre Konkurrenten von Kohle über Gas bis Atomstrom immer noch stärker unter Druck setzt - und das nicht erst im Zuge des Energiekriegs gegen Russland. Doch ein harter Wettbewerb und steigende Kosten sind nicht die einzigen Belastungen der Windradhersteller.

In den USA ist das Gesetz zur Verringerung der Inflation vollgestopft mit Vergünstigungen für erneuerbare Energien, wovon auch die Hersteller von Windturbinen profitieren. Und in Europa haben sich bei einem Gipfel am 24. April im belgischen Ostende neun Staats- und Regierungschefs dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2050 die Offshore-Windkraftkapazität in der Nordsee von heute 100 Gigawatt auf eine Leistung von 300 Gigawatt zu erhöhen. Davon könnten 300 Millionen Haushalte mit Energie versorgt werden, sagte Belgiens Regierungschef Alexander De Croo.

"Mit der Nordsee haben wir das Energie-Powerhouse quasi vor der Haustür", sagte damals Bundeskanzler Kanzler Scholz. Die Nordsee werde schon in kurzer Zeit ein wichtiger Ort der Energieproduktion sein. Konkret wollen die neun Staaten - Deutschland, Belgien, die Niederlande, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Irland, Luxemburg und Großbritannien - bis zum Jahr 2030 Offshore-Windkraftanlagen mit einer Leistung von 120 Gigawatt bauen. Zugleich soll die Produktion von grünem Wasserstoff ausgebaut werden.

Der Ausbau der Offshore-Windenergie in der EU kam zuletzt nur langsam voran. Im letzten Jahr erzeugten die neun Staaten nach Angaben der belgischen Regierung rund 30 Gigawatt Offshore-Windenergie. Etwa 8 Gigawatt kamen aus Deutschland, davon der Großteil aus der Nordsee. Frankreich, Norwegen und Irland wiederum produzierten jeweils deutlich weniger als 1 Gigawatt. Bei dem Gipfel setzten sich die Staaten nun auch nationale Ziele. Deutschland hatte zuletzt bereits angekündigt, mindestens 30 Gigawatt bis 2030 sowie mindestens 70 Gigawatt bis zum Jahr 2045 aus Offshore-Windenergie anzupeilen.

Windturbinen-Hersteller: Schwere Verluste trotz Rückenwind

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte, die Verpflichtung der neun Staaten im April werde "uns den nötigen Rückenwind geben, um den Weg zur Klimaneutralität einzuschlagen". Belgiens Regierungschef De Croo sprach von ambitionierten Zielen. Nun gehe es darum, diese Ziele umzusetzen. "Dies bedeutet, dass wir standardisieren müssen, dass wir besser zusammenarbeiten müssen, dass wir die Lieferketten synchronisieren müssen." Es gehe darum, Europa bei Energiefragen unabhängig zu machen und die Industrie zu halten.

In Anbetracht dieser starken politischen Unterstützung sollten die westlichen Hersteller von Windkraftanlagen eigentlich boomen. Doch die vier größten westlichen Hersteller von Windturbinen - GE Renewable Energy, Nordex, Siemens Gamesa und Vestas, die zusammen etwa 90 Prozent des Marktes außerhalb Chinas beliefern, meldeten für das vergangene Jahr einen Nettoverlust von fast 5 Milliarden Euro bei einem Umsatz von 42 Milliarden Euro. Die Betreiber von Windparks hingegen konnten von den hohen Strompreisen profitierten und erzielten im Schnitt deutlich zweistellige Margen.

In den letzten Wochen meldeten GE Renewable Energy und Nordex für die ersten drei Monaten des Jahres weitere Verluste. Obwohl Vestas, der größte dieser Konzerne, bei einem Umsatz von 2,8 Milliarden Euro einen geringen Nettogewinn von 16 Millionen Euro erzielte, räumte der Vorstandsvorsitzende Henrik Andersen ein, dass die Bedingungen immer noch "schwierig" sind. Am Montag meldete auch Siemens Gamesa Verluste für das Quartal. Denn es werden noch immer Geschäfte abgearbeitet werden, die schlechte Preise enthalten.

Dazu kommen noch immer Probleme mit einem Turbinenmodell. Man werde diese problematischen Projekte noch 12 bis 18 Monate spüren, sagten Siemens-Energy-Konzernchef Christian Bruch und seine Finanzchefin Maria Ferraro. Zwar soll es bei Siemens Gamesa in den kommenden beiden Quartalen besser laufen - das Marktumfeld sei grundsätzlich positiv, betonte Bruch am Montag, und die Probleme, die man noch habe, könne man lösen. Doch die Prognosen für Marge und Gewinn mussten dennoch nach unten angepasst werden.

Woher kommen die Probleme?

In den letzten Jahren haben Vestas und seine Konkurrenten versucht, einander darin zu übertreffen, immer größere Turbinen zu bauen, um den Windparkentwicklern immer billigere Kapazitäten bieten zu können. Hinzu kamen Schwierigkeiten bei der Erlangung der für die Installation der riesigen Windräder erforderlichen Genehmigungen. Der durchschnittliche Verkaufspreis pro Megawatt, das von der Branche bevorzugte Maß, ist von fast 1 Million Euro Mitte der 2010-er Jahre auf etwa 700.000 Euro im Jahr 2020 gesunken, wie der Economist berichtet.

Zwischen der Unterzeichnung eines Vertrags mit einem Windparkentwickler und der tatsächlichen Errichtung der Turbinen und der Bezahlung vergehen durchschnittlich drei Jahre bei Onshore-Projekten und fünf Jahre bei Offshore-Projekten, schätzt Endri Lico von der Beratungsfirma Wood Mackenzie. In letzter Zeit haben die Schwankungen der Weltwirtschaft sämtlich zum Nachteil der Turbinenhersteller gewirkt. Lico nennt etwa Unterbrechungen der Versorgungskette, Mangel an Rohstoffen und Komponenten, Inflation, höhere Zinssätze und geopolitische Spannungen.

Der Wettlauf um die Entwicklung größerer Turbinen könnte die Branche noch länger belasten, meint Thomas Cobet vom Beratungsunternehmen AlixPartners. Die größten Maschinen seien noch keine ausgereifte Technologie. Außerdem könnte sich ihre Wartung für die Turbinenhersteller als kostspielig erweisen. Das wiederum würde die Gewinnspannen des größten Umsatzträgers der Hersteller schmälern. Serviceverträge, bei denen die Betreiber eine vorher festgelegte Gebühr für alles zahlen, von Ersatzteilen bis hin zu kompletten Betriebsprogrammen.

Schicksal der Solar-Industrie vermeiden

Die Branche würde gerne das Schicksal der europäischen Solarindustrie vermeiden, die ihren anfänglichen Vorsprung an die billigere, staatlich subventionierte chinesische Konkurrenz verlor. Denn auch Chinas Turbinenhersteller wachsen schnell und sind profitabel. Das weltweit größte Unternehmen dieser Art ist jetzt Goldwind, das im Jahr 2022 eine Kapazität von 12,5 Gigawatt installierte und damit zum ersten Mal Vestas überholte, während es gleichzeitig einen jährlichen Nettogewinn von rund 340 Millionen Dollar erzielte.

Obwohl die chinesischen Firmen hauptsächlich ihren heimischen Markt beliefern, von dem westliche Unternehmen ausgeschlossen sind, haben sie durchaus auch ausländische Kunden im Visier, vor allem in jenen Ländern, die an Chinas Infrastrukturprojekten im Rahmen der Neuen Seidenstraße (Belt and Road Initiative) beteiligt sind. Umgedreht sind chinesische Hersteller in Europa und den USA zunehmend unerwünscht. Vor allem Europa will sich nicht von chinesischen Windturbinen abhängig machen, sagt Harriet Fox von der Beratungsfirma Ember gegenüber dem Economist.

Doch wenn Vestas und andere westliche Turbinenhersteller ihren Beitrag zur Dekarbonisierung des Kontinents leisten wollen, müssen sie zunächst wieder rentabel werden. Ohne staatliche Hilfen scheint dies derzeit kaum möglich. Im April einigte sich die EU darauf, Genehmigungen für neue Windparks und die dazugehörige Infrastruktur zu erleichtern, indem sie beispielsweise die Schaffung von "Beschleunigungszonen für erneuerbare Energien" ermöglicht, in denen Projekte innerhalb eines Jahres oder weniger genehmigt werden können.

Wind-Industrie hängt am Tropf des Staates

Wir müssen schneller werden", sagte Bundeskanzler Scholz im April. "Bei der Identifikation von Flächen, bei Genehmigungen, beim Bau von Anlagen und Netzen dürfen wir keine Zeit mehr verlieren." Scholz verwies darauf, dass viele Gesetze in der EU und in Deutschland geändert würden, um den Ausbau erneuerbarer Energie anzukurbeln. Der Netzausbau müsse ebenso schnell vorangehen müsse wie der Ausbau. Denn die industriellen Zentren lägen oft nicht an der Küste. "Die Energieleitungen sind Lebensadern Europas", sagte er.

Ebenso wichtig sei die Sicherheit der Infrastruktur in der Nordsee, sagte Belgiens Regierungschef De Croo. Windfarmen, Kabel auf dem Meeresgrund und Pipelines seien anfällig für Sabotage und Spionage. In der gemeinsamen Erklärung vom Gipfel im April hieß es: "Wir betonen, dass die Sicherheit der Energieversorgung und der Kampf gegen den Klimawandel für die Zukunft Europas von entscheidender Bedeutung sind." Man müsse stärker zusammenarbeiten, um eine erschwingliche, sichere und nachhaltige Energieversorgung zu gewährleisten.

In einer Erklärung der für Energie zuständigen Minister hieß es nun unter anderem, dass Deutschland bis 2045 mindestens 66 Gigawatt Offshore-Energie aus der Nordsee gewinnen will. Großbritannien gab als Ziel für 2030 bis zu 50 Gigawatt an, Belgien 8 Gigawatt bis 2040. Luxemburg, das kein Nordsee-Anrainer ist, sagte zu, die geplanten Projekte etwa finanziell zu unterstützen. Rund um den Gipfel verwies Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zudem auf eine Vereinbarung mit Dänemark und den Niederlanden, "um Offshore-Windparks mit einer Leistung von 10 Gigawatt gemeinsam voranzubringen".

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