Politik

UN warnt vor vernachlässigter Flüchtlingskrise in Afrika

Wenn militärische Konflikte in Osteuropa und Nahost die Schlagzeilen beherrschen, gehen Probleme wie die afrikanische Flüchtlingskrise in der Berichterstattung unter. Die Auswertung einer Hilfsorganisation zeigt eine besonders vernachlässigte Region. UN-Vertreter schlagen Alarm.
03.06.2024 09:41
Aktualisiert: 03.06.2024 11:24
Lesezeit: 3 min

Mehr als 26 Millionen Menschen sind allein in West- und Zentralafrika und angrenzenden großen Konfliktstaaten auf der Flucht. Die UN und humanitäre Organisationen schlagen nun Alarm: Die wachsenden Krisen erhielten kaum politische und mediale Aufmerksamkeit und viel zu wenig Finanzierung, um die Not zu lindern. Der Großteil der Menschen sucht innerhalb der eigenen Landesgrenzen Schutz, bei der Verschlechterung der Lage und angesichts knapper Mittel könne sich das aber ändern, wenn den Menschen nicht mehr vor Ort geholfen werden könne, sagte der Regionaldirektor für West- und Zentralafrika des UN-Flüchtlingswerks (UNHCR), Abdouraouf Gnon Kondé, der Deutschen Presse-Agentur.

NCR-Bericht alarmiert

Die Hilfsorganisation Norwegian Refugee Council (NRC) veröffentlichte am Montag ihren jährlichen Bericht, in dem sie die weltweit zehn von Politik, Medien und Gebern am stärksten vernachlässigten Flucht- und Vertreibungskrisen ausmachte. Bis auf eine Ausnahme liegen alle in West- und Zentralafrika oder einem angrenzenden Staat. In den meisten der Länder war der humanitäre Finanzbedarf 2023 NRC zufolge nur höchstens zur Hälfte, oft deutlich weniger, gedeckt. Die Top Ten sind demnach Burkina Faso, Kamerun, die Demokratische Republik Kongo, Mali, der Niger, Honduras, der Südsudan, die Zentralafrikanische Republik, der Tschad und schließlich der Sudan.

Burkina Faso

In dem westafrikanischen Staat mit rund 23 Millionen Einwohnern sind nach UNHCR-Angaben mehr als zwei Millionen Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht. Die meisten finden in anderen Dörfern und Städten Zuflucht, was zu enormem Druck auf die knappen Ressourcen führt. Bis zu zwei Millionen Menschen waren zudem nach Angaben von NRC in Orten gefangen, die unter der Blockade von islamistischen Terrormilizen standen. Bislang spielt sich die Flüchtlingskrise größtenteils im Land ab, doch die Zahl der Burkinabé, die ins Ausland flohen, verdreifachte sich 2023 auf mehr als 148.000 Menschen.

Mali und Niger

Auch Burkina Fasos Nachbarstaaten werden von den Terrormilizen terrorisiert. Alle drei Staaten werden nach Putschen von Militärjuntas regiert. „Die politischen Herausforderungen, die die Geber oder Partner in einigen dieser Länder haben, führen manchmal dazu, dass die humanitäre Hilfe wegen des verfassungswidrigen Charakters des Regimes ausgesetzt wird“, sagt UNHCR-Regionaldirektor Kondé. „Wir sollten die politischen Gespräche und den Dialog trennen und dafür sorgen, dass die Zivilbevölkerung nicht vergessen und nicht allein gelassen wird.“ In Mali zählt das UNHCR zuletzt rund 350.000 aktuell Vertriebene im Land, rund 93.000 Flüchtlinge aus anderen Ländern sowie mehr als 800.000 Malier, die Hilfe bei der Rückkehr benötigen. Im Niger suchen mehr als 400 000 Einwohner sowie mehr als 400.000 Menschen aus anderen Ländern Zuflucht.

Kamerun

Der zentralafrikanische Küstenstaat zählt nach UNHCR-Angaben insgesamt mehr als 1,6 Millionen Menschen, die weiter im Land auf der Flucht sind oder versuchen, in ihre Heimat zurückzukehren. Dazu kommen fast 500.000 Flüchtlinge aus den Nachbarländern. Im Kamerun schwelt seit sieben Jahren ein gewalttätiger Konflikt zwischen dem von französischsprachigen Eliten dominierten Zentralstaat und Separatisten in den englischsprachigen Regionen im Westen an der Grenze zu Nigeria. Dort grenzt das Land auch an den Tschadsee, wo ein durch Klimaveränderungen angeheizter Konflikt mit islamistischen Terrormilizen wie der nigerianischen Boko Haram herrscht.

Zentralafrikanische Republik

In dem Land mit mehr als fünf Millionen Einwohnern sind nach Angaben des UNHCR mehr als 500.000 Menschen auf der Flucht, während weitere 500.000 ehemalige Vertriebene Hilfe bei der Rückkehr benötigen. Rund 70.000 Flüchtlinge kamen aus benachbarten Ländern. Das trotz Diamanten und Gold verarmte Land kommt seit einer Rebellion 2013 nicht zur Ruhe, es kommt immer wieder zu Übergriffen durch bewaffnete Gruppen ebenso wie zu Verbrechen, die russischen Söldnern vorgeworfen werden. „Die chronische Vertreibung beeinträchtigte den sozialen Zusammenhalt in Gemeinschaften und behinderte die Möglichkeit des Wiederaufbaus des Landes“, warnen die NRC-Autoren.

Kongo

Der Osten der Demokratischen Republik Kongo gilt als eine der gefährlichsten Regionen der Welt, seit einem Vierteljahrhundert begehen Dutzende bewaffnete Gruppen hier immer wieder Anschläge. Vielen von ihnen geht es um die Kontrolle strategisch wichtiger Bodenschätze wie Coltan, Kobalt, Gold und Diamanten. Zuletzt eskalierte der Konflikt, mehr als 1,6 Millionen Menschen mussten laut NRC in anderthalb Jahren in den Provinzen Nord-Kivu und Ituri fliehen. Nach UNHCR-Angaben waren im April 7,2 Millionen Menschen im Land als Vertriebene auf der Flucht sowie eine weitere Million im Ausland. Zusätzlich beherbergt das Land mehr als 500 000 Flüchtlinge aus anderen Staaten.

Tschad und Sudan

Der Ausbruch eines Quasi-Kriegs zwischen der Armee und dem mächtigen Paramilitär im Sudan im April vergangenen Jahres stürzte das Land am östlichen Rand der Sahelzone in eine humanitäre Katastrophe. Die UN bezeichnen den Sudan mittlerweile als weltweit größte Vertreibungskrise. Ein Jahr nach dem Ausbruch waren nach UNHCR-Angaben fast neun Millionen Menschen auf der Flucht, darunter 6,8 Millionen im Land und 1,9 Millionen Menschen, die ins benachbarte Ausland geflohen waren. Mehr als 600 000 von ihnen sind im benachbarten Tschad untergekommen, wo bereits zuvor Hunderttausende Sudanesen teils seit 2003 Zuflucht gesucht hatten. Der Tschad beherbergt zudem Flüchtlinge aus anderen Nachbarländern sowie rund 200 000 eigene Binnenvertriebene.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Brady TwinLead: Wenn das Etikett plötzlich mitdenkt

Ein Etikett bleibt am Produkt, doch die Informationen dahinter können sich verändern. Mit TwinLead verbindet Brady physische...

DWN
Politik
Politik Regierungsbildung liegt auf Eis: Schwerdtner bedauert Gesprächspause in Berlin
14.10.2026

Die Gespräche über eine rot-grün-rote Regierung in Berlin liegen auf Eis. Linken-Chefin Ines Schwerdtner hält die Erklärung ihrer...

DWN
Finanzen
Finanzen ASML-Aktie im Fokus: KI-Boom beschert Milliarden-Gewinn – ASML hebt Prognose nach Rekordquartal
14.10.2026

Der niederländische Chipkonzern ASML hat für das dritte Quartal 2026 einen Umsatz von 11,7 Milliarden Euro gemeldet bei fast fünf...

DWN
Technologie
Technologie Trump will KI umbenennen: Experten sind skeptisch
14.10.2026

Donald Trump will künstliche Intelligenz künftig nicht mehr AI, sondern SI nennen. „Super Intelligence“ soll nach seinem Willen die...

DWN
Politik
Politik Gas-Preis könnte auf 90 Euro steigen: Ökonomen warnen vor hartem Winter
14.10.2026

Europa steht vor einem Winter mit hohen Gaspreisen und relativ geringen Lagerbeständen. Experten rechnen nicht mit einer Wiederholung der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland erzielt mit Europas Energiekäufen Einnahmen von rund 322 Milliarden Euro
14.10.2026

Europa will seine Energieabhängigkeit von Russland beenden. Doch trotz Sanktionen fließt weiterhin eine große Menge Kapital nach Moskau....

DWN
Politik
Politik Stoppen, abschwächen, zerschlagen: NATO-Oberbefehlshaber erläutert Reaktion auf einen Angriff
14.10.2026

General Alexus Grynkewich, Oberster Alliierter Befehlshaber der NATO in Europa, hat beim Warsaw Security Forum die „Theorie des Sieges“...

DWN
Finanzen
Finanzen Roboter-Aktien: Investoren sehen Chancen im globalen Robotik-Wettlauf
14.10.2026

Physische KI gilt für viele Techinvestoren als das nächste große Thema an den Aktienmärkten. Mehrere Roboter-Aktien könnten davon...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Sie sollen Palantir beim französischen Geheimdienst ersetzen, jetzt nehmen sie Dänemark ins Visier
14.10.2026

Mehrere europäische Staaten hinterfragen ihre Abhängigkeit von amerikanischer Sicherheitssoftware. Davon will das französische...