Technologie

Capgemini-Studie: EU-Staaten verbessern digitale Behördendienste, doch Barrieren bleiben

Eine Studie des Beratungsunternehmens Capgemini offenbart: 86 Prozent der europäischen Behördendienste sind digital verfügbar, doch Barrierefreiheit bleibt ein Problem. Nur 35 Prozent der Websites erfüllen alle Richtlinien für Zugänglichkeit. Wie ist die Lage in Deutschland?
04.07.2024 07:47
Lesezeit: 2 min

Eine neue Studie zeigt, dass die meisten europäischen Regierungen den Online-Zugang zu persönlichen Daten erleichtern und so die Datensouveränität der Bürger unterstützen.

Laut der Untersuchung des Beratungsunternehmens Capgemini in Paris sind über 86 Prozent der Behördendienste in Europa inzwischen online verfügbar. Doch trotz dieser Fortschritte erfüllen nur 35 Prozent der Websites alle Kriterien der „Web Content Accessibility Guidelines“ (WCAG), was vor allem Nutzern mit Sehbehinderungen Probleme bereitet.

Fortschritte und Herausforderungen

Die Studie im Kontext des „eGovernment Benchmark Report 2024“ umfasst die 27 EU-Mitgliedstaaten, die Länder der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) sowie die sieben EU-Beitrittskandidaten. Der Report bietet einen umfassenden Überblick und umsetzbare Einblicke zur Weiterentwicklung von eGovernment-Diensten in Europa. Der Studie zufolge hat es erhebliche Fortschritte in den vergangenen vier Jahren gegeben. Die Gesamtleistung der 27 EU-Mitgliedstaaten liegt bei 76 von 100 Punkten, eine Steigerung um fünf Punkte im Vergleich zu vor zwei Jahren. Diese Verbesserungen spiegeln sich in der zunehmenden Verfügbarkeit und Qualität digitaler öffentlicher Dienste wider.

Deutschland hat laut Studienergebnissen ebenfalls Fortschritte gemacht und liegt jetzt bei 66 Punkten. Besonders bemerkenswert ist die Bewertung der Nutzerfreundlichkeit digitaler öffentlicher deutscher Dienste, die mit 93 Punkten die höchste Bewertung erreicht. Zudem haben sich die grenzüberschreitenden digitalen Dienste, die es Bürgern ermöglichen, Dienstleistungen in anderen Ländern in Anspruch zu nehmen, von 59 auf 66 Punkte verbessert. „Wir nähern uns dem Meilenstein 2030, den die Europäische Kommission mit ihrem Programm für die digitale Dekade gesetzt hat“, sagt Marc Reinhardt, Leiter für den öffentlichen Sektor bei Capgemini.

Interoperabilität und Nutzerfreundlichkeit

Die Studie zeigt, dass 91 Prozent der von zentralen Regierungsbehörden angebotenen Dienstleistungen online verfügbar sind, während es auf lokaler Ebene nur 71 Prozent sind. Diese Diskrepanz hat sich jedoch in den letzten vier Jahren verringert. Nationale Nutzer haben Zugriff auf 88 Prozent der digitalen Dienste, während es bei grenzüberschreitenden Anfragen nur 56 Prozent sind. Um diese Lücke zu schließen, müssen lokale und regionale Behörden ihre technologische Infrastruktur verbessern.

Interoperabilität, also die Fähigkeit verschiedener Systeme und Organisationen, zusammenzuarbeiten, ist dabei der Schlüssel zur Verbesserung. Bausteine wie elektronische Identität (eID) und elektronische Signaturen (eSignatur) sollen in Behördenwebseiten integriert werden, um einheitliche Dienste in ganz Europa zu ermöglichen. „Es ist ermutigend zu sehen, dass die EU-Länder der Entwicklung resilienter und souveräner digitaler Infrastrukturen Priorität einräumen“, kommentiert Reinhardt.

Bedeutung von Künstlicher Intelligenz und Cybersicherheit

Die Studie verdeutlicht auch, dass 29 Prozent der Portale Live-Support mit Funktionen der Künstlicher Intelligenz (KI) anbieten. Allerdings müssen diese KI-Modelle die Werte der EU widerspiegeln, um den regulatorischen Rahmenbedingungen zu entsprechen.

Der Studie zufolge haben die EU-Länder erhebliche Fortschritte bei der Digitalisierung ihrer Behördendienste gemacht. Dennoch gibt es noch viel zu tun, insbesondere in den Bereichen Barrierefreiheit und Cybersicherheit. „Die Optimierungspotenziale sind erkannt und durch das Bundesministerium des Innern und für Heimat in Bearbeitung“, so Reinhardt über Deutschland.

Umsetzung des „Interoperable Europe Act“

Die Umsetzung des „Interoperable Europe Act“ (Gesetz für ein interoperables Europa) wird als wichtiger Schritt zur weiteren Verbesserung gesehen. Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren bemüht, die Bürokratie abzubauen und die Digitalisierung der Behördendienste voranzutreiben. Trotz dieser Anstrengungen bleibt noch viel zu tun, vorwiegend im Hinblick auf die Effizienz und Zugänglichkeit öffentlicher Dienstleistungen.

Das Gesetz für ein interoperables Europa ist eine Initiative der Europäischen Kommission, die darauf abzielt, die Interoperabilität von IT-Systemen öffentlicher Verwaltungen in der EU zu verbessern. Dies ist entscheidend für den Bürokratieabbau und die Digitalisierung.

In Deutschland sorgen die langsame Umsetzung digitaler Behördendienste, die unzureichende Barrierefreiheit der Webseiten, die mangelnde Interoperabilität zwischen verschiedenen Verwaltungsebenen und die ungenügende Cybersicherheit regelmäßig für Kritik. Trotz Fortschritten bleiben diese Bereiche hinter den Erwartungen zurück und erschweren effiziente Verwaltungsprozesse und den Zugang zu digitalen Diensten.

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Farhad Salmanian

Zum Autor:

Farhad Salmanian arbeitet bei den DWN als Online-Redakteur. Er widmet sich den Ressorts Politik und Wirtschaft Deutschlands sowie der EU. Er war bereits unter anderem für die Sender BBC und Radio Free Europe tätig und bringt mehrsprachige Rundfunkexpertise sowie vertiefte Kenntnisse in Analyse, Medienbeobachtung und Recherche mit.

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