Wirtschaft

Autoindustrie in der Krise: Deutsche Hersteller kämpfen mit sinkenden Gewinnen

Die deutsche Autoindustrie bricht immer mehr ein: Sinkende Verkaufszahlen und Gewinne sowie Arbeitsplatzabbau prägen das Bild. Volkswagen meldet einen Gewinnrückgang um vier Prozent und reduziert die Produktion wegen schwacher Nachfrage nach Elektroautos. Auch teure Nachtschichten wurden gestrichen.
02.08.2024 13:03
Aktualisiert: 02.08.2024 13:20
Lesezeit: 3 min

Sinkende Verkaufszahlen, schrumpfende Gewinne und Stellenabbau: Die Probleme der deutschen Autoindustrie verschärfen sich immer mehr. Volkswagen, BMW, Daimler Truck und der Zulieferer ZF haben die Serie schlechter Nachrichten aus der Branche fortgesetzt und damit auch den Leitindex der deutschen Börse nach unten gezogen.

Der Gewinn des Volkswagen-Konzerns fiel im zweiten Quartal um vier Prozent auf 3,63 Milliarden Euro. Vor allem in China, wo der VW-Konzern gut ein Drittel aller Autos verkauft, schwächelt das Geschäft. Die Erwartungen für das laufende Jahr hatte Europas größter Autobauer bereits im Juli zurückgeschraubt. Neben den Rückgängen im Tagesgeschäft bei den wichtigen Gewinnbringern Porsche und Audi kommen den Konzern die Kosten für den Stellenabbau bei der Kernmarke VW teuer zu stehen. Dafür hat das Unternehmen 900 Millionen Euro zurückgestellt. Sonderaufwendungen von rund 1,3 Milliarden Euro für das mögliche Aus des Audi-Werks in Brüssel folgen voraussichtlich im laufenden dritten Quartal.

Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume sagte in Wolfsburg: „Jetzt geht es um Kosten, Kosten und Kosten. Vor allem für die Marke Volkswagen, aber auch bei allen anderen Marken.“

Wegen der schwachen Nachfrage vor allem nach E-Autos drosselt der Konzern die Fertigung. In Wolfsburg, Emden, Zwickau sowie bei Audi in Ingolstadt und Neckarsulm wurde die Kapazität um ein Viertel gesenkt, teure Nachtschichten wurden gestrichen.

VW-Chef Blume: Haben in China zu kämpfen

Für China ist VW pessimistisch, BMW dagegen vorsichtig optimistisch. Blume sagte, es dürfte dort auch im zweiten Halbjahr schwer bleiben: „In China haben wir dieses Jahr zu kämpfen.“ Im vergangenen Jahr hatte VW dort bereits die Marktführerschaft an BYD abgeben müssen. BMW-Finanzvorstand Walter Mertl sagte in München, die Senkung der Leitzinsen in China und andere Maßnahmen der Regierung in Peking könnten schon im laufenden Quartal zu einer Stabilisierung führen.

Volkswagen rechnet dank neuer Modellen bald mit spürbar besseren Geschäften, „vor allem im vierten Quartal“. Das Umfeld bleibe „herausfordernd“, die vor drei Wochen gesenkten Jahresziele sollten aber erreicht werden, sagte Blume: Vom Umsatz sollen mindestens 6,5 Prozent als Betriebsgewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) übrig bleiben.

Hohe Ausgaben belasten BMW

BMW meldete nach Mercedes-Benz und Audi ebenfalls sinkende Absatz-, Umsatz- und Gewinnzahlen, bekräftigte aber im Gegensatz zur Konkurrenz seine Prognose für das Gesamtjahr. Der Gewinn nach Steuern brach im zweiten Quartal um fast neun Prozent auf 2,7 Milliarden Euro ein. Hauptgrund sind höhere Ausgaben: BMW investiert gerade deutlich mehr Geld für den Neu- und Umbau von Autowerken, neue Batteriefabriken und Modellanläufe. Zugleich steigen die Forschungs- und Entwicklungsausgaben sehr stark. Ab Ende nächsten Jahres sollen im ungarischen Debrecen und in München die ersten E-Autos der „Neuen Klasse“ vom Band laufen, mit ganz neuen Batterien und neuer Software.

BMW verkauft auch mehr als doppelt so viele vollelektrische Autos wie Mercedes-Benz und Audi zusammen - die teuren Batterieautos sind aber noch nicht so profitabel wie die Benziner und Dieselautos. Bei 17 Prozent am BMW-Gesamtabsatz macht sich das bemerkbar. Außerdem hakelt es im Kredit- und Leasinggeschäft: Die Preise für Gebrauchtwagen sinken weiter, Leasingsrückläufer lassen sich weniger gut vermarkten. Zudem ist die Zahl der Kreditausfälle gestiegen.

BMW-Chef Zipse fordert Förderung von eFuels

Vorstandschef Oliver Zipse kritisierte die EU-Kommission wegen ihrer Klimapolitik. Um den CO2-Ausstoß heute und nicht erst in Zukunft stark zu senken, müssten für die große Bestandsflotte der Verbrenner-Fahrzeuge eFuels so schnell wie möglich und in großer Breite gefördert werden. Dazu müsste Brüssel aber auch den Hochlauf CO2-armer Kraftstoffe beschleunigen und den Einsatz praktikabel machen, forderte er.

VW denkt wegen der schwachen Nachfrage nach E-Autos an eine Verlängerung für die Verbrenner-Modelle, wie Blume sagte. Weil die Erwartungen an den Hochlauf zu hoch gewesen seien, müsse man die Flexibilität erhöhen. Möglicherweise werde man sogar noch einmal ein neues Verbrenner-Modell an den Start schicken.

Daimler Truck und ZF senken Prognosen

Der Stuttgarter Lkw-Konzern Daimler kappte nach einem schwachen zweiten Quartal den Ausblick für das laufende Jahr: Der Umsatz werde zwei Milliarden niedriger sein als bisher angepeilt und der Betriebsgewinn (Ebit) nicht steigen, sondern um mindestens 15 Prozent sinken. Vorstandschef Martin Daum kündigte Kurzarbeit in deutschen Werken ab September an. Wie viele Beschäftigte betroffen sind, sei noch offen.

Der große Autozulieferer ZF senkte nach einem Umsatz- und Ergebnisrückgang im ersten Halbjahr seine Umsatzprognose von mindestens 45 Milliarden auf höchstens 43,5 Milliarden Euro. Das Unternehmen geht von einer Eintrübung im zweiten Halbjahr aus. ZF hatte vergangene Woche angekündigt, bis Ende 2028 in Deutschland zwischen 11.000 und 14.000 Stellen zu streichen. Welche der 30 Standorte wie betroffen sind, werde gerade diskutiert, sagte ZF-Chef Holger Klein in Friedrichshafen am Bodensee.

Nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Horváth unter 50 Automobilzulieferern nehmen die Autobauer den Zulieferern bis zu 50 Prozent weniger E-Fahrzeugkomponenten ab als zuvor in Aussicht gestellt. „Die Umstellung auf die Module und Bauteile für E-Fahrzeuge erfordert erhebliche Investitionen und viele Zulieferer haben aufgrund der reduzierten Nachfrage hohe Einbußen bei Umsatz und Ertrag“, sagte Branchenexperte Frank Göller. Wegen der angespannten Lage sei mit weiteren Zusammenschlüssen und Übernahmen zu rechnen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Yen-Intervention erschüttert die EZB und stellt Europas Vertrauen auf die Probe
10.08.2026

Washington stützt den Yen und greift dafür ausgerechnet auf Euro zurück. Dass die EZB erst nach der Intervention informiert wurde,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa erhitzt sich: Wegen sinkender Flüsse werden Kraftwerke gestoppt
10.08.2026

Über Europa zieht bereits die vierte Hitzewelle dieses Jahres hinweg. Die Hitze wird nicht nur mit Tausenden zusätzlichen Todesfällen in...

DWN
Politik
Politik Rente, Haushalt, Wahlen - welche Probleme auf Merz warten 
10.08.2026

Das Regierungsviertel in Berlin döst noch vor sich hin. Doch ein stürmischer Herbst kündigt sich an: Auf den Kanzler warten nicht nur...

DWN
Finanzen
Finanzen Bankenkrise Europa: Krieg wird zur größten Gefahr für das Finanzsystem
10.08.2026

Europas größte Banken halten militärische Konflikte inzwischen für die gefährlichste Bedrohung ihrer Bilanzen. Eine neue Untersuchung...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Unternehmer Stihl vor Tarifrunde: 35-Stunden-Woche nicht mehr zeitgemäß
10.08.2026

Rückkehr zur 40-Stunden-Woche – für dasselbe Gehalt? Nikolas Stihl sieht die 35-Stunden-Woche als Luxus vergangener Tage. Wie seine...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungsmangel treibt Preise: Mieten in Deutschland steigen deutlich
10.08.2026

Für Mieter gibt es weiter kaum eine Atempause: Ihre Wohnkosten ziehen kräftig an. Auch bei den Immobilienpreisen geht es bergauf. Die...

DWN
Finanzen
Finanzen Rüstungsbeschaffung: Top-Ökonom wirft Pistorius falsche Investitionen vor
10.08.2026

Droht das Milliarden-Programm für die Bundeswehr zu verpuffen? Top-Ökonom wirft Pistorius fatale Fehlplanung bei der Rüstungsbeschaffung...

DWN
Politik
Politik Regeln für Familiennachzug zu streng: keine Migrationswende mit der SPD
10.08.2026

Gut ein Jahr nach dem vorläufigen Stopp des Familiennachzugs für Geflüchtete mit eingeschränktem Status hat die SPD-Fraktion die...