Panorama

Von Trödel zum Trend: Secondhand-Markt boomt mit Luxuswaren

Von Vintage-Tops zu Retro-Sneakern: Der Secondhand-Markt wächst weiter. Experten sagen, gerade hochpreisige Artikel sind gefragt. Ein Widerspruch?
11.08.2024 09:06
Lesezeit: 3 min

Wer bei Gebrauchtwaren nur an Wühltische, Kleiderspenden und Flohmärkte denkt, lässt einen wachsenden Trend außen vor: "Der Handel mit gebrauchten Luxuswaren wird überproportional steigen", sagt Christian Wulff von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC. "Unter anderem werden damit Käuferschichten erreicht, die sich Neuware nicht leisten können oder wollen.2

Neben dem Secondhand-Kauf sieht Wulff auch eine weitere Möglichkeit für Luxus auf Zeit: Gerade in den USA lasse sich ein Trend zu Leasing- und Verleihmodellen beobachten. "Nicht nur bei Autos, wie es schon weit verbreitet ist, sondern auch bei Schmuck und Handtaschen", sagt Wulff. "Ich gehe davon aus, dass das Konzept in den kommenden Jahren mehr und mehr nach Deutschland überschwappen wird." Online-Portale spielen demnach eine wichtige Rolle beim An- und Verkauf von gebrauchten Markenartikeln.

Vinted baut Luxussegment aus

Auch die Secondhand-Plattform Vinted baut derzeit ihr Luxus-Angebot aus. Kürzlich übernahm sie die Plattform Rebelle, die vor allem auf Secondhand-Designerartikel spezialisiert war. "Auf Vinted sind Artikel aus höheren Preissegmenten beliebt, sie werden vermehrt eingestellt und auch oft schnell gekauft", sagt Rebelle-Gründerin Cécile Wickmann, nun Leiterin des Bereichs Luxus auf Vinted.

Um einen möglichst sicheren Einkauf zu ermöglichen, bietet Vinted eine Echtheitsprüfung für Designerstücke an. Das koste für Käuferinnen und Käufer zehn Euro. Dabei fliegen immer wieder Fälschungen auf, wie Wickmann berichtet. Generell gilt: "Wenn der Preis zu schön ist, um wahr zu sein, sollte man vorsichtig sein."

Vinted hat kein eigenes Sortiment, sie stellen nur die Plattform, auf der sich Verkäufer und Käufer finden können. Dennoch kann das Portal profitieren, wenn teurere Artikel verkauft werden: "Vinted verdient neben Werbeeinnahmen an der Käuferschutzgebühr. Die beträgt fünf Prozent des Kaufpreises plus 70 Cent", erklärt Wickmann. 2Das Limit für Verkaufspreise auf Vinted liegt bei 30.000 Euro."

Luxus und Secondhand gehen "Hand in Hand"

Für die Beliebtheit teurer Modestücke sieht Thomas Hensel, Professor für Kunst und Designtheorie an der Hochschule Pforzheim, einen Grund: "Gerade Social Media, aber auch viele Serien auf Streaming-Plattformen, befeuern bei jungen Menschen das Verlangen, Teil von dieser Luxuswelt zu sein" Dabei gehe es immer darum, eine Zugehörigkeit zu signalisieren. "Doch viele Menschen können sich die Designerstücke nicht leisten, manche greifen daher auf Fälschungen zurück oder finden eben ein gebrauchtes Teil.", sagt der Professor. Da greife der Spruch "Fake it ´til you make it" (auf Deutsch: Täusche es vor, bis du es schaffst).

Laut Hensel gehen Luxus und Secondhand mittlerweile Hand in Hand: "Luxus kann neben dem hohen Preis unter anderem durch herausragende Qualität definiert werden. Das macht ihn damit auch gut geeignet für einen Weiterverkauf." Dazu lebe Luxus von extremer Verknappung. "Wenn ich nicht auf die exklusive Warteliste des Designerladens komme, bleibt mir nur die Möglichkeit, auf dem Resale-Markt zu schauen."

Das hätten auch die Marken erkannt. "Einige Luxuslabels haben bereits eigene Gebrauchtbörsen gegründet.» Beispielsweise kaufe der Kofferhersteller Rimowa gebrauchte Koffer von seinen Kunden ab, repariere jene unter Umständen und verkaufe sie dann wieder – «natürlich mit hoher Marge", so Hensel. Eine gute Entwicklung, findet er. "Durch die Zweitverwertung von Luxusgütern wird deren Lebenszyklus verlängert. Das Produkt wird nicht in die Tonne getreten, es wird nicht auf die Deponie gemüllt, es entstehen dadurch keine neuen Umweltlasten.2

Auch die neue Filiale der Secondhand-Kette Picknweight in der Stuttgarter Innenstadt erinnert kaum mehr an einen Trödelladen. "Wir kaufen unsere Ware, was bedeutet, dass wir keine Preise anbieten können, die mit denen von Wohltätigkeitsläden vergleichbar sind", sagt Claudia Bolufer, eine Sprecherin der Kette. Ab und an lassen sich auch hier Designerstücke finden. Das Konzept scheint zu laufen, neben Stuttgart wurde kürzlich auch eine zwölfte Filiale in Heidelberg eröffnet. Und es soll nicht die letzte bleiben.

Umweltschützer fordern mehr Aufklärung

Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace begrüßt nach eigenen Angaben die Entwicklung des gesamten Secondhand-Markts in Deutschland. Umweltschützer Thilo Maack sagt jedoch auch: "Der Markt könnte transparenter sein in Hinblick auf Zustand und Herkunft der Kleidung." Zudem solle mehr über die Umweltauswirkungen von Fast-Fashion, wie günstig hergestellte und verkaufte Mode auch genannt wird, aufgeklärt werden. Auch müsse der Export von Secondhand-Kleidung aus Ländern wie Deutschland stärker reguliert werden, fordert der Umweltschützer. Die Organisation plädiert für die Einführung eines "Verursacherprinzips". Demnach sollen Unternehmen weltweit Verantwortung für ihre Produkte entlang des ganzen Lebenszyklus übernehmen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Finanzen
Finanzen Die 54-jährige Lise-Lotte hat mehr als 1,3 Millionen Euro für die Rente gespart – so hat sie es geschafft
27.10.2026

Mit umgerechnet rund 27 Euro im Monat begann Lise-Lotte Helms-Olesen ihre Altersvorsorge. Lange verdiente sie weniger als viele...

DWN
Finanzen
Finanzen Marktbericht: Anthropic-Börsenantrag beflügelt KI-Werte vor anstehenden Tech-Zahlen
26.10.2026

Erfahren Sie, wie eine überraschende Ankündigung die Märkte wieder belebt und welche wegweisenden Ereignisse Anlegern jetzt bevorstehen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Start-ups sammeln 4,5 Milliarden Euro ein – doch das Geld konzentriert sich auf wenige
26.10.2026

Deutsche Start-ups haben im dritten Quartal 2026 so viel Wagniskapital erhalten wie seit Ende 2021 nicht mehr. Doch sechs...

DWN
Politik
Politik Russland soll US-Gasprojekt heimlich geführt und finanziert haben
26.10.2026

Der ehemalige Geschäftsführer eines riesigen amerikanischen Gasexportprojekts im Wert von 25 Milliarden Dollar hat dem russischen...

DWN
Politik
Politik Streit um Starlink: Elon Musk erhebt Vorwürfe gegen die Ukraine
26.10.2026

Elon Musk wirft der Ukraine vor, Starlink für unerlaubte Drohnenangriffe eingesetzt zu haben. Ein entsprechendes Schlupfloch sei...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Lkw-Maut bereits fast ein Fünftel höher: Wo es teurer wird und was 2027 kommt
26.10.2026

Lkw-Maut wird in Europa immer teurer und komplizierter. Neben gefahrenen Kilometern entscheiden zunehmend CO₂-Ausstoß, Fahrzeugklasse...

DWN
Finanzen
Finanzen 10 Europa-Aktien, denen Analysten besonders großes Wachstum zutrauen
26.10.2026

Ich habe mir erneut die Empfehlungen der Analysten angesehen, um Aktien mit dem größten Aufwärtspotenzial zu finden. Diesmal habe ich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Opel Frontera Electric im Test: Viel Komfort, aber kaum Ausdauer
26.10.2026

Viel Platz, hoher Komfort und ein vergleichsweise günstiger Preis: Der Opel Frontera Electric könnte das perfekte Elektro-SUV für...