Finanzen

Ist Gold überbewertet - und wie sollten Anleger reagieren?

Der Goldpreis liegt derzeit nominal und inflationsbereinigt nahe an seinem Allzeithoch. Ist daher ein guter Zeitpunkt, um Gold zu verkaufen?
Autor
12.08.2024 16:01
Lesezeit: 4 min
Ist Gold überbewertet - und wie sollten Anleger reagieren?
Nachdem der Goldpreis im Juli ein Rekordhoch von 2.482 Dollar erreichte, kam es zu Korrekturen, gefolgt von einer Erholung in Richtung 2.500 Dollar (Foto: dpa). Foto: Bet_Noire

Der Goldpreis ist derzeit vergleichsweise hoch. In Euro und US-Dollar liegt er nominal und inflationsbereinigt nahe an seinem Allzeithoch. Etwa kostet eine Feinunze derzeit rund 2200 Euro. Das sind nur 3 Prozent weniger als der Höchststand von 2267 Euro vom 1. August 2024.

Historisch war ein hoher inflationsbereinigter Preis kein gutes Zeichen. „Historisch betrachtet ist es so, dass bei einem hohen realen Goldpreis die inflationsbereinigte Rendite über einen Zeitraum von zehn Jahren im Durchschnitt niedrig ist“, erklärt der Finanzökonom Campbell Harvey von der Duke University in North Carolina gegenüber DWN.

Experten halten Gold weiter für sinnvoll

Campbell rät dennoch nicht pauschal von Gold ab. Er dürfe als Wissenschaftler zwar keine Investmentratschläge geben, erklärt er. Aber: „Letztendlich sollten Anleger ein diversifiziertes Portfolio halten. Dieses Portfolio sollte Sachwerte wie Rohstoffe enthalten und Gold ist ein relativ liquider Rohstoff.“ Die Höhe der Goldquote hänge dabei unter anderem von der Risikotoleranz und dem Anlagehorizont ab.

Auch Hartmut Walz von der Hochschule Ludwigshafen hält Gold grundsätzlich für sinnvoll. Der Preis sei zwar volatil, steige nicht in jeder Krise an und habe manchmal auch über lange Zeiträume von 20 Jahren nicht die Inflation ausgleichen können, schreibt er in einem Blogartikel vom März 2024, als der Goldpreis bereits bei über 2000 Euro lag.

Trotzdem rate er risikobewussten Anlegern zu einem Goldanteil im Portfolio, weil der Preis „zwar nicht immer, aber überwiegend ausgleichend auf die Gesamtperformance wirkt“.

Der Finanzprofessor rät allerdings davon ab, bei Gold auf eine bestimmte Preisentwicklung zu spekulieren. „Spekulativer Umgang mit Goldanlagen (ganz wie auch mit anderen) ist auf keinen Fall zu empfehlen – also keine Gewinnrealisation in der Hoffnung auf späteren Rückkauf zu erhofften günstigeren Preisen.“

Harvey Campbell und sein Co-Autor Claude Erb gehen in einer Untersuchung vom Mai 2024 davon aus, dass der Goldpreis langfristig im Gleichschritt mit der Inflation steigt, also dass die inflationsbereinigte Goldrendite bei null liegt.

Dabei stützen sie sich auf das Buch „The Golden Constant“ des US-Professors Roy Jastram aus dem Jahr 1977. Der Stanford-Ökonom hatte den Goldpreis über fünf Jahrhunderte in den USA und Großbritannien untersucht.

Laut Jastram hat die Rendite seit 1560 stark geschwankt. Immer wieder stieg der Preis rascher als die Inflationsrate, um anschließend deutlich einzubrechen. Über sehr lange Zeiträume näherte sich die Goldrendite aber immer wieder der Teuerungsrate an und konnte die Inflation ausgleichen.

Auf hohe Goldrenditen folgten geringe Goldrenditen

Campbell und Erb berichten dementsprechend in ihrer Untersuchung, dass die Goldrendite gering ausfällt, wenn der inflationsbereinigte Goldpreis hoch ist - wenn also der Goldpreis zuvor rascher gestiegen ist als die Inflationsrate.

Demnach lag das Verhältnis aus nominalem Goldpreis zum US-Verbraucherpreisindex im Jahr 1970 bei knapp 4. Bis Anfang der Achtziger stieg es auf 9. In den anschließenden 20 Jahren war die Goldrendite negativ und das Verhältnis sank bis zu Beginn der 2000er-Jahre auf 2.

Bis Anfang der 2010er-Jahre stieg es auf 8. Im Anschluss folgten wieder negative Renditen und das Verhältnis sank bis auf 5. Ab dem Jahr 2018 zog der Preis erneut an und das Verhältnis stieg auf 8 bis 9.

Zuletzt lag es im März 2024 bei 7,3. Bei einem so hohen Verhältnis sei die reale Goldrendite historisch in den folgenden zehn Jahren negativ gewesen, erklären Campbell und Erb in der Untersuchung.

Laut den beiden Ökonomen könnte es diesmal aber anders sein. Mit China versuche ein wichtiger Wirtschaftsakteur, seine Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern. „Um seiner Währung Glaubwürdigkeit zu verleihen, könnte das Land seine Goldbestände erheblich erhöhen“, erklärt Campbell gegenüber DWN. „Obwohl der reale Goldpreis hoch ist, könnten zusätzliche Goldkäufe Chinas den Preis noch weiter in die Höhe treiben.“

Campbell und Erb schätzen in der Untersuchung, dass der Goldpreis auf 3000 Dollar steigen könnte, wenn China seine Goldreserven um 50 Prozent erhöht. Bei einer Erhöhung um 25 Prozent würde der Preis auf 2600 US-Dollar steigen. Steigen die Goldbestände der US-Gold-ETFs und die chinesische Goldreserve um jeweils 25 Prozent, läge der Preis bei 2800 US-Dollar.

Andere halten den Goldpreis wiederum für relativ gering. Etwa schreibt der Vermögensverwalter Incrementum im „In Gold We Trust Report 2024“, der Goldpreis sei in den vergangenen 60 Jahren übermäßig nach unten geschossen.

Incrementum bezieht sich dabei auf eine eigene Auswertung der Daten von Roy Jastram und der Entwicklung des jüngeren Dollarpreises. „Ein ähnliches Überschießen nach oben käme folglich nicht überraschend.“

Wie hat sich der Goldpreis langfristig entwickelt?

Incrementum geht dabei ebenfalls davon aus, dass Gold langfristig im Gleichschritt mit der Inflation steigt. Roy Jastram habe das in seinem Buch „The Golden Constant“ statistisch nachgewiesen.

Laut DWN-Berechnung lag die reale Goldrendite zwischen 2 und 4 Prozent auf Eurobasis - abhängig vom Startzeitpunkt der Berechnung. Startet man im Jahr 1968, als der Goldmarkt zweigeteilt wurde und es seit langer Zeit erstmals wieder einen freien Marktpreis für das Edelmetall gab, liegt die Rendite bei 3,3 Prozent pro Jahr.

Seit Ende des Bretton-Woods-Abkommens im August 1971, also der faktischen Entkopplung der Währungen von Gold, beträgt die Goldrendite 3,9 Prozent. Seit Anfang 1972 liegt sie bei 4,0 Prozent, seit 1973 bei 3,5 Prozent und seit 1975 bei 2,2 Prozent (zum 31. Mai 2024, jeweils inflationsbereinigt).

Über die vergangenen rund 50 Jahre konnte Gold also die Inflation mehr als ausgleichen. Allerdings gab es in den Achtzigern und Neunzigern einen Zeitraum von über 20 Jahren, in denen Gold schlechter lief als die Inflation. Laut Hartmut Walz bietet Gold daher bloß einen Inflationsschutz über sehr lange Zeiträume.

Wie sollten Anleger reagieren?

Hartmut Walz rät Goldanlegern daher zu einer langfristigen Strategie und warnt vor dem Spekulieren auf einen steigenden oder sinkenden Goldpreis.

Anleger sollten also eine feste Goldquote beibehalten, etwa von 10 Prozent am Gesamtvermögen, und den Anteil nicht aufgrund von Vermutungen über die künftige Preisentwicklung verändern. Im Ruhestand sollten sie Gold sukzessive verkaufen, sobald sie neue Mittel benötigen.

Denn selbst die meisten professionellen Fondsmanager von Rohstoff- oder Goldfonds schaffen es laut Studien nicht, nach Abzug der Anlagekosten besser abzuschneiden als ein Rohstoff-Vergleichsindex.

Zudem wechseln die Outperformer unter den Rohstofffonds laut den Studien ständig. Selbst Profis können also nicht die zukünftige Entwicklung des Goldpreises vorhersehen und höhere Renditen erzielen, als ein Buy-and-Hold-Anleger, der mit Gold nicht spekuliert.

Ein weiteres Problem: Wer physisches Gold verkauft und anschließend wieder kauft, trägt hohe Handelskosten. Die Unterschiede zwischen den Kauf- und Verkaufspreisen summieren sich in der Regel auf 2 bis 3 Prozent und können je nach Marktlage auch höher ausfallen. Diese Verluste müssen Anleger erstmal wieder durch Kursgewinne wettmachen.

Außerdem können beim Verkauf Steuern anfallen, etwa bei einer Haltedauer unter einem Jahr. Wer sehr häufig Gold handelt, könnte zudem nicht mehr unter die Steuerfreiheit fallen, weil das Finanzamt gewerblichen Handel annehmen könnte.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Elias Huber

Elias Huber arbeitet als freier Journalist und Honorar-Finanzanlagenberater. Der studierte Volkswirt schreibt vor allem über die Themen Wirtschaft und Geldanlage. 

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street steigt aufgrund von Hoffnungen auf Iran-Waffenstillstand vor Trump-Ansprache
01.04.2026

Ein plötzlicher Stimmungswandel sorgt für grüne Vorzeichen an den Börsen, doch ein anstehendes politisches Statement könnte alles...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Steigende Spritpreise in Europa: Bekommt das Elektroauto neuen Rückenwind?
01.04.2026

Die stark gestiegenen Kraftstoffpreise rücken Elektroautos und den europäischen Automarkt erneut in den Fokus wirtschaftlicher Debatten....

DWN
Politik
Politik Geht uns der Sprit aus? Deutsche Top-Ökonomin plädiert für Verzicht auf Autofahrten
01.04.2026

Nach Ansicht der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer sollten Verbraucher und Wirtschaft mit Verzicht auf knapperes Öl reagieren:...

DWN
Finanzen
Finanzen Trotz steigender Steuereinnahmen: Kommunen mit Rekordausgaben von 31,9 Milliarden Euro
01.04.2026

Trotz steigender Steuereinnahmen wachsen die Ausgaben der Gemeinden noch schneller. Wofür besonders viel Geld ausgegeben wurde und wie die...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg spitzt sich zu: Erwägt Trump einen Rückzug?
01.04.2026

Die Zustimmungswerte von Präsident Donald Trump sind so niedrig wie seit Beginn seiner zweiten Amtszeit nicht mehr. Das wirkt sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Prognose Wirtschaftsinstitute für 2026: Iran-Krieg halbiert Wachstum und treibt Inflation
01.04.2026

Höhere Spritpreise, höhere Inflation: Ifo und DIW sprechen von einem Energiepreisschock - ausgelöst durch den Iran-Krieg. Sie erwarten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unternehmer Wolfgang Grupp: Was die Biografie über den Ex-Trigema-Chef verrät
01.04.2026

Wolfgang Grupp spricht in einer Biografie offen über Machtkämpfe in der Familie und den Kampf gegen die Altersdepression. Was das neue...

DWN
Immobilien
Immobilien Bauprojekte im Belastungstest: Wie Investoren und Projektentwickler Verzögerungen und Mehrkosten aktiv vermeiden
01.04.2026

Viele Bauprojekte geraten schleichend unter Termin- und Kostendruck, obwohl Controlling und Statusberichte zunächst Stabilität...