Politik

Selenskyj reist mit Bitte um Militärhilfe quer durch Europa

Mit einem Besuchsmarathon quer durch Europa versucht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die letzten Hilfsreserven für den Abwehrkampf seines Landes gegen Russland zu mobilisieren. Heute war er in London, morgen kommt er nach einem Zwischenstopp in Italien nach Berlin.
10.10.2024 17:37
Lesezeit: 3 min

In der britischen Hauptstadt empfing Premier Keir Starmer seinen Staatsgast an der Türschwelle des Regierungssitzes 10 Downing Street. Nach dem Gespräch sagte Selenskyj, dass es bei dem von ihm forcierten sogenannten Siegesplan darum gehe, Bedingungen "für ein gerechtes Ende des Krieges" zu schaffen. Er dankte Großbritannien für die anhaltende Unterstützung bei der Landesverteidigung und sprach dabei konkret auch die Lieferung weitreichender Waffen an. In den vergangenen Wochen hatte der ukrainische Staatschef immer wieder auf eine Freigabe britischer Storm Shadow und vor allem US-amerikanischer Raketen für den Beschuss russischer Militärobjekte und Flugplätze gedrängt, die als Basis für Angriffe auf ukrainische Städte und Infrastruktur dienen. Durch einen russischen Raketenangriff auf Hafeninfrastruktur im Gebiet Odessa am Mittwochabend wurden nach Behördenangaben acht Menschen getötet.

Kiew nicht bereit zur Aufgabe von Gebieten

Unter einem gerechten Kriegsende versteht Selenskyj den Rückzug russischer Truppen aus den besetzten Gebieten. Die ukrainische Staatsführung wies einen italienischen Medienbericht entschieden zurück, wonach sie zu einem Waffenstillstand mit Russland entlang der derzeitigen Frontlinie bereit sei. "Das ist unwahr", sagte Dmytro Lytwyn, Berater und Redenschreiber Selenskyjs, der Agentur Interfax-Ukraine zufolge. Zuvor hatte die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" ohne Quellenangabe geschrieben, dass Selenskyj zu einem Waffenstillstand an der aktuellen Frontlinie bereit sei, ohne diese Linie als offizielle Grenze anzuerkennen. Im Gegenzug solle sich der Westen zu Sicherheitsgarantien und einem schnellen EU-Beitritt der Ukraine verpflichten. "Es gibt sicher kein Konzept eines Austauschs Land gegen Sicherheitsgarantien. Oder andere Tauschformate", kommentierte auch Mychajlo Podoljak, Berater des Präsidialamtschefs Andrij Jermak. "Ohne eine Niederlage Russlands gibt es keine effektiven Sicherheitsgarantien, und niemand wird sie zusagen."

Rutte glaubt an US-Unterstützung für Kiew auch unter Trump

Zusammen mit Starmer traf Selenskyj in London zudem den neuen Nato-Generalsekretär Mark Rutte. Rutte hatte erst vor einer Woche bei seinem Antrittsbesuch in Kiew Selenskyj die weitere Unterstützung des westlichen Militärbündnisses zugesichert. In London wies Rutte Befürchtungen zurück, die Ukraine werde bei einem Sieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen die Hilfe ihres wichtigsten militärischen Verbündeten verlieren. Auch Trump verstehe, dass es bei dem Kampf der Ukraine auch "um die Sicherheit und die zukünftige Sicherheit der Vereinigten Staaten" gehe, sagte Rutte. Selenskyjs Stippvisite in London ist Teil einer Reise durch mehrere europäische Hauptstädte, nachdem der eigentlich für Samstag geplante Ukraine-Solidaritätsgipfel in Ramstein verschoben wurde. Noch am Nachmittag flog Selenskyj nach Paris weiter. Dort erwartet ihn Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zu Gesprächen im Élyséepalast.

Am Freitag wird Selenskyj in Berlin erwartet

Danach soll er nach Rom für einen Abendtermin mit der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni weiterreisen. Am Freitag steht nach Angaben des Vatikans eine Audienz bei Papst Franziskus auf der Agenda. Der Vatikan hatte bereits bei Gefangenenaustauschen zwischen Moskau und Kiew vermittelt. Im Anschluss daran kommt Selenskyj nach Berlin. Dort wird er von Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfangen. Hauptthema bei allen Gesprächen dürfte wie in London die Bitte nach weiterer Militärhilfe und nach der Freigabe weitreichender Waffen für Angriffe auf russischem Territorium sein. Besonders benötigt werden in der Ukraine weiterhin Flugabwehrwaffen, um die von Russland systematisch beschossene Energieinfrastruktur besser zu schützen. Die Schläge gegen die Flugplätze sollen zudem Russland die Führung des Bombenkriegs erschweren. oskau setzt die Gleitbomben nicht nur gegen Städte ein, sondern auch zur Zerstörung gut ausgebauter Verteidigungsstellungen der ukrainischen Streitkräfte. Bislang hat Kiew kein Mittel gefunden, diese Luftüberlegenheit zu brechen.

Ukraine unter Druck

Auch deshalb stehen die ukrainischen Truppen im Osten des Landes an der Front stark unter Druck. Das russische Militär nutzt sein derzeitiges Übergewicht an Personal und Material für ein Vorrücken speziell im Gebiet Donezk. Anfang Oktober musste die ukrainische Armee die strategisch wichtige Stadt Wuhledar aufgeben. Die zur Festung ausgebaute Bergarbeitersiedlung war seit Kriegsbeginn schwer umkämpft. Bei den Versuchen, Wuhledar einzunehmen, erlitten russische Truppen im Kriegsherbst und -winter 2022/23 empfindliche Verluste. Mit dem Fall der Stadt eröffnet sich den russischen Truppen auch von Süden her ein Weg nach Kurachowe. Diese Stadt galt neben Pokrowsk zuletzt als eine der Hauptstoßrichtungen des Moskauer Militärs. Den Vormarsch von Osten her konnten die Ukrainer zuletzt verlangsamen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Warum Unternehmen um jede Minute kämpfen

Im Internet ist Geld nicht länger die einzige Währung. Eine ebenso große Rolle spielt die Währung Aufmerksamkeit. Wer im Überfluss an...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik US-Inflation außer Kontrolle? Warum Amerikas Wähler die Geduld verlieren
19.07.2026

Die offiziellen Wirtschaftsdaten wirken solide, doch viele Amerikaner empfinden ihre finanzielle Lage als zunehmend bedrückend. Bidens...

DWN
Unternehmen
Unternehmen BMW-Werksleiter Schröder: Wie ein Maschinenbauingenieur erfolgreich durch turbulente Jahre führt
19.07.2026

Der Leiter des BMW-Werks in Dingolfing, dem größten in Europa, setzt auf die Qualifikation der Mitarbeiter, was sich in der stetig...

DWN
Finanzen
Finanzen Gefällt Dir das Produkt? Dann kaufe die Aktie!
19.07.2026

Früher war Aktienauswahl oft erstaunlich einfach: Wer ein Produkt mochte und verstand, investierte auch in das Unternehmen dahinter. Doch...

DWN
Finanzen
Finanzen Die zehn reichsten Deutschen – und der Vergleich zu Elon Musk
19.07.2026

Deutschlands reichste Menschen sind Unternehmer und Erben von Unternehmern, deren Firmen weltweit Milliarden Euro umsetzen. Gründer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Japan: Der Feind ist nicht das Elektroauto, der Feind ist der Kohlenstoff
19.07.2026

Autos aus diesem asiatischen Land stehen ganz oben auf der Wunschliste potenzieller Käufer. Zu den Stärken der Branche zählen die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niedrige Geburtenrate: Warum weniger Kinder die Wirtschaft produktiver machen könnten
19.07.2026

Weniger Kinder, weniger Arbeitskräfte, weniger Wachstum: Diese Rechnung klingt logisch, könnte aber falsch sein. Eine neue Studie zeigt,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hackergruppen 2026: Diese Cyber-Elite greift Deutschlands Unternehmen an
19.07.2026

Sie knacken nicht nur Passwörter, sondern manipulieren Helpdesks, missbrauchen Fernzugriffe und stehlen sogar biometrische Daten. Die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Von Bauunternehmen bis hin zu Energieversorgern: Das sind die unerwarteten Gewinner des KI-Booms
19.07.2026

Für zahlreiche Unternehmen aus klassischen Industriezweigen – von Bergbauunternehmen bis hin zu Herstellern von Kühlsystemen – hat...