Unternehmen

Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG): Diese neuen Pflichten kommen auf Händler zu

Ab Juni 2025 müssen Online-Shops barrierefrei sein – sonst drohen Abmahnungen und hohe Bußgelder. Doch was genau bedeutet das sogenannte Barrierefreiheitsstärkungsgesetz für Händler? Welche Änderungen sind Pflicht und welche Ausnahmen gibt es? Dieser Artikel zeigt, was Unternehmer jetzt wissen müssen.
23.03.2025 12:27
Lesezeit: 3 min
Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG): Diese neuen Pflichten kommen auf Händler zu
Ab Juni 2025 wird Barrierefreiheit für Online-Shops Pflicht – wer nicht handelt, riskiert Abmahnungen und Bußgelder (Foto: dpa). Foto: Marijan Murat

Barrieren im Online-Handel: Warum viele Menschen ausgeschlossen werden

Der digitale Handel hat das Einkaufsverhalten grundlegend verändert. Produkte und Dienstleistungen sind heute nur einen Klick entfernt – theoretisch für alle zugänglich. Doch in der Praxis sieht es anders aus: Technische Barrieren schließen Millionen Menschen aus. „30-Prozent der Bevölkerung erleben Barrieren im digitalen Raum“, warnt die Organisation Aktion Mensch. Besonders betroffen sind Menschen mit Sehschwächen, motorischen Einschränkungen oder kognitiven Beeinträchtigungen – für sie wird Online-Shopping schnell zur Hürde.

Lisa, die eine Sehbehinderung hat, will sich online neue Schuhe bestellen. Doch die Seite stellt sie vor unerwartete Probleme: Die Schrift ist zu klein, der Kontrast zu schwach, der Screen-Reader scheitert. Frustriert gibt sie auf.

Auch Menschen mit Lernschwierigkeiten stoßen auf Hindernisse. Inga Schiffler, Dolmetscherin für Leichte Sprache, berichtet von Betroffenen, die Angst haben, versehentlich etwas falsch anzuklicken – oder unbewusst doppelt zu bestellen, weil sie nicht bemerken, dass sich bereits Produkte im Warenkorb befinden.

Ab Juni 2025: Barrierefreiheitsstärkungsgesetz kommt – hohe Strafen bei Missachtung!

Um diese Hürden abzubauen, tritt das neue Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) in Kraft. Ab dem 28. Juni 2025 sind Unternehmen verpflichtet, ihre digitalen Angebote barrierefrei zu gestalten. Webseiten und Apps müssen dann für alle Menschen problemlos nutzbar sein – egal ob mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen.

Wer nicht rechtzeitig handelt, riskiert Abmahnungen und Bußgelder bis zu 100.000 Euro (§ 37 BFSG). Da das BFSG als Marktverhaltensregelung nach § 3a UWG gilt, können Wettbewerber gezielt gegen nicht konforme Online-Shops vorgehen – mit teuren Konsequenzen für betroffene Unternehmen.

Wer muss handeln? Gilt das Gesetz für alle Unternehmen?

Das BFSG gilt für alle Unternehmen, die Produkte oder Dienstleistungen online an Verbraucher (B2C) verkaufen.

Eine Ausnahme gibt es für Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz unter 2 Millionen Euro. Ein kleiner Friseursalon, der Pflegeprodukte verkauft oder Terminbuchungen anbietet, muss seine Website also nicht zwingend anpassen – solange er unter dieser Grenze bleibt. Doch für alle anderen reicht bereits die Möglichkeit, eine Bestellung online aufzugeben, damit das Gesetz greift

Die Verpflichtung zur Barrierefreiheit gilt insbesondere für:

  • Online-Shops, in denen Bestellungen möglich sind.
  • Digitale Plattformen, die Verbraucherdienstleistungen anbieten.
  • Apps von Handelsunternehmen, über die Produkte verkauft oder Buchungen abgewickelt werden.

B2B-Unternehmen sind grundsätzlich ausgenommen – aber Vorsicht: Wer nicht klar erkennbar macht, dass sein Angebot ausschließlich für Geschäftskunden bestimmt ist, kann trotzdem unter die Regelung fallen. Ein kostenloser BFSG-Check hilft Unternehmen zu prüfen, ob sie betroffen sind.

So werden Online-Shops barrierefrei: Maßnahmen für Händler

Die gute Nachricht: Online-Händler müssen ihre Webseiten nicht komplett neu aufbauen. Meist reichen gezielte Anpassungen, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen. Das BFSG schreibt vor, dass Schriftgrößen und Kontraste anpassbar sein müssen, damit Menschen mit Sehschwächen Inhalte leichter lesen können. Screen-Reader-Kompatibilität ist essenziell, damit blinde oder sehbehinderte Nutzer sich Texte und Navigationselemente vorlesen lassen können.

Auch audiovisuelle Inhalte müssen barrierefreie Alternativen bieten – etwa Transkripte oder Audiobeschreibungen. Eine intuitive Navigation sorgt dafür, dass auch Menschen mit motorischen Einschränkungen Webseiten problemlos nutzen können.

Bei größeren Umstellungen ist eine frühzeitige Planung entscheidend. Ein Relaunch kann sinnvoll sein, um veraltete Strukturen zu modernisieren. Ein Barrierefreiheits-Test mit spezialisierten Tools oder Testpersonen hilft, Schwachstellen aus der Sicht Betroffener aufzudecken und zu verbessern.

Barrierefreiheitsstärkungsgesetz als Chance: Mehr Kunden, bessere Sichtbarkeit

Doch Barrierefreiheit bedeutet mehr als nur technische Anpassungen – sie kann ein Wettbewerbsvorteil sein. Studien zeigen, dass barrierefreie Websites bis zu 35-Prozent bessere Nutzererfahrungen bieten. Eine klare Navigation, bessere Lesbarkeit und ein reibungsloser Bestellprozess machen das Einkaufserlebnis für alle Kunden angenehmer. Das senkt die Absprungrate und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Besucher tatsächlich einen Kauf abschließen. Je zugänglicher die Seite, desto höher die Umsätze.

Auch Google bevorzugt barrierefreie, gut strukturierte Webseiten, was bessere Rankings bedeutet. Wer frühzeitig auf Barrierefreiheit setzt, verbessert also auch die eigene Sichtbarkeit im Netz. Zudem erschließen sich neue Märkte: In Deutschland leben 13 Millionen Menschen mit Behinderungen, weltweit sind es 1,3 Milliarden. Unternehmen, die ihre digitalen Angebote anpassen, erweitern ihre Zielgruppe und steigern ihre Markenreichweite.

Jetzt handeln und Unterstützung sichern

Zahlreiche Förderprogramme erleichtern die Umstellung. Die KfW sowie verschiedene Bundesländer bieten Zuschüsse und Kredite für barrierefreie Web- und IT-Projekte. Nordrhein-Westfalen beispielsweise fördert Unternehmen mit dem Programm „Mittelstand Innovativ & Digital“ mit bis zu 40.000 Euro. Sichern Sie sich jetzt finanzielle Unterstützung und machen Sie Ihren Online-Shop fit für die Zukunft.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

avtor1
Anika Völger

Freie Wirtschaftsjournalistin, Autorin, Bankkauffrau, Verwaltungswirtin, Dozentin für Recht. Anika Völger verbindet juristisches und wirtschaftliches Fachwissen mit journalistischer Klarheit. Die Hannoveranerin ordnet wirtschaftliche und politische Entwicklungen ein, analysiert rechtliche Zusammenhänge und erklärt Wirtschafts-, Finanz-, Technologie- und Kryptothemen für ein breites Publikum. Sie schreibt u. a. für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, für Kanzleien sowie für Finanz- und Technologieunternehmen.
DWN
Unternehmen
Unternehmen Uber-Robotaxis in Deutschland: Erst Stellen streichen, dann Jobs versprechen
10.10.2026

Uber streicht Tausende Stellen und verspricht gleichzeitig neue Arbeitsplätze in Deutschland. Was widersprüchlich klingt, folgt einer...

DWN
Finanzen
Finanzen Revolut-Bank greift an: Dieser Fintech-Riese will Europas Banken überholen
10.10.2026

Die Revolut-Bank wächst in einem Tempo, von dem klassische Geldhäuser nur träumen können: fast 70 Millionen Kunden, Milliardenbewertung...

DWN
Technologie
Technologie KI-Prompts für Marketing und Vertrieb: 7 KI-Vorlagen für KMU und Selbstständige
10.10.2026

Fast jedes zweite kleine Unternehmen sieht noch keinen echten Nutzen in KI – dabei liegt der Unterschied oft nur im richtigen Prompt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dacia Sandero Stepway: Europas Bestseller hat ein Sicherheitsproblem
10.10.2026

Europas meistverkauftes Auto kommt nicht von Volkswagen, Toyota oder Peugeot, sondern von Dacia. Der Sandero Stepway punktet mit enormer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kingspan Group-Aktie unter Druck: EU greift nach geplatztem Deal durch
10.10.2026

Ein geplatzter Milliardendeal? Nein, ein gescheiterter Firmenkauf mit teuren Folgen. Weil der irische Baustoffkonzern Kingspan die...

DWN
Politik
Politik Marine Le Pen plant finanzpolitischen Kurs mit großen Einsparungen: Auf den Straßen wächst die Wut
10.10.2026

Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Während Zehntausende junge Menschen gegen marode Schulen und fehlende Investitionen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Generation Z trifft auf Generation X: Wie ein Eiskaffee zum Karrierekiller werden kann
10.10.2026

Ein Eiskaffee beim Bewerbungsgespräch sollte eigentlich keine große Sache sein. Doch für manche Personalverantwortliche verrät der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB-Leitzinsen: Die Zinswende kommt anders als erwartet
10.10.2026

Erst schien die nächste Zinserhöhung der EZB fast sicher, jetzt rudern die Finanzmärkte zurück. Trotz hartnäckiger Inflation und...