Politik

Deutschland vor dem Absturz – Kann Merz die Wirtschaft noch retten?

Die deutsche Wirtschaft taumelt – Investitionen versanden in Bürokratie, Fachkräfte fehlen, die Industrie verliert an Schlagkraft. Während die Regierung Milliarden verspricht, droht der Stillstand zur neuen Normalität zu werden. Ist der Abstieg bereits besiegelt?
30.05.2025 16:03
Lesezeit: 3 min
Deutschland vor dem Absturz – Kann Merz die Wirtschaft noch retten?
Frühestens 2027 könnte das Konjunkturprogramm in vollem Umfang wirken – zur Halbzeit der Amtsperiode von Kanzler Friedrich Merz. (Foto: dpa | Michael Kappeler) Foto: Michael Kappeler

Trübe Aussichten trotz ambitionierter Pläne

Die neue Bundesregierung in Berlin will der kriselnden deutschen Wirtschaft mit schnellen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung neuen Schwung verleihen. Doch die strukturelle Tiefe der Krise lässt kaum Hoffnung auf eine rasche Erholung zu. Ökonomen betonen: Es braucht Zeit – und ein hohes Maß an Disziplin bei der Umsetzung der wirtschaftspolitischen Agenda.

Im vergangenen Jahr mussten in Deutschland mehr Unternehmen schließen als während der großen Finanz- und Wirtschaftskrise 2011. Besonders hart traf es energieintensive Industrien – getrieben von explodierenden Strompreisen. Hinzu kamen Insolvenzen aufgrund des zunehmenden Mangels an Arbeitskräften und Fachpersonal in einer alternden Gesellschaft. Gleichzeitig erwies sich die ausufernde Bürokratie als massives Wachstumshemmnis.

Obwohl die Bundesregierung zügige Resultate anstrebt, zeichnet der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – auch bekannt als die „Fünf Weisen“ – in seinem Frühjahrsgutachten ein ernüchterndes Bild: Die Experten warnen vor einer „langen Phase wirtschaftlicher Stagnation“. Ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im Jahr 2025 wurde jüngst auf null Prozent nach unten korrigiert – noch im November war man von einem BIP-Zuwachs von 0,4 Prozent ausgegangen.

Für 2026 wird ein leichtes Wachstum von 1 Prozent erwartet. Doch selbst das ist mit Unsicherheiten behaftet – ob Deutschland mittelfristig wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad einschwenken kann, bleibt fraglich.

Ein zentraler Belastungsfaktor ist der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Die Zeiten des deutschen Wirtschaftsmodells – billige Energie, hohe Ingenieurskunst, weltweite Nachfrage – scheinen spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 vorbei. Die Abkopplung von russischem Erdgas hat das Fundament der Industrieproduktion massiv erschüttert.

Bürokratie, Trump-Zölle und ein schwerfälliger Apparat

Auch strukturelle Probleme im Inland wie komplexe Genehmigungsverfahren und regulatorischer Wildwuchs bremsen das Wachstum. Hinzu kommt die protektionistische Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump: Seine Zölle gefährden das globale Wachstum – besonders aber das exportorientierte deutsche Wirtschaftsmodell.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant deshalb bis Mitte Juli mehrere Entlastungsmaßnahmen: Der Strompreis soll gesenkt, die Arbeitsmarktregulierung reformiert und die Unternehmensbesteuerung reduziert werden. „Das nächste Jahrzehnt muss ein Jahrzehnt der Infrastrukturinvestitionen werden – in Brücken, Energie, Speicher, maritime Anlagen und Telekommunikation“, sagte Reiche gegenüber CNBC. Dafür brauche es „Tempo, Investitionen und auch privates Kapital“.

Gleichzeitig fordert der Sachverständigenrat ein realistisches Zukunftsbild: Arbeitsplätze, die langfristig nicht überlebensfähig sind, sollten nicht künstlich erhalten werden.

Investitionspaket mit Risiken

Die Regierungsparteien – CDU, CSU und SPD – haben ein umfassendes Investitionspaket angekündigt. 500 Milliarden Euro sollen binnen zwölf Jahren in marode Infrastruktur fließen, ein weiterer gleich hoher Betrag ist für die Aufrüstung der Bundeswehr vorgesehen. „Wenn das Geld richtig eingesetzt wird, kann es Deutschlands Wachstum erheblich befördern“, so der Ökonom Achim Truger. Doch er warnt: Nur bei tatsächlicher Umsetzung könne ein positiver Effekt entstehen.

Die Gefahr: Die Regierung könnte Teile der Mittel zur Erfüllung populistischer Wahlversprechen zweckentfremden – etwa für Rentenerhöhungen, Diesel-Subventionen oder Steuersenkungen für die Gastronomie.

Wegen langwieriger Vergabeverfahren und Planungsbürokratie – vergleichbar mit anderen hochentwickelten Staaten – wird ein spürbarer Effekt frühestens 2026 erwartet. Der Infrastrukturfonds dürfte erst gegen Jahresende greifen. Frühestens 2027 könnte das Konjunkturprogramm in vollem Umfang wirken – zur Halbzeit der Amtsperiode von Kanzler Friedrich Merz.

Gleichzeitig warnen Ökonomen vor Überhitzung: Rüstungs- und Bauindustrie sind bereits ausgelastet. Zusätzliche Aufträge könnten Preissteigerungen und Inflation anheizen. Zinszahlungen auf neue Schulden drohen die Haushalte langfristig zu belasten. Bis 2037 könnte der Schuldendienst so hoch steigen, dass neue Kredite lediglich zur Bedienung der Zinsen verwendet würden.

Bürokratie als teures Hindernis

Trotz zahlreicher politischer Ankündigungen sind die bürokratischen Belastungen für Unternehmen bisher kaum gesunken. Das Münchener ifo-Institut beziffert die jährlichen Bürokratiekosten auf rund 150 Milliarden Euro. Laut Koalitionsvertrag sollen diese Ausgaben um ein Viertel reduziert werden – durch Vereinfachung komplexer Gesetze.

Die Wirtschaftsexperten sprechen in ihrer Lageeinschätzung von einem Zustand „zwischen Hoffnung und Sorge“.

Hoffnungsschimmer mit Fragezeichen

Ein Hoffnungsschimmer kam jüngst aus der Konjunkturstatistik: Im ersten Quartal 2025 legte das deutsche BIP gegenüber dem Vorquartal um 0,4 Prozent zu – nach einem Rückgang um 0,2 Prozent im vierten Quartal 2024. Getragen wurde das Wachstum von Exporten und industrieller Fertigung.

Laut einer Analyse der ING Bank hat ironischerweise Donald Trump diesen Effekt begünstigt: Die Sorge vor neuen Zöllen habe dazu geführt, dass Importeure frühzeitig ihre Lager füllten – was Deutschlands Export beflügelte. Dennoch sehen die Analysten den Anstieg als temporären Sondereffekt.

Zwischen geopolitischer Unsicherheit und fiskalischer Chance

„Die deutsche Wirtschaft steht zwischen zwei Großveränderungen: Einer neuen Regierung ohne klare Strukturreform-Ambitionen, aber mit beispiellosem fiskalischem Spielraum – und fundamentalen Umbrüchen im Welthandel, etwa durch US-Zölle“, so die ING-Analyse.

Chefvolkswirt Carsten Brzeski sieht kurzfristig mehr Risiken als Chancen: „Die Zollkriege seit Anfang April hinterlassen Spuren – trotz 90-tägiger Pause sind die Zölle höher als zu Jahresbeginn. Dazu kommen Unsicherheit und Vertrauensverlust.“

Dennoch bleibt er langfristig verhalten optimistisch: Richtig eingesetzte Infrastrukturinvestitionen könnten eine zyklische Erholung ermöglichen. Allerdings: „Ohne strukturelle Reformen bleibt das Wettbewerbsproblem ungelöst. Infrastruktur alleine schafft keine Innovation, keine Branchenmodernisierung und keine neuen Wachstumsmotoren.“

Die zentrale Herausforderung der neuen Bundesregierung: In Zeiten globaler Unsicherheit Vertrauen zu schaffen – im Inland wie international. Die Erwartungen sind hoch.

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