Wirtschaft

Weltwirtschaft vor dem Kollaps? Chefanalyst schlägt Alarm

Die Märkte taumeln, die Weltordnung wankt – und die Politik liefert die Brandbeschleuniger gleich mit. Ein SEB-Analyst warnt: So viel Unsicherheit war seit dem Fall der Berliner Mauer nicht mehr. Doch diesmal fehlt der Hoffnungsschimmer.
17.07.2025 16:04
Lesezeit: 2 min
Weltwirtschaft vor dem Kollaps? Chefanalyst schlägt Alarm
Das letzte einschneidende Erlebnis dieser Art war der Fall der Berliner Mauer. (Foto: dpa | Ralf Hirschberger) Foto: Ralf Hirschberger

Drei Brandherde und kein Feuerlöscher in Sicht

Johan Javeus, Chefanalyst der SEB-Bankengruppe, benannte zentrale Probleme, mit denen sich die Weltwirtschaft und die Märkte derzeit konfrontiert sehen. Trotz der wachsenden Unsicherheit erwähnte er auch einige positive Aspekte, berichtet das Wirtschaftsportal Verslo žinios.

Der Experte, der am vergangenen Wochenende beim Investorenfestival nahe Tallinn sprach, betonte: Derzeit erleben wir die größte Unsicherheit der vergangenen drei Jahrzehnte. Die Lage werde dadurch erschwert, dass die Gefahren aus drei verschiedenen Quellen drohen: der Abschwächung des Konjunkturzyklus, einer möglichen Technologiespekulationsblase und einer neuen Weltordnung. Letztere sei ein besonders seltenes Phänomen.

„Meiner Meinung nach geschah das zuletzt in den 1990er-Jahren, als die Berliner Mauer fiel und die baltischen Staaten unabhängig wurden. Damals war dies ein positiver Wandel, der die Globalisierung stärkte – und das war für die Märkte sehr vorteilhaft“, sagte J. Javeus und betonte: Heute seien die Veränderungen negativ, der Protektionismus nehme zu. Der Analyst lieferte auch konkrete Zahlen: Demnach liegt das aktuelle Niveau der US-Importzölle bei etwa 10 %. Zuletzt erreichten sie diesen Stand in den 1940er-Jahren. In der Folge sei der Unsicherheitsindex für Handelspolitik stark gestiegen. „In den letzten Monaten ist dieser Index jedoch gesunken. Wissen Sie, warum? TACO!“, sagte er und verwies darauf, dass die Märkte zuletzt von der Hoffnung leben, dass Donald Trumps Worte und Taten nicht übereinstimmen. Tatsächlich sei sogar ein Begriff dafür entstanden: TACO („Trump Always Chickens Out“) – Trump mache letztlich immer einen Rückzieher.

Weitere Herausforderungen

Doch es gibt noch andere Hürden, die das Wirtschaftswachstum ausbremsen könnten – etwa die Staatsverschuldung. Während deren Höhe nicht zwingend gefährlich sei, könnten die Kosten des Schuldendienstes die wirtschaftliche Entwicklung stark hemmen. Javeus präsentierte Daten, wonach die USA derzeit etwa 3,5 % ihres BIP für Schuldendienst aufwenden – in zehn Jahren könne dieser Anteil auf über 6 % steigen. Gleichzeitig warnte der Analyst davor, das Schlimmste – etwa einen Zahlungsausfall der USA – zu erwarten. „Die US-Schulden sind in Dollar denominiert. Und die USA können so viele Dollar drucken, wie sie wollen“, erklärte der Experte, merkte aber an: Dies könne Folgen haben – zum Beispiel Inflation. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass der Dollar zuletzt gegenüber anderen Währungen stark abgewertet habe. Auch wenn es noch zu früh sei, vom Verlust seines Status als Leitwährung zu sprechen, hätten Europa und der Euro langfristig durchaus das Potenzial, einige Funktionen des Dollar zu übernehmen.

Innovationen werden die Welt retten

Trotz allem lenkte Javeus die Aufmerksamkeit auf einen Hoffnungsschimmer: Auch inmitten der Unsicherheit gedeihe der Fortschritt. „Und das sind gute Nachrichten.“ Er erinnerte daran, dass im frühen 19. Jahrhundert Telegraf und Dampfmaschine viele wirtschaftliche Abläufe revolutionierten. Spätere Technologieschübe senkten Lieferzeiten und -kosten. In unserem Zeitalter habe das Internet den Welthandel auf ein neues Niveau gehoben. „All dies hat die Globalisierung beschleunigt“, so Javeus über die positive Wirkung neuer Technologien auf die Märkte. Heute habe die Künstliche Intelligenz (KI) das Potenzial, neuer Wachstumsmotor der Weltmärkte zu werden – sie könne Kosten senken, das Wachstum fördern und protektionistische Hürden überwinden. Doch im KI-Sektor, so der Experte, seien auch erste Überhitzungs- und Blasenanzeichen erkennbar. Möglicherweise sei diesmal tatsächlich alles anders. „KI hat enorme Auswirkungen auf uns und die Wirtschaft. Sie steigert die Produktivität und kurbelt das Wachstum an, ohne die Inflation anzutreiben. Genau dieses Potenzial verspricht uns diese fantastische Erfindung“, resümierte der Analyst.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Tech-Ausverkauf setzt sich fort, während der Ölpreis nachgibt
24.06.2026

Spannung an der Wall Street: Welche Sektoren jetzt unter Druck geraten und wo sich neue Chancen auftun.

DWN
Politik
Politik Gipfeltreffen E5: Europäer sichern Ukraine anhaltende Unterstützung zu
24.06.2026

Die Europäer wollten in Ankara ein starkes Zeichen der Unterstützung für die Ukraine setzen, sagte Kanzler Merz. Die Bundesregierung...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie crasht: Wie tief kann es noch gehen?
24.06.2026

Milliarden-Schock für Rheinmetall: Berlin stoppt das größte deutsche Kriegsschiff-Projekt seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Aktie stürzt...

DWN
Politik
Politik Bertelsmann Stiftung warnt: Abkehr von Energiewende gefährdet Jobs
24.06.2026

Eine Untersuchung sieht einen Beschäftigungsrekord bei erneuerbaren Energien. Eine energiepolitische Kursänderung der Bundesregierung...

DWN
Politik
Politik Aus für milliardenteures Rüstungsprojekt: Pistorius zieht den Stecker für Fregatte F126
24.06.2026

Erst der Flop beim deutsch-französischen Luftkampfsystem FCAS, nun das Ende für das Fregattenprojekt F126. Binnen weniger Wochen platzen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VW-Aktie im Krisenmodus trotz radikalem Jobabbau
24.06.2026

Volkswagen will sparen, kürzen und umbauen, doch der Druck auf den Konzern bleibt enorm. Zehntausende Stellen fallen weg, Werke verlieren...

DWN
Politik
Politik Bundestag: Ein Drittel der Bundestagsabgeordneten hat Nebeneinkünfte
24.06.2026

Mehr als ein Drittel der Bundestagsabgeordneten hat in der laufenden Legislaturperiode meldepflichtige Nebeneinkünfte bezogen - neben...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Playmobil wandert ins Ausland: Aus für Produktion in Deutschland
24.06.2026

Fast jedes Kind kennt die ewig lächelnden Spielfiguren. Produziert werden diese jetzt nur noch im Ausland. Ein unausweichlicher Schritt,...