Technologie

Dunkelflaute und Blackout: Deutschlands Stromnetz vor wachsenden Herausforderungen

Deutschland rühmt sich eines der sichersten Stromnetze der Welt. Doch die Lage kippt: Tennet-Chef Tim Meyerjürgens warnt vor wachsender Unsicherheit, teuren Notfallmaßnahmen und fehlenden Gaskraftwerken. Damit die Lichter auch nach 2030 noch zuverlässig brennen, braucht es schnelle Entscheidungen.
11.09.2025 09:29
Lesezeit: 3 min
Dunkelflaute und Blackout: Deutschlands Stromnetz vor wachsenden Herausforderungen
Stromnetz Deutschland: Neue Kraftwerke sind dringend nötig, wenn Dunkelflaute und Blackout vermieden werden sollen. (Foto: dpa) Foto: Jens Büttner

Versorgungssicherheit kein Selbstläufer

Der Netzbetreiber Tennet sieht steigende Herausforderungen für ein stabiles Stromnetz in Deutschland. "Versorgungssicherheit ist kein Selbstläufer. Wir müssen viel dafür tun", sagt Tim Meyerjürgens, Vorstandschef von Tennet Deutschland.

"Deutschland betreibt heute eines der sichersten Stromnetze weltweit. Das ist ein hohes Gut und extrem wichtig für unseren Wirtschaftsstandort", betont Meyerjürgens. "Wir müssen jedoch jetzt handeln, damit das so bleibt. Ich habe keine Befürchtung, dass morgen die Lichter ausgehen, aber wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit wir nach 2030 das Netz immer noch stabil betreiben können."

Die Aussagen von Meyerjürgens kommen vor einem bald erwarteten Bericht von Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) zum Stand der Energiewende. Reiche hatte bereits klargestellt, in der Energiepolitik den Fokus stärker auf Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit zu richten.

"Dringend Entscheidungen" für neue Kraftwerke

Der Tennet-Chef hebt die Notwendigkeit neuer Gaskraftwerke hervor. Wenn 2030 beziehungsweise 2038 der Kohleausstieg tatsächlich umgesetzt werde, sei für die gesicherte Leistung Ersatz im System unverzichtbar. "Wir brauchen dringend Entscheidungen."

Neue Gaskraftwerke sollen künftig als Backups einspringen, wenn erneuerbare Energien den Strombedarf nicht decken – in "Dunkelflauten", wenn weder Sonne scheint noch Wind weht. Vorgesehen ist seit Langem eine staatliche Förderung, die Milliarden kosten dürfte. Reiche will bis Ende des Jahres erste Ausschreibungen starten.

Mehr Eingriffe ins Netz

Meyerjürgens sagt, es beschäftige ihn, wie die Systemsicherheit langfristig gesichert werden könne. "Das wird immer herausfordernder. Wir haben vor 20 Jahren ein- bis zweimal im Jahr ins Stromnetz eingreifen müssen, damit wir es stabil halten. Heute haben wir allein in unserem Netzgebiet rund 2.500 Eingriffe im Jahr." Das seien sieben pro Tag.

"Das zeigt, wie anspruchsvoll es geworden ist, das Energiesystem stabil zu halten." Ausgleichsmaßnahmen gegen Engpässe im Stromnetz kosteten sehr viel Geld, was am Ende über die Netzentgelte die Verbraucher belaste. "Wir brauchen daher dringend Instrumente, mit denen wir auch in Zukunft das Stromnetz verlässlich betreiben können."

Stromnetz wie Autobahn

Der Tennet-Manager erklärt: "Wir transportieren große Mengen Strom, oft von Nord nach Süd, weil wir viel Erneuerbare im Norden haben und die Last im Süden. Sie können sich das Stromnetz wie eine Autobahn vorstellen: Die hat eine bestimmte Kapazität. Wenn Sie zu viele Autos draufschicken, gibt es Stau. Um diese 'Staus' aufzulösen, greifen wir in die Erzeugung ein. Das heißt, wir weisen Erneuerbare im Norden an, ihre Leistung zu reduzieren, und das müssen wir kompensieren, das kostet Geld. Aber dann fehlt diese Leistung im Süden. Und das heißt, ich muss im Süden Ersatz bereitstellen und muss auch diese Leistung bezahlen, damit die Versorgung zuverlässig bleibt und das System im Gleichgewicht."

Anreize für Drosselung?

Bei Solaranlagen seien Eingriffe nur begrenzt möglich, weil viele Kleinanlagen nicht direkt steuerbar seien. Etwa die Hälfte der installierten Photovoltaik-Leistung, rund 50 bis 60 Gigawatt, sei nicht regelbar. "Das übersteigt zeitweise unseren Lastbedarf. Dann kann die Systemsicherheit wirklich unter Druck geraten." Die Bundesregierung habe Anfang des Jahres reagiert und ein Gesetz erlassen, das für Neuanlagen die Schwelle, ab der sie steuerbar sein müssen, deutlich absenkt. Das sei enorm wichtig.

"Wir müssen insgesamt die Systemdienlichkeit stärker in den Vordergrund stellen", sagt Meyerjürgens. Das bedeute, dass die Leistung von PV-Anlagen zum Zweck der Systemsicherheit gedrosselt werden könnte.

"In den Niederlanden gibt es zum Beispiel ein System, wo man Netzkunden Teile ihres Netzentgelts erlässt, wenn Betreiber bereit sind, den Leistungsfluss ihrer Anlagen zeitweise zu verändern", sagt der Manager. "So wird ein Incentive gesetzt, dass der Netzkunde eine Flexibilität erlaubt, die vielleicht nicht immer ideal für ihn ist, aber dafür bekommt er auch eine deutliche Belohnung bei den Kosten. Solche Instrumente brauchen wir, um zu flexibilisieren. Die brauchen wir bei den Speichern, die brauchen wir auf der Erzeugungsseite, aber auch auf der Lastseite."

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