Politik

75 Jahre Verfassungsschutz: Präsident Selen warnt vor verschärfter Bedrohungslage

Zum Jubiläum blickt der Verfassungsschutz auf wachsende Herausforderungen. Wo die Behörde derzeit die größten Gefahren sieht – und weshalb Früherkennung und klare Prioritäten für Präsident Selen jetzt besonders wichtig sind.
27.10.2025 11:46
Lesezeit: 2 min

Fokussierung und Priorisierung erforderlich

Spionage und Sabotage zählt der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Sinan Selen, aktuell zu den größten Bedrohungen, um die sich der Inlandsgeheimdienst kümmern muss. Auf die Frage, wie sich die Schwerpunkte seit 2015 verändert hätten, antwortete der BfV-Chef der Deutschen Presse-Agentur: „Die Sicherheitslage hat sich in den vergangenen zehn Jahren in der Tat verschoben und verschärft.“

Die aktuellen Herausforderungen erforderten eine klare Fokussierung und Priorisierung, sagte der Leiter der Kölner Behörde, die ihr 75-jähriges Bestehen an diesem Montag mit einem Festakt im Bundesinnenministerium in Berlin feiert. „Wir werden künftig stärker nach folgendem Grundsatz verfahren: Prävention, Detektion und Disruption.“

Schwerpunkte seien „multipolare Bedrohungen“, Spionage, Sabotage, Cyberangriffe, internationaler Terrorismus und gewaltbereiter Extremismus, fügte er hinzu. Wichtig sei die Früherkennung von Netzwerken und Aktionen sowie die Identifizierung von Akteuren und denjenigen, die im Hintergrund die Strippen ziehen.

Gründung des Verfassungsschutzes

Das Bundesamt für Verfassungsschutz wurde am 7. November 1950 vor dem Hintergrund des Kalten Krieges gegründet. Die westalliierten Besatzungsmächte – Frankreich, Großbritannien und die USA – genehmigten der jungen Bundesrepublik damals den Aufbau eines Nachrichtendienstes zum Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Sie untersagten dem Inlandsgeheimdienst jedoch mit Blick auf die deutsche Geschichte in der Zeit der Nazi-Herrschaft ausdrücklich jede Form von Polizeibefugnissen.

Nach der NSU-Mordserie

Zu den unrühmlichen Kapiteln in der Geschichte des Bundesamtes zählt die sogenannte Schredder-Affäre. BfV-Präsident Heinz Fromm bat im Juli 2012 um Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand. Zuvor war bekanntgeworden, dass Verfassungsschützer im November 2011, kurz nach dem Auffliegen der Neonazi-Terrorzelle NSU, Akten zur rechten Szene vernichtet hatten. Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) hatte aus rassistischen Motiven neun Menschen mit Migrationshintergrund und eine Polizistin ermordet.

Beobachtung der AfD

Auch wenn das Verhältnis zwischen dem Verfassungsschutz und der Partei Die Linke bis heute nicht spannungsfrei ist: Von den im Bundestag vertretenen Parteien hat aktuell wohl die AfD die meisten Probleme mit der Behörde. Das BfV hatte die Partei Anfang Mai vom Verdachtsfall zur „gesichert rechtsextremistischen Bestrebung“ hochgestuft. Dagegen geht die AfD juristisch vor.

Bis zu einer noch ausstehenden Gerichtsentscheidung in dieser Sache hat der Verfassungsschutz die Höherstufung daher wieder auf Eis gelegt. Mit einer Klage gegen die Einstufung als Verdachtsfall, die bereits eine Beobachtung mit nachrichtendienstlichen Mitteln gestattet, war die Partei vor Gericht gescheitert.

Trennung zwischen Polizei und Nachrichtendienst

Dieses sogenannte Trennungsgebot wirkt bis heute fort. Zwischen den Nachrichtendiensten und der Polizei werden Informationen zu konkreten Sachverhalten, bei denen es um islamistischen Terrorismus beziehungsweise rechte, linke oder auslandsbezogene extremistische Gewalt geht, dennoch ausgetauscht: Im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) in Berlin und dem Gemeinsamen Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrum (GETZ).

Arbeit im Verborgenen

Mit dem Slogan „Im Verborgenen Gutes tun!“ warb der Verfassungsschutz früher um neue Mitarbeiter. 2021 erschien das nicht mehr zeitgemäß. Seither wendet sich die Sicherheitsbehörde, die ihren Hauptsitz in einem schmucklosen Zweckbau im Kölner Norden hat, mit der Botschaft „Im Auftrag der Demokratie“ an potenzielle Bewerberinnen und Bewerber.

Aufklärung extremistischer Netzwerke

Selen, der vor seiner Ernennung zum BfV-Chef Vizepräsident der Behörde war, beschreibt die Aufgabe so: „Das Bundesamt für Verfassungsschutz verfolgt seit 1950 im Auftrag der Demokratie eine doppelte Stoßrichtung: Als Abwehrdienst verteidigen wir die Sicherheitsinteressen des deutschen Staates vor inneren und äußeren Gefahren und dienen zugleich den Schutz- und Freiheitsrechten der Bürgerinnen und Bürger.“ Die Informationen und Analysen des Bundesamtes seien häufig Grundlage für Verbote von Vereinen oder Vereinigungen, deren Aktivitäten gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet seien.

„Festnahmen und oftmals dann auch sich anschließende Verurteilungen von Extremisten und Terroristen wären in vielen Fällen ohne den Verfassungsschutz nicht möglich“, betont Selen. Im Cyberraum unterstütze seine Behörde dabei, große internationale Propagandaplattformen zu identifizieren und zu stoppen. Eine weitere Aufgabe des Bundesamtes sei es, vor Cyberakteuren, die Deutschland täglich angriffen, öffentlich zu warnen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Prognose deutsche Wirtschaftsinstitute: Iran-Krieg halbiert Wachstum und treibt Inflation
01.04.2026

Höhere Spritpreise, höhere Inflation: Ifo und DIW sprechen von einem Energiepreisschock - ausgelöst durch den Iran-Krieg. Sie erwarten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unternehmer Wolfgang Grupp: Was die Biografie über den Ex-Trigema-Chef verrät
01.04.2026

Wolfgang Grupp spricht in einer Biografie offen über Machtkämpfe in der Familie und den Kampf gegen die Altersdepression. Was das neue...

DWN
Politik
Politik Teurer Sprit: Deutsche Top-Ökonomin plädiert für Verzicht auf Autofahrten
01.04.2026

Nach Ansicht der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer sollten Verbraucher und Wirtschaft mit Verzicht auf knapperes Öl reagieren:...

DWN
Immobilien
Immobilien Bauprojekte im Belastungstest: Wie Investoren und Projektentwickler Verzögerungen und Mehrkosten aktiv vermeiden
01.04.2026

Viele Bauprojekte geraten schleichend unter Termin- und Kostendruck, obwohl Controlling und Statusberichte zunächst Stabilität...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Stimmungsökonomie in Krisenzeiten: Emotionen prägen zunehmend Konsum
01.04.2026

Nostalgie als Stabilitätsanker: In Krisenzeiten suchen Menschen nach kleinen Glücksmomenten, Vertrautem und Wohlbefinden. Die...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg vor Wendepunkt: Welche Chancen hat eine Deeskalation?
01.04.2026

Neue Signale aus Teheran und Washington sorgen für Bewegung an den Märkten und setzen den Ölpreis unter Druck. Steht der Iran-Krieg vor...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilienmarkt: Wohnungspreise in Innenstädten steigen überdurchschnittlich
01.04.2026

Nach einer Untersuchung des Kiel Instituts waren zentrale Wohnungen im Schnitt rund 27 Prozent teurer als in Randlagen. Langfristig ist der...

DWN
Finanzen
Finanzen Sozialleistungen und Personal: Kommunen mit Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro
01.04.2026

Trotz steigender Steuereinnahmen wachsen die Ausgaben der Gemeinden noch schneller. Wofür besonders viel Geld ausgegeben wurde und wie die...