Wirtschaft

Discounter in Deutschland: Warum Lidl an Boden verliert – und wer profitiert

Der deutsche Lebensmittelmarkt verschiebt sich leise, aber spürbar: Während klassische Supermärkte stagnieren, holen Discounter wie Aldi und Penny auf – und Lidl verliert an Schwung. Preisbewusstsein, Standortnähe und ein modernisiertes Einkaufserlebnis bestimmen, wohin die Deutschen künftig greifen. Die Daten zeigen, wie stark sich das Einkaufsverhalten im Land verändert – und was das über die wirtschaftliche Stimmung verrät.
11.11.2025 06:00
Lesezeit: 2 min

Discounter setzen Wachstumskurs fort

In Deutschland, dem Ursprungsland der Discounter, gewinnen die Märkte von Aldi, Lidl und Penny weiter an Bedeutung. Nach einer aktuellen Analyse des Daten- und Marktforschungsunternehmens Accurat steigt der Anteil der Besuche in Discountern seit Anfang 2024 erneut an. Von Januar 2024 bis September 2025 wuchs der Anteil der Einkäufe bei günstigen Ketten von 46,5 auf 47,2 Prozent. Damit vergrößert sich ihr Vorsprung gegenüber klassischen Supermärkten wie Rewe oder Edeka, die ihre Marktanteile zwar stabil halten, aber nicht in gleichem Tempo wachsen. „Auf den ersten Blick wirkt der Zuwachs gering. Doch in einer so großen und hart umkämpften Branche wie dem deutschen Lebensmitteleinzelhandel bedeutet jeder Prozentpunkt Millionen zusätzlicher Ladenbesuche“, erklärt Bart Muskala, Geschäftsführer von Accurat. Selbst kleine Veränderungen könnten die Wettbewerbsdynamik grundlegend verschieben.

Penny und Netto gewinnen – Lidl mit Rückgang

Unter den Discountern verzeichnet Penny, eine Tochter der Rewe Group, die stärkste Entwicklung. Der Marktanteil bei den Ladenbesuchen stieg im Beobachtungszeitraum von 3,7 auf 4,4 Prozent. Auch Netto Marken-Discount konnte seine Kundenzahlen ähnlich erhöhen, wobei dessen Besucherströme stärker schwanken. Lidl hingegen verliert leicht an Boden: Die Besuchsquote sank von 14,7 auf 13,4 Prozent. Als Ursache sehen Analysten unter anderem die laufenden Modernisierungen zahlreicher Filialen. Aldi bleibt dagegen weitgehend stabil.

Im klassischen Supermarktsegment konnte Edeka seine Position leicht ausbauen – von 22,3 auf 22,5 Prozent Marktanteil. Rewe (21,9 Prozent) und Kaufland (8,7 Prozent) halten ihre bisherigen Werte. Laut Accurat profitiert Edeka von seiner dezentralen Struktur, bei der selbstständige Partner ihr Sortiment flexibel an regionale Bedürfnisse anpassen. Rewe investiere stark in Logistik und Onlinehandel, könne damit jedoch die Besucherzahlen in den Filialen nicht spürbar steigern.

Stadt-Land-Unterschiede und deutsche Verbrauchertrends

Wie in vielen Ländern unterscheidet sich auch in Deutschland das Konsumverhalten zwischen Stadt und Land deutlich. In Berlin führen klassische Supermärkte: Edeka hält dort 27 Prozent aller Einkäufe, Rewe 23 Prozent und Lidl 14 Prozent. In ländlicheren Regionen wie dem Saarland dominieren dagegen Aldi mit 25 Prozent und Lidl mit 18 Prozent. Während Discounter auch in Metropolen ihre Präsenz stärken, bleiben Edeka und Rewe in urbanen Gebieten stark verankert – vor allem dank treuer Kundschaft. Berliner Verbraucher besuchen deren Filialen im Durchschnitt mehr als 3,3 Mal pro Monat. Im Saarland hingegen zeigen Aldi- und Lidl-Kunden die höchste Loyalität. Eine zentrale Erkenntnis der Accurat-Studie lautet: Preis und wahrgenommene Wertigkeit gewinnen weiter an Gewicht, während die Markentreue abnimmt. Angesichts anhaltender Inflation und wirtschaftlicher Unsicherheit orientieren sich viele Deutsche stärker an günstigen Angeboten. Ebenso entscheidend bleibt die Nähe zur Filiale – Bequemlichkeit und Vertrauen spielen weiterhin eine große Rolle. Darüber hinaus tragen die Modernisierung und Neugestaltung vieler Discounter-Filialen zum Wachstum bei. Hellere, großzügigere Ladenkonzepte, ein breiteres Frischeangebot und Investitionen in ein angenehmeres Einkaufserlebnis machen die günstigen Märkte zunehmend attraktiv.

Bedeutung für Deutschland

Der anhaltende Aufschwung der Discounter zeigt, wie sensibel deutsche Verbraucher auf Preisentwicklungen reagieren. Die Kombination aus hoher Inflation, gestiegenen Energiekosten und stagnierender Reallöhne verstärkt den Trend zu preisbewusstem Einkaufen. Auch in wirtschaftlich starken Regionen wie Bayern und Baden-Württemberg wächst der Anteil der Haushalte, die regelmäßig bei Aldi, Lidl oder Penny einkaufen. Dieser Wandel unterstreicht die Anpassungsfähigkeit des deutschen Einzelhandels: Discounter nutzen gezielte Modernisierung, datenbasierte Sortimentsplanung und regionale Strategien, um Marktanteile zu sichern. Der Trend dürfte sich fortsetzen, solange wirtschaftliche Unsicherheit und Preisdruck anhalten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Europäische Banken und Stromnetze sind interessant, zehn Prozent des Portfolios in Gold
20.09.2026

Der Glaube an künftige Gewinne besiegt offenbar noch die Angst vor teurerem Geld.

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: AfD in Hochrechnungen knapp vor SPD
20.09.2026

Zwei Landtagswahlen, ein bitterer Abend für die CDU: In Mecklenburg-Vorpommern droht der historische Verlust des Parlamentseinzugs, in...

DWN
Finanzen
Finanzen Investmentchancen: Korea, Luxus, Wasser – wo jetzt Rendite lockt
20.09.2026

Die Börsen stehen nahe ihren Rekorden, doch einige Anleger suchen ihre Chancen ausgerechnet dort, wo es zuletzt besonders wehgetan hat....

DWN
Panorama
Panorama KI-Kunst: Kreative Revolution oder seelenlose Kopie?
20.09.2026

Zurzeit gibt es viel Kritik an KI-generierter Kunst. Die Argumente klingen vertraut: „seelenlos“, „bloße Reproduktion des...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeiten im Alter: Was Senioren wirklich im Job hält
20.09.2026

Ältere Beschäftigte werden auf dem Arbeitsmarkt plötzlich dringend gebraucht. Doch wer Senioren länger im Job halten will, kommt mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arktis-Korridor: Wird Russlands Nordroute zur Gefahr für europäische Häfen?
20.09.2026

Der Chef von Rosatom sagt: Russland müsste etwa 100 Milliarden Euro investieren, wenn es die Arktisroute in einen echten Logistikkorridor...

DWN
Politik
Politik Merz unter Druck: Öffnet sich für Söder das Kanzleramt?
20.09.2026

Markus Söder hat Kanzlerambitionen mehrfach ausgeschlossen. Doch nach dem CDU-Debakel in Sachsen-Anhalt und wachsendem Druck auf Friedrich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preiskrieg in der Autoindustrie: Warum Rabatte die Zukunft gefährden
20.09.2026

Europas Autobauer liefern sich einen Preiskampf ausgerechnet in einer Phase, in der sie Milliarden für ihre technologische Zukunft...