Wirtschaft

Schluss mit Shein und Temu? Europa zieht die Notbremse gegen Billigimporte aus China

Die EU will die Billigimporte aus China schneller als geplant stoppen. Eine neue Zwei-Euro-Abgabe soll schon 2026 kommen. Plattformen wie Shein, Temu und Alibaba könnten massiv getroffen werden. Gleichzeitig wächst der Druck auf Europas Handel, Industrie und Politik.
17.11.2025 18:00
Lesezeit: 2 min

Brüssel drängt auf schnellere Maßnahmen gegen Billigimporte aus China

Brüssel will die Maßnahmen gegen günstige chinesische Kleinsendungen beschleunigen, die europäische Verbraucher über Onlineplattformen wie Shein, Temu und Alibaba bestellen, schrieb die Financial Times. Die Europäische Kommission schlug vor, eine EU-weite Bearbeitungsgebühr für solche Pakete bereits Anfang 2026 einzuführen. Dies wäre mehr als zwei Jahre früher als im ursprünglichen Plan vorgesehen. Ziel ist es, den Zustrom von Milliarden billiger chinesischer Produkte einzudämmen, der die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Einzelhändler gefährdet.

Der Handelskommissar Maroš Šefčovič rief die EU-Finanzminister dazu auf, einem beschleunigten Umsetzungsplan zuzustimmen. Er betonte, dass dieser Schritt Europas Position in sich schnell verändernden Handelsbedingungen stärken würde. Nach seinen Worten würde ein früheres Inkrafttreten ein starkes Signal senden, dass Europa die faire Behandlung seiner Unternehmen und deren Wettbewerbsfähigkeit ernst nimmt. Der Antrag der Kommission verdeutlicht die zunehmend härtere Haltung gegenüber China, dem unfairer Handelspraktiken vorgeworfen wird. Der Vorschlag erfolgt unmittelbar vor dem G20-Gipfel, bei dem europäische Staats- und Regierungschefs mit Chinas Präsident Xi Jinping auch Handelsfragen erörtern wollen.

80 Prozent der 4,6 Milliarden Postpakete kommen über chinesische Onlineshops

Die Menge der Kleinsendungen über chinesische Plattformen sei in den vergangenen Jahren massiv gestiegen und habe große Probleme verursacht, auf die nun reagiert werde, erklärte der EU-Kommissar für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Verbraucherschutz, Micheal McGrath, im Oktober in einem Interview mit dem estnischen Wirtschaftsportal Äripäev.

Der im Mai vorgelegte Vorschlag, die Zollfreigrenze von 150 Euro abzuschaffen und eine Gebühr von zwei Euro pro Paket einzuführen, sollte ursprünglich Mitte 2028 in Kraft treten. Šefčovič betonte in seinem Schreiben, dass der aktuelle Zeitplan nicht der Dringlichkeit der Lage entspreche.

Europäische Industrien und Einzelhändler haben wiederholt auf die Notwendigkeit hingewiesen, die wettbewerbsverzerrende Paketflut unverzüglich zu stoppen. Nach Angaben des Kommissars ist es schwer zu erklären, warum die EU nicht schneller handelt, wenn einige Mitgliedstaaten wie Rumänien bereits nationale Gebühren von bis zu fünf Euro pro Paket eingeführt haben.

Die Kommission erwartet nun von den Mitgliedstaaten eine Einigung über den neuen Zeitplan und die einheitliche Zollgebühr. Šefčovič betonte, dass es sich nicht nur um eine technische Frage handelt. Es gehe um die Fähigkeit Europas, seine wirtschaftlichen Interessen zu schützen. Eine moderne und wettbewerbsfähige Europäische Union müsse besser in der Lage sein, ihre Grenzen zu schützen und fairere Bedingungen für Unternehmen auf dem Binnenmarkt zu gewährleisten.

Während die Europäische Union gegen chinesische Online-Warenhäuser vorgeht, zeigten von Bloomberg veröffentlichte Daten, dass chinesische Hersteller bei weitem nicht auf diese Plattformen beschränkt sind. Chinesische Händler stellten im September mehr als die Hälfte der aktiven Verkäufer auf Amazon. Damit überschritten sie erstmals weltweit die Marke von 50 Prozent aller internationalen Verkaufsstellen, schrieb Bloomberg.

EU beschleunigt Schutzmaßnahmen gegen Billigimporte

Die frühere Einführung der Zwei-Euro-Abgabe zeigt den wachsenden politischen Willen, die Marktverzerrungen durch Billigimporte aus China zu stoppen. Die EU reagiert damit auf eine Überflutung des Binnenmarktes, die lange Zeit als unkontrollierbar galt. Der Aufbau eines neuen Zollregimes markiert einen deutlichen Kurswechsel hin zu wettbewerbspolitischer Selbstbehauptung.

Europäische Unternehmen fordern seit Jahren ein entschlosseneres Vorgehen, da chinesische Billigimporte Preise, Margen und Geschäftsmodelle untergraben. Die dramatische Zunahme der Zollanmeldungen zeigt, wie stark der Markt bereits geprägt ist. Die EU muss sich entscheiden, ob sie kurzfristig höhere Kosten riskiert oder langfristig ihre industrielle Basis stärkt.

Deutschland zählt zu den größten Importmärkten Europas und ist besonders stark von China-Paketen betroffen. Die Zwei-Euro-Gebühr könnte den deutschen Handel spürbar entlasten. Sie würde Binnenmarktakteure wie Einzelhändler, Logistiker und mittelständische Produzenten stärken. Gleichzeitig könnten höhere Kosten für chinesische Kleinsendungen das Konsumverhalten deutscher Verbraucher verändern. Für die Bundesregierung spielt die Entscheidung eine wichtige Rolle in der strategischen Neuausrichtung gegenüber China.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Rekordschlussstände für S&P 500 und Nasdaq, während der Waffenstillstand hält
05.05.2026

Erfahren Sie, welche Faktoren die Märkte aktuell antreiben und warum die Anleger trotz globaler Spannungen optimistisch bleiben.

DWN
Politik
Politik Misstrauensvotum in Rumänien: Prowestliche Regierung stürzt
05.05.2026

Rumäniens Regierung ist nach einem überraschenden Bündnis aus Rechtsextremen und Sozialdemokraten gestürzt. Hinter dem Misstrauensvotum...

DWN
Politik
Politik Trump erhöht Druck auf Grönland: US-Experte warnt vor Folgen für Europa
05.05.2026

Trump verschiebt die geopolitischen Machtlinien der USA und verbindet den Zugriff auf Grönland mit Energiefragen und Zugeständnissen an...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Teilkrankschreibung gegen hohe Fehlzeiten: Ist die Regelung sinnvoll?
05.05.2026

Krank, aber nicht ganz arbeitsunfähig – das soll künftig möglich sein: Im Zuge der neuen Gesundheitsreform hat die Bundesregierung die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Stromnetz im Kostencheck: Welche Technologien langfristig überzeugen
05.05.2026

Europas Stromversorgung steht vor einer neuen Kostenlogik, in der erneuerbare Energien, Speichertechnologien und verlässliche Grundlast...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie steigt trotz schwachem Quartal
05.05.2026

Die Zahlen fallen schwächer aus als erwartet, doch die Aktie reagiert überraschend robust. Statt Abverkauf setzt Rheinmetall auf eine...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unicredit greift Commerzbank an: Übernahme rückt näher
05.05.2026

Unicredit macht Ernst und treibt die Übernahme der Commerzbank mit Tempo voran. Doch Widerstand aus Berlin und Frankfurt könnte den Deal...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Biontech-Aktie: 1.860 Stellen in Gefahr
05.05.2026

Biontech zieht die Notbremse und fährt Kapazitäten drastisch herunter. Der Sparkurs trifft Standorte weltweit – und bringt Tausende...