Politik

Putin in Indien: Strategische Unabhängigkeit in der neuen Weltordnung

Indien empfängt den russischen Präsidenten mit allen protokollarischen Ehren und stellt damit gängige westliche Erwartungen an globale Partnerschaften infrage. Welche strategische Logik verfolgt das Land, das sich selbst als unabhängiger Akteur in einer zunehmend unübersichtlichen Welt definiert?
05.12.2025 16:56
Aktualisiert: 05.12.2025 16:56
Lesezeit: 3 min
Putin in Indien: Strategische Unabhängigkeit in der neuen Weltordnung
Indien betont bei Putins Besuch seine strategische Unabhängigkeit und setzt eigene Akzente in der neuen globalen Ordnung (Foto: iStock.com, HUNG CHIN LIU) Foto: HUNG CHIN LIU

Staatsbesuch zeigt die neue Unordnung der Welt

Viele Beobachter fühlen sich versucht, den Besuch des russischen Machthabers Wladimir Putin in Indien am 4. und 5. Dezember als Bruch innerhalb der demokratischen Allianz zu interpretieren, die sich für das Überleben der Ukraine einsetzt.

Man könnte erwarten, dass die größte Demokratie der Welt die Lage klar einschätzt. Doch diese Lesart greift zu kurz, denn die zugrunde liegenden Annahmen sind falsch. Indiens fest verankertes Grundprinzip der strategischen Unabhängigkeit gibt den Kurs vor. Indien sieht sich als Freund aller Staaten, unabhängig von westlichen Erwartungen oder moralischen Bewertungen. Der Krieg in der Ukraine bildet hier keine Ausnahme. In früheren Zeiten war eindeutiger, wer auf welcher Seite stand. Für den Westen war die USA der verlässliche Partner, während Russland als Hauptgegner galt. Diese Sichtweise galt allerdings nie für alle Regionen.

Der Wandel der globalen Ordnung

Die USA schienen lange unangefochten, auch wenn nicht alle Staaten die amerikanische Rolle bei der Sicherung der Nachkriegsordnung begrüßten. Parallel dazu etablierte sich die Sowjetunion als Gegenpol und zweite Supermacht.

Viele Staaten wurden in eine der beiden Interessensphären eingeordnet, während nur wenige Länder außerhalb dieser klaren Struktur standen. Indien gehörte dazu, nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil es bei seiner Unabhängigkeit als arm und geopolitisch wenig relevant galt. China wiederum wählte bewusst den kommunistischen Weg. Über Jahre vertraute der Westen der bekannten Weltordnung, auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Entstehen eines machtpolitischen Vakuums in Europa. Der Westen glaubte, sein Modell habe endgültig gesiegt. Diese Annahme erwies sich als trügerisch, denn parallel formierte sich eine neue Ordnung, geprägt von den aufstrebenden Volkswirtschaften.

Aufstieg der neuen globalen Akteure

Die Länder der Brics-Gruppe, insbesondere Südafrika, Indien und Brasilien sowie Russland, wurden zu Hoffnungsträgern für Politik und Wirtschaft. Eine Phase grenzenlosen Optimismus begann. Doch diese Staaten verstanden sich nicht nur als Wachstumsmärkte, sondern zunehmend als geopolitische Akteure mit eigenen Ambitionen. Sie wollten Einfluss und volle Freiheit, ihre Entwicklung nach eigenen Maßstäben zu gestalten.

Dies bedeutete, dass sie ihre eigenen Interessen definierten. Obwohl der Westen anerkannte, dass China seinen eigenen, undemokratischen Weg ging, erwartete man, dass andere Staaten den westlichen Vorstellungen folgen würden. Der Krieg in der Ukraine wurde zum Prüfstein für Stabilität und Einfluss der alten Ordnung, deren Zentrum traditionell Europa und der Westen bildeten. Gleichzeitig stellte die US-Regierung unter Präsident Trump nahezu jede Grundlage amerikanischer Führungsrolle infrage.

Der Westen vertraute dennoch weiter auf seine Stärke. Doch diese Stärke wurde geschwächt, nicht durch äußere Mächte, sondern durch eigene Versäumnisse bei Analyse und Handlungsfähigkeit. Die langsamen Entscheidungsprozesse in EU und Nato verschärften diese Entwicklung.

Indiens feste Bindung an Russland

Dass Putin in Neu-Delhi mit allen protokollarischen Ehren empfangen wird, spiegelt die jahrzehntelange Beziehung zwischen Indien und der Sowjetunion sowie heute Russland wider. Moskau erkannte das unabhängige Indien bereits im April 1947 an, noch bevor die offizielle Unabhängigkeit im August desselben Jahres vollzogen wurde. Russland entwickelte sich von Beginn an zu Indiens engstem Partner. Über Jahrzehnte entstand daraus eine strategische Partnerschaft, getragen von militärischer Zusammenarbeit und Energiethemen. Russland übernahm Aufgaben und Risiken, die andere nicht wollten oder nicht mehr wagten.

Daher sollte der Westen nicht überrascht sein, wenn zahlreiche Abkommen unterzeichnet werden. Ebenso wenig sollte man sich über eine herzliche Geste wundern, sie ist historisch gewachsen und politisch folgerichtig. Indien verteidigt seine strategische Unabhängigkeit. Das Land wird daher bestehende Kooperationen vertiefen und neue Schwerpunkte setzen, etwa in der Schifffahrt und im arktischen Raum.

Klare Signale an Washington

Viele hätten gehofft, Indien würde sich vorbehaltlos den Staaten anschließen, die die Ukraine uneingeschränkt unterstützen. Doch das war nie realistisch und wird es nicht werden. Dieser Grundsatz gilt ebenso für den Konflikt in Gaza, frühere Kriege und künftige Auseinandersetzungen. Indien hält Kommunikationskanäle stets offen, weil es weiß, wie entscheidend diese in der Zeit nach einem Konflikt sind.

Die neue globale Unordnung macht es für Indien notwendig, auch klare Signale gegenüber den USA und besonders gegenüber Präsident Trump zu senden. Trotz des Drucks und der Belastung durch Zölle zeigt Indien, dass seine Entscheidungen nicht selbstverständlich sind. Der Besuch in Neu-Delhi unterstreicht dies gegenüber Washington. Für Indien gilt, dass nichts als gegeben betrachtet werden kann.

Die indische Haltung zur strategischen Unabhängigkeit könnte Europa inspirieren, insbesondere bei Debatten über europäische Sicherheit. Möglicherweise wäre es sinnvoller, eine glaubwürdige eigene Zusage der gegenseitigen Unterstützung zu entwickeln. Wenn Europa dazu bereit wäre, könnte die neue globale Unordnung zu einer Chance werden.

Fazit mit Blick auf Deutschland

Die indische Außenpolitik zeigt, wie Staaten ihre Interessen selbstbewusst definieren und ihre Handlungsfähigkeit sichern. Für Deutschland bedeutet das, dass Partnerschaften nicht mehr von historischen Automatismen getragen werden. Eine verlässliche Außenpolitik erfordert die Fähigkeit, flexibel auf neue geopolitische Realitäten zu reagieren, ohne die eigenen Grundwerte aufzugeben. Die strategische Unabhängigkeit Indiens kann dabei als Orientierung dienen, um Europas und Deutschlands Rolle in einer zunehmend multipolaren Welt neu zu justieren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Cum-Ex-Skandal: Kronzeuge Steck im DWN-Interview – der Betrug, den Politik und Banken gemeinsam möglich machten
17.03.2026

Zehn Milliarden Euro Schaden, tausende Beschuldigte – und bis heute keine politische Verantwortung. Der Cum-Ex-Kronzeuge und Autor Dr....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Straße von Hormus im Krisenmodus: Globale Lieferketten geraten unter Druck
17.03.2026

Die faktische Blockade der Straße von Hormus bringt zentrale Handelsströme ins Stocken und treibt Energie- sowie Transportkosten weltweit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entwurf zur EnWG-Reform bringt Reiche unter Druck – was das Netzpaket-Aus konkret bedeutet
17.03.2026

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche plant, den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien mit neuen Bedingungen zu versehen. Sie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ende der Zitterpartie: EU und USA einigen sich auf neuen Zoll-Pakt
17.03.2026

Hinter den Kulissen von Brüssel und Washington wurde lange gepokert, doch jetzt steht der Kurs fest: Die EU-Parlamentspräsidentin Roberta...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Lichtblick am Ende des Tunnels: Autoindustrie nimmt 2026 wieder Fahrt auf
17.03.2026

Die Schockwellen der ersten Gewinnwarnungen verrauchen langsam. Dank eines starken Schlussspurts der Audi-Gruppe zeigt das Barometer für...

DWN
Politik
Politik Sondervermögen Schulden: Milliarden werden zur Stopfung von Haushaltslöchern missbraucht
17.03.2026

Etikettenschwindel bei den Staatsfinanzen? Das Münchner Ifo-Institut wirft der Bundesregierung vor, neue Milliardenschulden massiv...

DWN
Politik
Politik Nach Iran und Venezuela: Trump erhöht massiv den Druck auf Kuba
17.03.2026

US-Präsident Donald Trump nimmt nach Teheran und Caracas nun offenbar das nächste Ziel in den Fokus: Kuba. Mit einer offen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Brennende Tanker, blockierte Routen: Wie gelangt das Golf-Öl jetzt noch zum Kunden?
17.03.2026

Die Schlagader der Weltwirtschaft ist fast zum Erliegen gekommen: Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs wagen nur noch wenige Schiffe die...