Top-Ökonom in den USA warnt: „Wir stehen vor einem ernsthaften Test des Anleihemarktes“
Eine gefährliche Finanzpolitik. Ein Krieg gegen die US-Notenbank. Eine kontroverse Außenpolitik mit Grönland im Zentrum. Die Jagd nach Stimmen vor den Midterm-Wahlen. Wenn man den dänischen Top-Ökonomen Jens Nordvig fragt, könnte die Kombination dieser vier Faktoren sehr wohl ein dramatisches Jahr für die US-Wirtschaft auslösen, wie die dänische DWN-Partnerseite Børsen berichtet. „Ich glaube, wir stehen vor einem ernsthaften Test des Anleihemarktes. Wie werden Investoren auf einen derart extremen Cocktail reagieren, wie wir ihn derzeit erleben?“, fragt er rhetorisch. Nordvig versucht eine Antwort zu geben: „Wir könnten in eine Situation geraten, in der Investoren das Handtuch werfen, weil das Risiko zu groß wird.“
Am Dienstag ist es exakt ein Jahr her, dass Trump zum zweiten Mal ins Weiße Haus einzog. Viele erinnern sich noch daran, was im April 2025 geschah: Trumps „Befreiungstag“, an dem er hohe Zölle gegen die meisten Länder der Welt ankündigte, löste ein enormes Chaos an den Finanzmärkten aus – und etwas Ähnliches kann sich 2026 durchaus wiederholen. Die Zinsen könnten stark steigen – und es könnte schnell gehen, wenn es passiert, lautet die Warnung.
Nordvig, Bessent und die Zinsfrage: Das Netzwerk hinter den Märkten
„Ich glaube, Investoren müssen dieses Szenario sehr ernst nehmen“, sagt Nordvig. Er ist einer der Dänen, die es bis an die Spitze der internationalen Finanzwelt geschafft haben. Er hat Stationen bei Giganten wie Goldman Sachs, Bridgewater und Nomura hinter sich. An der Wall Street gilt er als einer der besten Währungsstrategen. Er steht hinter der Firma Exante Data, die große institutionelle Investoren weltweit berät.
Im März kann Exante Data sein zehnjähriges Jubiläum feiern – und es ist kaum Zufall, wer die Keynote halten soll: US-Finanzminister Scott Bessent. Nordvig und Bessent kennen sich gut und haben großen Respekt füreinander: „Jens ist einer der herausragenden Denker an den Märkten“, soll der US-Finanzminister einmal zu Bloomberg gesagt haben.
Wir kommen gleich auf Bessent zurück. Denn seine Rolle ist entscheidend, wenn es um die Entwicklung der Zinsen geht.
US-Zinsentwicklung: Powell im Visier – Entwicklung „besorgniserregend“
Wenn Investoren überlegen, ob sie eine US-Staatsanleihe kaufen – und welche Rendite sie dafür verlangen –, spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Besonders wichtig ist die Inflation. Trauen Investoren der Annahme, dass die Inflation in den kommenden 10, 20 oder 30 Jahren stabil bei 2 Prozent liegen wird? Oder besteht das Risiko, dass die Inflation dauerhaft höher ausfällt?
Für die realen Renditen der Investoren ist die Inflationsentwicklung zentral. Die US-Notenbank Federal Reserve wurde geschaffen, um genau das zu sichern: stabile Preise. Doch eine Frage drängt sich in den USA immer stärker auf: Kann die Notenbank ihren Auftrag erfüllen, ohne dass sich die Politik einmischt?
Trump hat lange versucht, die Fed zu niedrigeren Leitzinsen zu drängen – und vor Kurzem eskalierte die Lage: Fed-Chef Jerome Powell wurde verklagt. Viele Beobachter halten die Klage für ein politisches Manöver, das Trump gezielt für diesen Zweck konstruiert hat. „Für Investoren wird die Frage, ob die US-Notenbank unabhängig agieren kann, immer dringlicher“, sagt Nordvig und nennt die Entwicklung „besorgniserregend“.
Wenn Politiker mehr Einfluss auf die Geldpolitik bekommen, könnten Investoren den Glauben verlieren, dass die Inflation im Griff bleibt. Es ist nicht nur Jens Nordvig, der diese Sorge äußert. In der vergangenen Woche sagte Jamie Dimon genau dasselbe. Er ist CEO der größten US-Bank JPMorgan Chase. Vielleicht am bemerkenswertesten: Mehrere aktuelle und ehemalige Zentralbankchefs haben eine Unterstützungserklärung für Powell unterschrieben. Die Kernfrage lautet: Könnte politischer Druck bestehende und künftige Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses beeinflussen? Wenn Klagen oder Ermittlungen drohen – verändert das das Abstimmungsverhalten?
Pimco, einer der größten Vermögensverwalter der Welt, hat Konsequenzen gezogen: Das Haus will künftig mehr Kapital außerhalb der USA anlegen als bisher. Begründung: die „unberechenbare“ Politik der Trump-Regierung, wie die Financial Times berichtet.
Handelskonflikte sind zurück
Hinzu kommt die Außenpolitik – und sie könnte für Investoren mindestens ebenso wichtig sein, wenn sie beurteilen, welche Rendite sie in den kommenden 10, 20 oder 30 Jahren verlangen.
„Die USA haben derzeit eine Außenpolitik, die kontrovers ist und viele Investoren verunsichern kann“, sagt Nordvig – und verweist auf die jüngsten Entwicklungen rund um Venezuela, Kuba, Kolumbien und insbesondere Grönland. Gerade die Lage rund um Grönland hat sich über das Wochenende zugespitzt. Trump droht nun mit zusätzlichen Zöllen gegen Länder, die Dänemark und Grönland unterstützen. Die EU bereitet Gegenmaßnahmen vor.
Nordvig sagt über die hoch angespannte Situation: „Die US-Außenpolitik tritt in eine völlig neue Phase ein, in der Make-America-Great-Again-Werte die historische Bedeutung der NATO überlagern – und Dänemark und Grönland in diesem seismischen Wandel gefangen sind“, sagt der Ökonom und ergänzt: „Es ist schwer zu erkennen, dass eine der Seiten – die betroffenen europäischen Länder auf der einen Seite und die USA auf der anderen – kompromissbereit ist. Deshalb wirkt eine Eskalation als wahrscheinlichste Entwicklung.“
US-Schuldenkrise: Haushaltsdefizit liegt bei 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts
Für Trump dreht sich 2026 aus Sicht Nordvigs vor allem um eines: die Midterm-Wahlen im November. Aktuell haben die Republikaner Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses – doch die Umfragen sind alles andere als vielversprechend. „Ab jetzt wird sich alles darum drehen, wie Trump Wähler für sich gewinnt. Sehr wenig wird sich um das Schuldenproblem der USA drehen“, sagt Nordvig.
Dabei ist das Schuldenproblem in den USA deutlich: Das laufende Haushaltsdefizit liegt bei 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die gesamte Staatsverschuldung beträgt rund 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – und könnte laut Projektionen des US-Budgetbüros in den nächsten zehn Jahren auf 118 Prozent steigen. Trotzdem steht ein „wildes“ finanzpolitisches Jahr bevor, betont Nordvig. Große Steuersenkungen wurden im vergangenen Jahr beschlossen und zielen auf US-Haushalte.
Trump spricht außerdem davon, möglicherweise einen Scheck an die Amerikaner zu schicken: 2.000 Dollar direkt aufs Konto. Ebenso stellt er höhere Militärausgaben in Aussicht. „Seine Politik könnte den Konsum in den USA anheizen – vielleicht gewinnt er damit Wähler, aber die Finanzmärkte könnten sehr ernste Warnsignale senden“, prognostiziert Nordvig.
Wenn Renditen plötzlich explodieren: Nordvig warnt vor „Reset“ am Zinsmarkt
Nordvig betont, dass wir im April des vergangenen Jahres – in der Phase nach Trumps „Befreiungstag“ – eine Zäsur erlebt haben: Nicht nur Aktien entwickelten sich schwach, sondern auch langlaufende Anleihen. Normalerweise flüchten Investoren bei fallenden Aktienkursen in langlaufende Staatsanleihen, weil sie als „sicherer Hafen“ gelten. „Aber das ist nicht passiert – und das war alarmierend und extrem ungewöhnlich“, sagt Nordvig. Diese Marktdynamik sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man auf 2026 blickt.
Denn sie zeigt: Unter der Oberfläche brodelt Skepsis. US-Staatsanleihen gelten nicht mehr als so sicher wie früher, wenn es an den Märkten knirscht und Nervosität um sich greift. „Meine Sorge ist, dass wir auf dem Weg zu einem Punkt sind, an dem Investoren sagen: Wir brauchen eine deutlich höhere Rendite, wenn wir US-Staatsanleihen kaufen sollen“, sagt Nordvig. Er erwartet ein mögliches „komplettes Reset“ am Zinsmarkt.
Laut Nordvig könnten zudem „Löcher“ im US-Anleihemarkt entstehen – also Phasen, in denen es nur wenige, extrem selektive Käufer gibt, während gleichzeitig große Mengen neuer Staatsanleihen auf den Markt drängen.

