Eine neue energetische Realität zwingt Europa zum Umdenken
Der europäische Sektor der erneuerbaren Energien hat in den vergangenen Jahren einen enormen Wachstumsschub erlebt, stößt nun jedoch zunehmend an strukturelle Grenzen. Ein zentraler Engpass ist der Mangel an verfügbaren Netzkapazitäten, dessen Behebung milliardenschwere Investitionen erfordert. Probleme bereiten dabei nicht nur veraltete Infrastrukturen und der Ausbau neuer Leitungen, sondern auch ineffiziente Reservierungssysteme für Netzanschlüsse in mehreren Ländern. In der Folge blockieren Projekte Netzkapazitäten, ohne tatsächlich realisiert zu werden.
Bernard Gustin, Vorstandschef der Elia Group, die das Stromnetz in Belgien und Teilen Deutschlands betreibt, warnte in diesem Jahr gegenüber der Financial Times vor einer wachsenden Zahl spekulativer und unzureichend vorbereiteter Projekte. Diese hätten sich frühzeitig Netzanschlüsse gesichert und verzögerten dadurch den Zugang für andere Vorhaben. Er kritisierte, dass bei der Vergabe von Netzanschlüssen kaum geprüft werde, ob Projektentwickler tatsächlich umsetzungsbereit seien. Dadurch entstehe ein struktureller Rückstau, der den Ausbau erneuerbarer Energien insgesamt ausbremse.
Spekulative Reservierungen verschärfen den Kapazitätsmangel
Gustin erklärte, dass Belgien bis 2030 voraussichtlich zehnmal mehr Speicherprojekte angemeldet habe, als tatsächlich benötigt würden. Würde das Prinzip „wer zuerst kommt“ durch „wer zuerst bereit ist“ ersetzt, ließe sich der Fokus auf realistische und umsetzbare Projekte lenken.
Diese Problematik beschränkt sich nicht auf Belgien. In den Niederlanden können Wartezeiten für einen Netzanschluss laut Financial Times bis zu sieben Jahre betragen. In der Slowakei sind derzeit rund 50 Prozent der reservierten Kapazitäten ungenutzt. Auch Deutschland ist von dieser Entwicklung betroffen, da dort doppelt so viele Anträge für Stromspeicher eingereicht wurden, als der nationale Ausbauplan vorsieht. Die Folge ist ein wachsender administrativer und technischer Druck auf die Netzbetreiber.
Investitionen in Erzeugung und Netze driften auseinander
Ursächlich für diese Engpässe ist der rasante Ausbau erneuerbarer Energien, der nicht mit einer entsprechenden Modernisierung der Stromnetze einherging. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur stiegen die weltweiten Investitionen in die Stromerzeugung in den vergangenen zehn Jahren um nahezu 70 Prozent auf rund 1 Billion USD jährlich.
Die jährlichen Ausgaben für Stromnetze erhöhten sich hingegen lediglich auf etwa 400 Milliarden USD. Dieses Missverhältnis führt dazu, dass immer mehr erzeugte Energie nicht abtransportiert oder genutzt werden kann. Die Europäische Kommission schätzt, dass bis 2040 Investitionen von rund 1,2 Billionen Euro erforderlich sind, um die europäischen Netze an die steigende Stromerzeugung anzupassen.
Rund 730 Milliarden Euro entfallen dabei auf Verteilnetze und weitere 240 Milliarden Euro auf Wasserstoffnetze. Ohne zusätzliche Maßnahmen könnten somit im Jahr 2040 etwa 310 Terawattstunden erneuerbarer Energie ungenutzt bleiben. Das entspricht ungefähr der Hälfte des heutigen Stromverbrauchs in der Europäischen Union.
Hohe volkswirtschaftliche Kosten durch Netzüberlastung
Bereits heute sind die finanziellen Folgen erheblich. Die Verluste durch Netzüberlastungen beliefen sich im Jahr 2022 auf 5,2 Milliarden Euro und könnten bis 2030 auf rund 26 Milliarden Euro anwachsen. Um gegenzusteuern, schlug die Europäische Kommission Mitte Dezember vor, den Haushalt der Fazilität für europäische Energienetze deutlich aufzustocken. Das Budget soll von 5,84 Milliarden Euro auf 29,91 Milliarden Euro steigen.
Kurzfristig könnten zusätzliche Stromspeicher für Entlastung sorgen. Nach Berechnungen der Elia Group würden die ersten 100 Gigawatt installierter Speicherkapazität in Europa die Abregelung erneuerbarer Energien um 13 Prozent senken. Dies würde ermöglichen, einen deutlich größeren Teil der erzeugten erneuerbaren Energie tatsächlich ins Netz einzuspeisen und wirtschaftlich zu nutzen.
Großbritannien als Extrembeispiel veralteter Netzinfrastruktur
Ein besonders ausgeprägtes Beispiel für strukturelle Defizite ist das Vereinigte Königreich. Dort wurde das Stromnetz seit den 1960er Jahren kaum grundlegend modernisiert, wie das Wall Street Journal berichtet. Schon damals waren massive Investitionen notwendig, als Haushalte vermehrt elektrische Geräte anschafften. Eine vergleichbare Modernisierungswelle blieb in den folgenden Jahrzehnten jedoch aus.
Hinzu kommt eine geografische Schieflage. Ein Großteil der Windenergie wird im Norden Schottlands erzeugt, während der Stromverbrauch vor allem im Süden Englands konzentriert ist. Mangels ausreichender Übertragungskapazitäten müssen Windkraftanlagen regelmäßig abgeschaltet werden. Betreiber erhalten dafür Ausgleichszahlungen, da sie geplante Strommengen nicht einspeisen dürfen.
Netzengpässe bremsen den Ausbau erneuerbarer Energien
Nach Angaben der Financial Times erhielten schottische Windparkbetreiber im ersten Halbjahr 2025 finanzielle Entschädigungen dafür, 37 Prozent ihrer geplanten Stromproduktion nicht zu erzeugen. Zugleich sind die Wartezeiten für Netzanschlüsse erheblich. Laut Wall Street Journal können sie für Solarparks oder Stromspeicher zwischen fünf und zehn Jahren betragen.
Um diese Situation zu entschärfen, plant die britische Regierung Investitionen von 34,4 Milliarden Euro in den kommenden Jahren. Das Vorhaben trägt den Namen „The Great Grid Upgrade“. Darüber hinaus hat Großbritannien das frühere Prinzip der pauschalen Reihenfolge bei Netzanschlüssen aufgegeben. Netzbetreiber berücksichtigen nun stärker den tatsächlichen Umsetzungsstand und die technische Einbindung der Projekte.
Litauen zwischen Kapazitätsdebatte und Wirtschaftlichkeit
In Litauen standen Kapazitätsfragen vor allem in den Jahren 2022 und 2023 im Mittelpunkt. Damals sorgte eine gesetzlich festgelegte Obergrenze von 2 Gigawatt für kommerzielle Solarparks für erhebliche Spannungen zwischen Staat und Projektentwicklern. Da die in Absichtserklärungen angemeldete Leistung diese Grenze deutlich überschritt, leitete die Regulierungsbehörde Untersuchungen ein. In der Folge mussten zahlreiche Projekte vorübergehend gestoppt werden.
Im Zuge der Vorbereitung auf die Synchronisierung mit dem europäischen Stromnetz wurde jedoch massiv investiert. Diese Maßnahmen verbesserten die Versorgungssicherheit und erhöhten die Netzkapazitäten in mehreren Regionen. Der Übertragungsnetzbetreiber Litgrid meldet derzeit Absichtserklärungen über 3,3 Gigawatt für Windparks an Land, 3,8 Gigawatt für Solarparks sowie 3,8 Gigawatt an Speicherleistung.
Sinkende Rentabilität belastet Projektentwickler
Trotz ausreichender technischer Kapazitäten bereiten litauischen Entwicklern derzeit andere Probleme größere Sorgen. Viele Genehmigungen laufen in absehbarer Zeit aus, während sich Projekte unter den aktuellen Marktbedingungen kaum rechnen. Nicht begonnene Vorhaben werden daher häufig aufgeschoben oder ganz aufgegeben. Dies erschwert zusätzlich die Finanzierung, da Banken zunehmend zurückhaltend agieren.
Gleichzeitig steigt der Stromverbrauch kontinuierlich, sodass diese Erzeugungskapazitäten langfristig benötigt werden. Vor diesem Hintergrund sucht das Energieministerium nach Lösungen, um die Projekte nicht vollständig zu verlieren. Diskutiert werden unter anderem Anpassungen der Projektarten sowie der Einsatz von Differenzverträgen. Konkrete Vorschläge sollen bei weiteren Gesprächen ausgearbeitet werden.
Was Europas Netzausbau für Deutschland bedeutet
Für Deutschland verdeutlicht die europäische Entwicklung den zunehmenden Handlungsdruck beim Ausbau der Stromnetze. Als eines der Länder mit besonders vielen angemeldeten Speicherprojekten steht auch hier die Frage im Raum, wie Kapazitäten effizient vergeben und spekulative Blockaden vermieden werden können.
Zugleich zeigt der internationale Vergleich, dass der Erfolg der Energiewende nicht allein vom Ausbau erneuerbarer Erzeugung abhängt. Entscheidend ist vielmehr, ob Netzinfrastruktur, Regulierung und Investitionsanreize rechtzeitig angepasst werden, um industrielle Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit dauerhaft zu gewährleisten.


