Jason Furman: KI als neuer Wachstumsmotor – oder überschätzter Hype?
Zunächst war er Wirtschaftsberater unter Bill Clinton – während der Dotcom-Blase. Dann beriet er Barack Obama – während der Immobilienblase, die zur globalen Finanzkrise führte. Nun äußert sich einer der prominentesten Ökonomen der USA gegenüber dem dänischen DWN-Partnerportal Børsen zur aktuellen KI-Euphorie unter Donald Trump. Ist KI die nächste Spekulationsblase? Und was passiert, wenn sie platzt?
Jason Furman zählt seit 25 Jahren zu den einflussreichsten wirtschaftspolitischen Köpfen in Washington. Heute lehrt er als Professor an der Eliteuniversität Harvard. Nur wenige Ökonomen weltweit verfügen über ein vergleichbares Gewicht. Seine Zukunftsszenarien sind ebenso beeindruckend wie warnend.
Furman ist überzeugt, dass Künstliche Intelligenz in den USA zu einem neuen Produktivitätsmotor werden kann. Die Technologie könnte unsere kühnsten Erwartungen übertreffen. Und wenn KI tatsächlich zum großen wirtschaftlichen Durchbruch wird, könnte sie sogar helfen, eines der größten strukturellen Probleme der USA zu entschärfen: die historisch hohe Staatsverschuldung. Doch Furman warnt zugleich: Die Aktienmärkte könnten überbewertet und überinvestiert sein. Und sollte die KI-Blase platzen, schließt er eine neue Finanzkrise nicht aus. Besonders kritisch sieht er dabei den Sektor der sogenannten Schattenbanken.
KI-Blase: Wiederholt sich Geschichte?
Furman betont im Interview immer wieder eine zentrale Unterscheidung: Wenn wir über KI sprechen, müssen wir Finanzmärkte und Realwirtschaft getrennt betrachten. Seine These: An den Börsen können Dinge schiefgehen, während die Realwirtschaft dennoch Fortschritte macht. „Wir haben in der Geschichte viele Blasen erlebt – von den Eisenbahnen im 19. Jahrhundert bis zur Dotcom-Blase um das Jahr 2000“, erklärt Furman. In allen Fällen habe es echte Innovationen gegeben – doch die Investoren seien zu optimistisch geworden. Kapital floss in immer neue Projekte, bis letztlich zu viel investiert war. „Es war echte Innovation, aber nicht genug, um die Bewertungsniveaus zu rechtfertigen, die der Markt eingepreist hatte.“
Ein Punkt fällt Furman besonders auf: Viele KI-Modelle ähneln sich stark. Es sei schwer, sich in diesem Markt zu differenzieren – und das erschwere es, die hohen Gewinnerwartungen zu erfüllen. „Wenn es drei führende KI-Modelle gibt, die alle gleich gut sind, bringt das zwar Produktivitätsgewinne. Aber es ist nicht sicher, ob Unternehmen daraus tatsächlich Gewinne und hohe Margen machen können.“
KI könne zu einer Art „Commodity“ werden – einem standardisierten Produkt, bei dem vor allem der Preis zählt. So wie bei Öl oder Stahl: ein homogener Markt mit harter Konkurrenz und geringen Gewinnspannen. Furman glaubt zwar, dass KI-Unternehmen künftig Geld verdienen werden. Doch: „Um Investitionspläne in Billionenhöhe zu rechtfertigen, müssen sie wirklich enorme Gewinne erzielen.“ Hier ist er skeptisch.
Platzt die KI-Blase? Dotcom-Blase 2.0 oder Finanzkrise?
Was passiert, wenn die KI-Blase platzt? Furman zieht den Vergleich zu den beiden großen Krisen der letzten Jahrzehnte:
- Dotcom-Blase 2000 → milde Rezession
- Immobilienblase 2008 → tiefe Rezession und Finanzkrise
Seine Einschätzung: „Wenn die KI-Blase platzt, wird es eher wie die Dotcom-Blase sein als wie die Immobilienkrise.“ Der direkte Effekt wäre vor allem ein Stopp beim Ausbau von Rechenzentren. Das würde zwar Wachstum bremsen, sei aber nicht vergleichbar mit dem Einbruch am Immobilienmarkt, der einen viel größeren Anteil an der Gesamtwirtschaft hat. Auch ein Börseneinbruch würde den Konsum belasten – jedoch nicht dramatisch. Denn: Amerikaner wissen, dass Aktien riskant sind. 2008 hingegen hätten viele geglaubt, Immobilien seien eine sichere Anlage – was den Konsum künstlich aufgebläht habe.
Schattenbanken als unterschätztes Risiko
Ein Faktor bereitet Furman jedoch große Sorgen: der Schattenbankensektor in den USA. Dabei handelt es sich um Finanzakteure mit großen Kreditportfolios, die nicht denselben strengen Regulierungsvorschriften unterliegen wie klassische Banken.
Apollo sei ein Beispiel. „Das ist für mich ein Unsicherheitsfaktor“, sagt Furman. Ein erheblicher Teil der Kredite für KI-Rechenzentren komme genau aus diesem Bereich. Schattenbanken seien in der Vergangenheit noch nie ernsthaft durch eine große Krise getestet worden. „Ich bin vorsichtig optimistisch, dass ihre Risikomodelle eine Rezession überstehen – aber ich bin nicht sicher.“ Wenn Furman Finanzaufseher wäre, würde er diesen Sektor besonders genau beobachten: „Wenn aus der KI-Blase eine Finanzkrise wird, dann wird sie hier sichtbar.“
Extreme Szenarien nicht ausschließen – Trumps Traum von der „goldenen Ära“
Furman betont mehrfach: „Bei KI müssen wir mit einer größeren Bandbreite möglicher Entwicklungen rechnen als sonst.“ Er verweist auf einen Essay von Dario Amodei, CEO von Anthropic. Amodei prognostiziert, dass KI das US-Wachstum auf 10 bis 20 Prozent jährlich anheben könnte – eine astronomische Zahl. Furman sagt: „Von 2 Prozent auf 10 Prozent Wachstum zu springen, wäre ein Wendepunkt, wie wir ihn noch nie gesehen haben.“ Er bleibt skeptisch, hält es aber für verantwortungslos, solche Möglichkeiten völlig auszuschließen.
Trump glaubt, die USA stünden vor einem neuen „goldenen Zeitalter“. Furman sagt: Damit dieses Wachstum gelingt, könnte KI entscheidend sein. Schon heute sei sichtbar, dass KI-Investitionen die Konjunktur tragen. Im ersten Halbjahr 2025 seien laut Furman 92 Prozent der Nachfrageimpulse in der US-Wirtschaft auf KI zurückzuführen. Ob KI die Produktivität nachhaltig steigert, sei die große Unbekannte der nächsten zehn Jahre. Wenn sie gelingt, könnte sogar die Staatsverschuldung stabilisiert werden.
Furmans Basisszenario: moderater, aber spürbarer Fortschritt
Furman erwartet keine Revolution – aber einen deutlichen Produktivitätsschub. Wenn die US-Produktivität normalerweise bei 1,7 Prozent liegt, könnte KI sie vielleicht auf 2,2 Prozent erhöhen. „Das macht vieles besser, aber es ist kein völlig neues Paradigma.“ Historisch hätten Dampfmaschine und Computer ebenfalls erst mit Verzögerung gewirkt. Auch KI werde Zeit brauchen, um ihren Platz in der Wirtschaft zu finden.
Furman erinnert an die Dotcom-Zeit: Die Aktienmärkte brachen ein – aber die Produktivität stieg danach sogar stärker. Grund sei die massive Überinvestition in Glasfasernetze gewesen, die später genutzt wurde. Sein Fazit: „Für mich zählt vor allem die Entwicklung der Realwirtschaft. Hier bin ich deutlich optimistischer als bei den Börsenbewertungen.“
Furmans eigene Anlagestrategie
Wie investiert er selbst? „Ich kaufe breite Indexfonds mit niedrigen Kosten und halte sie langfristig.“ Markttiming sei für die meisten Anleger keine gute Strategie. Interessant: Ein Harvard-Kollege habe seine KI-Aktienquote bereits deutlich reduziert. „Auch bei uns diskutieren wir diese Frage intensiv.“


