Wirtschaft

Neue Ära im Welthandel: Bain-Chef sieht strukturellen Umbruch

Geopolitische Spannungen und technologische Umbrüche erzwingen eine strategische Neuausrichtung in der Weltwirtschaft. Wie lässt sich unter diesen Bedingungen Wettbewerbsfähigkeit sichern, ohne neue geopolitische Risiken einzugehen?
21.02.2026 17:31
Lesezeit: 4 min
Neue Ära im Welthandel: Bain-Chef sieht strukturellen Umbruch
Geopolitische Spannungen und künstliche Intelligenz verändern den Welthandel grundlegend und zwingen Unternehmen weltweit zu einer strategischen Neuausrichtung (Foto: dpa) Foto: Hans Blossey

Topberater Manny Maceda ruft Unternehmen in Europa zur strategischen Ruhe auf

Im vergangenen Monat reisten zwei US-Amerikaner mit sehr unterschiedlichen Botschaften nach Europa. US-Präsident Donald Trump trat mit scharfer Rhetorik, impliziten Warnungen und einer Linie auf, die internationale Stabilität offen infrage stellt. Seine Aussagen zielten auf Handel, Sicherheitsfragen und die Rolle der USA im globalen Gefüge.

Manny Maceda, Verwaltungsratsvorsitzender des US-Beratungskonzerns Bain & Company, setzte einen Kontrapunkt. In einer Phase geopolitischer Spannungen und wachsender Unsicherheit rät er Unternehmenslenkern zu Besonnenheit. Die Weltwirtschaft befinde sich in einem strukturellen Umbruch, doch Panik sei keine Strategie.

Der globale Handel steht unter Druck durch Zölle, politische Eingriffe, technologische Umbrüche und brüchige Allianzen. Führungskräfte sehen sich mit ständig veränderten Rahmenbedingungen konfrontiert. Investitionsentscheidungen, Standortfragen und Marktprioritäten müssen neu bewertet werden.

Nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos besuchte Maceda Kopenhagen und sprach mit der Wirtschaftszeitung Børsen über die strategischen Überlegungen internationaler Konzerne. Gemeinsam mit rund 22.000 Mitarbeitern berät er weltweit Topmanager bei grundlegenden Weichenstellungen. Dazu gehören Kapitalallokation, Produktionsverlagerungen und der Rückzug aus riskanten Märkten.

Struktureller Wandel statt vorübergehender Krise

Maceda betont, dass die aktuelle Unsicherheit kein kurzfristiges Phänomen ist. Der Welthandel trete in eine neue Phase ein, die von stärkerer politischer Einflussnahme und fragmentierten Märkten geprägt sei. Regionale Wertschöpfungsketten gewinnen an Bedeutung, während globale Standardmodelle an Grenzen stoßen.

Führungskräfte müssten ihre Entscheidungen deutlich dynamischer treffen als früher. Kapital und Ressourcen seien flexibler zu verteilen, da sich politische und wirtschaftliche Parameter rasch ändern können. Gleichzeitig komme es darauf an, Stabilität und Orientierung zu vermitteln.

Wer als Unternehmenschef Unruhe ausstrahle, verstärke interne Verunsicherung. Bleibe die Führung hingegen besonnen, sinke das Risiko von Überreaktionen. Emotionale Schnellschüsse könnten in einem volatilen Umfeld erhebliche Schäden verursachen.

Bain & Company beobachtet diese Entwicklung seit mehreren Jahren in der Beratungspraxis. Die vergangenen fünf Jahre waren geprägt von Handelskonflikten, Inflation, Lieferkettenkrisen und einer globalen Pandemie. Unternehmen hätten sich an dauerhafte Systemschocks gewöhnen müssen.

Vom globalen Effizienzmodell zur regionalen Kalkulation

Maceda kam Anfang der 1980er Jahre aus den Philippinen in die USA, um der Diktatur unter Ferdinand Marcos zu entkommen. 1988 trat er in das damals kleine Beratungsunternehmen Bain & Company ein. Heute ist der Konzern auf sechs Kontinenten in 40 Ländern vertreten.

Über Jahrzehnte dominierte das Effizienzparadigma. Unternehmen produzierten dort, wo Kosten und Rahmenbedingungen am günstigsten waren, und bedienten von dort aus den Weltmarkt. Personal und Kapital wurden global verschoben.

Mit der Einführung von Zöllen auf Stahl- und Aluminiumimporte im Jahr 2018 während der ersten Amtszeit Donald Trumps nahm die Reibung im Welthandel spürbar zu. Seither haben sich wirtschaftliche Entscheidungen stärker an bilateralen Beziehungen zwischen Staaten auszurichten.

Ein prägnantes Beispiel ist die Automobilindustrie. Zölle und geopolitische Spannungen erschweren den weltweiten Vertrieb. Zudem können Technologien und Software nicht mehr ohne Anpassungen in China, Europa und den USA gleichermaßen eingesetzt werden. Hersteller sind gezwungen, Entwicklung und Produktion stärker regional aufzustellen.

Diese Regionalisierung verursacht zusätzliche Kosten, erhöht jedoch die Versorgungssicherheit. Unternehmen müssen heute für jedes Land einzeln prüfen, wo sie produzieren, lagern und verkaufen. Strategische Feinsteuerung ersetzt das frühere Vertrauen in globale Standardlösungen.

Investitionen trotz geopolitischer Spannungen

Trotz der angespannten Lage zeigt sich die Wirtschaft widerstandsfähig. Die größte nordische Bank, Nordea, meldete für 2025 ein Kreditwachstum von sieben Prozent auf 2.800 Milliarden dänische Kronen, was rund 375 Milliarden Euro entspricht. Treiber war unter anderem die anhaltende Investitionsbereitschaft vieler Unternehmen.

Nordea-Chef Frank Vang-Jensen erklärte, Unternehmen müssten lernen, mit Unsicherheit zu leben. Gerade in turbulenten Zeiten sei es entscheidend, einen kühlen Kopf zu bewahren und strategische Entscheidungen nicht von Emotionen bestimmen zu lassen.

Auch der Vorstandsvorsitzende von A. P. Møller-Mærsk, Vincent Clerc, verwies auf eine gewisse Normalisierung nach neuen US-Zöllen im vergangenen Jahr. Der Schock sei erheblich gewesen, doch Handel und Nachfrage hätten sich robuster gezeigt als vielfach erwartet.

Maceda warnt daher vor Handlungsunfähigkeit. Wer aus Angst vor geopolitischen Risiken Investitionen komplett einfriert, verpasst Chancen in weiterhin funktionierenden Märkten. Führungskräfte müssten offensiv und defensiv zugleich agieren und klare Prioritäten setzen.

Strategien werden kürzer und flexibler

Die Risiken zeigen sich in konkreten Unternehmensfällen. Carlsberg musste seine Russland-Aktivitäten aufgeben und verzeichnete zweistellige Milliardenverluste. Ørsted sah sich in den USA mit wiederholten Projektstopps konfrontiert, während Pandora von US-Importzöllen in Höhe von 19 Prozent auf Waren aus Thailand betroffen war.

Solche Entwicklungen verkürzen strategische Planungshorizonte deutlich. Klassische Fünfjahrespläne verlieren an Bedeutung, stattdessen werden Strategien regelmäßig überprüft und angepasst. Planung wird zu einem kontinuierlichen Prozess.

Maceda plädiert dafür, strategische Grundannahmen mindestens vierteljährlich zu hinterfragen. Unternehmen müssten flexibel reagieren können, ohne ihre langfristige Ausrichtung aus den Augen zu verlieren. Eine rollierende Drei-Jahres-Perspektive gewinnt an Bedeutung.

Zudem werde systematische Szenarioplanung unverzichtbar. Am Beispiel Taiwans, wo ein Großteil der weltweiten Halbleiterproduktion angesiedelt ist, zeigt sich, wie politische Entwicklungen globale Lieferketten beeinflussen können. Unternehmen müssen Wahrscheinlichkeiten bewerten und konkrete Handlungsoptionen vorbereiten.

Künstliche Intelligenz als strategische Schlüsseltechnologie

Ein zentrales Zukunftsfeld ist für Maceda die künstliche Intelligenz. Seit Jahrzehnten im Silicon Valley tätig, hat er zahlreiche technologische Innovationswellen begleitet. Er sieht in der aktuellen Entwicklung ein erhebliches Transformationspotenzial.

Unternehmen wie OpenAI, Anthropic oder xAI erreichen bereits Bewertungen in dreistelliger Milliardenhöhe. Diese hohen Bewertungen lassen sich jedoch nur rechtfertigen, wenn eine breite Anwendung in Wirtschaft und Gesellschaft erfolgt und Produktivität sowie Umsätze nachhaltig steigen.

Derzeit steht vor allem die Effizienzsteigerung im Vordergrund. Prozesse werden automatisiert und Abläufe optimiert. In den kommenden Jahren könnten jedoch neue Geschäftsmodelle entstehen und ganze Branchen strukturell verändert werden.

Besonders großes Potenzial sieht Maceda in der Pharmaindustrie sowie im Gesundheits- und Life-Science-Sektor. Unternehmen, die diese Entwicklung verschlafen, riskieren langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit. Technologische Umbrüche haben in der Vergangenheit wiederholt Marktführer verdrängt.

Neue Anforderungen an deutsche Unternehmen

Die Analyse des Bain-Vorsitzenden macht deutlich, dass der Welthandel dauerhaft komplexer geworden ist. Resilienz, regionale Diversifikation und technologische Anpassungsfähigkeit treten neben klassischen Effizienzkennzahlen. Strategische Disziplin wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor.

Für Deutschland als exportorientierte Volkswirtschaft mit global verflochtener Industrie sind diese Veränderungen besonders relevant. Unternehmen müssen geopolitische Risiken systematisch berücksichtigen, Lieferketten robuster aufstellen und gleichzeitig konsequent in Schlüsseltechnologien wie künstliche Intelligenz investieren, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

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