Wirtschaft

Logistikverbände schlagen Alarm: Hohe Spritpreise sind nicht zu verkraften - staatliche Entlastung ist notwendig

Deutsche Logistikverbände ⁠schlagen wegen der kriegsbedingt gestiegenen Kraftstoffpreise Alarm. In einem Appell fordern sie von der Bundesregierung sehr kurzfristige Maßnahmen der Entlastung in Form von Steuersenkungen oder Reduktion der CO2-Abgabe.
12.03.2026 11:44
Lesezeit: 5 min
Logistikverbände schlagen Alarm: Hohe Spritpreise sind nicht zu verkraften - staatliche Entlastung ist notwendig
Die Verbände der deutschen Logistiker verlangen sofortige Entlastungen bei den Spritpreisen von der Regierung. Die Branche ist am Limit. (Foto: dpa) Foto: Patrick Pleul

In einem gemeinsamen Appell fordern die Logistikverbände AMÖ, BGL, BPEX und BWVL sofortige Entlastungen durch die Bundesregierung. Angesichts europaweit spitzenmäßiger Kostenbelastungen warnen sie vor drastischen Preissteigerungen für Wirtschaft und Verbraucher. Gefordert wird eine befristete Kraftstoffpreisbremse, um die Branche ohne Dauersubventionen zu stabilisieren. Da die Logistik als Rückgrat der Wirtschaft fungiert, drohen bei ausbleibender Hilfe Kettenreaktionen bei den Endverbraucherpreisen, so die Verbände.

Ob Paketdienst oder Spedition – die gesamte Logistikbranche kämpft aktuell an zwei Fronten: gegen explodierende Energiekosten und für stabile Lieferketten. Die klare Ansage an die Politik: Wir wollen kein dauerhaftes Staatsgeld, sondern einen befristeten Schutzschirm bei den Spritpreisen, um diese Extremsituation unbeschadet zu überstehen. Bundeskanzler Friedrich Merz signalisierte auf der Handwerksmesse in München Gesprächsbereitschaft, während die Bundesbank bereits vor wirtschaftlichen Einbußen warnt.

Staat darf kein Steuergewinner der hohen Spritpreise werden

"Der Staat darf nicht zum Steuergewinner zulasten der Wirtschaft werden" – mit dieser Kernforderung erhöhen die Verbände den Druck auf die Bundesregierung. Sie fordern eine Kompensation der fiskalischen Mehreinnahmen, die durch die aktuelle Teuerungswelle bei Energie entstehen. Die Notwendigkeit ist akut: Seit Beginn der Militärschläge gegen den Iran am letzten Wochenende herrscht Schockstimmung an den Zapfsäulen. Mit Diesel- und Benzinpreisen von deutlich über zwei Euro drohen der Logistik ohne staatliches Gegensteuern weitreichende Insolvenzen.

Konkret sollen die durch die Preisrallye gestiegenen Einnahmen aus der CO2-Bepreisung und anderen Steuerkomponenten an die Branche zurückfließen. Die klare Botschaft: Der Staat darf nicht finanziell von einer Krise profitieren, die Unternehmen und Bürger massiv belastet.

Explodierende Energiekosten bringen die Logistik ans Limit

Da Diesel ein Drittel der Kostenbasis ausmacht, gefährdet die aktuelle Krise die Existenz vieler Speditionen. Die Kombination aus steigenden CO₂-Steuern und explodierenden Spritpreisen ist eine „toxische Mischung“, die das Kernbudget der Logistiker sprengt. Das Hauptproblem: Die Unternehmen müssen die Kostensteigerungen wochenlang vorstrecken, bevor Preisanpassungsklauseln greifen. Das Ergebnis ist laut Branchenexperte Thomas Rackow klar: Eine massive Preiserhöhung für Endverbraucher ist kaum noch abzuwenden.

In einer aktuellen Stellungnahme zeichnet auch der Bundesverband Logistik & Verkehr (BLV-pro) ein düsteres Zukunftsszenario für den Transportsektor. Die massiven Kraftstoffkosten belasten die Speditionen so stark, dass der Verband vor einem systemischen Kollaps der Branche warnt. Vorsitzender Konstantin Popov drängt auf unmittelbare Entlastungsmaßnahmen, da die Kapazitätsgrenzen der Unternehmen überschritten seien. Ein Ausbleiben politischer Unterstützung gefährde laut BLV die Versorgungssicherheit und Stabilität des gesamten Wirtschaftsstandorts.

Warum ist ausgerechnet in Deutschland der Sprit so teuer?

Der BLV-pro untermauert seine Forderungen mit drastischen Praxisbeispielen: Mirko Reichelt, BKF-Beauftragter des Verbandes, berichtet von massiven Preisgefällen innerhalb Europas. Nach einer Tour durch Tschechien zieht er eine ernüchternde Bilanz: Während das Tanken im Nachbarland deutlich günstiger ist, bleibt deutscher Diesel auf Rekordniveau. Reichelt stellt die provokante Frage, warum die Bundesregierung die heimische Logistik im internationalen Wettbewerb durch derart hohe Kraftstoffkosten derart benachteiligt.

Um den Kollaps der Logistik abzuwenden, fordert der BLV-pro ein dreistufiges Notfallprogramm von der Politik. Der Plan sieht eine vorübergehende Senkung der Dieselsteuer, eine Preisdeckelung gegen extreme Marktschwankungen sowie die Gründung eines Branchen-Krisenstabs vor. Nur durch dieses entschlossene Eingreifen ließen sich laut Verband drohende Versorgungsengpässe und schwere wirtschaftliche Schäden noch abwenden.

Bundesregierung plant stärkere Preisregulierung an Tankstellen

Die Bundesregierung reagiert auf die stark steigenden Spritpreise mit einer neuen Regulierung: Tankstellen sollen künftig nur noch einmal täglich ihre Preise anheben dürfen, Preissenkungen bleiben hingegen jederzeit möglich. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) betonte, dass dieses aus Österreich bekannte Modell helfen soll, die durch den Iran-Krieg stark gestiegenen Preise zu begrenzen. Notwendig sei dazu eine Änderung des Kartellrechts, außerdem prüft die Regierung eine Verschärfung der Missbrauchsaufsicht des Bundeskartellamts. Während der Tankstellenverband die Maßnahme als Beruhigung für Verbraucher lobt, warnt der ADAC vor möglichen höheren Grundpreisen. SPD-Fraktionsvize Armand Zorn fordert eine schnelle Umsetzung und prüft zudem die Einführung einer generellen Spritpreisbremse, die Preisanstiege an den Rohölmarkt koppelt, um spekulative Steigerungen künftig zu verhindern.

Regierung prüft weitere mögliche Maßnahmen der Entlastung

Bundeskanzler Friedrich Merz stellte hochrangigen Vertretern der Wirtschaft in Aussicht, als Reaktion auf die Energiepreise staatliche Hilfen zu prüfen. Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) lässt derzeit klären, inwieweit das Kartellrecht zur Entlastung beitragen kann. Eine staatliche Spritpreisbremse lehnte die Ministerin jedoch ab. Regierungsvertreter mahnten zudem an, dass Unternehmen die angespannte Lage nicht für übermäßige Gewinne missbrauchen dürften, warnten aber gleichzeitig vor übereilten Markteingriffen.

Mittlerweile haben die Regierungsfraktionen von Union und SPD eine gemeinsame Taskforce für Energie- und Kraftstoffpreise ins Leben gerufen. In enger Abstimmung mit der Bundesregierung analysiert das Gremium die aktuelle Preisentwicklung und erarbeitet konkrete Entlastungsmaßnahmen. Die Leitung liegt bei den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden für Wirtschaft und Energie, darunter Sepp Müller (CDU).

Nutzen Energiekonzerne die Krise aus?

Scharfe Kritik an den Energiekonzernen kommt von Christian Görke (Linke): Er bezichtigt die Branche der schamlosen Profitgier auf Kosten von Millionen Pendlern und Haushalten. Als Gegenmittel fordert er die sofortige Wiedereinführung der Übergewinnsteuer. Um Spekulationen an Tankstellen effektiv zu stoppen, dürfe sich die Regierung jedoch nicht mit dem 2022 beschlossenen Satz von 33 Prozent begnügen – Görke verlangt einen deutlich massiveren Steuersatz zur Abschöpfung der Krisengewinne. "Die abschreckende Wirkung einer Übergewinnsteuer kann die Preisspekulation an der Zapfsäule eindämmen. Tanken und Heizen müssen bezahlbar bleiben", so Görke weiter.

Sprit heute erstmals seit Kriegsbeginn im Tagesvergleich billiger

Zum ersten Mal seit Beginn des Iran-Krieges ist Sprit im Tagesvergleich wieder billiger geworden. Superbenzin der Sorte E10 und Diesel waren im bundesweiten Tagesdurchschnitt des Mittwochs um 3,4 beziehungsweise 5,4 Cent billiger als am Dienstag, wie der ADAC mitteilte. Mit 2,011 Euro pro Liter war E10 allerdings immer noch gut 23 Cent teurer als am Tag vor Kriegsausbruch. Bei Diesel waren es mit 2,134 Euro pro Liter am Mittwoch sogar knapp 39 Cent mehr als vor Beginn der Angriffe.

Ein zentraler Treiber des Preisanstiegs der letzten Zeit waren die Rohölpreise, die in den vergangenen eineinhalb Wochen kräftig zugelegt hatten. Hintergrund ist, dass der Krieg die Straße von Hormus betrifft, durch die große Mengen an Rohöl aber auch Flüssiggas transportiert werden. Diesel reagiert zudem typischerweise stärker auf Krisen, unter anderem weil angesichts des hohen Verbrauchs unter anderem durch Lkw sehr viel mehr von diesem Kraftstoff nach Deutschland importiert werden muss und er neben dem Verkehrssektor auch andernorts eingesetzt wird, teilweise um Gas zu ersetzen. Das war bereits vor vier Jahren zu Beginn des Ukraine-Krieges zu beobachten.

Treiber Rohöl

Deren Entwicklung dürfte auch für den aktuellen Rückgang eine Rolle gespielt haben: Am Montag war der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Sorte Brent zwar vorübergehend auf mehr als 120 Dollar pro Barrel gestiegen, aber bereits im Tagesverlauf wieder deutlich gesunken. Am Dienstag und Mittwoch beruhigte sich die Lage teilweise mit Preisen klar unter 100 Dollar. Die Lage im Kriegsgebiet blieb unübersichtlich - am Donnerstagmorgen lag der Ölpreis wieder um die 100 Dollar.

Am Mittwoch wurden verschiedene Gegenmaßnahmen gegen die hohen Öl- und Spritpreise beschlossen. So hat die Internationale Energieagentur IEA angekündigt, dass die 32 Mitgliedsländer der Agentur 400 Millionen Barrel Rohöl aus ihren strategischen Reserven freigeben - mehr als je zuvor bei einer gemeinsamen Aktion. Zudem sollen Tankstellen in Deutschland nach Plänen der Regierung nur noch einmal am Tag ihre Spritpreise erhöhen dürfen. Ob das etwas an den hohen Preisen ändert, ist zweifelhaft.

Konjunkturerwartungen hängen unmittelbar mit den Entwicklungen des Krieges zusammen

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel sieht die deutsche Konjunktur an einem Wendepunkt: Ob das prognostizierte Wachstum von knapp einem Prozent für 2026 haltbar ist, hängt maßgeblich von der Dauer des aktuellen Konflikts ab. Nach zwei Jahren Rezession und einem minimalen Plus von 0,2 Prozent im Jahr 2025 mahnt Nagel zur Geduld, bevor endgültige Prognosen möglich sind. Bundeskanzler Friedrich Merz gibt sich derweil vorsichtig optimistisch und spricht aktuell lediglich von einem „Dämpfer“ im Nachkommastand der Wachstumszahlen. Er betonte jedoch, dass das strukturelle Problem der zu hohen Energiekosten in Deutschland auch ohne externe Krisen gelöst werden müsse.

Die deutsche Wirtschaft fordert von der Bundesregierung einen radikalen Kurswechsel. Laut einem gemeinsamen Papier der führenden Dachverbände schwinden die Widerstandskräfte der Unternehmen nach der anhaltenden Wachstumsflaute zusehends. Die Verbände mahnen, dass die Stimmung erst durch substanzielle Reformen im laufenden Jahr gedreht werden könne. Nur so ließe sich die Erosion der Wettbewerbsfähigkeit stoppen, für die die bisherigen Regierungsmaßnahmen kein ausreichendes Gegengewicht darstellten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie Twitch, Kick & Co. die Unterhaltungsbranche prägen

Das Bild der Unterhaltungsbranche hat sich dramatisch gewandelt. Dabei wurde aus einer Einbahnstraße eine Autobahn mit unzähligen Spuren...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Aktien erholen sich auf Allzeithochs nach positiven Iran-Äußerungen von Trump und Tech-Boom
01.06.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Wendungen in der globalen Diplomatie und neue Trends in der Technologiebranche die Anleger derzeit in...

DWN
Politik
Politik Statistisches Bundesamt: Auswanderung von Deutschen auf Allzeithoch
01.06.2026

Deutschlands Nettozuwanderung ist 2025 stark gesunken: Statt 430.000 kamen noch 235.000 Menschen hinzu. Es gibt eine rückläufige...

DWN
Politik
Politik Ausreisegenehmigungen für wehrfähige Männer rechtswidrig? Verteidigungsministerium räumt Fehler ein
01.06.2026

Erst wird sie übersehen, dann eilig wieder ausgesetzt: Eine Regel zu Ausreisegenehmigungen für Männer im wehrfähigen Alter. Minister...

DWN
Politik
Politik EU-Schulden werden zur Kostenfalle für Deutschland
01.06.2026

Europa will mehr Rüstung, sichere Energie, starke Industrie und stabile Renten. Doch der IWF warnt, dass diese Rechnung kaum aufgeht,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Flugkraftstoff gerettet, Urlaub nicht. Europas Airlines sparen weiter
01.06.2026

Erst drohten Flugausfälle, leere Tanks und ein chaotischer Sommer über Europas Flughäfen. Nun scheint der akute Mangel an Flugkraftstoff...

DWN
Finanzen
Finanzen Trade Republic attackiert Europas Banken mit sechs Prozent Zinsen
01.06.2026

Sechs Prozent Zinsen, Brad Pitt im Werbespot und ein deutscher Anbieter, der in Polen plötzlich klassische Banken herausfordert. Trade...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Automobilchef: Mehrere europäische Automarken werden aussterben
01.06.2026

Jahrzehntelang lernten chinesische Hersteller von deutschen Autobauern. Nun reisen Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW nach China, um...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hyundai Kona im Test: Futuristisch, mutig und anders
01.06.2026

Der Hyundai Kona sieht aus, als wolle er nicht jedem gefallen. Genau das macht ihn spannend, denn hinter der mutigen Form steckt ein...