Vom Innovationsführer zur Aufgabe: Eterna verschwindet als Hersteller, Marke bleibt erhalten
Eterna, abgeleitet vom lateinischen „aeternus“ für Beständigkeit, steht für Dauer und Langlebigkeit. Seit Anfang März 2026 gilt das nicht mehr: Bei Eterna in Passau stehen die Nähmaschinen endgültig still. Im Dezember 2025 beantragt der Hemden- und Blusenhersteller beim Amtsgericht Passau Insolvenz in Eigenverwaltung. Es ist bereits das zweite Sanierungsverfahren nach 2021.
Seit Anfang März 2026 steht fest, dass es keine Fortführung geben wird: Die Geschäftsführung hat angekündigt, den Betrieb im Sommer einzustellen, der Gläubigerausschuss hat der Schließung bereits zugestimmt.
Mehr als 20 potenzielle Investoren bekunden zunächst Interesse an dem Unternehmen, doch keiner legt ein Angebot vor, mit dem der operative Betrieb in Passau hätte fortgeführt werden können. Der Verkaufsprozess bleibt ohne Ergebnis, die Produktion wird eingestellt und die rund 400 Beschäftigten am Standort verlieren ihre berufliche Perspektive. Übrig bleibt einzig die Marke. Mitte März 2026 sichert sich der Wettbewerber Olymp sämtliche Markenrechte an Eterna, ohne dass Standort oder Unternehmen selbst übernommen werden.
Nach 163 Jahren endet damit die Geschichte eines Unternehmens, das 1863 in Wien gegründet wird, seit 1927 in Passau ansässig ist und in den 1980ern mit dem bügelfreien Baumwollhemd eine Innovation prägte, die bis heute als Markenzeichen des Unternehmens gilt.
Die Normalisierung der Insolvenzen
Eterna ist kein Einzelfall, stattdessen scheinen Insolvenzen zur wirtschaftlichen Tagesordnung in Deutschland zu gehören wie die nächste Prognosekorrektur nach unten. Allein im vergangenen Jahr haben die deutschen Amtsgerichte 24.064 Unternehmensinsolvenzen registriert. Das entspricht einem Anstieg um 10,3 Prozent gegenüber dem Jahr 2024, nachdem die Fallzahlen bereits in den Jahren 2023 und 2024 jeweils um mehr als 20 Prozent zugenommen hatten, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) Ende 2025 meldete.
Damit hat das Insolvenzgeschehen im deutschen Mittelstand ein ähnliches Niveau erreicht, wie es zuletzt nach der Finanzkrise 2008 beobachtet wurde. Auffällig ist vor allem die Breite dieser Entwicklung. So entfielen laut Destatis im Jahr 2025 rund 18 Prozent der Unternehmensinsolvenzen auf den Handel, etwa 17 Prozent auf unternehmensnahe Dienstleistungen und 15 Prozent auf das Baugewerbe.
„Der Mittelstand bewegt sich inzwischen im roten Bereich“, konstatiert Dr. Jupp Zenzen, Director Economic Analysis and Business Surveys bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), in seiner Anfang 2026 veröffentlichten Analyse „Mittelstand droht dauerhaft abzurutschen“.
Als eine der zentralen Ursachen sieht er die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen hierzulande, die sich für viele Unternehmen zu einem der größten Geschäftsrisiken entwickelt haben. „Die wirtschaftliche Lage vieler Betriebe hat sich deutlich verschlechtert, und eine nachhaltige Entlastung ist bislang nicht in Sicht“, schreibt Zenzen. Und weiter: „Die Kombination aus hohen Kosten, anhaltender Unsicherheit und fehlenden wirtschaftspolitischen Impulsen setzt die Unternehmen zunehmend unter Druck.“
„Die Unsicherheit belastet Unternehmen stärker als Zölle”
Tatsächlich gaben 56 Prozent der im KfW-Mittelstandspanel 2025 befragten mittelständischen Unternehmen an, dass die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen zu den größten Geschäftsrisiken zählen. Steigende Energie- und Rohstoffpreise nannten 49 Prozent als zentrale Herausforderung, den Fachkräftemangel 44 Prozent.
Rund 80 Prozent der von der KfW befragten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) gehen von weiter steigenden Gesamtkosten aus, ein Wert, der sich seit der Energiepreiskrise auf hohem Niveau stabilisiert hat. Besonders stark wirkt dabei der Kostendruck auf der Lohnseite, wo tarifliche Anpassungen und Fachkräfteengpässe die Personalkosten weiter steigen lassen, während gleichzeitig energieintensive Betriebe weiterhin mit im internationalen Vergleich hohen Strompreisen konfrontiert sind.
Die Ergebnisse dieser Gemengelage werden in der Investitionstätigkeit der Unternehmen deutlich: Laut dem KfW-Mittelstandspanel 2025 ist der Anteil der Mittelständler, die am Standort Deutschland investieren, zuletzt auf rund 39 Prozent gesunken und liegt damit deutlich unter dem Niveau der Jahre 2024 (42 Prozent) und 2023 (45 Prozent). Gleichzeitig steigt der indirekte Kostenblock des Mittelstands durch immer weiter steigende regulatorische Anforderungen. Im Schnitt verwenden Unternehmen laut KfW rund sieben Prozent ihrer Arbeitszeit auf bürokratische Vorgaben wie Dokumentationspflichten und Genehmigungsverfahren.
Aus Sicht der KfW verdichten sich diese Ursachen zu einem gefährlichen Mix aus politischer Unsicherheit und realwirtschaftlicher Belastung. „Noch stärker als die höheren Zölle könnte die erneute Unsicherheit zu einer zusätzlichen Belastung für die deutsche Wirtschaft werden“, schreibt die KfW-Ökonomin Jennifer Abel-Koch. Sie kommt zu dem Schluss, dass sich daraus ein strukturelles Belastungsgefüge entwickelt, in dem Kosten, Regulierung und Unsicherheit ineinandergreifen und die Handlungsspielräume vieler Unternehmen spürbar einschränken.
Motorsägen-Hersteller Stihl geht ins Ausland
Wie sich diese Rahmenbedingungen auf das Verhalten von Unternehmen auswirken, zeigt der Motorsägen- und Gartengerätehersteller Stihl aus Waiblingen bei Stuttgart: Anfang 2025 knüpfte das Unternehmen eine Investitionsentscheidung über 300 Millionen Euro für ein neues Werk in Ludwigsburg an geänderte wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. Unter anderem forderte Stihl Entlastungen bei Energie, Bürokratie und Abgaben.
Da die erwarteten Verbesserungen ausblieben, entschied sich der Weltmarktführer bei Motorsägen im Oktober 2025 für eine Investition von rund 125 Millionen Euro in ein neues Werk in Rumänien. Dort entstand ein europäisches Kompetenzzentrum für die Produktion von Akku-Packs, dessen Kapazitäten bis Ende 2026 schrittweise hochgefahren werden sollen.
Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 25. November 2025 macht Nikolas Stihl deutlich, dass solche Entscheidungen Ausdruck einer grundlegenden Neubewertung des Standorts Deutschland sind. „Es ist momentan äußerst schwierig, eine Investition in Deutschland zu rechtfertigen“, sagt Stihl und ergänzt: „Standortpatriotismus ist der einzige Grund, warum wir noch in Deutschland investieren.“
Besonders deutlich fällt seine Kritik an den strukturellen Rahmenbedingungen aus. Deutschland habe „große Strukturprobleme“ und bewege sich seit Gerhard Schröder und seiner Agenda 2010 in die falsche Richtung, während gleichzeitig Bürokratie, Steuerbelastung und Kosten weiter stiegen, beklagt Stihl.
Maschinenbauer Trumpf widerspricht dem Trend
Neben Insolvenz und Abwanderung existiert ein drittes Unternehmenscluster, das seit Jahren ein tragender Pfeiler des Standorts Deutschland ist und in der aktuellen Phase weiter an Bedeutung gewinnt. Es sind jene Mittelständler, die ihre Geschäftsmodelle kontinuierlich weiterentwickeln, Wertschöpfungsketten neu ausrichten und ihre Strukturen konsequent an veränderte Marktbedingungen anpassen.
CEO Nicola Leibinger-Kammüller, die seit 2005 an der Unternehmensspitze steht, hat die strategische Neuausrichtung von Trumpf früh angestoßen und insbesondere die Vernetzung von Maschinen, Software und Services vorangetrieben, etwa über Plattformlösungen zur Produktionssteuerung und datenbasierte Anwendungen in der industriellen Fertigung. Inzwischen entfallen rund 30 Prozent des Umsatzes auf Service-, Software- und digitale Lösungen, die über den klassischen Maschinenverkauf hinausgehen und zunehmend für wiederkehrende Erlöse sorgen.
„Wenn ich von Trumpf ausgehe, dann entscheiden über den Erfolg Innovation und Geschwindigkeit. Wir müssen technisch vorn sein“, sagt Leibinger-Kammüller im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Mitte Februar 2026 und betont damit die zentrale Rolle technologischer Führungsfähigkeit im globalen Wettbewerb. Zugleich macht sie deutlich, dass der zunehmende Wettbewerbsdruck, insbesondere durch China, nur durch kontinuierliche Innovation und Geschwindigkeit in der Umsetzung aufgefangen werden kann. Der beste Schutz liege im technologischen Vorsprung, so Leibinger-Kammüller.
Diese strategische Ausrichtung zeigt ihre Wirkung gerade in einem anspruchsvollen Marktumfeld. Während Auftragseingang und Umsatz zuletzt unter der schwachen Weltkonjunktur gelitten haben und auch Anpassungen auf der Kostenseite notwendig wurden, bleibt die technologische Positionierung intakt. Anstatt Produktionskapazitäten großflächig ins Ausland zu verlagern, setzt Trumpf darauf, seine Wettbewerbsfähigkeit über technologische Tiefe und eine höhere Wertschöpfung pro Einheit zu sichern, auch unter den Bedingungen eines Hochkostenstandorts.
„Auch die unternehmerische Haltung entscheidet über Erfolg und Scheitern“
Ein Teil dieser Unterschiede lässt sich nicht allein durch Branchen oder Geschäftsmodelle erklären, sondern hat auch mit der Prägung der Unternehmen selbst zu tun, insbesondere mit der Generation, die sie führt. Viele klassische Mittelständler sind in einer Zeit entstanden, in der wirtschaftliche Rahmenbedingungen vergleichsweise stabil, planbar und national geprägt waren, während jüngere Unternehmen von Beginn an unter Bedingungen gegründet wurden, die durch Globalisierung, Krisen und Unsicherheit gekennzeichnet sind.
Im Gespräch mit dem Handelsblatt im Januar 2026 weist Friederike Welter, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn und Professorin für Betriebswirtschaftslehre, darauf hin, dass man in der Transformation akzeptieren müsse, „dass es bestimmte Unternehmen geben wird, vielleicht auch bestimmte Branchen, die so nicht mehr weiter existieren“. Wirtschaftliche Turbulenzen könnten laut Welter auch eine bereinigende Funktion haben. Gleichzeitig betont sie, dass die aktuelle Unsicherheit kein vorübergehendes Phänomen ist, sondern die wirtschaftliche Realität auf absehbare Zeit prägen wird.
Auch aus Sicht der Entrepreneurship-Forschung hat sich die unternehmerische Logik verändert. Der Ökonom Christian E. Weller beschreibt in seinen Analysen zur Unternehmensdynamik, dass erfolgreiche Unternehmen in unsicheren Umfeldern weniger auf Planungssicherheit setzen als auf Anpassungsfähigkeit und flexible Entscheidungsstrukturen, was insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil, aber auch zum Nachteil werden kann.
Darin liege für Weller ein entscheidender Unterschied in der unternehmerischen Haltung. Während ältere Strukturen häufig darauf ausgerichtet sind, Stabilität zu bewahren, sind jüngere Unternehmen von Anfang an darauf ausgelegt, mit Unsicherheit zu operieren, Risiken zu verteilen und ihre Geschäftsmodelle kontinuierlich anzupassen.
Strukturwandel statt Konjunkturzyklus
Vor diesem Hintergrund spricht vieles dafür, dass die gegenwärtige Lage strukturell in den industriellen Kern des Standorts Deutschland eingreift. Davor warnt unter anderem der IMK-Report „Deutschlands industriellen Kern modernisieren und Wohlstand steigern“ des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung vom Januar 2026.
Die Autoren schreiben, dass die industrielle Bruttowertschöpfung in Deutschland seit ihrem Höchststand im Jahr 2018 bis 2024 um 5,2 Prozent gesunken ist, während sie in der Europäischen Union (EU) im selben Zeitraum um 4,8 Prozent gestiegen ist. Parallel dazu fiel der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung in Deutschland seit 2018 um 2,3 Prozentpunkte und damit deutlich stärker als im EU-Durchschnitt, wo der Rückgang bei 1,1 Prozentpunkten lag.
Hinzu kommt, dass sich auch die Wettbewerbswahrnehmung im Mittelstand erkennbar verschlechtert hat. Laut dem KfW-Fokus vom Februar 2026 erwarten mehr als 40 Prozent der international konkurrierenden KMU, dass sich ihre Wettbewerbsposition in den kommenden drei Jahren verschlechtern wird. Gleichzeitig berichten 15 Prozent aller KMU von steigendem Preisdruck durch chinesische Anbieter, 13 Prozent von intensiverem Qualitätswettbewerb. Besonders betroffen sind demnach das verarbeitende Gewerbe und der Handel. „Es ist ein brutaler Transformationsprozess, in dem wir uns alle befinden“, konstatiert Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin von Trumpf.
