Politik

EU-Energieabhängigkeit: Weg von Putin, hinein in Trumps Einfluss

Die EU hat ihre Abhängigkeit von russischer Energie in den vergangenen vier Jahren deutlich reduziert. Stattdessen ist eine neue Abhängigkeit von Energielieferungen unter anderem aus den USA entstanden, wie Daten des Thinktanks Bruegel und von Eurostat zeigen.
06.04.2026 19:07
Lesezeit: 5 min
EU-Energieabhängigkeit: Weg von Putin, hinein in Trumps Einfluss
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Donald Trump kündigen am 27. Juli 2025 bei einem Treffen in Schottland ein neues Handelsabkommen an. (Foto: dpa) Foto: Jacquelyn Martin

Europas Energieabhängigkeit hat nur den Anbieter gewechselt

Vier Jahre und ein Monat sind vergangen, seit Russland die Ukraine angegriffen hat und Europa in eine massive Energiekrise stürzte. Präsident Putin legte die europäische Abhängigkeit von russischer Energie offen und drohte, die Lieferungen zu stoppen. Es bestand die reale Sorge, dass der EU das Gas ausgehen könnte. Es wurden Listen mit Unternehmen erstellt, die im Notfall ohne Gasversorgung auskommen müssten. In vielen Ländern wurde empfohlen, kürzer zu duschen, die Heizung herunterzudrehen und das Licht auszuschalten, um Energie zu sparen.

In der EU wurden temporäre staatliche Beihilfen eingeführt und neue Ziele für gefüllte Gasspeicher, gemeinsame Beschaffung und den Ausbau grüner Energie gesetzt. Nun haben die Angriffe der USA und Israels auf den Iran erneut zu ernsthaften Warnungen vor einer globalen Energiekrise geführt. Wie steht es also heute um die europäische Abhängigkeit?

Die Zahlen zeigen eine deutliche Umstellung, aber nicht das Ende der Importabhängigkeit. Europa ist weiterhin abhängig von Energieimporten. Nur die Lieferanten haben sich verändert.

Daten von Bruegel und Eurostat zeigen, dass die EU russische Energielieferungen unter anderem durch amerikanische ersetzt hat. So bezogen die EU-Staaten im Jahr 2025 gut ein Viertel ihres Gasverbrauchs aus den USA.

Im Interview mit unseren Bonnier-Kollegen des dänischen Portals Borsen weist Ditte Brasso Sørensen, Senioranalystin und stellvertretende Direktorin beim Thinktank Europa, darauf hin, dass die USA nicht das einzige Land sind, das heute mehr fossile Energie nach Europa liefert als früher. Auch Norwegen, Algerien, Kasachstan und andere Länder gehören zu den großen Lieferanten. „Es wurde eine klare strategische Entscheidung getroffen, die Importe aus Russland zu reduzieren, und gleichzeitig hat man versucht zu diversifizieren. Aber wir sehen, dass die USA zu einem der bedeutenden Exporteure nach Europa geworden sind.“

„Die Abhängigkeit von Lieferungen aus Ländern außerhalb Europas ist weiterhin hoch“, Ditte Brasso Sørensen, Senior Analyst und stellvertretende Direktorin, Think Tank Europa

Es bleibe ein zentrales europäisches Ziel, die heimische Produktion grüner Energie auszubauen. „Doch es handelt sich um eine Transformation, die systemische Veränderungen erfordert und Zeit braucht. Deshalb sehen wir weiterhin eine hohe Abhängigkeit von externen Lieferanten.“

DWN: Kann man sagen, dass die Suche nach Alternativen so erfolgreich war, dass der Druck zur Energiewende teilweise nachgelassen hat?

Ditte Brasso Sørensen: „Ja, einerseits sehen wir weiterhin eine hohe globale Produktion fossiler Energie. Das schafft ein großes Angebot und ermöglichte Diversifizierung. Andererseits hätten wir in einer Situation sein können, in der eine Reduzierung russischer Energie gar nicht möglich gewesen wäre. Man kann das kritisieren. Man kann aber auch sagen, dass genau das verhindert hat, dass wir weiter aus Russland kaufen mussten.“

Neue Abhängigkeit von den USA wächst

DWN: Nun gibt es Anzeichen für eine neue Abhängigkeit, unter anderem von den USA. Ist das ein Problem?

Ditte Brasso Sørensen: „Es ist nie gut, von wenigen Lieferanten abhängig zu sein“, sagt Ditte Brasso Sørensen.

Bislang hat Präsident Donald Trump diese Abhängigkeit jedoch nicht aktiv genutzt, um Europa unter Druck zu setzen. Drei Forscher des Thinktanks Bruegel schrieben in der vergangenen Woche in einem Analysepapier, dass die größte Sorge der EU nicht die Abhängigkeit von den USA sei, sondern die generelle Abhängigkeit von fossiler Energie. Doch in einem Interview mit der Financial Times äußerte sich der US-Botschafter bei der EU, Andrew Puzder, in einer Weise, die als Druck interpretiert werden kann.

Die EU arbeitet weiterhin an der endgültigen Genehmigung eines Handelsabkommens mit den USA aus dem Sommer 2025. Dieses beinhaltet unter anderem die Zusage, dass die EU ihre Energieeinkäufe aus den USA bis 2028 auf 750 Milliarden US-Dollar steigern wird. Das Europäische Parlament wollte eine Klausel hinzufügen, wonach das gesamte Abkommen ausgesetzt wird, falls Trump neue Zölle verhängt. Der US-Botschafter erklärte jedoch, dass Änderungen am Vertrag auch die Energieversorgung gefährden könnten.

„Das ist nur ein weiteres Teil des komplexen Puzzles, das die Beziehungen zwischen Europa und den USA derzeit darstellen“, sagt Ditte Brasso Sørensen.

Unter den Energielieferanten gilt aktuell nur Norwegen als vollständig unproblematisch. „Es gibt viele Länder und Regime, bei denen viele der Meinung sind, dass wir ihre Werte nicht teilen und ihre Wirtschaft daher nicht unterstützen sollten.“ Die USA seien derzeit ein besonderer Fall. „Die steigende Energieimportabhängigkeit ist ein weiteres Element in den komplizierten transatlantischen Beziehungen.“

Geopolitisches Spiel setzt Europa unter Druck

Zu große Abhängigkeiten sind problematisch geworden, weil die US-Regierung bereit ist, verschiedene Politikbereiche miteinander zu verknüpfen und europäische Abhängigkeiten als Druckmittel zu nutzen. Genannt werden Verteidigung und Sicherheit, Energie, Zölle und Technologieregulierung. Diese Themen wurden in Diskussionen über die Ukraine und Grönland miteinander verknüpft. „Für die US-Regierung ist vieles verhandelbar. Es sind Teile desselben Spiels. Und dieses Spiel ist für Europa äußerst schwierig.“

Auch innerhalb Europas zeigen sich Risse in der Unterstützung für die Energiewende. Seit der EU-Wahl am 9. Juni 2024 ist der politische Druck gestiegen, die Ambitionen zu reduzieren.

Dennoch wird nicht erwartet, dass die grundlegenden Strukturen der europäischen Klimapolitik zusammenbrechen. „Ich wäre nicht überrascht, wenn es kurzfristig zu Lockerungen kommt. Ich wäre aber sehr überrascht, wenn zentrale Systeme wie der Emissionshandel kollabieren“, ergänzt sie.

Für Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas hat die Entwicklung direkte Auswirkungen. Die Industrie ist auf stabile und bezahlbare Energie angewiesen, gleichzeitig wächst die geopolitische Abhängigkeit von externen Lieferanten. Besonders die starke Ausrichtung auf US-LNG erhöht die Verwundbarkeit gegenüber politischen Spannungen. Zugleich steht Deutschland unter Druck, den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen, um langfristig unabhängiger zu werden.

Das Fazit ist eindeutig. Die EU hat ihre Energieabhängigkeit nicht überwunden, sondern lediglich verlagert. Ohne einen konsequenten Ausbau eigener Energiequellen bleibt Europa geopolitisch verwundbar.

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