Wirtschaft

Das Gespenst der Insolvenz in Deutschland wird immer bedrohlicher

Im ersten Quartal erreichte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland ein Rekordniveau. So viele Fälle wie derzeit wurden zuletzt im Jahr 2005 registriert, und Experten rechnen damit, dass die Welle in diesem Jahr ihren Höhepunkt erreicht.
28.04.2026 07:21
Lesezeit: 3 min
Das Gespenst der Insolvenz in Deutschland wird immer bedrohlicher
Firmenpleiten in Deutschland steigen auf Rekordniveau. (Foto: dpa) Foto: Bernd Weißbrod

Insolvenzen in Deutschland erreichen neue Höchststände

Nach Einschätzung des Kreditversicherers Allianz Trade gefährden die Insolvenzen mehr als 200.000 Arbeitsplätze. „Schon jetzt hat der Konflikt im Nahen Osten spürbare Auswirkungen auf Deutschland, und der Handelskonflikt der USA ist noch lange nicht beendet“, sagte Milo Bogaerts, Leiter von Allianz Trade für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Allianz Trade erwartet, dass die Zahl der Insolvenzen in Deutschland im Jahresvergleich um 2,4 Prozent auf 24.650 Fälle steigt. „Das wäre der höchste Stand seit 14 Jahren“, so Bogaerts.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Destatis wurden im vergangenen Jahr bereits 24.064 Insolvenzen registriert, was einem Anstieg von 10,3 Prozent entspricht. Schon im ersten Quartal dieses Jahres erreichte die Zahl der Insolvenzen den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle meldete für die ersten drei Monate 4.573 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften. Ein höherer Wert wurde zuletzt im dritten Quartal 2005 verzeichnet. Damit liegt die aktuelle Entwicklung sogar über dem Niveau der Finanzkrise 2009.

Besonders im März beschleunigte sich die Entwicklung deutlich. Die Zahl der Insolvenzen lag 71 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Auch im Januar meldeten mehr Unternehmen Insolvenz an als im gleichen Monat des Vorjahres.

Strukturelle Probleme treffen zentrale Branchen

Die aktuelle Insolvenzwelle wird zunehmend als Ausdruck struktureller Schwächen der deutschen Wirtschaft gewertet. Betroffen sind nicht mehr nur kleine Unternehmen, sondern verstärkt auch mittelständische Industriebetriebe, energieintensive Hersteller und Unternehmen aus strategisch wichtigen Bereichen wie der grünen Energie.

Ein prominentes Beispiel ist der Spezialfaserhersteller Kelheim Fibres aus Bayern. Das Unternehmen leitete ein Insolvenzverfahren ein und kündigte nach erfolgloser Investorensuche an, die Produktion im Frühjahr 2026 vollständig einzustellen. Ausschlaggebend waren gestiegene Energiekosten, sinkende Nachfrage und der Wettbewerbsdruck durch günstigere Anbieter aus Asien.

Auch der Fall Meyer Burger sorgt für politische Diskussionen. Das Solarunternehmen mit Schweizer Wurzeln meldete Insolvenz für seine deutschen Standorte an, nachdem die Produktion eingestellt wurde. Das Unternehmen galt als Hoffnungsträger für eine europäische Solarindustrie, wurde jedoch durch günstige Importe aus China, anhaltende Verluste und den Verlust wichtiger Aufträge geschwächt. Rund 600 bis 650 Arbeitsplätze sind betroffen.

Ein anderes Bild zeigt die Insolvenz der Modekette Wormland. Hier stehen vor allem eine schwache Konsumnachfrage, steigende Kosten und der zunehmende Wettbewerb im Onlinehandel im Vordergrund. Die Kaufkraft der Verbraucher ist durch Inflation gesunken, während Fixkosten hoch bleiben.

Wendepunkt erst im kommenden Jahr erwartet

Allianz Trade rechnet weltweit mit einem Anstieg der Insolvenzen um 6 Prozent. Auch hier spielt der Iran-Krieg eine Rolle, da steigende Energiepreise besonders energieintensive Branchen wie Transport, Chemie und Metall belasten. Für Deutschland erwarten die Experten jedoch im kommenden Jahr eine leichte Entspannung. Die Zahl der Insolvenzen könnte um 2 Prozent auf 24.150 Fälle sinken. Grundlage dieser Prognose ist die Annahme, dass geopolitische Belastungen nachlassen und wirtschaftspolitische Impulse greifen.

Die Entwicklung zeigt, wie stark externe Schocks und strukturelle Schwächen ineinandergreifen. Steigende Insolvenzen wirken sich direkt auf Lieferketten, Investitionen und Beschäftigung aus und erhöhen den Anpassungsdruck auf die gesamte Volkswirtschaft.

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