Fed-Chef Warsh will die Federal Reserve verändern
Kevin Warsh steht vor dem Sprung an die Spitze der US-Notenbank Federal Reserve. Im Kern vertritt Warsh die Ansicht, dass die Zentralbank seit der Finanzkrise zentrale Fehler gemacht hat und nun grundlegend reformiert werden muss.
Mit der Zustimmung im Bankenausschuss des Senats ist Warsh dem Amt des neuen Chefs der Federal Reserve deutlich nähergekommen. Der letzte Schritt ist eine Abstimmung im gesamten Senat, in dem die Republikaner über eine klare Mehrheit verfügen.
Erst nach dieser Abstimmung kann Warsh offiziell an die Spitze der Zentralbank rücken. Fed-Chef Warsh gilt seit Jahren als scharfer Kritiker der heutigen Fed-Führung. Veränderungen kann er nicht allein durchsetzen, doch er hat bereits deutlich gemacht, dass er die Notenbank unter seiner Leitung neu ausrichten will.
Fed-Chef Warsh will die aufgeblähte Bilanz begrenzen
Der Leitzins ist das wichtigste Instrument der Fed, um die beiden Ziele der Zentralbank zu erreichen. Dazu zählen maximale Beschäftigung und eine stabile Inflation von 2 Prozent auf mittlere Sicht. Daneben verfügt die Zentralbank über ein weiteres, deutlich umstritteneres Instrument. Gemeint ist die sogenannte Bilanz, also die gesamte Rechnungsbilanz der Notenbank mit ihren Aktiva und Passiva.
Während schwerer wirtschaftlicher Rückschläge, etwa in der Finanzkrise 2008, war der Leitzins bereits auf null gesenkt worden. Der Fed fehlten damit klassische Möglichkeiten, die Wirtschaft weiter zu stimulieren. Deshalb griff sie zu massiven Käufen von Staatsanleihen und hypothekenbesicherten Anleihen.
Diese Käufe erhöhen die Nachfrage nach Anleihen und drücken dadurch die langfristigen Zinsen in der Volkswirtschaft. Seit der Finanzkrise ist die Bilanz der Zentralbank stark gewachsen, von rund 1000 Milliarden Dollar auf 6700 Milliarden Dollar zum Zeitpunkt der Darstellung. Das entspricht fast 20 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts.
Fed-Chef Warsh sieht Anleihekäufe als politisches Risiko
Fed-Chef Warsh sieht diese Entwicklung äußerst kritisch. Aus seiner Sicht handelt es sich bei der stark ausgeweiteten Bilanz um verdeckte Finanzpolitik. Die Anleihekäufe hätten nach seiner Auffassung nur eine befristete Krisenmaßnahme während der Finanzkrise sein dürfen.
Zugleich verweist Warsh auf die Verteilungswirkung dieser Politik. Die Käufe treiben vor allem die Preise finanzieller Vermögenswerte nach oben. Davon profitieren in erster Linie Haushalte und Investoren, die solche Vermögenswerte bereits besitzen.
Gewöhnliche Zinsänderungen wirken aus seiner Sicht breiter in die gesamte Volkswirtschaft hinein. Genau darin sieht Warsh den entscheidenden Unterschied zwischen klassischer Geldpolitik und einer Bilanzpolitik, die tief in die Finanzmärkte eingreift.
„Die Fed hat ein Zinsinstrument und ein Bilanzinstrument. Meine Auffassung ist, dass das Zinsinstrument präziser wirkt. Es ist gerechter. Das Bilanzinstrument hilft unverhältnismäßig stark jenen, die finanzielle Vermögenswerte besitzen“, sagte Warsh während der Anhörung.
Das Zinsinstrument soll wieder dominieren
Damit stellt Fed-Chef Warsh eines der wichtigsten Instrumente infrage, mit denen die Fed seit der Finanzkrise gearbeitet hat. Sein Ziel ist eine Rückkehr zu einer enger gefassten Geldpolitik, in der der Leitzins wieder klar im Zentrum steht.
Die Bilanzpolitik soll dagegen deutlich begrenzt werden. Warsh bewertet den geldpolitischen Kurs der vergangenen Jahre damit nicht nur technisch, sondern auch politisch neu. Die Fed soll nach seiner Vorstellung weniger direkt in Märkte eingreifen.
Aus dieser Haltung ergibt sich ein grundlegender Kurswechsel. Die Zentralbank würde stärker über klassische Zinspolitik wirken und weniger über den Kauf von Wertpapieren. Für die Finanzmärkte wäre das ein spürbarer Einschnitt.
Ende der Forward Guidance
Warsh machte während der Anhörung deutlich, dass er die sogenannte Forward Guidance ablehnt. Dabei versucht die Zentralbank, die Erwartungen der Märkte zu steuern, indem sie Hinweise auf den künftigen Zinskurs gibt.
Seine Begründung lautet, dass diese Praxis den Entscheidungsprozess innerhalb der Fed einengt. Warsh will verhindern, dass sich die Zentralbank frühzeitig auf eine bestimmte Linie festlegt und anschließend an Glaubwürdigkeit verliert, wenn neue Daten einen anderen Kurs nahelegen.
Aus seiner Sicht muss die Fed jederzeit auf wirtschaftliche Veränderungen reagieren können. Das gilt besonders in einer Welt, die sich rasch verändert und in der alte Prognosemodelle weniger verlässlich wirken können.
„Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen, gegenwärtigen wie früheren, glaube ich nicht an Forward Guidance. Ich bin nicht der Meinung, dass ich Ihnen einen Vorabeindruck davon geben sollte, wie eine künftige Entscheidung ausfallen könnte“, sagte Warsh.
Weniger Orientierung für die Finanzmärkte
Damit deutet Warsh an, dass die Zentralbank künftig auf die sogenannten Dot Plots verzichten könnte. In diesen zeigen die Mitglieder des Zinsausschusses viermal im Jahr, wo sie den Leitzins zum Jahresende und in den folgenden Jahren erwarten.
Auch bei den Pressekonferenzen will sich Warsh nicht festlegen. Während der Anhörung sagte er nicht zu, nach jeder Zinssitzung vor die Presse zu treten. Wenn es nichts Neues mitzuteilen gebe, bestehe aus seiner Sicht nicht zwingend Anlass für einen Auftritt.
Damit würde sich die Kommunikation der Fed spürbar verändern. Die Notenbank würde weniger versuchen, die Erwartungen der Finanzmärkte im Voraus zu steuern. Für Anleger und Unternehmen könnte das mehr Unsicherheit bedeuten.
Zugleich sieht Fed-Chef Warsh darin einen Gewinn an Flexibilität. Die Fed soll nach seiner Vorstellung weniger an eigene Vorab-Signale gebunden sein und stärker auf die tatsächliche Entwicklung von Inflation, Wachstum und Arbeitsmarkt reagieren.
Fed-Chef Warsh will Inflation anders messen
Warsh will auch überdenken, wie die Fed Inflation analysiert. Wie viele andere Zentralbanken legt die Fed bei ihrer Bewertung großen Wert auf die zugrunde liegende Inflation, die auch Kerninflation genannt wird.
Dabei werden stark schwankende Energie- und Lebensmittelpreise herausgerechnet. Dieses Maß gilt häufig als besser geeignet, um den grundlegenden Preisdruck in der Wirtschaft zu erfassen und kurzfristige Ausschläge auszublenden.
Fed-Chef Warsh hält diesen Ansatz jedoch für zu grob. Die Fed sollte aus seiner Sicht mit einem breiteren und detaillierteren Datenfundament arbeiten. Dabei sollen extreme Ausschläge gezielt entfernt werden, nicht aber ganze Warenkategorien.
Entscheidend wäre damit eine feinere statistische Auswertung der tatsächlichen Preisbewegungen. Warsh will nicht nur wissen, wie sich große Gruppen im Durchschnitt entwickeln, sondern welche Preisbewegungen den Kern der Inflation wirklich bestimmen.
Eine Milliarde Preise als Datengrundlage
Während der Anhörung schlug Warsh ein größeres Datenprojekt vor, das „eine Milliarde Preise“ analysieren soll. Er will dabei mit „getrimmten Durchschnitten“ und Medianwerten arbeiten. Bei diesem Verfahren werden extreme einmalige Ausschläge systematisch entfernt. Ziel ist es, den tatsächlichen zugrunde liegenden Preisdruck präziser zu bestimmen und Verzerrungen durch einzelne Preissprünge zu verringern.
Warsh formulierte es während der Anhörung so, dass ihn in einem Pool von einer Milliarde Preisen vor allem die Preisentwicklung des „500-millionsten und ersten Preises“ interessiere. Über diesen Mittelpunkt der Daten will er die allgemeine Inflation besser verstehen.
Wie ein solches Modell in der Praxis aussehen würde, bleibt offen. Deutlich ist jedoch, dass Fed-Chef Warsh die bisherigen Kennzahlen der Fed für unzureichend hält und die geldpolitische Analyse stärker auf große Datenmengen stützen will.
Konzentration auf das Mandat der Fed
Warsh ist der Ansicht, dass sich die Fed in den vergangenen Jahren in zu viele Bereiche eingemischt hat, die außerhalb ihres Mandats liegen. Dieses Mandat umfasst niedrige und stabile Inflation sowie maximale Beschäftigung.
Deshalb will er die Zentralbank aus politischen Themenfeldern wie Klimawandel und Diversitätsinitiativen heraushalten. Aus seiner Sicht gefährdet eine Ausweitung des Aufgabenbereichs die Unabhängigkeit der Fed.
„Die Fed muss bei ihrem Verantwortungsbereich bleiben. Die Unabhängigkeit der Fed wird am stärksten gefährdet, wenn sie sich in Finanz- und Sozialpolitik hineinbewegt“, sagte Warsh während der im Artikel genannten Anhörung.
Damit greift Fed-Chef Warsh eine Debatte auf, die in den USA seit Jahren geführt wird. Kritiker werfen der Fed vor, sich zunehmend mit Themen zu befassen, die nicht unmittelbar zur klassischen Geldpolitik gehören.
KI-Effekte in der Geldpolitik
Warsh hat früher argumentiert, dass die Fed die Zinsen schneller senken könne, da den USA eine große Produktivitätswelle durch künstliche Intelligenz bevorstehe. Sein Argument lautet, dass höhere Produktivität mehr Spielraum für Lohnzuwächse schafft. Steigt die Produktivität schneller, können Löhne zulegen, ohne automatisch zusätzlichen Inflationsdruck auszulösen. Entscheidend ist dabei, dass die Lohnkosten je produzierter Einheit sinken.
Während der Anhörung formulierte Warsh vorsichtiger und sprach nicht von Zinssenkungen. Er hielt jedoch daran fest, dass die Fed die wirtschaftlichen Folgen von KI in ihrer Geldpolitik berücksichtigen sollte. Mehrere Senatoren setzten ihn an diesem Punkt unter Druck. Sie wollten wissen, ob Fed-Chef Warsh die Bedeutung von KI für Produktivität und Inflation überschätzt.
Bessere Daten für eine neue Fed-Politik
„Die wichtigsten Elemente für eine neue Politik in der Fed sind, dass wir Zugang zu besseren Daten bekommen und tiefer untersuchen, welche Produktivitätsgewinne aus dieser Investitionswelle entstehen können“, sagte Warsh mit Verweis auf KI.
Damit verbindet Warsh seine Kritik an der bisherigen Fed-Politik mit einem technologischen Argument. Die Zentralbank soll nach seiner Vorstellung nicht nur anders kommunizieren, sondern auch ihre Datengrundlage erweitern.
Für Warsh reicht es nicht aus, auf traditionelle Inflationsmaße und etablierte Prognosemodelle zu setzen. Die Fed soll genauer analysieren, wie neue Technologien Produktivität, Löhne und Preise verändern. Ob daraus eine andere Zinspolitik folgt, bleibt offen. Klar ist jedoch, dass Fed-Chef Warsh die Geldpolitik stärker an laufenden Daten und weniger an vorab kommunizierten Erwartungen ausrichten will.
Deutschlands Wirtschaft vor neuen Fed-Risiken
Für Deutschland wären Veränderungen in der US-Geldpolitik von erheblicher Bedeutung. Die Entscheidungen der Federal Reserve beeinflussen Wechselkurse, Kapitalströme, Finanzierungskosten und die Stimmung an den internationalen Finanzmärkten.
Eine Fed, die weniger Orientierung im Voraus gibt, könnte die Schwankungen an den Märkten erhöhen. Das wäre besonders für exportorientierte deutsche Unternehmen, Banken und institutionelle Anleger relevant.
Auch ein schnellerer Abbau der Fed-Bilanz oder eine neue Bewertung KI-getriebener Produktivitätsgewinne könnte Folgen für Deutschland haben. Höhere Unsicherheit über den amerikanischen Zinskurs wirkt sich auf den Dollar, globale Anleiherenditen und Investitionsentscheidungen aus.
Für die deutsche Wirtschaft wäre Fed-Chef Warsh daher mehr als eine amerikanische Personalfrage. Eine reformierte Federal Reserve könnte die Rahmenbedingungen an den Weltmärkten verändern und damit auch den Handlungsspielraum deutscher Unternehmen und Anleger beeinflussen.

