Planwirtschaft: Wie Deutschland seinen Mittelstand abschafft
Quartal für Quartal gibt es beim deutschen Bruttoinlandsprodukt mal ein kleines Plus, mal ein Minus oder einfach eine Null. „Die deutsche Volkswirtschaft kommt seit geraumer Zeit nicht von der Stelle“, bestätigt der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther. Und auch die Aussichten sind bitter: Steigende Unternehmensinsolvenzen, sinkende Investitionen und ein deutscher Mittelstand, dem langsam aber sicher die Puste ausgeht.
Stattdessen sieht die Regierung ihre politischen Prioritäten in der Klimatransformation, der Energiewende und der staatlich subventionierten Industriepolitik - und da tun sich heikle Verteilungsfragen auf: Während große DAX-Konzerne wie Infineon, RWE, E.ON oder VW von der Bundesregierung finanzielle Zuwendungen erhalten, geht der Mittelstand bei Subventionen leer aus. Für das Jahr 2026 werden bereits Staatszuschüsse in Höhe von 883,6 Millionen ausgewiesen – größtenteils gehen die an energie- und mobilitätsbezogene Konzerne. Tendenz steigend! Wo liegt hier die richtige Balance zwischen Staatswirtschaft und freiem Markt?
Subventionsempfänger sind DAX-Konzerne – Mittelstand geht leer aus
Die Debatte um die Verteilung staatlicher Subventionen in Deutschland zeigt eine zunehmende Schieflage, bei der Großunternehmen stärker profitieren als der Mittelstand. Während Konzerne Milliarden an Zuschüssen erhalten, kämpfen viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit Bürokratie, hohen Energiekosten und Rezession. Zwar gibt es Programme für den Mittelstand (z.B. Innovationsförderung), jedoch sind diese oft komplex, bürokratisch und weniger zugänglich als direkte Zuschüsse für Großprojekte.
Kein Wunder, dass die Mehrheit der mittelständischen Familienunternehmen die ursprünglich geplante steuerfreie Entlastungsprämie von bis zu 1000 Euro für ihre Mitarbeiter nicht zahlen kann. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Verbands der Familienunternehmer hervor. Viele Unternehmer könnten die Prämie nach mehreren Jahren Rezession überhaupt nicht stemmen, erklärt Präsidentin Ostermann. Die Bundesregierung spreche von Entlastung, wälze die Kosten aber auf die Unternehmen ab. "Und das in der längsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg."
Mittelstand wird nicht gefördert, er wird abgewickelt
Die hohen Energiekosten sind für viele KMUs nicht mehr zu stemmen. Der Verband fordert deshalb vorrangig eine komplett technologieoffene Politik, die auch den Bau kleiner Atomkraftwerke ermöglichen könnte. "Es kann nicht sein, dass nach 30 Jahren etwa die Solarwirtschaft immer noch weiter subventioniert wird", sagte sie. "Wir unterstützen Wirtschaftsministerin Reiche ausdrücklich, diese Subventionitis zu beenden." Der Verband der Familienunternehmer sei auch dafür, das Verbot von Kernkraft zu beenden, erklärte Ostermann.
Während immer mehr mittelständige Unternehmen ihre Stromkosten nicht mehr bezahlen können, versorgt die Regierung die Industrie mit vergünstigten Strompreisen, von denen vorwiegend die Stahl-, Zement- und Chemieindustrie profitiert. Auch beim Industriestrompreis geht der Mittelstand leer aus. Der Mittelstand trägt dieselben volatilen Strompreise, hat aber weder die politische Sonderbehandlung und die Lobbystärke großer Industrie noch deren Möglichkeiten in der Beschaffung. Für viele Betriebe bleibt die eigentliche Frage bisher unbeantwortet – nämlich, wie Strom verlässlich, bezahlbar und planbar eingekauft werden kann.
Vertrauensverlust: Was der Mittelstand der Regierung vorwirft
Dementsprechend ist das Vertrauen mittelständischer Unternehmer in die wirtschaftspolitische Kompetenz der Bundesregierung deutlich gesunken. Dies geht aus einer Umfrage der DZ-Bank hervor. Demnach erwarten nur noch 39 Prozent von 1000 Befragten, dass die Regierung künftig für mehr Wirtschaftswachstum sorgt – zu Jahresbeginn lag dieser Wert noch bei 62 Prozent.
Auch bei der Infrastruktur und der Planungssicherheit gibt es nach Angaben der DZ-Bank spürbare Einbrüche: So glauben aktuell lediglich 43 Prozent der befragten Mittelständler an eine Verbesserung der Infrastruktur durch die Bundesregierung, Anfang des Jahres waren es noch 58 Prozent. Noch deutlicher fällt die Einschätzung bei der Planungssicherheit aus: Nur 27 Prozent sehen hier Fortschritte – im Frühjahr lag der Wert bei 45 Prozent.
Standortnachteil: Mittelstand an Heimat gebunden
Mit dem im Juli 2025 verabschiedeten Investitionsbooster der Bundesregierung verbanden lediglich 20 Prozent der Unternehmen positive Erwartungen. „Hier dürften sich viele Unternehmen größere und vor allem frühere Erleichterungen bei der Körperschaftssteuer gewünscht haben“, sagt Stefan Beismann, Firmenkundenvorstand der DZ-Bank. Er erklärte, dass der Mittelstand hohe Erwartungen an die Regierung gesetzt habe, diese aber enttäuscht worden seien.
Hauptprobleme für die Unternehmen seien die „überbordende Bürokratie, hohe Kostenbelastungen und der anhaltende Fachkräftemangel“, so Beismann. Diese Themen stünden ganz oben auf der Prioritätenliste der mittelständischen Betriebe. Zwar bewege sich die Regierung nach Ansicht des DZ-Bank-Vorstandes in einzelnen Bereichen in die richtige Richtung, dies geschehe jedoch „deutlich zu langsam“.
Im Vergleich zu großen Unternehmen, die bei Standortproblemen ins Ausland ausweichen könnten, sind mittelständische Betriebe wesentlich stärker an Deutschland gebunden. „Hier ist die Frustration gegenwärtig am größten“, sagte Beismann.
Bürokratie frisst Wirtschaftsleistung und erstickt Unternehmen
Bei der Bürokratiebelastung sieht ZDH-Präsident Dittrich jedes erträgliche Maß überschritten: Im Gastbeitrag für die "Welt am Sonntag" fordert er schon 2024 die politisch Verantwortlichen auf, endlich für Entlastung und eine praxistauglichere Gesetzgebung zu sorgen. "Die Illusion der staatlichen Vollkasko-Kontrolle schnürt den Betrieben die Luft zum Atmen ab. Die naive und sicher gut gemeinte Intention der Bürokratie, Gleichheit und Nachvollziehbarkeit im Wettbewerb herzustellen, verkehrt sich ins Gegenteil und sorgt dafür, dass es am Ende allen Betrieben gleichermaßen schlechter geht."
Stattdessen kommen immer mehr neue EU-Regelungen obendrauf. Im vergangenen Jahr hatte Ursula von der Leyen noch einen massiven Abbau von Vorschriften angekündigt. Die Realität sieht indes anders aus: Laut dem Wirtschaftsverband Gesamtmetall schlug die Kommission 21 neue Richtlinien 2025 vor, erließ 137 delegierte Rechtsakte sowie 1.196 Durchführungsrechtsakte. Das seien so viele neue Regeln wie seit 15 Jahren nicht mehr.
Dieser doppelte Regulierungswahnsinn frisst nicht nur Zeit, sondern bares Geld: Eine Studie des ifo-Instituts schätzt, dass Deutschland durch überbordende Bürokratie jährlich bis zu 146 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung verliert.
Um die ausufernde Bürokratie einzudämmen, wurde übrigens vor 20 Jahren der "Normenkontrollrat (NKR)" ins Leben gerufen. Die Erwartungen an das Gremium waren hoch. "Ich erwarte wirklich von diesem Normenkontrollrat, dass er die Zahl der Vorschriften reduziert. Wir haben uns 25 Prozent vorgenommen", erklärte die damalige Bundeskanzlerin Merkel. Ergebnis des NKR für 2025: "Die Gesamtbelastung bleibe mit 64 Milliarden Euro Bürokratiekosten jährlich viel zu hoch." Der NKR fordert immer noch eine verbindliche Zielgröße von 25 Prozent weniger Bürokratiekosten und Erfüllungsaufwand. Das heißt, die öffentliche Kommunikation suggeriert eine Entlastung, die es real nicht gibt. Der politische Wille beim Thema Bürokratieabbau liegt bei Null.
Deutsche Wirtschaftskrise: Die größten Baustellen
Die andauernde Wirtschaftskrise belastet den deutschen Mittelstand durch hohe Arbeitskosten, Energiepreise, Fachkräftemangel und ausbleibende Reformen besonders stark. Konjunkturelle Faktoren (Inflation, Konsum), die die Wirtschaft belasten, können sich zeitnah ändern. Anders sieht es bei strukturellen Standortproblemen aus, deren Auswirkungen wirken langfristig:
Umbau zur klimaneutralen Industrie
In den kommenden 20 Jahren soll die deutsche Wirtschaft klimaneutral werden. Dafür müssen Wirtschaftsabläufe so umgebaut werden, dass sie deutlich weniger CO2 produzieren. In Deutschland gibt es vergleichsweise viel Industrie. Diese auf klimaneutral zu trimmen ist aufwendig und teuer. Grüner Strom, der für eine CO2-neutrale Produktion benötigt wird, ist sehr kostspielig. Die Folge: Unternehmen verlagern energieintensive Produktionen zunehmend ins Ausland, wo Umweltauflagen niedriger und Energiekosten günstiger sind.
Demografischer Wandel: Betriebe ohne Nachfolger
Die Baby-Boomer gehen bald in Rente, viele von Ihnen kommen aus dem Mittelstand, ob als Mitarbeiter oder Führungskraft. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen haben zunehmend Schwierigkeiten, einen Nachfolger für die Leitung zu finden. Laut der KfW plant jedes vierte Unternehmen eine Stilllegung des Betriebes, nach dem Ausscheiden der Seniorengeneration. Bis 2029 werden bereits schätzungsweise jährlich 114.000 KMU geschlossen.
Standortkosten: Hochsteuerland
Hohe Standortkosten durch Arbeitskosten, Steuern und Abgaben gehören zu den größten Geschäftsrisiken für mittelständische Unternehmen. Wirtschaftsvertreter bemängeln regelmäßig, dass im Vergleich zu Frankreich oder den USA die Unternehmenssteuern zu hoch seien. Deutschland ist im internationalen Vergleich ein Hochsteuerland, insbesondere was die Belastung von Arbeitseinkommen durch Steuern und Sozialabgaben betrifft. Während Angestellte und der Mittelstand stark belastet werden, profitieren Konzerne und sehr hohe Vermögen teils von niedrigeren effektiven Steuersätzen.
Schlechte Infrastruktur
Es gibt einen massiven Investitionsstau: Von insgesamt rund 130.000 Brücken sind mehrere Zehntausend sanierungsbedürftig. Hunderte Kilometer Schienen müssen erneuert werden. Auch der Ausbau des Stromnetzes geht nur schleppend voran. Und sogar beim Internet hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher. Während im OECD-Durchschnitt 40 Prozent aller Breitbandanschlüsse Glasfaser sind, sind es in Deutschland gerade einmal elf Prozent. Die schlechte Infrastruktur führt zu hohen Zusatzkosten, verlängerten Transportzeiten, stört Lieferketten und senkt die Produktivität der Unternehmen.
Fazit: Politik gegen den Mittelstand
Doch nicht nur die schlechten Standortbedingungen machen der Wirtschaft zu schaffen: Auch die ungleiche Subventionsverteilung gefährdet den Mittelstand, der noch als „Rückgrat der deutschen Wirtschaft“ gilt. Denn inzwischen sehen sich auch KMU gezwungen ins Ausland zu gehen, um hier nicht durch Bürokratie, Arbeits- und Energiekosten pleite zu gehen. Währenddessen läuft die Unterstützung der Regierung für Großkonzerne mit Rekordgewinnen völlig aus dem Ruder. Die Fokussierung auf staatliche Großprojekte verzerrt den Wettbewerb und hemmt die Innovationsdynamik im Mittelstand zusätzlich. Kritiker fordern daher weniger Subventionen für Konzerne und stattdessen einen umfassenden Bürokratieabbau sowie steuerliche Entlastungen für den Mittelstand, um den Wirtschaftsstandort zu stärken. Doch die politischen Mühlen mahlen langsam. Es ist zu befürchten, dass das nur ein Bruchteil der Firmen die anhaltende Wirtschaftskrise überleben wird.
Im März 2026 ist die Zahl der Firmenpleiten auf den höchsten Stand seit über 20 Jahren explodiert. Damit übertrifft die aktuelle Krise sogar die dunklen Monate der großen Finanzkrise von 2009 und markiert ein dramatisches Scheitern am Standort.

