Verliert Putin den Krieg und die Macht?
Russland führt inzwischen länger Krieg gegen die Ukraine, als die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg gegen die Nationalsozialisten kämpfte. Das bleibt nicht ohne Folgen. Die russische Armee ist festgefahren. Sie greift weiterhin an, teils in Formen, die wie Selbstmordangriffe wirken, doch die territorialen Gewinne bleiben kaum sichtbar. Oft rücken sogar die Ukrainer vor, unterstützt von fahrenden und fliegenden Drohnen, die immer leistungsfähiger werden.
Auch die russische Armee selbst hat sich verändert. Wie die Ukrainer setzen die Russen moderne Drohnen massenhaft ein, doch abgesehen davon altert das russische Kriegsgerät immer weiter. Seit Langem zeigt sich, dass gepanzerte Fahrzeuge schneller zerstört werden, als neue produziert werden können. Das zwingt Russland, Fahrzeuge aus der Frühphase des Kalten Krieges einzusetzen, die eigentlich in ein Museum gehören.
Eine geschwächte Armee
Russische Soldaten greifen häufig auf Motorrädern oder in zivilen Autos an. Bei manchen Fahrzeugen werden die Türen entfernt, damit die Insassen im Fall eines Drohnenangriffs schneller aussteigen können. Die russische Armee erinnert damit zunehmend an Szenen aus einem Mad-Max-Film.
Inzwischen zeigen sich Verschleiß und Materialmangel auch bei grundlegender Ausrüstung. Selbst die Gewehre der Soldaten werden älter und befinden sich in schlechterem Zustand. Das Bild einer modernisierten Großmachtarmee bekommt immer mehr Risse.
Ein Teil dieser Entwicklung könnte auch mit russischen Umgruppierungen zusammenhängen. Neu produzierte Panzer, die gegen ukrainische Drohnen ohnehin nur begrenzten Wert haben, könnten in Reserven verlegt werden. Diese Reserven wären möglicherweise für einen künftigen Krieg gegen die Nato vorgesehen.
"Es gibt eine wachsende Unzufriedenheit mit Putin und dem russischen Regime. Von Influencern bis zu Militärbloggern äußern sich inzwischen viele kritischer, als sie es lange gewagt haben." Die NATO hat die Drohnenrevolution nicht im selben Maß übernommen wie die Ukraine. Deshalb könnten Panzer gegen NATO-Streitkräfte auf dem Schlachtfeld weiterhin größere Bedeutung haben.
Russlands Krieg verliert an Dynamik
Russland könnte sich zudem vor einer späteren Sommeroffensive neu ordnen. Der ukrainische Optimismus bleibt deshalb vorsichtig. Krieg ist unberechenbar, und Russland könnte noch immer Mittel in der Hinterhand haben.
Doch die Anzeichen russischer Schwäche beschränken sich nicht auf das Schlachtfeld. Enorme Kriegsausgaben, fehlende Arbeitskräfte, Wirtschaftssanktionen und ukrainische Angriffe auf die Öl- und Gasindustrie setzen die russische Wirtschaft zunehmend unter Druck.
Wie schlecht die Lage tatsächlich ist, lässt sich nur schwer einschätzen. Russland versucht aktiv, die Probleme zu verbergen. Selbst Putin hat jedoch eingeräumt, dass es Schwierigkeiten gibt. Die Inflation ist hoch, in Supermärkten stehen teils halbleere Regale, und Ölterminals brennen im wörtlichen Sinn. Für ein Regime, das Stabilität und Stärke demonstrieren will, sind solche Bilder gefährlich.
Wachsende Unzufriedenheit
Noch wichtiger könnte die wachsende Unzufriedenheit mit Putin und dem russischen Regime sein. Von Influencern bis zu Militärbloggern äußern sich inzwischen immer mehr Stimmen kritischer, als sie es lange gewagt haben. Das ist bemerkenswert, da Kritik an Putin erheblichen Mut oder große Verzweiflung verlangt.
Viele Kritiker haben eine einfache Fahrkarte ins Gefängnis, an die Front oder in den Tod erhalten. Andere sind nach offizieller Darstellung "aus einem Fenster gefallen". Das System hat über Jahre deutlich gemacht, welchen Preis öffentliche Kritik haben kann.
Putin selbst scheint sich immer stärker zu isolieren. Während der Druck an der Front zunimmt, werden zugleich immer mehr Luftabwehrsysteme nach Moskau gebracht. Sie sollen die Hauptstadt vor weitreichenden ukrainischen Drohnen schützen.
Die jährliche russische Siegesparade am 9. Mai, an dem Russland den Sieg im Zweiten Weltkrieg feiert, gehört in Moskau normalerweise zu den wichtigsten Machtdemonstrationen des Jahres. Trotz des Kriegs gegen die Ukraine hielt Russland in den Jahren 2022 bis 2025 an der Parade fest.
Prestigeverlust in Moskau
Putin verfolgte in diesen Jahren selbstbewusst, wie das russische Militär auf dem Roten Platz seine Macht vorführte. Die Parade war nicht nur Erinnerungspolitik, sondern auch eine Botschaft an das eigene Volk und an die Welt.
In diesem Jahr hat sich jedoch etwas verändert. Russland hat angekündigt, wegen "der aktuellen operativen Lage" keine gepanzerten Fahrzeuge und keine Raketensysteme vorzuführen. Das geschieht erstmals seit 20 Jahren und bedeutet einen schweren Prestigeverlust für Putin.
Gleichzeitig hat Putin die Sicherheitsmaßnahmen um seine Person deutlich verstärkt. In Moskau kursieren Gerüchte über einen möglichen Putsch. Solche Gerüchte lassen sich schwer überprüfen, doch ihr Auftreten passt zum Bild wachsender Nervosität im Machtzentrum.
Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass Putin nicht mehr so fest im Sattel sitzt wie vor einem Jahr. Was hinter den Mauern des Kreml tatsächlich geschieht, bleibt jedoch schwer zu beurteilen. Gerade in autoritären Systemen werden Risse oft erst sichtbar, wenn sie bereits weit fortgeschritten sind.
Putins Machtbasis wird fragiler
Als die Wagner-Gruppe gegen Putin rebellierte und auf Moskau marschierte, hatten dies ein halbes Jahr zuvor nur wenige erwartet. Der Aufstand zeigte, wie schnell scheinbar stabile Machtverhältnisse ins Wanken geraten können.
Putsche und Aufstände können plötzlich und unvorhersehbar ausbrechen. Ebenso gut kann Putin aber bis zu seinem Tod an der Macht bleiben. Historisch betrachtet ist die Fähigkeit, solche Wendepunkte vorherzusehen, äußerst begrenzt.
Die große Frage lautet, wie Russlands Probleme und Putins Schwächung die Bedrohung Europas verändern. Es wäre verlockend anzunehmen, dass ein geschwächter Putin für Europa weniger gefährlich wird. Doch auch das Gegenteil ist möglich.
"Ein Staatsführer mit dem Rücken zur Wand kann einen Kurs wählen, der vor allem einer Flucht nach vorn ähnelt." Verzweiflung kann Aggression verstärken. Sollte Putin fürchten, sein Lebensprojekt und sein Leben zu verlieren, könnte er die Eskalation auf eine neue Stufe treiben.
Risiko für Europa
In einer solchen Lage könnten alle Optionen auf den Tisch kommen. Besonders im Bereich der hybriden Kriegführung kann Russland eskalieren, ohne sofort ein unkalkulierbares militärisches Risiko einzugehen.
Sabotage, Cyberangriffe, Desinformation und verdeckte Operationen wären für Moskau Mittel mit vergleichsweise kontrollierbarem Einsatz. Die Frage ist deshalb, ob es zu früh ist, in Europa erleichtert aufzuatmen. Vielleicht ist Putins Schwäche nicht das Ende der Gefahr, sondern der Beginn einer unberechenbareren Phase.

