Politik

Putins Kriegskasse: Wie Russland trotz ukrainischer Angriffe Milliarden einnimmt

Russlands Wirtschaft profitiert paradoxerweise von steigenden Ölpreisen, während ukrainische Angriffe die Energieinfrastruktur des Landes zunehmend unter Druck setzen. Kann der Kreml seine Kriegskasse weiter füllen, obwohl die Ukraine gezielt Russlands wichtigste Einnahmequelle attackiert?
08.05.2026 11:20
Lesezeit: 4 min
Putins Kriegskasse: Wie Russland trotz ukrainischer Angriffe Milliarden einnimmt
Ukrainische Angriffe treffen Russlands Energieinfrastruktur, doch hohe Ölpreise verschaffen dem Kreml weiter Einnahmen für seine Kriegskasse (Foto: dpa) Foto: Ulf Mauder

Zwei Kriege schaffen ein wirtschaftliches Paradox für Putin

Die Ukraine hat eine Reihe russischer Ölanlagen erfolgreich getroffen. Zugleich sichern die hohen Ölpreise der Kriegskasse des Kremls einen enormen Gewinn. Russland befindet sich damit in einer wirtschaftlichen Lage, wie sie weltweit nur wenige Staaten in vergleichbarer Form erlebt haben, selbst über sehr lange historische Zeiträume betrachtet.

Ökonomisch ziehen zwei große Kriege das Land in entgegengesetzte Richtungen, sobald die Bilanz seiner wichtigsten Einnahmequelle gezogen wird. Im Krieg gegen die Ukraine beeinträchtigen immer mehr erfolgreiche ukrainische Luftangriffe auf zentrale russische Ölanlagen die Fähigkeit des Putin-Regimes, Rohöl an Abnehmer wie China und Indien zu exportieren.

Zugleich führt der anhaltende Krieg zwischen den USA und Iran zusammen mit der Blockade der Straße von Hormus dazu, dass Russland für das verbleibende Exportöl deutlich höhere Preise erzielen kann als im Haushalt für 2026 veranschlagt. Die komplizierte Rechnung fällt bislang zugunsten Russlands aus.

Obwohl dichter schwarzer Rauch über mehreren von Drohnen und Raketen getroffenen Ölanlagen aufsteigt, konnte die Ukraine den Einnahmestrom in die Kriegskasse des Kremls bisher nicht unterbrechen. Für Moskau entsteht damit ein gefährliches, aber kurzfristig lukratives Paradox.

Ölpreis verschafft dem Kreml Spielraum

Der Preis für russisches Ural-Öl hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt und liegt nun auf dem höchsten Stand seit September 2014. Im April betrug der durchschnittliche Preis für ein Barrel russisches Öl 94,87 Dollar. Das entspricht einem Anstieg um 23 Prozent gegenüber 77 Dollar im März. Am 6. Mai lag der Preis sogar noch einige Dollar höher.

Für den Kreml ist diese Entwicklung von erheblicher Bedeutung. Im föderalen Haushalt Russlands für 2026 machen Einnahmen aus Öl und Gas rund ein Viertel aus. Eingerechnet war dort ein durchschnittlicher Ölpreis von 36 Dollar je Barrel. Vor diesem Hintergrund dürfte Präsident Wladimir Putin Donald Trumps Angriff auf Iran durchaus als "a blessing in disguise" betrachten.

Der Angriff und der Krieg haben eine stark angespannte Haushaltslage spürbar entlastet. Die deutsche Wendung "Glück im Unglück" erfasst die veränderte finanzpolitische Lage nur unzureichend. Nach Angaben von Finanzminister Anton Siluanow sind dem Staatshaushalt bereits in diesem Jahr unerwartet 200 Milliarden Rubel zugeflossen, rund 2,3 Milliarden Euro.

Vieles deutet darauf hin, dass dieser Effekt noch längere Zeit anhalten kann. Selbst falls die USA und Iran rasch eine längere Waffenruhe oder ein Friedensabkommen schließen sollten, dürften die Folgen des Krieges das Ölangebot noch über Monate begrenzen. Eine Normalisierung liegt in weiter Ferne.

Iran-Krieg hält den Ölmarkt angespannt

Schon die zerstörten Ölanlagen in den Golfstaaten und die langen Transportzeiten der Supertanker dürften den Ölpreis hoch halten. Sollte der Krieg in Iran vorerst nicht enden, bleiben die künftigen Weltmarktpreise und damit auch Putins zusätzliche Einnahmen völlig offen.

Der Versuch der Ukraine, den Dollarstrom in den Kreml zu stoppen, ist dagegen nur teilweise gelungen. Der intensivierte Luftkrieg gegen Ziele tief im Inneren Russlands hat erhebliche Schäden verursacht. Bislang hat er vor allem verhindert, dass Russland die steigenden Weltmarktpreise vollständig ausschöpfen konnte, während Rohöl auf den internationalen Märkten knapper wurde.

Zu den jüngsten spektakulären Angriffen zählen vier Attacken innerhalb eines Monats auf dasselbe Ziel. Getroffen wurde die Ölraffinerie Tuapse im Süden der Region Krasnodar, einer russischen Region östlich der Ukraine. Die Anlage wurde am 1., 20. und 28. April sowie erneut am 1. Mai angegriffen.

Tuapse liegt am Schwarzen Meer, rund 600 Kilometer von der ukrainischen Hafenstadt Odessa entfernt. In einer Phase, in der die Kritik an Präsident Putin in Russland insgesamt deutlich zunimmt, wirken die wiederholten Angriffe wie ein sichtbarer Beleg für das Scheitern des Krieges.

Ukrainische Reichweite verändert die Lage

In der Nähe von Tuapse liegen mehrere beliebte Urlaubsorte. Das aus der Raffinerie ausgetretene Öl hat das Schwarze Meer stark verschmutzt. Zahlreiche Badeorte sind schwer beschädigt. Die Schäden treffen damit nicht nur die Energieinfrastruktur, sondern auch Regionen, die für viele Russen bisher als Rückzugsräume galten.

Hinzu kommt, dass ukrainische Langstreckenraketen und Drohnen inzwischen weit in russisches Gebiet hineinreichen. Damit leben rund 70 Prozent der Bevölkerung in einem Bereich, der für die Ukraine erreichbar ist. Das frühere Sicherheitsgefühl vieler Russen gehört der Vergangenheit an.

Der jüngste Fall ereignete sich am 5. Mai. Eine moderne ukrainische Flamingo-Rakete traf einen militärindustriellen Komplex in der Stadt Tscheboksary, mehr als 1.200 Kilometer nordöstlich der russisch-ukrainischen Grenze.

Auch an der Ostsee wurden russische Häfen wie Ust-Luga, Primorsk und Wyssozk im Finnischen Meerbusen von ukrainischen Drohnen getroffen. Am Schwarzen Meer geriet zudem Noworossijsk ins Visier, der wichtigste Verschiffungshafen für russisches Rohöl.

Russlands Ölproduktion bleibt undurchsichtig

Der Seetransport russischen Öls läuft im Kern über zwei Routen. Entweder erfolgt die Ausfuhr über die Ostsee, wobei die Transporte durch die dänischen Belte und Sunde führen müssen. Oder sie läuft über das Schwarze Meer.

Aus Moskau gibt es keine aktuellen Informationen darüber, wie stark die ukrainischen Angriffe die Ölproduktion tatsächlich beeinträchtigen. Nach den jüngsten Zahlen der Internationalen Energieagentur wurde die Prognose für Russlands Ölversorgung für den Rest des Jahres jedoch um 120.000 Barrel pro Tag gesenkt. Als Grund gelten anhaltende Angriffe auf Raffinerien und Hafeninfrastruktur.

Gleichzeitig weist die IEA darauf hin, dass Russlands Rohölproduktion im März auf 8,96 Millionen Barrel pro Tag gestiegen ist. Im Februar hatte sie noch bei 8,67 Millionen Barrel pro Tag gelegen. Die Agentur betont allerdings, dass Russland kurzfristig Schwierigkeiten haben dürfte, die Produktion über das Niveau des frühen ersten Quartals hinaus zu erhöhen.

Grund sind die Schäden an Hafenanlagen und Energieinfrastruktur. Neben den laufenden Verlusten bei den Exporteinnahmen verursachen die ukrainischen Angriffe auch hohe Reparaturkosten. Raffinerien und weitere Anlagen müssen instand gesetzt werden, während der Kreml zugleich versucht, den Ölfluss für den Export aufrechtzuerhalten.

Doppelgleisige Strategie der Ukraine

All dies ist Teil einer Strategie, die inzwischen doppelt angelegt erscheint. Die Ukraine will Waffenfabriken zerstören, um sich gegen russische Luftangriffe auf zivile Ziele in Kiew und anderen Großstädten zu schützen.

Zugleich greift sie die Ölindustrie an, um Russlands Einnahmen zu begrenzen. Die Offensive ist umfassend. Nach Angaben von Ria Nowosti, der staatlichen russischen Nachrichtenagentur, schoss Russland allein im März 11.211 ukrainische Drohnen ab. Wie viele Drohnen die russische Abwehr überwanden und ihre Ziele trafen, teilte Moskau nicht mit.

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