Wirtschaft

Italiens Ex-Ministerpräsident Letta im Interview: Einmalige Chance für Europa zur Reform des Binnenmarkts

Europas Wettbewerbsfähigkeit gerät unter Druck, während sich das politische Kräfteverhältnis in der EU verschiebt. Kann der Kontinent dieses Reformfenster nutzen, um Binnenmarkt, Verteidigung und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit neu aufzustellen?
10.05.2026 17:21
Lesezeit: 9 min
Italiens Ex-Ministerpräsident Letta im Interview: Einmalige Chance für Europa zur Reform des Binnenmarkts
Enrico Letta: Die EU steht nach Orbáns Machtverlust vor einer einmaligen Chance. (Foto: dpa) Foto: Alberto Lo Bianco

Europas wirtschaftlicher Rückstand wird zum Risiko

Europas wirtschaftlicher Rückstand gegenüber den USA und China ist nicht mehr zu übersehen. Der Kontinent verliert bei Technologie, Verteidigung, Kapitalmärkten und industrieller Dynamik an Tempo. Ohne eine entschlossene Kurskorrektur droht Europa, politisch und wirtschaftlich weiter an Bedeutung zu verlieren. Nun könnte sich jedoch ein neues Zeitfenster öffnen. Die politische Landschaft in Europa verändert sich rasch, und eines der größten Hindernisse für Reformen ist aus Sicht wichtiger europäischer Berater aus dem Weg geräumt worden. Viktor Orbán ist in Ungarn nicht mehr an der Macht.

Sein Herausforderer Péter Magyar errang im April 2026 einen klaren Sieg. "Das ist ein Gamechanger, eine große Veränderung", sagt Enrico Letta am Rande des jährlichen Spitzentreffens von McKinsey und des dänischen DWN-Partnerportals Børsen. Letta sieht darin mehr als nur einen Regierungswechsel in einem einzelnen Mitgliedstaat. Letta war von 2013 bis 2014 italienischer Ministerpräsident und Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei PD. Zudem verfasste er einen der wichtigsten Berichte über Europas tiefe wirtschaftliche Probleme und mögliche Auswege. In Auftrag gegeben wurde dieser Bericht von den Staats- und Regierungschefs der EU.

Europas neues Zeitfenster

Als Børsen im Jahr 2025 mit Letta sprach, fiel seine Analyse zu Europas Aussichten noch ausgesprochen düster aus. Heute ist bei ihm deutlich mehr Zuversicht zu erkennen. Die Wahl in Ungarn könnte einen politischen Neuanfang in Europa einleiten und erhebliche Folgen für die Zukunft des Kontinents haben. Letta hält den Moment für potenziell historisch. Orbán habe versucht, sich gemeinsam mit Politikern wie Marine Le Pen aus Frankreich als Anführer einer breiteren populistischen Bewegung in Europa zu inszenieren. "Er stellte sich selbst als europäischen Anführer antiglobalistischer, antielitärer und antieuropäischer Kräfte dar, aber sie haben verloren", sagt Letta.

Sein Wunschszenario ist klar. Europa soll diese Entwicklung nutzen, um jene großen und richtungsweisenden Reformen umzusetzen, die seit Jahren als notwendig gelten. Zugleich könnte es leichter werden, die Unterstützung für die Ukraine im Kampf gegen Russland zu bündeln. Letta formuliert den Anspruch entsprechend deutlich. "Wir befinden uns in einem Moment, den wir nutzen müssen, und in dem wir auf europäischer Ebene liefern müssen", sagt der frühere italienische Regierungschef. Für ihn geht es darum, die politische Gelegenheit nicht erneut verstreichen zu lassen.

Draghi in Zeitlupe

Dass Europa Reformen braucht, bestreiten nur wenige. Der Kontinent fällt in zahlreichen Bereichen hinter die USA und China zurück. Bei Technologie, Verteidigung und industrieller Skalierung ist das Tempo zu niedrig. Die Debatte über Europas Wettbewerbsfähigkeit hat dadurch deutlich an Schärfe gewonnen.

Einer der jüngsten und einflussreichsten EU-Berichte stammt von Mario Draghi, dem früheren Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Der Italiener legte 383 Empfehlungen vor, die Europa umsetzen sollte, falls der Kontinent seine wirtschaftliche Erneuerung ernsthaft erreichen will. Bislang wurden nur zehn Prozent dieser Empfehlungen umgesetzt. Das zeigt eine Auswertung des European Policy Innovation Council, kurz Epic. Der Befund unterstreicht, wie groß die Lücke zwischen politischer Einsicht und praktischer Umsetzung weiterhin ist.

Im Februar 2026 traf sich die EU-Spitze auf einem Schloss in Belgien, um über die europäische Wettbewerbsfähigkeit zu beraten. Letta war neben Draghi einer der zentralen Redner. "Als ich sie vor zwei Monaten traf, glaubte ich, sie würden versuchen, alle Unterschiede herauszuarbeiten", sagt Letta. Tatsächlich seien sie sich über die Richtung einig.

Europas Reformtempo muss steigen

Nach Lettas Eindruck wissen die europäischen Regierungschefs inzwischen, dass der Kontinent stärker integriert werden muss. "Sie wissen, dass wir integrieren müssen, denn der Rest der Welt ist feindselig oder fordert uns heraus", sagt er. Daraus leitet er eine klare Schlussfolgerung ab. "Der Hauptpunkt ist, was wir in 35 Jahren nicht geschafft haben, müssen wir jetzt in einem, zwei oder drei Jahren tun", sagt Letta. Die Formulierung zeigt, wie stark sich der Zeitdruck aus seiner Sicht erhöht hat.

Das niedrige Reformtempo der EU lässt sich nicht allein Ungarn zuschreiben. Doch Orbán hat die Entscheidungsprozesse in Europa über Jahre erheblich erschwert. Trotz der begrenzten Größe Ungarns blockierte das Land zahlreiche Vorhaben. Letta beschreibt das Paradox mit einem Vergleich. "Ungarn ist ein kleines Land. Ungarns Rolle in Europa lässt sich mit der Rolle Alabamas in den USA vergleichen, und man sieht Alabama nicht dabei, föderale Entscheidungen in den USA zu blockieren", sagt er. Eingeladen worden war Letta von der Denkfabrik Pomus.

Ungarn als Bremsklotz

Letta steht mit seiner Einschätzung nicht allein. Auch der französische Spitzenökonom und Nobelpreisträger Philippe Aghion blickt nach Orbáns Niederlage optimistischer auf Europa. "Dass Orbán verloren hat, sind gute Nachrichten für Europa", sagte Aghion beim Spitzentreffen von McKinsey und Børsen. Aghion sieht in Orbán einen zentralen Blockadefaktor der vergangenen Jahre. Europa solle dessen Niederlage feiern, sagt der Ökonom, der zu den prägenden Stimmen in der Debatte über Europas Wettbewerbsfähigkeit und über die politische Entwicklung Frankreichs zählt.

Zudem gilt Aghion als einer der wichtigsten wirtschaftspolitischen Berater des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Die Financial Times bezeichnete ihn bereits früher als den Kopf hinter Macrons Wirtschaftspolitik und als wichtigen Schattenberater im Élysée-Palast. Letta und Aghion sind sich jedoch auch in einem weiteren Punkt einig. Die Wahl in Ungarn war wichtig, doch 2027 steht ein Ereignis an, das für Europas Reformtempo mindestens ebenso entscheidend werden kann. Gemeint ist die französische Präsidentschaftswahl.

Nächste Station: Frankreich

Frankreich nimmt in Europa eine besondere Rolle ein. Das institutionelle System verleiht dem Präsidenten große Macht, und politische Richtungsentscheidungen in Paris wirken weit über Frankreich hinaus. "Deshalb müssen wir die Wahl sehr genau verfolgen", sagt Enrico Letta. Für Letta wird die französische Präsidentschaftswahl 2027 zu einem Schlüsselereignis für Europa. "Sie wird für Europas Zukunft entscheidend sein", sagt er und zeigt sich zugleich optimistisch. Er sei zuversichtlich, dass das Ergebnis zugunsten Europas ausfallen werde.

Aghion teilt diese Einschätzung im Grundsatz. Der Nobelpreisträger hofft, dass Frankreich 2027 die äußerste Rechte ablehnt und sich für eine stärker proeuropäische Regierung entscheidet. Für ihn hängt das europäische Zeitfenster auch davon ab, ob Paris politisch stabil bleibt. "Ich meine, dass es ein Fenster der Gelegenheit gibt, mit Orbán, der die Macht verlässt, und mit Frankreich, falls es in einem Jahr bestätigt, dass wir eine vernünftige Regierung haben", sagt Aghion. Seine Aussage verbindet die ungarische Entwicklung direkt mit der nächsten großen politischen Entscheidung in Frankreich.

Le Pen und Bardella

In Frankreich steht bereits bis zur Sommerpause 2026 ein weiteres politisches Ereignis an. Es könnte nicht nur für Frankreich, sondern auch für Europa insgesamt erhebliche Bedeutung entfalten. Im Mittelpunkt steht Marine Le Pen. Le Pen wurde 2025 in einem größeren Verfahren wegen des Missbrauchs von EU-Mitteln verurteilt. Das Urteil würde sie von der Präsidentschaftswahl 2027 ausschließen. Der Fall ist jedoch noch nicht abgeschlossen, da Berufung eingelegt wurde.

Eine neue Entscheidung wird bis zur Sommerpause 2026 erwartet. Sie soll klären, ob die prominenteste Figur der französischen Rechten 2027 antreten darf oder ob stattdessen ihr junger Protegé Jordan Bardella ins Rennen geht. Letta sieht in Orbáns Niederlage eines der ersten Anzeichen dafür, dass Europas Rechte an Schwung verlieren. Gleichzeitig könnten die proeuropäischen Kräfte wieder an Durchsetzungskraft gewinnen. Diese Entwicklung wäre aus seiner Sicht für den gesamten Kontinent von Bedeutung.

Eine neue politische Bewegung

Eine französische Umfrage zeigte jüngst, dass der Mittepolitiker Édouard Philippe in einem möglichen Wahlkampf mit Marine Le Pen und Jordan Bardella mithalten könnte. Philippe war früher Premierminister und ist heute Bürgermeister von Le Havre. Damit entsteht für das proeuropäische Lager zumindest eine realistische politische Perspektive. Letta hofft, dass Ungarn zu einem Beispiel wird. Es könne zeigen, dass antieuropäische Politik am Ende nicht trägt. "Es ist nicht gut für das eigene Land, und es ist nicht gut für die EU. Am Ende sitzen wir alle im selben Boot", sagt er.

An Ungarn übt Letta scharfe Kritik. Nach seiner Einschätzung hat das Land Europas Glaubwürdigkeit beschädigt und den Handlungsspielraum der EU gegenüber zentralen Akteuren geschwächt. Besonders deutlich werde dies mit Blick auf die Ukraine. "Ungarns Blockaden im Verhältnis zur Ukraine haben Europas Glaubwürdigkeit gegenüber den USA, Russland und dem Rest der Welt geschwächt", sagt Letta. Wenn ein kleines Land die EU blockieren könne, wirke die gesamte Union schwach.

Europas Verhältnis zu den USA

Die Beispiele reichen über die Ukraine hinaus. Ungarn blockierte zahlreiche Vorhaben, und die EU-Staats- und Regierungschefs mussten Gipfel für Gipfel erhebliche politische Energie auf den Umgang mit Orbán verwenden. Diese Energie fehlte an anderer Stelle. Naheliegend ist auch die Frage nach dem Verhältnis zu den USA. Europa muss seine Position gegenüber der Großmacht neu bestimmen, ohne das transatlantische Verhältnis preiszugeben. Letta setzt dabei auf Härte in der Sache und strategische Kontinuität in der Partnerschaft.

"Trumps Nachfolger wird ein europäischer Freund sein", sagt Letta. Er nehme in den USA eine sinkende Unterstützung für Trump wahr, Unternehmen wendeten sich gegen ihn, und der Umgang mit dem Iran sei schlecht gewesen. Gleichzeitig warnt Letta davor, die Verbindung zu Washington zu beschädigen. Die EU müsse hart reagieren und Vergeltung üben, zugleich aber die Beziehung bewahren. Für Letta bleiben die USA langfristig ein Verbündeter Europas.

Dauerkrise in Europa

Europas Staats- und Regierungschefs stehen in einer schwierigen Lage. Sie ist nicht neu, sondern prägt die Politik des Kontinents seit Jahren. Ständig bindet eine neue Krise politische Aufmerksamkeit und erschwert langfristige Entscheidungen. Erst Corona, dann der Krieg in der Ukraine, anschließend die Energiekrise und nun der Krieg in Iran. Unter solchen Bedingungen geraten langfristige Strukturreformen leicht in den Hintergrund. Genau darin sieht Letta eine zentrale Gefahr.

"Wenn die Führungskräfte keine Reformen umsetzen, wird es sehr schwer, die realen Probleme zu lösen", sagt Enrico Letta. Diese Probleme seien strukturell und langfristig. Krisen wie die Lage rund um die Straße von Hormus könnten wieder verschwinden. Europas strukturelle Fragmentierung werde dagegen bestehen bleiben, wenn der Kontinent nicht handele, sagt Letta. Aghion verweist auf dieselbe Herausforderung. Krise auf Krise kann die großen Reformen verzögern, auch wenn ihre Notwendigkeit inzwischen deutlicher sichtbar wird.

Europa reagiert oft zu spät

Der Nobelpreisträger ist überzeugt, dass vielen inzwischen bewusst wird, wie dringend Europas Probleme geworden sind. "Europa reagiert typischerweise erst, wenn eine Krise entsteht", sagt Aghion. Während Corona und während der Finanzkrise sei schnell und entschlossen gehandelt worden. Das Problem liege darin, dass Europas Rückgang lange nicht als eigentliche Krise wahrgenommen worden sei. Viele hätten gedacht, Europa arbeite weniger und lebe besser. Was bedeutet es also, nicht mehr führend bei Innovation zu sein.

Inzwischen beginne man jedoch, den Preis dieser Entwicklung zu erkennen, sagt Aghion. Damit verschiebt sich aus seiner Sicht die politische Wahrnehmung. Europas wirtschaftlicher Rückstand wird nicht mehr nur als statistischer Befund verstanden, sondern zunehmend als strategisches Risiko. Wenn sich nun tatsächlich ein politisches Zeitfenster öffnet, zunächst durch Ungarn und möglicherweise 2027 durch Frankreich, stellt sich die zentrale Frage nach den nächsten Schritten. Was muss die EU vorrangig tun, um ihre Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen?

Schwache Wettbewerbsfähigkeit

Mario Draghi hat bereits früher erklärt, Europa solle eine echte EU-Föderation erwägen, falls der Kontinent effizienter handeln und Großmächte wie China und die USA einholen wolle. Letta unterstützt diese Stoßrichtung grundsätzlich. "Ich stimme zu. Wir brauchen mehr Integration. Das ist fundamental", sagt Letta. Er schlägt eine tiefere Integration des Binnenmarktes vor und sieht darin den entscheidenden Weg, um Europas Wettbewerbsfähigkeit wieder zu erhöhen.

Gleichzeitig betont Letta, dass es nicht um die Abschaffung nationaler Identitäten gehe. Nationale Identitäten seien mit einer vollständigen Integration des Binnenmarktes vereinbar. Europa müsse jedoch anerkennen, dass ungleiche Wettbewerbsbedingungen ein großes Problem darstellen. Letta verweist anschließend auf zwei Begriffe aus der europäischen Regulierungspraxis. Gemeint sind Ring-Fencing und Gold-Plating. Beide Phänomene stehen aus seiner Sicht für Fehlentwicklungen, die den Binnenmarkt schwächen.

Ring-Fencing und Gold-Plating

Beim Ring-Fencing schotten sich EU-Länder ab und schützen ihre eigenen Märkte sowie ihre eigenen Unternehmen. Beim Gold-Plating setzen Mitgliedstaaten EU-Recht strenger um, als es notwendig wäre. Das führt zu zusätzlichen Vorgaben, mehr Bürokratie, weiteren Anforderungen und neuen Kontrollmechanismen. Das Ergebnis ist aus Lettas Sicht eindeutig. Ring-Fencing und Gold-Plating schwächen den Binnenmarkt und damit Europas gesamte Wettbewerbsfähigkeit. Der Binnenmarkt bleibt dadurch hinter seinen Möglichkeiten zurück.

"Der Mangel an Integration ist ein Problem für die Wettbewerbsfähigkeit", sagt der frühere italienische Ministerpräsident. Europa verlagere Arbeitsplätze ins Ausland und lenke Investitionen nach außen. Das sei ein enormes Problem. Besonders wichtig sind für Letta Energie und Finanzen. In beiden Bereichen müsse der Binnenmarkt deutlich besser funktionieren. Auch die Verteidigungspolitik zählt für ihn zu den zentralen Handlungsfeldern.

Verteidigung als Schlüsselbereich

Letta fordert europäische Verteidigungsprojekte. Er zweifelt daran, dass es ausreicht, lediglich die nationalen Verteidigungsetats zu erhöhen. Ohne gemeinsame Beschaffung drohe Europa, zusätzliche Mittel ineffizient einzusetzen. "Wenn wir bei fragmentierter Beschaffung bleiben, fließen die Mittel am Ende in amerikanisches Material", sagt Letta. Für ihn zeigt sich daran, wie eng Industriepolitik, Sicherheitspolitik und europäische Integration inzwischen miteinander verbunden sind.

Eine der bekanntesten Ideen Lettas ist das sogenannte 28. Regime. Gemeint ist ein freiwilliges gemeinsames EU-Regelwerk neben den 27 nationalen Rechtsordnungen. Es wäre ein Binnenmarkt mit weniger Reibung und deutlich weniger administrativen Hürden. Nach Lettas Vorstellung entsteht dadurch eine Art virtuelles Land mit eigenem Gesellschaftsrecht. Unternehmen könnten dieses Regelwerk wählen, und es wäre überall in Europa gültig. Damit würde eine zentrale Hürde für grenzüberschreitendes Wachstum abgebaut.

Alle Länder sind klein

Für Letta geht es auch um praktische Entlastung von Unternehmen. Dänische Firmen sollten nicht 30 Juristen benötigen, um die Unterschiede zwischen dem Gesellschaftsrecht in Katalonien, im Baskenland, in Bayern, Litauen und Italien zu verstehen. Genau diese Komplexität sei heute eines der großen Probleme.

Letta betont, dass im März 2026 bereits ein wichtiger Schritt erfolgt sei. Die EU beschloss bei einem Gipfel, den Plan "One Europe, One Market" ganz oben auf die Agenda zu setzen. Mehrere Punkte sollen spätestens bis Ende 2027 umgesetzt werden. Der gemeinsame Nenner ist ein stärker integrierter Binnenmarkt, einschließlich des 28. Regimes. "Zwei Jahre wirken vielleicht wie eine sehr lange Zeit, aber in Wirklichkeit ist das tatsächlich sehr schnell", sagt Enrico Letta. Er verweist darauf, dass der Binnenmarkt seit 35 Jahren existiert, aber weiter unter erheblichen Schwächen leidet. Dieser Markt passte möglicherweise zur Vergangenheit, aber nicht mehr zur Gegenwart und zur Zukunft.

Europas Mentalitätswechsel

Letta nennt ein Beispiel dafür, wie stark sich die Welt verändert hat. Vor 35 Jahren war Italiens Wirtschaft so groß wie die Volkswirtschaften Chinas und Indiens zusammen. Italien war damals allein eine große und bedeutende Volkswirtschaft auf Weltebene. Heute ist die Lage grundlegend anders. China und Indien sind nach Lettas Einschätzung inzwischen zwanzigmal größer als damals. Daraus folgt für ihn, dass Europa sich so schnell wie möglich anpassen muss. Europa braucht deshalb einen Mentalitätswechsel. Der Kontinent muss erkennen, dass nationale Größe im globalen Maßstab kaum noch ausreicht. "Wir sind alle kleine Länder", sagt Letta mit Blick auf die EU-Mitgliedstaaten.

Sein zentraler Befund fällt entsprechend nüchtern aus. Es gebe in Europa kleine Länder, die wüssten, dass sie klein seien, und kleine Länder, die es nicht wüssten. Für Letta ist die Konsequenz klar. "Ein fragmentiertes Europa ist ein schwaches Europa."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Warum Deon Markets in der Krypto-Landschaft herausragt

In der dynamischen Welt der Kryptowährungen hebt sich Deon Markets deutlich ab. Diese Plattform bietet mehr als nur den Handel mit...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Die russische Kraftstoffkrise greift auf die Nachbarländer über
10.07.2026

Der Kreml warnt, dass er den Export von Kraftstoffen verbieten könnte. Einige Nachbarländer haben jedoch keine andere Alternative als...

DWN
Politik
Politik Ein Donnerschlag im Paradies: Trumps „Vertrauensfrau“ Giorgia Meloni macht Platz für einen Anderen
10.07.2026

Trouble in paradise. So könnte man das Verhältnis zwischen der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und US-Präsident Donald...

DWN
Politik
Politik Endgültiges Aus für das Heizungsgesetz der Ampel: Bundestag beschließt Kehrtwende beim Heizen
10.07.2026

Das hochumstrittene Gebäudeenergiegesetz der ehemaligen Ampel-Koalition steht vor dem endgültigen Aus. Der Bundestag stimmt am heutigen...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin unter Druck: Warum die nächste Rally auf sich warten lässt
10.07.2026

Der Bitcoin steckt in der Krise: Der Kurs fällt, Anleger ziehen Kapital ab und setzen lieber auf KI-Aktien. Gleichzeitig wird Mining durch...

DWN
Technologie
Technologie Schutz vor Blackouts? Bundesrat beschließt Milliarden-Paket für neue Gaskraftwerke
10.07.2026

Deutschland rüstet sich gegen drohende Stromengpässe: Nach dem Bundestag hat nun auch die Länderkammer das neue Kraftwerksgesetz...

DWN
Politik
Politik Milliarden-Sparkurs bei Gesundheit: Bundestag beschließt umstrittene Reform mit knapper Mehrheit
10.07.2026

Der Bundestag hat nach einer hitzigen Debatte das milliardenschwere Sparpaket der schwarz-roten Koalition verabschiedet. Das Gesetz soll...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bürokratieabbau beschlossen: Bundesrat macht Weg für schnellere Verkehrsprojekte frei
10.07.2026

Der Ausbau und die Sanierung der deutschen Infrastruktur sollen drastisch beschleunigt werden. Nach dem Bundestag hat nun auch der...

DWN
Technologie
Technologie Ransomware: Wann, wie und ob man einem Hacker überhaupt Lösegeld zahlen sollte
10.07.2026

Wenn Erpresser die Daten eines Unternehmens sperren, beginnen einige der teuersten Stunden im Leben des Unternehmens. Die Zahlung eines...