EIB-Vizepräsident über Verteidigungsfinanzierung und Sicherheitsstrategie
Robert de Groot, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank (EIB), sieht die Bank künftig als wichtigen Partner beim Aufbau stärkerer europäischer Verteidigungsfähigkeiten. Allein 2025 finanzierte die EIB nach seinen Angaben Verteidigungsprojekte im Umfang von 4,5 Milliarden Euro. Für 2026 hält de Groot ein etwas höheres Volumen für möglich, abhängig von der Zahl der Anfragen aus Mitgliedstaaten, von Banken und von Unternehmen.
Im Gespräch erläutert der EIB-Vizepräsident die neue Strategie der Bank, ihre wichtigsten Finanzierungsfelder, Litauens Rolle im Verteidigungsbereich und die Frage, wie Unternehmen Zugang zu EIB-Mitteln erhalten können. Der Wandel fällt in eine Phase, in der Europa seine militärische Handlungsfähigkeit stärken und zugleich zentrale Industrie- und Infrastrukturprojekte stärker selbst kontrollieren will.
Die EIB bleibt Klimabank und öffnet sich der Verteidigung
Lange Zeit galt die EIB vor allem als Klimabank. Sie finanzierte grüne Projekte, während Verteidigung in dieselbe Kategorie wie Glücksspiel und Tabakindustrie fiel und damit nicht finanzierbar war. Seit mehr als zwei Jahren unterstützt die Bank Projekte mit doppeltem Verwendungszweck. Inzwischen finanziert sie auch Verteidigungsprojekte direkt.
De Groot beschreibt diesen Wandel als Folge eines klaren politischen Auftrags der Anteilseigner. Die EIB sei weiterhin eine Klimabank, sagt er. Rund 60 Prozent ihres Portfolios stünden nach wie vor mit Klima und Nachhaltigkeit in Verbindung. 2025 habe die Bank neue Kredite im Umfang von insgesamt 100 Milliarden Euro vergeben.
Davon seien 33 Milliarden Euro in Energieprojekte innerhalb der Europäischen Union geflossen. Finanziert worden seien Batteriespeicher, erneuerbare Energien, Windkraftanlagen und Netze. Dieses Feld bleibe weiterhin das Kerngeschäft der Bank. Der Einstieg in die Verteidigungsfinanzierung bedeute daher keinen Bruch mit der bisherigen Ausrichtung, sondern eine Erweiterung des Mandats.
Der politische Auftrag der Anteilseigner
Im Herbst 2023 hätten die Anteilseigner der EIB, also die Finanzminister der EU-Staaten, die Bank aufgefordert, im Sicherheitsbereich stärker aktiv zu werden. "Wenn uns der Anteilseigner sagt, wir sollen etwas tun, dann tun wir es", sagt de Groot. Die Bank habe daraufhin begonnen, ihre internen Regeln und ihre operative Praxis an diese neue Priorität anzupassen.
Zuvor sei die Bank an Verteidigungsprojekte nicht gewöhnt gewesen. Die Minister hätten den Auftrag erteilt, und die EIB habe sich innerhalb von rund zwei Jahren neu ausgerichtet. Aus einem sehr kleinen Finanzierungsbereich sei ein deutlich größerer geworden. Dieser Umbau habe Zeit benötigt, da Finanzierung, Regulierung und politische Vorgaben zusammengeführt werden mussten.
Dafür mussten nach Angaben de Groots auch Regeln und regulatorische Vorgaben angepasst werden. Anfangs habe die EIB Verteidigung nicht direkt finanzieren können. Deshalb seien zunächst Projekte mit doppeltem Verwendungszweck unterstützt worden.
2025 habe die Bank den Begriff "doppelter Verwendungszweck" aufgegeben und könne seitdem direkt in Unternehmen investieren, deren einziger Kunde ein Verteidigungsministerium ist.
Europas Verteidigung soll autonomer werden
De Groots Aufgaben im Verteidigungsbereich sind innerhalb der EIB neu. Sein Ziel sei es, die Bank zu einem wichtigen Partner beim Aufbau autonomerer, widerstandsfähigerer und wettbewerbsfähigerer europäischer Verteidigungsfähigkeiten zu machen. Die EIB sei eine Investitionsbank und finanziere deshalb Projekte, die Europa in diese Richtung voranbringen.
Nach de Groots Einschätzung muss dieser Prozess schneller werden und ein größeres Volumen erreichen. Er verweist auf die Erwartungen der Streitkräfte. Militärische Stellen hätten ihm gesagt, sie wollten innerhalb weniger Jahre auf einen möglichen Konflikt vorbereitet sein. Als Banker werde er alles tun, was ihm möglich sei, um dieses Ziel zu unterstützen.
2025 finanzierte die EIB nach Angaben de Groots Verteidigungsprojekte im Umfang von 4,5 Milliarden Euro in ganz Europa. Das entsprach rund fünf Prozent der gesamten Finanzierung der Bank. Dieser Anteil sei erheblich, sagt de Groot. Beim NATO-Gipfel sei vereinbart worden, dass Staaten fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung und Sicherheit aufwenden sollen.
Die Bank finanziere üblicherweise große Projekte. Kredite könnten an Unternehmen, Banken, Regierungen und öffentliche Einrichtungen vergeben werden. Die größten Darlehen gingen dabei an Banken. Der Grund liegt in der Struktur der EIB. Kleine und mittlere Unternehmen könne die Bank nicht direkt finanzieren, da sie gemessen an ihrer Mitarbeiterzahl zu klein sei.
Die Deutsche Bank als Beispiel für die Finanzierungskette
Ein Beispiel sei ein Kredit über 500 Millionen Euro an die Deutsche Bank. Diese Mittel sollten an kleine und mittlere Unternehmen in ganz Europa weitergereicht werden, die im Bereich Verteidigung und Sicherheit tätig sind. Über solche Strukturen könne die EIB Firmen erreichen, ohne selbst jede einzelne Finanzierung prüfen und abwickeln zu müssen.
Die EIB hat nach Angaben de Groots auch Kredite an Regierungen vergeben. Das gelte etwa für Litauen, wo sehr große Projekte umgesetzt werden sollen. Außerdem finanziert die Bank Unternehmen, die Satelliten und Raketen herstellen. Europa müsse im Bereich Sicherheit und Verteidigung unabhängiger werden, besonders bei Technologien, die für Kommunikation, Aufklärung und Weltraumzugang entscheidend sind.
Wer derzeit einen Satelliten ins All bringen wolle, könne nicht auf ausreichende europäische Startkapazitäten zurückgreifen. Deshalb unterstützt die EIB den Aufbau einer eigenständigen europäischen Produktion im Bereich der Weltraumtechnologie. Ziel sei eine europäische Leistungsfähigkeit bei zentralen Sicherheits- und Verteidigungstechnologien.
Kredite für Regierungen und Projekte an der Ostflanke
Für 2026 erwartet de Groot ein etwas höheres Finanzierungsvolumen als 2025. Die Bank habe ungefähre Zielgrößen, könne bei größerer Nachfrage aber auch mehr finanzieren. Sie sei in dieser Frage flexibel. Entscheidend sei, wie viele tragfähige Projekte aus Mitgliedstaaten, von Banken und von Unternehmen an die EIB herangetragen würden.
Obwohl kleine und mittlere Unternehmen stark unterstützt wurden, entfiel 2025 der größte Teil der EIB-Finanzierung für Sicherheit und Verteidigung auf den öffentlichen Sektor. Insgesamt ging es um rund zwei Milliarden Euro an Investitionen. Besonders umfangreiche Unterstützung erhielten Länder an der östlichen Flanke der EU, darunter Litauen mit einem Kredit über 540 Millionen Euro für eine neue Militärbasis.
De Groot betont, die EIB habe in einigen Mitgliedstaaten sehr große Projekte finanziert. Über alle könne die Bank jedoch nicht öffentlich sprechen, da es um Verteidigung gehe. Daneben habe sie viele kleinere, aber besonders relevante Projekte unterstützt, darunter Raumfahrt, Satelliten sowie optische und akustische Geräte, mit denen Vorgänge an Grenzen überwacht werden können.
Die Debatte über eine europäische Drohnenabwehr
Zur vom EU-Kommissar Andrius Kubilius angestoßenen Idee einer Drohnenmauer verweist de Groot auf die Zuständigkeiten der Europäischen Kommission und der NATO. Beide Institutionen entschieden, was Europa brauche. Zunächst müsse festgelegt werden, was konkret getan werde und ob Anti-Drohnen-Systeme erforderlich seien. Danach müssten entsprechende Systeme bei Unternehmen bestellt werden.
Erst in diesem Schritt könne die EIB als Bank hinzukommen und zur Finanzierung beitragen. Die EIB entscheide nicht darüber, ob eine Drohnenmauer notwendig sei. De Groot sagt jedoch, Kubilius setze sich stark dafür ein, dass Anti-Drohnen-Systeme in Europa produziert werden. Die Bank werde prüfen, ob sie Unternehmen finanzieren könne, die solche Systeme herstellen.
Damit verbindet de Groot die Verteidigungsfinanzierung erneut mit dem Ziel, europäische Produktionskapazitäten aufzubauen. Die Höhe einzelner Kredite kann stark variieren. Manche Darlehen lägen bei 30 bis 40 Millionen Euro, andere erreichten mehrere Hundert Millionen Euro. Entscheidend seien Umfang, Laufzeit und strategische Bedeutung des jeweiligen Projekts.
Hohe Kredite für europäische Systeme
Als Beispiele nennt de Groot Kredite für Forschung und Entwicklung im Radarbereich. Die Indra Group habe 385 Millionen Euro erhalten, Thales 450 Millionen Euro. Die Entwicklung neuer europäischer Systeme dauere Jahre und erfordere entsprechend hohe Investitionen. Aus Sicht der EIB rechtfertigt dieser langfristige Charakter den Einsatz einer öffentlichen Investitionsbank.
Für Litauen stellt sich die Frage, wie Unternehmen Zugang zu solchen Mitteln bekommen können, da die Deutsche Bank dort nicht direkt tätig ist. De Groot sagt, die EIB plane auch die Zusammenarbeit mit Banken, die in Litauen aktiv sind. Wenn litauische Banken daran interessiert seien, kleine und mittlere Unternehmen im Bereich Sicherheit und Verteidigung zu erreichen, könnten auch sie zur EIB kommen.
Die Bank arbeite zwar stärker mit den großen europäischen Instituten zusammen. Einige dieser Banken seien jedoch über lokale Partner in Litauen aktiv. De Groot beschreibt die Finanzierungskette klar. Von der EIB fließe Geld an große Geschäftsbanken, von dort an lokale Banken und schließlich an Unternehmen. Diese Struktur sei nötig, da die EIB mit vergleichsweise wenig Personal arbeite.
Fünf Finanzierungsfelder der EIB
Neben der Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen unterstützt die EIB nach Angaben de Groots auch Infrastruktur in Litauen und anderen EU-Staaten. Insgesamt arbeite die Bank im Bereich Sicherheit und Verteidigung in fünf Feldern. Das erste Feld betrifft kleine und mittlere Unternehmen. Das zweite umfasst Risikokapitalfonds, die über den Europäischen Investitionsfonds finanziert werden.
Diese Fonds investieren wiederum in Start-ups. Das dritte Feld sind Forschung und Entwicklung, etwa im Bereich Radartechnologie. Das vierte Feld ist die Produktion. Wenn Europa sich verteidigen wolle, müsse es Ausrüstung in Europa herstellen und nicht an weit entfernten Standorten. Damit verbindet die EIB Sicherheitspolitik mit Industriepolitik.
Die EIB sei außerdem offen dafür, Unternehmen zu finanzieren, die in der EU registriert sind und als Gemeinschaftsunternehmen mit ukrainischen Firmen arbeiten. Damit kann die Bank auch die industrielle Zusammenarbeit mit der Ukraine stärken. Das fünfte Feld ist Infrastruktur, die de Groot als zentralen Bestandteil militärischer Handlungsfähigkeit beschreibt.
Infrastruktur als Teil der Verteidigung
De Groot formuliert den Zusammenhang nüchtern. Eine Armee könne noch so gut ausgerüstet sein. Wenn sie nicht dorthin gebracht werden könne, wo ein Konflikt stattfindet, verliere sie einen wesentlichen Teil ihres Nutzens. Deshalb finanziert die EIB Eisenbahnen, Straßen, Kommunikationssysteme, Militärstandorte und Militärkrankenhäuser.
Bei der Frage, ob die bisherige Regel "nicht für Munition und Waffen" geändert werden könnte, verweist de Groot erneut auf die Anteilseigner. Eine Änderung sei grundsätzlich möglich, hänge aber von deren Entscheidung ab. Als Investitionsbank investiert die EIB in Projekte, die eine Rendite erzeugen. Eisenbahnen benötigten etwa Kredite mit Laufzeiten von 30 Jahren.
Geschäftsbanken stellten solche Finanzierungen in der Regel nicht bereit. Die EIB komme dort ins Spiel, wo Geschäftsbanken nicht finanzieren könnten. Waffen und Munition könnten hingegen von Geschäftsbanken finanziert werden. Deshalb müsse die EIB dort nicht eingreifen. Nach de Groots Darstellung beteiligt sich die Bank, wenn es Marktversagen gibt.
Warum Waffen und Munition außen vor bleiben
Bei Waffen und Munition sieht de Groot derzeit kein solches Marktversagen. Dass die EIB diese Bereiche nicht finanziert, hat daher auch praktische Gründe. Die EIB betrachtet Projekte zudem aus sozialökonomischer Perspektive. De Groot sieht darin keinen Widerspruch zur Finanzierung von Drohnenabwehr, Raketen oder Satelliten.
Die Bank sei da, um Europas Bürger zu schützen. Wenn Anti-Drohnen-Systeme für Krankenhäuser oder Geburtskliniken benötigt würden, erfüllten sie eine klare gesellschaftliche Funktion. De Groot verweist auf das Vorgehen Russlands in der Ukraine. Wladimir Putin lasse zivile Infrastruktur zerstören, die den Menschen gehöre.
Dazu zählten Lebensmittelversorgung, Krankenhäuser, Wasser- und Energienetze sowie Wohnungen. In diesem Schutz ziviler Strukturen sieht de Groot eine Aufgabe der EIB. Er erkennt darin keinen Widerspruch zu sozialen Zielen, ESG-Kriterien oder ähnlichen Vorgaben. Aus seiner Sicht geht es um den Schutz der Menschen in Europa.
Die Nachfrage bestimmt die Verteilung
Wie viel Geld die EIB auf ihre fünf Finanzierungsfelder verteilt, hängt laut de Groot von der Nachfrage ab. Wenn die Nachfrage vor allem von Banken komme, gehe entsprechend mehr Geld an Banken. Die Gewichtung verändere sich jedes Jahr. Infrastrukturprojekte seien komplex und benötigten lange Vorbereitung.
Wenn sie jedoch reif für die Finanzierung seien, hätten sie meist ein hohes Volumen. Kredite an kleine und mittlere Unternehmen erforderten geringere Summen und könnten schneller umgesetzt werden. Deshalb verschiebe sich die Verteilung der Kategorien von Jahr zu Jahr. De Groot fasst die Lage mit einem einfachen Bild zusammen.
Die EIB sitze an ihren Tischen in Luxemburg und warte auf Anrufe und Briefe. Damit mehr Unternehmen EIB-Finanzierung erhalten können, sieht de Groot vor allem den Weg über Intermediäre. Großen Unternehmen könne die EIB direkt große Kredite gewähren. Kleinere Unternehmen müssten dagegen meist über Banken oder Fonds erreicht werden.
Der Zugang für Unternehmen bleibt entscheidend
Zusätzlich gibt die Bank Geld an Risikokapitalfonds, die in Start-ups investieren, und an Banken, die kleine und mittlere Unternehmen finanzieren. Eine direkte Finanzierung kleinerer Firmen sei der EIB nicht möglich. Wenn Unternehmen viele Aufträge hätten, ihre Produktion verdoppeln und ihren Maßstab vergrößern wollten, sollten sie zunächst zu lokalen Banken gehen.
Wenn sie dem Bankensystem ihres Landes nicht ausreichend vertrauten, müssten Lösungen gemeinsam mit der jeweiligen Regierung gefunden werden. Die Größe eines Unternehmens sei für eine direkte Anfrage bei der EIB nicht entscheidend. Wichtig sei vielmehr die Kredithöhe. Direkt beginne die Finanzierung bei rund 30 Millionen Euro.
Litauen beschreibt de Groot als sehr aktives Land. Er zeigt sich beeindruckt von den Gesprächen, die er am 23. April mit dem litauischen Finanzminister, dem Verteidigungsminister und dem Verkehrsminister geführt habe. Litauen habe ein sehr klares Programm, was es erreichen wolle. Aus Sicht de Groots ist das Land gut organisiert.
Litauen als aktiver Partner
Besonders hebt de Groot hervor, dass Litauen Public-Private-Partnership-Strukturen priorisiere. Der Projektplan in Litauen sei klar und belastbar. Die EIB habe bereits mit Rūdninkai gearbeitet, einem großen Vorhaben. Weitere Projekte seien etwa bei Häfen und Bahnhöfen möglich, die für militärische Mobilität und Versorgung entscheidend sein können.
Deshalb müsse über die gesamte Logistikkette nachgedacht werden. Die Streitkräfte sagten ihm immer wieder, dass Lieferketten für sie entscheidend seien. Wer über eine verlässliche Lieferkette verfüge, könne sich in Konflikten besser verteidigen. Über Hafen, Straßen und Eisenbahnen habe es gute Gespräche gegeben.
Auf die Frage, wo Litauen sich verbessern müsse, antwortet de Groot zurückhaltend. Aus seiner Sicht müsse das Land keinen bestimmten Bereich grundlegend nachbessern, da die Pläne klar seien. Er verstehe Litauens geografische Lage und Geschichte gut. Alles, was das Land tue, entspreche den Anforderungen, denen es gegenüberstehe.
Litauens Lage und die Lehren aus der Ukraine
Für die Verteidigung eines Landes seien zwei Dinge besonders wichtig. Erstens müsse öffentliche Infrastruktur geschützt werden, also Wasserversorgung, Energienetze und Krankenhäuser. Die Ukraine habe gezeigt, welche Folgen gezielte Angriffe auf zivile Infrastruktur haben können. Deshalb müsse Litauen nicht nur militärische Anlagen, sondern auch zivile Infrastruktur in seine Sicherheitsplanung einbeziehen.
Das gelte besonders angesichts von Ballons und Drohnen. Zweitens gehe es um ein funktionierendes europäisches Anti-Drohnen-System. Es ergebe keinen Sinn, wenn jedes Land ein eigenes System entwickle und am Ende 27 Systeme nicht zusammenarbeiteten. Europa müsse Kräfte bündeln, um technische Lücken und operative Brüche zu vermeiden.
Statt 27 Systemen könnten vier bis sechs Systeme ausreichen, sofern sie gemeinsam funktionierten. Sie müssten miteinander kommunizieren können und gemeinsam steuerbar sein. Nur so lasse sich verhindern, dass Lücken in der Verteidigung entstehen. De Groot hält diesen Punkt für besonders wichtig. Die Länder wollten grundsätzlich zusammenarbeiten, doch er würde gern mehr Kooperation sehen.
Rūdninkai als Testfall für neue Finanzierungsstrukturen
Beim Projekt Rūdninkai verhandelt die EIB derzeit mit den Gewinnern des Auswahlverfahrens. Die Verträge sollen nach Möglichkeit im Sommer 2026 unterzeichnet werden. Sicherheit und Verteidigung seien für alle Beteiligten ein neues Feld, sagt de Groot. Das gelte auch für Mitgliedstaaten, die nun viel und schnell finanzieren müssten.
2023 habe die EIB in diesem Bereich 500 Millionen Euro finanziert. 2025 seien es bereits 4,5 Milliarden Euro gewesen. Geschwindigkeit und Umfang seien daher unverzichtbar. Die EIB und Litauen hätten lernen müssen, einander zu verstehen. Litauen sei ein guter Kunde der Bank, doch Verteidigungsministerien seien es nicht gewohnt, mit Banken zu arbeiten.
Normalerweise riefen sie das Finanzministerium an und baten um Geld. Nun sei plötzlich eine Bank beteiligt gewesen. Hinzu kamen die Public-Private-Partnership-Struktur und ein besonderes Auswahlverfahren. Für ein solches Verfahren müsse die gesamte rechtliche Grundlage vorbereitet sein. Das sei sehr komplex gewesen.
Lernen durch Handeln
De Groot zeigt sich beeindruckt von der Geschwindigkeit, mit der Litauen dieses große und komplizierte Projekt vorangebracht habe. Die EIB biete nicht nur Finanzierung, sondern auch technische Beratung. Im Fall Litauens habe die Bank zur Public-Private-Partnership-Struktur und zu deren Umsetzung beraten. De Groot beschreibt den Prozess als Lernen durch Handeln.
Er erwartet, dass die Verträge entweder vor dem Sommer 2026 oder danach unterzeichnet werden, abhängig von weiteren Umständen. Aus seiner Sicht zeigt das Projekt, wie schnell sich solche Vorhaben bewegen lassen. Noch offen seien rechtliche und buchhalterische Fragen sowie Prüfungen durch Experten, die vor der Unterzeichnung abgeschlossen werden müssten.
Sollten diese Arbeiten nicht bis zu den Sommerferien abgeschlossen sein, würden sie danach erledigt. Die Unterzeichnung werde nach seiner Einschätzung sicher stattfinden. Risiken, nicht alle Teilnehmer des Auswahlverfahrens finanzieren zu können, sah de Groot nicht. Die EIB finanziere diese Unternehmen nicht direkt, sondern gewähre der litauischen Regierung einen Kredit.
Die Entscheidung liegt bei Litauen
Die Bank habe der Regierung beim Auswahlprozess geholfen. Die Entscheidung, mit wem Litauen zusammenarbeite, liege jedoch nicht bei der EIB. Regional richtet de Groot besonderes Augenmerk auf die östliche Flanke, von Nordfinnland bis Zypern. Diese Länder seien dem Konflikt am nächsten und benötigten daher besonders viel Aufmerksamkeit.
Er reise durch Osteuropa, da diese Region Priorität habe. Zugleich sieht er die stärkere Ausrichtung auf Verteidigung in ganz Europa. Auch Irland nennt er als Beispiel, obwohl er das Land noch nicht besucht habe. Dort müsse darüber nachgedacht werden, wie Infrastruktur am Meeresboden geschützt werden könne, die durch Schiffe beschädigt werden könnte.
Überall in Europa müsse Widerstandsfähigkeit gestärkt werden. Entscheidend sei die Fähigkeit, kritische Infrastruktur zu schützen. Die konkreten Maßnahmen unterschieden sich je nach Land, doch die Bereitschaft zum Handeln sei überall vorhanden.
Europa als gemeinsamer Verteidigungsmarkt
Vor einigen Jahren sei häufig die Auffassung vertreten worden, Spanien liege weit von Russland entfernt und interessiere sich deshalb weniger für Verteidigung als Polen oder die baltischen Staaten. De Groot sieht inzwischen eine Veränderung. Die EIB habe große Kunden in Spanien und dort einen Vertrag mit einem Unternehmen unterzeichnet, das europäische Raketen produziert.
Diese Raketen sollen Satelliten ins All bringen. Auch die Indra Group habe einen großen Kredit erhalten. Das Unternehmen sei in den Bereichen Kommunikation und Raumfahrt sehr aktiv. Zudem sei die EIB in Italien tätig. De Groot betrachtet Europa als einen einzigen Markt und erwartet, dass daraus schrittweise ein gemeinsamer Verteidigungsmarkt entsteht.
Die Europäische Kommission werde Wege finden müssen, dieses Ziel umzusetzen. De Groot geht davon aus, dass Verteidigungs- und Finanzminister eines Tages stärker zusammenfinden und erkennen werden, dass Europa gemeinsam handeln muss. Dann werde der Schutz Europas funktionieren. In dieser Frage zeigt er sich sehr optimistisch.
Investitionen in ganz Europa
Auf Litauens Vergleich mit Polen antwortet de Groot, alle Nachbarn Litauens investierten sehr aktiv in Verteidigung. Das gelte auch für Schweden, Norwegen und Finnland. Diese Entwicklung folgte den Beschlüssen des NATO-Gipfels. Nach de Groots Einschätzung gibt es derzeit kein einziges Land, das nicht in Verteidigung investiert.
