Automatisierung erobert den Gewächshausanbau
In einem Tomatengewächshaus in den Niederlanden fährt seit dem Frühjahr 2026 eine weiß lackierte Maschine lautlos zwischen langen Reihen roter Rispen-Tomaten. Sie tastet mit Kameras die Pflanzen ab, erkennt reife Früchte und schneidet sie mit einem Greifer präzise ab. Der Harvester des Kölner Start-ups Eternal.ag ist der erste kommerzielle Ernteroboter für Tomatengewächshäuser, und sein erster Einsatzort liegt nicht zufällig im Land des größten Gewächshaussektors Europas.
Gegründet wurde Eternal.ag 2025 von Renji John und Sherry Kunjachan, der als CTO die technische Entwicklung verantwortet. Der studierte Maschinenbauingenieur John hat einen MBA der französischen Wirtschaftshochschule INSEAD, arbeitete in den Niederlanden für Tata Consultancy Services und Vodafone und wechselte schließlich zur Boston Consulting Group, wo er im Bereich Technologiestrategie tätig war. Anschließend gründete er Honest AgTech, das dieselbe Idee verfolgte, jedoch 2023 nach einem Liquiditätsengpass insolvent ging.
Ein Markt unter Druck: 30 Prozent weniger Arbeitskräfte seit 2010
Die Gründungsidee von Eternal.ag basiert auf einem Problem, das die europäische Landwirtschaft seit Jahren umtreibt, Fachkräftemangel. Gewächshäuser sind in der Landwirtschaft eine Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels. Sie sind weitgehend unabhängig von saisonalen Wetterbedingungen, weniger anfällig für Schädlinge und in der Lage, auf vergleichsweise wenig Fläche erheblich mehr Erträge zu erwirtschaften. Für Tomaten, eine der meistangebauten Gemüsesorten Europas, sind Gewächshäuser daher längst zum wichtigsten Produktionsumfeld geworden. Allerdings leidet diese Infrastruktur unter einem wachsenden Personalmangel.
Wie Eterna.ag bereichtet, hat sich die Verfügbarkeit von Arbeitskräften im europäischen Gewächshaussektor seit 2010 um rund 30 Prozent verringert, bedingt durch demografischen Wandel, veränderte Migrationsmuster und ein nachlassendes Interesse an körperlich schwerer Saisonarbeit. Die Tomatenernte ist davon besonders betroffen, denn die Früchte reifen in langen Reihen nach und nach und müssen von Hand erkannt, abgeschnitten und sortiert werden, über die gesamte Saison hinweg.
„Sobald die Arbeitskräfte unzuverlässig werden, wird alles andere unzuverlässig”, sagt Wilco Schoonderbeek, ehemaliger Investitionsdirektor beim Gartenbauinvestor Horticoop und heute Beiratsmitglied bei Eternal.ag, in einer Pressemitteilung des Unternehmens. Gewächshausbetriebe bräuchten Verlässlichkeit, keine vorübergehenden Lösungen. Nun will Eternal.ag dieses Problem mit autonomen Ernterobotern lösen.
Roboter werden in virtuellen Gewächshäusern trainiert
Das erste kommerzielle Produkt von Eternal.ag ist der Harvester, ein vollständig autonomer Ernteroboter, der eigens für Tomatengewächshäuser entwickelt wurde und bis zu 22 Stunden täglich im Betrieb sein kann. Mit bis zu 120 geernteten Rispen pro Stunde, einem korrosionsbeständigen Gehäuse für den Dauerbetrieb und einem patentierten Greifarm, der Stiele präzise schneidet ohne die Früchte zu beschädigen, ist die Maschine auf industriellen Einsatz ausgelegt. Eine KI überwacht in Echtzeit die Reife der Tomaten, die Position der Rispen und die Qualität der Schnitte.
Eternal.ag setzt bei der Entwicklung auf einen Simulation-First-Ansatz. Die Roboter werden zunächst in virtuellen Gewächshäusern trainiert und validiert, bevor sie auf echte Pflanzen treffen, was Fehler korrigierbar macht, bevor sie im realen Betrieb auftreten. Die Iterationszyklen verkürzen sich dadurch erheblich, so CEO Renji John. Sobald die Roboter im Einsatz sind, speisen sie kontinuierlich Daten in das System zurück, das daraus wiederum lernt und sich verbessert.
Ergänzt wird der Harvester durch ein zweites Produkt, den Trolley, eine elektrisch angetriebene, omnidirektionale Plattform, die zunächst von Gewächshauspersonal gesteuert wird, mit kamerabasierter Datenerfassung aber bereits die Grundlage für den späteren Umbau zum autonomen Harvester legt. Der Kaufpreis des Trolleys wird vollständig auf den Harvester angerechnet, was Betreibern einen schrittweisen Einstieg in die Automatisierung ermöglicht.
Acht Millionen Euro und ein Ziel bis 2040
Im März 2026 schloss Eternal.ag eine Finanzierungsrunde in Höhe von acht Millionen Euro. Daran beteiligt sind unter anderem die deutschen Investoren Simon Capital aus Düsseldorf, Oyster Bay Venture Capital aus Hamburg sowie die Schweizer Fonds EquityPitcher Ventures und Backbone Ventures. Das frische Kapital soll für die Beschleunigung der Produktentwicklung, den kommerziellen Einsatz in ganz Europa und die Ausweitung der Technologie auf weitere Anbaukulturen genutzt werden.
„Klimawandel, Arbeitskräftemangel und steigende Nachfrage bringen die Lebensmittelproduktion an ihre Grenzen", erklärt Niklas Leske, Principal bei Simon Capital, in derselben Pressemitteilung zur Finanzierungsrunde. Der Gewächshausanbau sei eine der effizientesten und nachhaltigsten Methoden, um das ganze Jahr über frische Produkte anzubauen. Doch der Arbeitskräftemangel gefährde die Branche. Robotik sei deshalb die einzige zukunftssichere Lösung, um eine dezentrale, widerstandsfähige Lebensmittelversorgungskette für die nächste Generation aufzubauen, so Leske.
Dafür will das deutsche Start-up bis 2040 einen vollständig automatisierten Gewächshausbetrieb ermöglichen, der ohne manuelle Eingriffe auskommt. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitet das aktuell 26-köpfige Team, verteilt auf den Kölner Hauptsitz und eine Niederlassung im indischen Bengaluru, an Robotik, Computer Vision, KI und Betriebssoftware, die zusammen das Fundament dafür legen sollen.
Ernteroboter im Monatsabo
Mindestens ebenso wichtig wie die Technologie dürfte die Frage sein, wie die Roboter an die Endkunden kommen. MetoMotion aus Israel, Four Growers aus den USA und der niederländische Konzern Certhon sind bereits seit Jahren im Segment der automatisierten Gewächshausernte aktiv und haben dabei einen Vorsprung beim Sammeln von Greif- und Sensordaten für empfindliche Früchte aufgebaut. Wer in einem Bereich wie diesem Jahre früher im echten Betrieb ist, sammelt Erfahrungen, aus denen Konkurrenten so schnell nicht aufholen können. In der Landwirtschaft, die traditionell mit niedrigen Margen arbeitet, sind hohe Vorabinvestitionen selten durchsetzbar. Eternal.ag setzt daher auf nutzungsbasierte Modelle, bei denen Kunden Gebühren für den Einsatz der Roboter zahlen, ähnlich einem Software-Abonnement.
Möglich sind zudem leistungsbasierte Ansätze, bei denen nur pro geerntetes Kilogramm abgerechnet wird. Solche Modelle senken die Einstiegshürde erheblich, binden jedoch Kapital auf der Anbieterseite, was die eigene Finanzplanung langfristig komplex macht. Die Preise für einen Harvester liegen nach Angaben aus deutschen Medienberichten zwischen 60.000 und 120.000 Euro. Wie das Unternehmen diese Kosten in ein für Landwirte tragbares Modell überführt, dürfte daher mittelfristig eine der zentralen Fragen der nächsten Jahre sein.
Das Gewächshaus als Systemfrage
Der globale Markt für autonome Agrarroboter wurde 2024 auf rund 530 Millionen US-Dollar geschätzt; Prognosen des Marktforschungsinstituts SNS Insider rechnen bis 2032 mit einem Wachstum auf fast zwei Milliarden US-Dollar. Treiber sind steigende Lohnkosten, der zunehmende Druck auf Ernteerträge und der wachsende Fokus auf eine klimaresistente und nachhaltige Lebensmittelproduktion.
Der globale Markt für autonome Agrarroboter wurde 2024 auf rund 530 Millionen US-Dollar geschätzt; Prognosen des Marktforschungsinstituts SNS Insider rechnen bis 2032 mit einem Wachstum auf fast zwei Milliarden US-Dollar. Treiber sind steigende Lohnkosten, der zunehmende Druck auf Ernteerträge und der wachsende Fokus auf eine klimaresistente und nachhaltige Lebensmittelproduktion.
Das Konzept von Eternal.ag hat eine über das Unternehmerische hinausgehende Logik. Gewächshäuser können direkt in der Nähe von Verbrauchern betrieben werden, reduzieren Transportwege, schonen Flächenressourcen und schützen Ernten vor Extremwetter. Die Automatisierung der arbeitsintensivsten Aufgaben in diesen kontrollierten Umgebungen dürfte damit zur Stabilisierung globaler Lebensmittelketten beitragen.
Zwischen Vision und Realität: Kann Eternal.ag im KI-Markt bestehen?
Ob Eternal.ag diese Vision allerdings auch einlösen kann, hängt vor allem an der Robustheit der Technologie im Dauerbetrieb, der Skalierbarkeit des Geschäftsmodells und der Fähigkeit, sich in einem Markt zu behaupten, in dem etablierte Wettbewerber bereits Boden gewonnen haben. Renji John hat die erste Runde in dieser Branche bereits gespielt und weiß, wo es schief gehen kann. Das gibt dem zweiten Anlauf eine Substanz, die sich in einem Termsheet nur schwer ausdrücken lässt.
