Unternehmensporträt

Spleenlab: Wie ein Thüringer Startup seine Drohnensoftware in die Ukraine brachte

Garage in Ostthüringen, vier Millionen Euro Landesförderung, Software im Kriegsgebiet: Spleenlab hat in sieben Jahren den Aufstieg vom geförderten Thüringer Startup zum Übernahmeziel des europäischen Drohnen-Champions Quantum Systems geschafft.
08.05.2026 16:45
Lesezeit: 4 min
Spleenlab: Wie ein Thüringer Startup seine Drohnensoftware in die Ukraine brachte
Wie Spleenlab aus einer Garage in Ostthüringen mit KI-Drohnensoftware zum Übernahmeziel von Quantum Systems wurde – und was das für die Region bedeutet (Foto: Spleenlab).

Vom Thüringer Garagen-Startup zum Ukraine-Einsatz

Hoch über den Dächern von Jena, in der 22. Etage des Jentowers, den die Einheimischen liebevoll „Keksrolle“ nennen, wird Software geschrieben, die im Krieg in der Ukraine eingesetzt wird. Es geht um Drohnentechnologie und das Thüringer Startup Spleenlab, das Stefan Milz und Tobias Rüdiger 2018 in einer Garage im ostthüringischen Saalburg-Ebersdorf im Saale-Orla-Kreis gegründet haben.

Ihr Ziel war es, Software für autonomes Fahren und Fliegen zu entwickeln. Die Ideen der beiden Gründer überzeugten Investoren. Das Land Thüringen stieg 2020 über seine Beteiligungsgesellschaft bm-t beteiligungsmanagement thüringen GmbH mit knapp vier Millionen Euro ein.

Im Oktober 2025 wurde Spleenlab schließlich vom bayerischen Drohnenhersteller Quantum Systems übernommen, der seine unbemannten Systeme auch in die Ukraine liefert. Über konkrete Zahlen des Deals schweigen sich die Beteiligten aus. Am Verkauf dürfte der Freistaat Thüringen jedoch mitverdient haben.

10 Patente im Portfolio und Rheinmetall als Kunde

Das Kernprodukt von Spleenlab ist die VISIONAIRY-Suite, eine modulare KI-Softwareplattform für autonome Systeme. Sie ermöglicht es unbemannten Luft-, Boden- und Wasserfahrzeugen, ihre Umgebung präzise dreidimensional zu erfassen, zu navigieren und selbstständig Entscheidungen zu treffen. Das Alleinstellungsmerkmal der Technologie ist jedoch die GPS-unabhängige Navigation: Die KI berechnet in Echtzeit, wo sich eine oder mehrere Drohnen befinden, auch wenn kein Satellitensignal verfügbar ist.

„Sie erkennt und klassifiziert Objekte, bestimmte Abstände sowie die eigene Position im Raum und navigiert sicher autonom auch ohne GPS-Signal“, erklärt Jan Hartmann von Spleenlab gegenüber der “Ostthüringer Zeitung” (OZ). So kann beispielsweise eine Lieferdrohne bei Nacht selbstständig prüfen, ob der vorgesehene Landeplatz frei ist oder Hindernisse eine Landung verhindern.

Die Software ist universell einsetzbar und unterstützt alle Sensor-Typen, darunter Kameras, LiDAR und Radar. Und sie ist auf Sicherheit ausgelegt: Mehrschichtige Absicherungen und Plausibilitätsprüfungen sollen Fehler zuverlässig verhindern, wie das Unternehmen auf seiner Webseite schreibt.

Hartmann hebt hervor, dass VISIONAIRY damit die erste KI-Software für autonome Fahrzeuge und Roboter sei, die sich offiziell zertifizieren lasse. Die Jury des Thüringer Innovationspreises honorierte das im November 2025. Spleenlab gewann den Preis in der Kategorie Digital & Media in Weimar, wie das Unternehmen auf seinem Blog berichtet. Zu den Kunden zählen neben Quantum Systems auch Rheinmetall und ARX Robotics im Verteidigungsbereich sowie der US-Drohnenlieferdienst DroneUp. Das Portfolio umfasst inzwischen mehr als zehn Patente.

Quantum Systems: Drohnenhersteller übernimmt Spleenlab

Quantum Systems, mit Sitz in München, entwickelt unbemannte ISR-Systeme, also Systeme für Intelligence, Surveillance and Reconnaissance, auf Deutsch: Aufklärung, Überwachung und Erkundung. Das Unternehmen gehört mit bisher über 300 Millionen Euro eingesammeltem Risikokapital zu den führenden europäischen Defense-Tech-Unternehmen, wie das Portal Startup Mitteldeutschland berichtet.

Mit der Übernahme von Spleenlab erweitert Quantum Systems seine Software-Kompetenz entscheidend. „Die Zukunft ist unbemannt – und sie entsteht aus der Verbindung von erstklassiger Hardware mit erstklassiger Software“, sagte Florian Seibel, Co-CEO und Mitbegründer von Quantum Systems, in einer Stellungnahme auf dem Spleenlab-Unternehmensblog.

Wie ernst das gemeint ist, zeigte sich im Februar 2026: Spleenlab präsentierte sich erstmals gemeinsam mit Quantum Systems auf der Enforce Tac in Nürnberg, der wichtigsten europäischen Fachmesse für taktische Ausrüstung. Im Mittelpunkt standen dabei KI-gestützte ISR-Lösungen und multidomänen Robotikanwendungen.

Beide Standorte in Thüringen sollen nach der Übernahme bestehen bleiben und ausgebaut werden. Derzeit beschäftigt Spleenlab nach Angaben des Managements mehr als 50 Mitarbeiter. Bis Jahresende sollen es mindestens 70 bis 75 werden, wie die Welt unter Berufung auf dpa berichtet. Quantum Systems will die Zahl seiner Software- und KI-Experten zudem verdreifachen.

Dass die Forschungsarbeit in Thüringen auch nach der Übernahme weitergeht, zeigt das im Januar 2026 gestartete Verbundprojekt SENKA. Gemeinsam mit der Technischen Universität Ilmenau entwickelt Spleenlab bis Dezember 2028 neue Verfahren zur Sensorfusion und multimodalen Umgebungswahrnehmung, gefördert im Rahmen des Programms FTI-Thüringen TECHNOLOGIE.

Das Beispiel Spleenlab zeigt, wohin die Reise in Thüringen gehen kann. Es zeigt aber auch, vor welchen Herausforderungen die traditionellen Industrien des Freistaats stehen. Während ein Tech-Unternehmen wie Spleenlab mit 50 Beschäftigten von einem Hochtechnologie-Konzern wie Quantum Systems übernommen wird, gehen Firmen der alten Fertigungsindustriebranchen insolvent.

Rüstung als Ausweg für Thüringer Automobilindustrie?

Rico Chmelik, Geschäftsführer des Branchenverbandes Automotive Thüringen, zieht eine düstere Bilanz: „Knapp 40 Firmenpleiten seit 2019, 7.000 abgebaute Arbeitsplätze“, sagte er kürzlich gegenüber dem “Redaktionsnetzwerk Deutschland” (RND). Rund 200 Unternehmen zählt sein Verband zum Wertschöpfungskern der Branche. Alle müssten sich mit den drei großen „D“ auseinandersetzen: Digitalisierung, Dekarbonisierung, Demografie.

Eine mögliche Antwort ist der Einstieg in die Rüstungsbranche, ähnlich wie Volkswagen für sein Werk in Osnabrück prüft, ob die Produktion militärischer Fahrzeuge bei VW Arbeitsplätze sichern kann. Das Interesse sei groß, sagt Chmelik: „Nach unseren Daten beabsichtigen 75 Prozent der Unternehmen hier ein mögliches Engagement.“ Automotive Thüringen hat gemeinsam mit der TU Chemnitz in einer mehr als 50-seitigen Studie die Potenziale eines solchen Einstiegs untersucht.

Im Ergebnis ist diese Potenzialanalye ernüchternd ausgefallen. „Die Verteidigungsindustrie ist kein Rettungsanker für die schwächelnde Autoindustrie“, räumt Chmelik gegenüber dem RND ein. Die Beschäftigtenzahlen zeigten das: In der deutschen Autoindustrie sind laut der Untersuchung knapp 780.000 Menschen direkt beschäftigt, in der Rüstungsbranche etwas mehr als 100.000.

Bevor ein Unternehmen sich für diesen Schritt entscheide, stünden zudem grundlegende Fragen im Raum. „Ich muss zuerst mein Produkt kritisch hinterfragen“, betont Chmelik. Danach folge eine klare unternehmerische Hochrisiko-Entscheidung: die klassische Vorkasse. Ohne Investitionen in neue Maschinen, Soft- und Hardware geht es nicht. Hinzu komme das Thema Fachkräfte. Wissenschaftler wie der Jenaer Arbeitssoziologe Klaus Dörre sprechen laut RND von „Veränderungserschöpfung“ in der Belegschaft.

Spleenlab als Blaupause für die Zeitenwende im Osten

Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) verbreitet derweil Zuversicht. In seiner Regierungserklärung vom 27. März verwies er auf die Chancen des industriellen Wandels: „Eine funktionierende Wirtschaft, in der Innovation gefördert, Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht und gute Arbeit sichergestellt ist, wirkt wie ein Anker in dem stürmischen Meer an globalen Herausforderungen”, sagte er laut RND.

Ob die Breite der Thüringer Industrie diesen Wandel schafft, bleibt offen. Spleenlab hat ihn bereits vollzogen und tritt für den Freistaat den Beweis an, dass die Zeitenwende auch im Osten Deutschlands ankommen kann, zumindest dort, wo die richtigen Ideen auf die richtigen Investoren treffen.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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