Politik

Irland gerät wegen Russland-Exporten unter Druck

Ein irisches Werk liefert offenbar Aluminiumoxid an einen russischen Konzern, dessen Produkte laut Recherchen in der Rüstungsindustrie landen. Jetzt wächst der politische Druck auf Dublin – ausgerechnet kurz vor der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft.
Autor
avtor
09.06.2026 11:32
Lesezeit: 6 min
Irland gerät wegen Russland-Exporten unter Druck
Der irische Premierminister Michael Martin glaubt, dass die Verhängung von Sanktionen gegen die Aluminiumoxid-Anlage für Europa schädlicher wäre als für Russland. (Foto: dpa) Foto: Niall Carson

Vorwürfe gegen Europas größtes Aluminiumoxid-Werk

Das Werk Aughinish Alumina im Südwesten Irlands ist Europas größter Produzent von Aluminiumoxid. Eigentümer der Anlage ist Rusal, einer der weltweit größten Aluminiumhersteller, so das estnische Wirtschaftsportal Äripäev. Das Unternehmen produziert rund neun Prozent des globalen Aluminiums sowie des für dessen Herstellung benötigten Aluminiumoxids.

Gegründet wurde Rusal vom russischen Oligarchen Oleg Deripaska. Zu den Anteilseignern gehört neben russischem Kapital auch der Rohstoffhandelskonzern Glencore mit Sitz in der Schweiz. Während gegen Deripaska westliche Sanktionen gelten, ist Rusal selbst nicht sanktioniert.

Obwohl die irische Regierung erklärt, nach ihrem Kenntnisstand gelange das Aluminiumoxid nicht in die russische Rüstungsindustrie, zeigen von der Financial Times ausgewertete russische Zolldaten etwas anderes. Demnach gingen die größten Lieferungen aus Irland im vergangenen Jahr an das Rusal-Werk in Krasnojarsk, das von der Kyiv School of Economics (KSE) in ihrer Datenbank als kritische Infrastruktur der russischen Rüstungsindustrie eingestuft wird.

Nach Recherchen der Irish Times verkauft Rusal das in Krasnojarsk produzierte Aluminium an den Rohstoffhändler ASK weiter, der als wichtiger Zulieferer der russischen Rüstungsindustrie gilt.

Der KSE-Sanktionsexperte Pavlo Škurenko erklärte gegenüber der Financial Times, Aluminium und Aluminiumlegierungen würden bei der Herstellung von Kampfpanzern, gepanzerten Fahrzeugen, Kampfflugzeugen, Raketensystemen und Drohnen eingesetzt.

Regierung verweist auf Arbeitsplätze und Lieferketten

Der irische Premierminister Micheál Martin räumte ein, dass Aughinish Alumina ein wichtiger Arbeitgeber in der Region sei. Gleichzeitig betonte er, dass Irland selbstverständlich nicht dazu beitragen wolle, Waffen für den Krieg gegen die Ukraine zu produzieren.

Dennoch erklärte Martin, eine Einschränkung der Aluminiumoxid-Lieferungen nach Russland würde Europa stärker schaden als Russland. „Das würde in Irland den Verlust von 1.000 Arbeitsplätzen bedeuten“, sagte er gegenüber Journalisten.

„Aughinish ist Teil einer größeren europäischen Lieferkette. Das Werk produziert auch für Frankreich und Schweden. Der Sinn von Sanktionen besteht darin, dass wir uns nicht selbst mehr schaden als Russland“, fügte er hinzu.

Die Opposition fordert dagegen ein rasches Eingreifen der Regierung. Die Öffentlichkeit könne sich in dieser Frage nicht allein auf Zusicherungen der Unternehmen verlassen.

Ukrainische Diplomaten erhöhen den Druck

Die ukrainische Botschaft in Dublin betonte, dass die Exporte von Aluminiumoxid aus dem irischen Werk nach Russland im Vergleich zur Zeit vor dem Beginn des großangelegten Krieges um rund 150 Prozent gestiegen seien.

Eine ähnliche Entwicklung geht auch aus den von der Financial Times überprüften irischen Zolldaten hervor.

Irlands Wirtschaftsminister Peter Burke stellte die offiziellen Zahlen jedoch infrage. Er erklärte, das Unternehmen habe der Regierung mitgeteilt, bei der Übermittlung der Daten für das erste Quartal einen Fehler gemacht zu haben.

Russland-Sanktionen: Vorwürfe gegen Irlands Aluminiumexporte

Damit entwickelt sich die Angelegenheit für die irische Regierung zunehmend zu einem ernsthaften politischen Problem. Dublin hatte zuvor versucht, die Bedeutung der Vorgänge herunterzuspielen. Inzwischen wächst jedoch der Druck von Opposition, Medien und internationalen Beobachtern.

Der Fall berührt einen besonders sensiblen Bereich der Russland-Sanktionen. Aluminium gehört zu den strategisch wichtigen Industriemetallen für die Herstellung moderner Waffensysteme. Während die EU ihre Sanktionen gegen Moskau kontinuierlich verschärft, zeigt die Debatte um Aughinish Alumina die Schwierigkeiten globaler Lieferketten. Die Affäre trifft Irland zu einem heiklen Zeitpunkt, da das Land in Kürze die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt und damit eine zentrale Rolle bei europäischen Entscheidungen zu Russland und der Ukraine spielen wird.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Indrek Lepik

Indrek Lepik ist Außenreporter bei Äripäev, einer estnischen Wirtschaftspublikation aus dem Bonnier-Konzern.
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street erholt sich nach Fed-Zinserhöhung
17.09.2026

Nach turbulenten Tagen fassen die Anleger wieder Mut – das sind die wichtigsten Treiber der jüngsten Kursbewegung.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Landgericht Frankfurt entscheidet: Meta muss für betrügerische Social-Media-Anzeigen haften
17.09.2026

Fake-Werbung auf Plattformen wie Facebook und Instagram bleibt für Meta nicht länger ohne rechtliche Folgen. Nach einer Entscheidung des...

DWN
Politik
Politik Unerwartete Wende: Russland behält Kontrolle über wichtige Basen am Mittelmeer
17.09.2026

Nach dem Sturz von Bashar al-Assad schien Russlands militärische Präsenz in Syrien infrage zu stehen. Doch nun zeigt sich eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Anleger plötzlich profitieren können
17.09.2026

Die Ruhe an Europas Energiemärkten war offenbar nur geliehen. Öl und Gas verteuern sich wieder, die Inflation bleibt hartnäckig und die...

DWN
Panorama
Panorama Zuwanderung bremst Trend: Immer mehr Menschen in Deutschland leben wieder in Familien
17.09.2026

Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland wohnt zusammen mit Eltern oder Kindern in einem Haushalt. Nach einer langen Phase des...

DWN
Politik
Politik Überwachung und Chat-Weitergabe: BGH lässt EuGH-Datenschutzregeln im Privatleben klären
17.09.2026

Darf man Angehörige heimlich filmen oder private WhatsApp-Nachrichten an Dritte weiterleiten? Zwei verfahrene Alltagsstreitigkeiten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Comeback mit Verbrennungsmotoren: Volvo schaltet auf gemischten Antrieb um
17.09.2026

Volvo will den Weg aus der Krise schaffen und setzt dabei wieder verstärkt auf Verbrenner. Neue Fahrzeugmodelle sollen dem schwedischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gewerkschaftsstudie: Gesenkte Gastronomie-Mehrwertsteuer bringt Gästen keine Preisvorteile
17.09.2026

Seit Jahresbeginn gilt für Restaurantspeisen der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Trotzdem verzeichnen Verbraucher...