Vorwürfe gegen Europas größtes Aluminiumoxid-Werk
Das Werk Aughinish Alumina im Südwesten Irlands ist Europas größter Produzent von Aluminiumoxid. Eigentümer der Anlage ist Rusal, einer der weltweit größten Aluminiumhersteller, so das estnische Wirtschaftsportal Äripäev. Das Unternehmen produziert rund neun Prozent des globalen Aluminiums sowie des für dessen Herstellung benötigten Aluminiumoxids.
Gegründet wurde Rusal vom russischen Oligarchen Oleg Deripaska. Zu den Anteilseignern gehört neben russischem Kapital auch der Rohstoffhandelskonzern Glencore mit Sitz in der Schweiz. Während gegen Deripaska westliche Sanktionen gelten, ist Rusal selbst nicht sanktioniert.
Obwohl die irische Regierung erklärt, nach ihrem Kenntnisstand gelange das Aluminiumoxid nicht in die russische Rüstungsindustrie, zeigen von der Financial Times ausgewertete russische Zolldaten etwas anderes. Demnach gingen die größten Lieferungen aus Irland im vergangenen Jahr an das Rusal-Werk in Krasnojarsk, das von der Kyiv School of Economics (KSE) in ihrer Datenbank als kritische Infrastruktur der russischen Rüstungsindustrie eingestuft wird.
Nach Recherchen der Irish Times verkauft Rusal das in Krasnojarsk produzierte Aluminium an den Rohstoffhändler ASK weiter, der als wichtiger Zulieferer der russischen Rüstungsindustrie gilt.
Der KSE-Sanktionsexperte Pavlo Škurenko erklärte gegenüber der Financial Times, Aluminium und Aluminiumlegierungen würden bei der Herstellung von Kampfpanzern, gepanzerten Fahrzeugen, Kampfflugzeugen, Raketensystemen und Drohnen eingesetzt.
Regierung verweist auf Arbeitsplätze und Lieferketten
Der irische Premierminister Micheál Martin räumte ein, dass Aughinish Alumina ein wichtiger Arbeitgeber in der Region sei. Gleichzeitig betonte er, dass Irland selbstverständlich nicht dazu beitragen wolle, Waffen für den Krieg gegen die Ukraine zu produzieren.
Dennoch erklärte Martin, eine Einschränkung der Aluminiumoxid-Lieferungen nach Russland würde Europa stärker schaden als Russland. „Das würde in Irland den Verlust von 1.000 Arbeitsplätzen bedeuten“, sagte er gegenüber Journalisten.
„Aughinish ist Teil einer größeren europäischen Lieferkette. Das Werk produziert auch für Frankreich und Schweden. Der Sinn von Sanktionen besteht darin, dass wir uns nicht selbst mehr schaden als Russland“, fügte er hinzu.
Die Opposition fordert dagegen ein rasches Eingreifen der Regierung. Die Öffentlichkeit könne sich in dieser Frage nicht allein auf Zusicherungen der Unternehmen verlassen.
Ukrainische Diplomaten erhöhen den Druck
Die ukrainische Botschaft in Dublin betonte, dass die Exporte von Aluminiumoxid aus dem irischen Werk nach Russland im Vergleich zur Zeit vor dem Beginn des großangelegten Krieges um rund 150 Prozent gestiegen seien.
Eine ähnliche Entwicklung geht auch aus den von der Financial Times überprüften irischen Zolldaten hervor.
Irlands Wirtschaftsminister Peter Burke stellte die offiziellen Zahlen jedoch infrage. Er erklärte, das Unternehmen habe der Regierung mitgeteilt, bei der Übermittlung der Daten für das erste Quartal einen Fehler gemacht zu haben.
Russland-Sanktionen: Vorwürfe gegen Irlands Aluminiumexporte
Damit entwickelt sich die Angelegenheit für die irische Regierung zunehmend zu einem ernsthaften politischen Problem. Dublin hatte zuvor versucht, die Bedeutung der Vorgänge herunterzuspielen. Inzwischen wächst jedoch der Druck von Opposition, Medien und internationalen Beobachtern.
Der Fall berührt einen besonders sensiblen Bereich der Russland-Sanktionen. Aluminium gehört zu den strategisch wichtigen Industriemetallen für die Herstellung moderner Waffensysteme. Während die EU ihre Sanktionen gegen Moskau kontinuierlich verschärft, zeigt die Debatte um Aughinish Alumina die Schwierigkeiten globaler Lieferketten. Die Affäre trifft Irland zu einem heiklen Zeitpunkt, da das Land in Kürze die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt und damit eine zentrale Rolle bei europäischen Entscheidungen zu Russland und der Ukraine spielen wird.

