Der Westen steigt ab - ob er will oder nicht
Die Weltordnung verschiebt sich grundlegend. Über Jahrhunderte dominierten zunächst Europa und später die USA Politik, Wirtschaft und internationale Institutionen. Doch diese Epoche geht ihrem Ende entgegen. Für den in Hongkong lehrenden Politikwissenschaftler Daniel Marwecki ist das keine vorübergehende Krise, sondern eine historische Entwicklung, die sich nicht aufhalten lässt.
Seine zentrale These lautet deshalb: Der Westen sollte nicht versuchen, seine schwindende Vormachtstellung mit allen Mitteln zu verteidigen, sondern lernen, "würdevoll abzusteigen". Gemeint ist damit keine Kapitulation oder Selbstaufgabe, sondern ein realistischer und strategischer Umgang mit einer neuen multipolaren Welt (aktuelles Buch: Die Welt nach dem Westen*).
Trump als "Abrissbirne"
"Henry Kissinger wurde in einem seiner letzten Interviews gefragt, wer Donald Trump ist und was er soll", sagte Marwecki 2026 bei einem Vortrag auf der Digitalkonferenz re:publica in Berlin. "Und Kissinger sagte, dass Trump eine jener Figuren ist, die von der Geschichte entsandt wurden – früher hätte man gesagt: von Gott entsandt wurden – um mit den Scheinheiligkeiten einer Epoche aufzuräumen. Donald Trump ist so etwas wie die Abrissbirne. Er räumt auf, er stiftet Chaos, ohne zu wissen, was danach überhaupt kommen mag."
Donald Trump als Abstiegsmanager beendet laut Marwecki nicht den Westen als solchen, sondern die von den USA geprägte liberale, regelbasierte Ordnung. Statt auf globalisierte Marktwirtschaft setzt er auf Zölle und Protektionismus als Reaktion auf enttäuschte Versprechen der Globalisierung. Trump setze das eng verstandene Eigeninteresse primär und müsse es auch gar nicht mehr kaschieren, sagte Marwecki und fuhr fort: "Er löst gewissermaßen das Problem der westlichen Doppelmoral, oft und lange kritisiert, indem er der westlichen Außenpolitik die Moral gleich ganz wegnimmt. Max Weber schrieb in "Politik als Beruf", dass aus Gutem nicht immer Gutes folgt und aus Bösem nicht immer Böses."
Nicht Trump beendet die Ordnung, sondern westliche Doppelmoral und der Aufstieg Chinas
Trump sei nicht der Grund, warum diese Ordnung aufhört. Denn die liberale Ordnung hatte laut Marwecki Probleme, die älter seien als Trump. Es gebe prinzipiell zwei Gründe, warum sie zu Ende gehe:
Erstens ihre Inkonsistenz. Denn wer eine Ordnung erhalten wolle, müsse sich auch an ihre Vorgaben halten. Marwecki: "Während des Kalten Kriegs versuchten die USA 70-mal, ihnen unliebsame Regierungen zu stürzen – gegen den Kommunismus. Und auch während des Kalten Krieges bis ins Jahr 2000 versuchten die USA und die Sowjetunion eine von neun Wahlen weltweit in ihrem Sinne zu beeinflussen."
Das heißt, laut Marwecki: Liberal und demokratisch ging es nicht immer zu unter dem Hegemon USA. Auch habe sich das liberale Aufstiegsversprechen, das Wohlstandsversprechen, eigentlich nur für sehr wenige Länder und Gesellschaften dieser Welt wirklich eingelöst - zum Beispiel für Ostasien.
Zweitens der Aufstieg Chinas: "China ist die große Klammer in den Präsidentschaften von Trump I über Joe Biden zu Trump II. Was diese Präsidentschaften verbindet, ist dieser Versuch, China, dem Wiederaufstieg Chinas, zu begegnen und ihn einzugrenzen", sagte Marwecki. Und dieser Aufstieg ändere alles - insbesondere die Verteilung des Wohlstands weltweit.
Einer von acht Menschen weltweit, das heißt, eine Milliarde Menschen, lebe nach Marwecki in einem Slum. "Slums existieren, wenn man Urbanisierung bekommt, aber nicht das dazugehörige ausreichende Wirtschaftswachstum", so Marwecki. Und 40 Prozent der Weltbevölkerung lebten kaufkraftbereinigt von weniger als 7 US-Dollar am Tag.
Die globale Ungleichheit, das Streben nach einem besseren Leben - das sind Mächte, die Wirkung entfalten. "Die Welt, auch wenn sie sich ändert, auch wenn sie postwestlicher wird, bleibt sie arm, bleibt ungleich. Und Entwicklung bleibt das eigentliche Ziel, Aufstieg bleibt das eigentliche Ziel der meisten Menschen", sagte Marwecki. Da wirtschaftliche Leistungsfähigkeit langfristig militärische, technologische und politische Macht bestimmt, verschiebt sich mit dem ökonomischen Schwerpunkt auch das internationale Machtgefüge.
Rezentrierung der Welt
Gerade diese weltweiten Entwicklungsunterschiede prägen die Verschiebung wirtschaftlicher Gewichte, die sich auch historisch nachvollziehen lässt.
China und Indien waren historisch über lange Zeit zentrale Zentren der Weltwirtschaft. Diese Stellung verschob sich erst im 19. Jahrhundert, als sich im Westen Kapitalismus, Industrialisierung und der moderne Nationalstaat herausbildeten und sich weltweit durchsetzten.
Mit dieser westlich geprägten Globalisierung verlagerte sich das wirtschaftliche Zentrum der Welt zeitweise nach Europa und Nordamerika. Heute zeichnet sich jedoch eine erneute Verschiebung ab: Die Weltwirtschaft rezentriert sich zunehmend in Richtung Asien – mit China und Indien als tragenden Achsen, flankiert von weiteren dynamisch wachsenden Volkswirtschaften der Region.
Die westliche Dominanz war die Ausnahme
Marwecki argumentiert also, dass die jahrhundertelange Vorherrschaft Europas und später der USA historisch betrachtet eher eine Ausnahme als den Normalzustand darstellt und sich die Welt nun wieder einem über Jahrtausende bestehenden historischen Normalzustand annähere. China lässt sich laut Marwecki als zweite Großmacht neben den USA seine Politik von niemandem mehr diktieren. Gleichzeitig treten Indien, Brasilien, Indonesien, Südafrika, Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate zunehmend selbstbewusst auf und akzeptieren keine Weltordnung mehr, die ausschließlich von westlichen Staaten geprägt wird.
Der sogenannte Globale Süden ist dabei kein einheitlicher Block. Die Staaten unterscheiden sich kulturell, wirtschaftlich und politisch erheblich. Was sie verbindet, ist die Erfahrung jahrhundertelanger westlicher Dominanz und der Wunsch nach größerem Einfluss auf die internationale Ordnung. Der Aufstieg dieser Länder bedeutet zwangsläufig den relativen Abstieg des Westens. Genau diese Entwicklung löst nach Marweckis Analyse erhebliche Ängste aus.
Was bedeutet "würdevoll absteigen"?
Der Begriff klingt zunächst provokant. Marwecki versteht darunter jedoch keinen Niedergang in Bedeutungslosigkeit, sondern den Übergang von einer hegemonialen Macht zu einem gleichberechtigten Akteur unter mehreren.
Europa und die USA müssten akzeptieren, dass sie künftig starke Regionen bleiben, aber nicht mehr allein das Zentrum der Weltgeschichte darstellen. Wer diesen Wandel verdränge oder nostalgisch an früheren Machtverhältnissen festhalte, laufe Gefahr, neue Konflikte zu provozieren. Ein würdevolles Absteigen bedeutet daher vor allem, den relativen Machtverlust anzuerkennen und die entstehende multipolare Ordnung aktiv mitzugestalten, statt gegen sie anzukämpfen.
Die Gefahr des krampfhaften Machterhalts
Historisch seien untergehende Großmächte häufig besonders gefährlich geworden. Der Versuch, schwindenden Einfluss militärisch oder geopolitisch zu kompensieren, könne in Konfrontation und Eskalation münden.
Marwecki warnt deshalb vor einer Politik, die den Verlust westlicher Dominanz durch einen neuen Kalten Krieg oder dauerhafte Blockbildung ausgleichen will. Stattdessen plädiert er für Kooperation, strategischen Realismus und die Fähigkeit, sich an neue Machtverhältnisse anzupassen.
Abschied von der westlichen Selbstgewissheit
Zum Konzept des würdevollen Abstiegs gehört auch eine kritische Selbstreflexion: Viele Staaten des Globalen Südens nähmen Begriffe wie die "regelbasierte internationale Ordnung" nicht als universelles Prinzip wahr, sondern als Instrument westlicher Interessenpolitik. Kolonialgeschichte, Doppelstandards und selektive Anwendung internationaler Regeln hätten das Vertrauen vieler Länder beschädigt.
Wer glaubwürdig bleiben wolle, müsse deshalb auch die Möglichkeit zulassen, dass der Westen nicht immer auf der moralisch richtigen Seite stehe.
Europa muss eigenständiger werden
Marwecki fordert weder eine Abkehr von den USA noch eine Unterordnung unter China. Europa müsse vielmehr strategisch eigenständiger werden.
Dazu gehörten die Erneuerung der wirtschaftlichen Grundlagen, eine selbstbewusste Vertretung eigener Interessen und eine Außenpolitik, die sich nicht automatisch an hegemonialen Logiken orientiert.
Für exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland bedeutet dies, sich auf eine Welt einzustellen, in der Macht, Kapital und Innovation deutlich breiter verteilt sind als in den vergangenen Jahrzehnten.
Marweckis zehn Vorschläge für einen"würdevollen Abstieg":
- Verteidigungsfähigkeit ist gut. Europäische Abschreckungsfähigkeit ist aber ein Koordinationsproblem und kein Ausgabenproblem. Es braucht nicht noch mehr Geld. Zum Sicherheitsdilemma gehören mindestens zwei.
- Das Wort "Geopolitik" aus dem Lexikon streichen und das Wort "Multipolarität" entweder positiv deuten oder durch einen besseren Begriff ersetzen.
- Der Weltmehrheit nichts predigen, was man selbst nicht praktiziert. Die Möglichkeit zulassen, dass man nicht immer zu den Guten gehört. Strategische Empathie üben.
- Das Völkerrecht achten. Das ist die Pflicht der Schwachen und die Tugend der Starken.
- Rechtsstaatlichkeit und Demokratie im Innern wahren, auch wenn die äußere Macht schrumpft. Die Krise des Westens muss keine Krise des Liberalismus sein.
- Austerität aufgeben und in öffentliche Güter investieren. Das BIP-Wachstum misst nicht die Lebensqualität. Innerer Verfall ist eine Wahl.
- Die nationale und globale Ungleichheit effektiv bekämpfen. Ansonsten bekommt man rechtsextreme Oligarchien.
- Die Energiewende wieder ins Zentrum der politischen Bemühungen stellen. Dafür in China erneuerbare Energien einkaufen und den Markt für Elektroautos öffnen. In anderen Handelsbereichen mit China Abhängigkeiten und Defizite verringern.
- Migration bleibt die realistischste Möglichkeit, das demographische Problem zu lösen.
- Die Vereinten Nationen wiederbeleben und ihren Sicherheitsrat so reformieren, dass er die neue Machtverteilung in der Welt abbildet. Es ist im Eigeninteresse: Mittelmächte sind auf faire globale Institutionen angewiesen.
Was bedeutet das für Deutschland?
Marweckis Analyse hat erhebliche wirtschaftspolitische Konsequenzen. Wenn die westliche Dominanz tatsächlich endet, können Unternehmen nicht mehr darauf vertrauen, dass internationale Regeln automatisch ihren Interessen entsprechen.
Wichtiger werden Investitionen in Innovation, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit sowie neue Partnerschaften mit aufstrebenden Volkswirtschaften. Deutschland müsste seine wirtschaftliche Stärke aus eigener Kraft erneuern, statt auf frühere geopolitische Vorteile zu setzen.
Zugleich würde eine Außenpolitik an Bedeutung gewinnen, die stärker auf gemeinsame Interessen als auf moralische Führungsansprüche setzt.
Zwischen Anpassung und Selbstbehauptung
Marweckis Position ist umstritten. Kritiker sehen in seinem Konzept die Gefahr einer übermäßigen Anpassung an autoritäre Mächte und fordern stattdessen eine Renaissance westlicher Innovationskraft, technologischer Souveränität und industrieller Stärke.
Unabhängig von dieser Debatte benennt seine Analyse jedoch eine Realität, die kaum zu übersehen ist: Die Welt wird multipolar. Die Frage ist nicht mehr, ob sich die Machtverhältnisse verändern, sondern wie Europa und Deutschland darauf reagieren.
Der "würdevolle Abstieg" ist deshalb weniger ein Aufruf zur Resignation als ein Plädoyer für strategischen Realismus. Wer den relativen Machtverlust akzeptiert und die neue Ordnung aktiv mitgestaltet, könnte auch künftig Wohlstand und politischen Einfluss sichern. Wer dagegen an vergangenen Dominanzansprüchen festhält, riskiert nach Marweckis Überzeugung Abschottung, Konfrontation und neue Großkonflikte.
Zur Person
Daniel Marwecki ist Politikwissenschaftler und Historiker. Er ist Lecturer am Department of Politics and Public Administration der University of Hong Kong sowie stellvertretender Direktor des Masterstudiengangs "International and Public Affairs". Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Krise der globalen Ordnung, der Politik des Globalen Südens sowie den internationalen Beziehungen des Nahen Ostens. In seinen Veröffentlichungen argumentiert er, dass die jahrhundertelange westliche Dominanz ihrem Ende entgegengeht und Europa sowie die USA lernen müssten, ihren relativen Machtverlust konstruktiv zu gestalten. Seine Analysen stoßen regelmäßig Debatten über die Zukunft der internationalen Ordnung und die strategische Ausrichtung westlicher Demokratien an. Kaufen Sie jetzt sein aktuelles Buch "Die Welt nach dem Westen"*.
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