Ölpreis aktuell: Er fällt kaum, doch die Erleichterung ist gefährlich
Die Märkte reagieren erleichtert auf die vorläufige Einigung zwischen den Vereinigten Staaten und Iran. Doch ein schneller Rückgang beim Ölpreis und eine breite Abwertung der Öl- und Gaskonzerne gelten unter Experten als unwahrscheinlich. Das berichten unsere Kollegen von Puls Biznesu.
Zerstörte Infrastruktur im Nahen Osten, der Wiederaufbau globaler Reserven und eine neue Sicherheitsprämie dürften den Ölpreis noch über viele Monate auf erhöhtem Niveau halten. Zwar sind die Notierungen wieder auf Werte gefallen, die nur wenig über dem Stand vor dem Angriff der Vereinigten Staaten und Israels auf Iran liegen. Das deutet darauf hin, dass Investoren darauf setzen, dass aus der vorläufigen Einigung zwischen Washington und Teheran ein dauerhafter Frieden werden könnte.
Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass die durch den Iran-Krieg gestiegenen Kurse der Öl- und Gaskonzerne stärker unter Druck geraten und rasch auf das Niveau von 2025 zurückfallen. Nach Einschätzung mehrerer Marktbeobachter sprechen strukturelle Faktoren weiter für den Sektor.
"Es gibt viele Argumente für den Abschluss einer dauerhaften Einigung. Deshalb überrascht die negative Reaktion der Aktienkurse im Oil-and-Gas-Sektor nicht. Das betrifft vor allem Unternehmen mit hoher Abhängigkeit vom Fördergeschäft. Bei ihnen hatten die bisherigen Spannungen und die Eskalation im Nahen Osten zu höheren Gewinnprognosen geführt. In der breiteren Betrachtung sollte man dennoch die Faktoren nicht vergessen, die die Investmentthese für den Sektor stützen", sagt Tomasz Karsznia, Leiter des Analystenteams bei TFI PZU.
Karsznia verweist darauf, dass die Finanzergebnisse der Öl- und Gasunternehmen kurzfristig sehr stark ausfallen dürften. Das liege unter anderem an der teilweisen Absicherung von Preisen und Margen. Zudem seien die relativen Bewertungskennzahlen dieser Unternehmen nicht überzogen. Dividendenrenditen und freie Cashflows blieben aus seiner Sicht weiterhin attraktiv.
"Selbst im Szenario einer endgültigen Einigung und einer Öffnung der Straße von Hormus werden die Chancen auf eine schnelle Rückkehr der Ölpreise auf das Niveau vom Jahresanfang durch die tatsächlichen Möglichkeiten zur Ausweitung des Angebots begrenzt. Es geht um Fragen der Verminung der Meerenge, um die Sicherheit des Transits und um steigende Versicherungskosten. Außerdem wird eine dauerhafte Deeskalation über viele Monate mit erhöhter Nachfrage verbunden sein, unter anderem zur Auffüllung der weltweiten Öl- und Gasreserven in den Lagern", sagt Karsznia.
Ähnlich argumentiert Rafał Bogusławski, Chefstratege beim Unternehmen KupFundusz. "Die Welt hat in den vergangenen Monaten wöchentlich 70 bis 80 Millionen Barrel Öl aus den Reserven verbraucht. Deshalb halte ich die Wahrscheinlichkeit für gering, dass die Ölpreise weiter fallen. Alle werden ihre Reserven auffüllen, bevor die Ölförderung im Nahen Osten wieder jene Niveaus erreicht, die noch vor kurzer Zeit, also vor vier Monaten, galten. Das muss man berücksichtigen, wenn man über die Bewertung der Ölkonzerne spricht", sagt Bogusławski.
Ölpreis und Lieferketten: Sicherheitsprämie wird zum entscheidenden Faktor
Bogusławski erinnert daran, dass im Zuge des Krieges Ölanlagen zerstört wurden, die täglich 10 bis 11 Millionen Barrel liefern konnten. Er geht davon aus, dass 30 Prozent dieser Lieferungen nicht rasch wieder aufgenommen werden können. Entspannung auf der Angebotsseite könnte ein Frieden an der russisch-ukrainischen Front bringen, falls russisches Öl wieder vollständig auf die Weltmärkte zurückkehren würde.
Der Experte von KupFundusz weist jedoch darauf hin, dass Russland seine Rohölverkäufe derzeit mit einem Abschlag gegenüber den Weltmarktpreisen abwickelt und diesen Abschlag mit Sicherheit aufgeben würde, sobald es dazu in der Lage wäre. Zudem könne Russland schnell etwa 1,5 Millionen Barrel pro Tag zusätzlich auf den Markt bringen. Diese Menge reiche aber nicht aus, um die fehlenden drei Millionen Barrel aus den länger stillgelegten Anlagen im Nahen Osten auszugleichen.
Nach Einschätzung Bogusławskis hat der jüngste Krieg am Persischen Golf zudem gezeigt, dass die Welt auf einen derart geopolitisch ausgelösten Angebotsschock nicht vorbereitet war. Viele Länder dürften deshalb künftig stärker versuchen, ihre Bezugsquellen für Öl zu diversifizieren. Davon könnten vor allem die größten Konzerne profitieren, die über Kapital und operative Möglichkeiten verfügen, neue Förderprojekte umzusetzen. Dazu zählen auch Projekte, die noch vor einem halben Jahr als völlig unrentabel galten.
"Die meisten ölverbrauchenden Länder werden bereit sein, etwas mehr für Öl zu bezahlen. Sie werden lieber eine Prämie für die Diversifizierung ihrer Lieferquellen zahlen, als sich erneut einer Lage auszusetzen, wie sie nach dem amerikanischen Angriff auf Iran entstanden ist", sagt Bogusławski.
Aus diesen Gründen hält er es für unrealistisch, dass der WTI-Ölpreis in den kommenden sechs Monaten auf 60 Dollar je Barrel fällt. Schon 75 Dollar betrachtet er als überzogene Reaktion auf die vorläufige Friedenseinigung. Seiner Einschätzung nach liegt der Gleichgewichtspreis bei etwa 85 Dollar.
"Der Markt hat bereits ein Szenario eingepreist, als würden wir zur Situation vom Jahresanfang zurückkehren. Doch mögliche Störungen gibt es sehr viele. Dazu zählt auch, dass sich nach 60 Tagen herausstellen kann, dass die Differenzen in den Verhandlungen so groß sind, dass beide Seiten keine endgültige Einigung erzielen. Dieses Risiko ist ziemlich ernst", sagt Bogusławski.
Ölkonzerne: Kaum Gründe für Kursverluste, aber auch wenig Aufwärtspotenzial
Unter der Annahme sinkender Spannungen erwartet Bogusławski bei den Bewertungen der Öl- und Gasunternehmen eine Übergangsphase. Diese könne mindestens ein halbes Jahr dauern. In dieser Zeit dürften die Aktien weder stark unter Druck geraten noch deutlich steigen.
"Es gibt keine besonderen Gründe, weshalb diese Unternehmen an Wert verlieren sollten. Es ist aber auch schwer, Gründe zu finden, weshalb ihre Kurse steigen sollten. Ohne einen weiteren Anstieg des Ölpreises dürfte es schwierig werden, Kapital zu finden, das ihre Bewertungen noch höher treiben würde", sagt der Chefstratege von KupFundusz.
Auch Paweł Wieprzowski, Fondsmanager bei PKO TFI, sieht langfristig zwei gegensätzliche Effekte. "Auf der einen Seite können Faktoren entstehen, die für einen langfristig höheren Ölpreis sprechen als vor dem Konflikt angenommen. Denkbar sind Transitgebühren für die Straße von Hormus oder höhere Versicherungskosten für Tanker, da die Risikoprämie für die Region relativ hoch bleibt. Auf der anderen Seite gibt es Faktoren, die einen möglichen Preisanstieg begrenzen können. Dazu gehört zuerst eine mögliche Ausweitung der Ölförderung in der Region. Langfristig kann auch eine weiter sinkende Ölintensität der Weltwirtschaft die Nachfrage verringern", sagt Wieprzowski.
Er betont, dass der entscheidende Parameter für die Bewertung der Öl- und Gasunternehmen unverändert der Ölpreis bleibt. Bei der Angebotslage in der Golfregion kommt Wieprzowski zu einer ähnlichen Einschätzung wie Bogusławski. "Nach dem Ende des Konflikts sollte die Ölproduktion in den Ländern der Region kurzfristig, also in den ersten zwei Monaten, wieder auf etwa 60 bis 70 Prozent des Volumens vor Beginn des Konflikts steigen. Der Weg zurück auf 100 Prozent wird vermutlich mehrere weitere Monate dauern. Das liegt vor allem an technischen Aspekten beim Neustart der Ölinfrastruktur", sagt Wieprzowski.
Eine längere Phase erhöhter Ölpreise würde für die deutsche Industrie, Logistikunternehmen und energieintensive Betriebe zusätzliche Unsicherheit schaffen. Auch Verbraucher könnten mittelbar betroffen sein, wenn Raffineriekosten, Transportpreise oder Beschaffungskosten steigen. Für Anleger in Deutschland bleibt die zentrale Frage, ob der Ölpreis dauerhaft oberhalb der Niveaus vom Jahresanfang verharrt. In diesem Fall könnten große integrierte Öl- und Gaskonzerne weiter von hohen Margen und stabilen Cashflows profitieren. Gleichzeitig begrenzt eine mögliche Entspannung im Nahen Osten das kurzfristige Kurspotenzial. Der Markt steht damit zwischen geopolitischer Erleichterung und der nüchternen Erkenntnis, dass zerstörte Infrastruktur, knappe Reserven und höhere Sicherheitskosten nicht über Nacht verschwinden.
