Finanzen

Echtzeit-Bezahldienst Wero: Gelingt Europas Angriff auf PayPal & Co.?

Jahrelang haben US-Konzerne den digitalen Zahlungsverkehr in Europa geprägt – jetzt wollen Europas Banken die Kontrolle zurückgewinnen, unter anderem mit dem europäischen Echtzeit-Bezahldienst Wero. Doch der Erfolg des ambitionierten Projekts hängt von einer entscheidenden Frage ab: Folgen Verbraucher und Händler der europäischen Alternative?
18.08.2026 18:07
Aktualisiert: 01.01.2030 11:22
Lesezeit: 7 min
Echtzeit-Bezahldienst Wero: Gelingt Europas Angriff auf PayPal & Co.?
Wero soll Europas Antwort auf PayPal, Visa und Mastercard werden. Doch der Bezahldienst steht vor großen Herausforderungen. (Bild: Gemini)

Wero: Europas Kampf um die Kontrolle über unser Geld

Jahrelang haben europäische Verbraucher beim digitalen Bezahlen vor allem auf amerikanische Anbieter gesetzt: PayPal für Onlinekäufe, Visa und Mastercard für Karten sowie Apple Pay und Google Pay für das Smartphone. Europa verfügt zwar über ein leistungsfähiges Bankensystem – doch bei der digitalen Schnittstelle zum Kunden geben andere den Ton an.

Mit Wero wollen Europas Banken das ändern. Der neue Bezahldienst soll eine europäische Alternative zu den großen US-Plattformen schaffen und die Abhängigkeit von ausländischen Zahlungsinfrastrukturen reduzieren. Das Wort setzt sich aus den englischen Begriffen "we" und "Euro" zusammen.

Hinter dem Projekt steht ein wirtschaftlicher und politischer Machtkampf um die Zukunft des Geldes. Die entscheidende Frage lautet: Kann Europa eine eigene digitale Zahlungsinfrastruktur etablieren – oder kommt Wero zu spät?

Was ist Wero?

Wero ist ein digitales Bezahlsystem der European Payments Initiative (EPI), einem Zusammenschluss europäischer Banken und Zahlungsdienstleister. Anders als beim digitalen Euro der Europäischen Zentralbank handelt es sich bei Wero nicht um staatliches Geld, sondern um eine privatwirtschaftliche Initiative der Finanzbranche.

Die Idee dahinter: Nutzer sollen direkt über ihr Bankkonto bezahlen können – ohne Umweg über externe Plattformen. Wero basiert dabei auf dem europäischen SEPA-System. Statt ein separates PayPal-Konto zu benötigen, läuft die Zahlung direkt aus der Bankumgebung heraus.

Gestartet ist Wero im Juli 2024 zunächst mit Peer-to-Peer-Zahlungen, also direkten Geldtransfers zwischen Privatpersonen. Nutzer können sich Geld in Echtzeit senden, teilweise reicht dafür die Mobilfunknummer oder E-Mail-Adresse anstelle einer langen IBAN.

Wird Wero tatsächlich genutzt?

Wie Table.Briefings berichtet, ist Wero seit dem Marktstart nach Angaben der EPI auf mehr als 57 Millionen Nutzer in Europa gewachsen, darunter rund neun Millionen in Deutschland. Derzeit bietet der Dienst in Deutschland neben Überweisungen zwischen Privatpersonen auch Online-Zahlungen im Handel an. Nach Angaben der EPI akzeptieren inzwischen mehr als 90 Händler, Unternehmen und Organisationen die Bezahllösung. Der Einstieg in den stationären Handel ist für 2027 vorgesehen.

Wo kann man mit Wero bereits bezahlen?

Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt dort, wo digitale Bezahlsysteme erfolgreich werden – oder scheitern: im Alltag.

Erste Unternehmen setzen bereits auf die europäische Lösung. Dazu gehören unter anderem A&O Hostels, CTS Eventim und Decathlon. Auch Lidl will Wero in seine Onlineshops integrieren. Weitere angekündigte Partner sind Zooplus, Hornbach, Otto, Rossmann, CEWE und die Fluggesellschaft Air Europa.

Damit wächst das Händlernetz langsam. Genau hier liegt jedoch die größte Herausforderung. Ein Bezahlsystem funktioniert nur dann, wenn Händler und Kunden gleichzeitig mitmachen.

Viele Verbraucher verfügen bereits über etablierte Alternativen. PayPal, Kreditkarten oder Smartphone-Zahlungen funktionieren seit Jahren. Für Wero stellt sich deshalb eine zentrale Frage: Welchen konkreten Vorteil bietet ein neues System?

Europas Antwort auf PayPal, Apple Pay und Co.

Der Grund für den Aufbau eines eigenen Systems liegt vor allem in der strategischen Bedeutung des Zahlungsverkehrs. Wer die Infrastruktur des digitalen Bezahlens kontrolliert, verfügt über eine wichtige Schnittstelle zur Wirtschaft und zu Millionen Verbrauchern.

Europäische Banken sehen sich zunehmend in einer schwierigen Lage: Sie stellen zwar die Konten bereit, doch viele digitale Zahlungen laufen über amerikanische Anbieter. PayPal hat sich im Onlinehandel etabliert, Apple Pay und Google Pay profitieren von der weiten Verbreitung von Smartphones, während Visa und Mastercard den Kartenmarkt dominieren.

Wero soll diese Abhängigkeit verringern. Die Botschaft der Initiatoren lautet: Europa braucht eine eigene Lösung, um bei einer zentralen digitalen Infrastruktur nicht von Konzernen außerhalb Europas abhängig zu sein.

Wero gegen den digitalen Euro: Zwei Projekte mit unterschiedlichen Interessen

Immer wieder werden Wero und der digitale Euro miteinander verwechselt. Beide Projekte beschäftigen sich mit der Zukunft des Geldes, verfolgen jedoch unterschiedliche Ansätze.

Während der digitale Euro eine staatliche Lösung der Europäischen Zentralbank (EZB) wäre, handelt es sich bei Wero um eine privatwirtschaftliche Initiative der europäischen Finanzbranche.

Der Unterschied ist entscheidend: Wero nutzt bestehendes Bankgeld und soll eine kundennahe Zahlungslösung schaffen. Der digitale Euro wäre dagegen digitales Zentralbankgeld.

Wie Table.Briefings berichtet, stehen viele Geschäftsbanken dem digitalen Euro kritisch gegenüber. "Banken bremsen das Projekt des digitalen Euro, weil sie Abflüsse von Einlagen zur Zentralbank fürchten", sagte Pawel Tokarski, Ökonom bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Auch Sparkassen-Präsident Ulrich Reuter warb für Wero als Alternative: "Europa braucht Kooperation seiner markterfahrenen Anbieter, keine administrative Konkurrenz aus Frankfurt und keine neuen Wettbewerbsbelastungen. Die gemeinsame Payment-Antwort der europäischen Finanzwirtschaft heißt ,Wero‘."

Was bringt Wero Verbrauchern und Händlern?

Für Nutzer verspricht Wero vor allem Einfachheit: Bezahlen direkt über das eigene Bankkonto, schnelle Überweisungen und eine europäische Alternative zu bestehenden Diensten.

Für Händler könnte ein anderer Punkt wichtiger sein: die Kosten: Für Privatpersonen soll die Nutzung kostenlos sein. Händler zahlen dagegen Gebühren. Die konkreten Preise veröffentlicht Wero bislang nicht. Nach Einschätzung von Experten könnten sie jedoch unter denen von Visa und Mastercard liegen.

Allerdings steht Wero vor einem klassischen Problem digitaler Plattformen: Je mehr Nutzer und Akzeptanzpartner ein System hat, desto wertvoller wird es. Dieser Netzwerkeffekt hilft etablierten Anbietern – und erschwert es neuen Wettbewerbern.

Kann Wero Europas digitales Bezahlen verändern?

Wero hat einen entscheidenden Vorteil: Hinter dem Projekt stehen Banken mit Millionen Kunden. Gleichzeitig besitzt es einen großen Nachteil: Es muss gegen jahrelang eingeübte Gewohnheiten antreten.

Der digitale Euro könnte künftig eine andere Rolle spielen. Nach Einschätzung von Table.Briefings steht eine Einführung frühestens 2029 im Raum. Markus Demary vom IW Köln sieht beide Projekte nicht zwangsläufig als Konkurrenz: Der digitale Euro könnte eine staatliche Basisinfrastruktur bereitstellen, während Wero darauf aufbauend zusätzliche Dienstleistungen für Verbraucher und Händler entwickelt: "Wir brauchen aus Sicht der europäischen Souveränität ein Backup für den Fall, dass es mit Wero doch nicht klappt."

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