Öl-Aktien profitieren von Krieg und steigenden Preisen
Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran hat die Ölpreise auf den höchsten Stand seit 2022 getrieben. Die Ölkonzerne nutzten diese Entwicklung für eines der besten Quartale ihrer Geschichte. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.
Der Energiesektor ist 2026 bislang der stärkste Sektor im US-Leitindex S&P 500. Mit einer Rendite von rund 30 Prozent seit Jahresbeginn liegt er vor dem Technologiesektor und weit vor dem Gesamtindex. Für eine Branche, die noch vor wenigen Jahren zu den unbeliebtesten Anlagebereichen zählte, bedeutet dies eine bemerkenswerte Kehrtwende.
Die Erklärung ist vergleichsweise einfach: Der Krieg zwischen den USA und dem Iran hat das Ölangebot am Markt reduziert. Gleichzeitig steigt die Nachfrage während der Sommersaison ohnehin. Beide Faktoren schufen gemeinsam ideale Bedingungen für steigende Kurse der Öl-Aktien.
Der Aufschwung zeigt jedoch auch, wie stark Energieunternehmen von geopolitischen Entwicklungen abhängen. Sobald sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage verändert, können sowohl die Ölpreise als auch die Gewinne der Konzerne schnell wieder sinken.
Die Ölbranche ist ausgesprochen zyklisch. Die Unternehmensgewinne hängen größtenteils von Ereignissen ab, auf die die Konzerne selbst keinen Einfluss haben. Im zweiten Quartal kostete ein Barrel der Nordseesorte Brent im Durchschnitt etwas mehr als 100 Dollar. Derzeit liegt der Preis bei 83 Dollar.
Die aktuellen Rekordergebnisse dürften deshalb eher eine Ausnahme als eine neue Regel darstellen. Bei Öl-Aktien ist die Dividendenrendite häufig ein zuverlässigerer Indikator für den langfristigen Wert als der Gewinn eines einzelnen Quartals. Dieser kann bereits im nächsten Quartal deutlich sinken, falls sich die Lage im Nahen Osten beruhigt.
Preisschocks auf dem Ölmarkt halten nur selten dauerhaft an. Eine ähnliche Entwicklung war nach der russischen Invasion in die Ukraine 2022 zu beobachten. Damals schnellten die Gewinne der Ölkonzerne ebenfalls nach oben, kehrten in den folgenden Quartalen jedoch schrittweise auf ein normaleres Niveau zurück.
Wer die heutigen Rekordzahlen einfach in die Zukunft fortschreibt, dürfte den Wert der Öl-Aktien daher überschätzen. Sinnvoller ist es, den gesamten Zyklus zu betrachten und den durchschnittlichen Gewinn über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren zu vergleichen. Das jüngste Quartal allein bietet keine verlässliche Grundlage für eine langfristige Bewertung.
Ein gemeinsames Merkmal der jüngsten Geschäftsberichte war die disziplinierte Rückführung von Kapital an die Aktionäre. Nahezu alle Unternehmen setzten ihre Aktienrückkaufprogramme fort oder weiteten sie aus. Die meisten Konzerne nutzten zugleich einen Teil ihrer überschüssigen Mittel, um Schulden abzubauen.
Das ist ein wichtiges Signal. Die Unternehmen könnten die hohen Preise auch nutzen, um stärker in neue Förderstätten oder Übernahmen zu investieren. Offenbar gehen ihre Vorstände jedoch davon aus, dass langfristig keine wesentlich größeren Förderkapazitäten benötigt werden.
Stattdessen entschieden sich die Konzernleitungen für eine Kombination aus geringerer Verschuldung sowie höheren direkten und indirekten Ausschüttungen an die Aktionäre. Dieser Umgang mit dem Kapital ist im gesamten Sektor zu beobachten. Dabei spielt es kaum eine Rolle, in welchem Land ein Unternehmen seinen Sitz hat.
Zwischen amerikanischen und europäischen Ölkonzernen bestehen allerdings weiterhin deutliche Bewertungsunterschiede. US-Unternehmen weisen im Durchschnitt ein höheres erwartetes Kurs-Gewinn-Verhältnis auf, bieten dafür aber niedrigere Dividendenrenditen.
Bei europäischen Ölkonzernen und dem norwegischen Energiekonzern Equinor verhält es sich umgekehrt. Diese Unterschiede sind nicht neu und lassen sich nicht allein mit den Ergebnissen des laufenden Jahres erklären. Sie prägen die Branche bereits seit Langem und entstehen durch unterschiedliche Steuersysteme, Regulierungen und Aktionärsstrukturen.
Für Anleger hängt die Entscheidung zwischen amerikanischen und europäischen Öl-Aktien deshalb weniger davon ab, welcher Konzern in einem einzelnen Quartal am meisten verdient hat. Entscheidend ist vielmehr, ob sie einen größeren Teil ihrer Rendite durch Kurssteigerungen oder durch laufende Dividenden erzielen wollen.
Öl-Aktien aus den USA: ExxonMobil und Chevron mit Rekordgewinnen
ExxonMobil erzielte im zweiten Quartal einen Gewinn von 3,48 Dollar je Aktie. Der bereinigte Gewinn erreichte 14,7 Milliarden Dollar. Damit fiel er mehr als dreimal so hoch aus wie im ersten Quartal.
Der operative Cashflow belief sich auf 23,6 Milliarden Dollar. Über den Rückkauf eigener Aktien gab ExxonMobil insgesamt 9,4 Milliarden Dollar an seine Aktionäre zurück.
Chevron steigerte seinen Gewinn auf 12,1 Milliarden Dollar beziehungsweise 6,11 Dollar je Aktie. Das war das beste Ergebnis seit 2022. Der Konzern führte 6,5 Milliarden Dollar an seine Aktionäre zurück und verringerte seine Schulden innerhalb eines Quartals um den Rekordbetrag von 8,4 Milliarden Dollar.
Darüber hinaus machen sich erste positive Synergieeffekte bemerkbar, die aus der Übernahme des Ölkonzerns Hess im vergangenen Jahr resultieren.
Die Zahlen beider Unternehmen zeigen, wie stark die hohen Ölpreise die Ertragslage verbessert haben. Gleichzeitig nutzten ExxonMobil und Chevron den Mittelzufluss nicht primär für einen schnellen Ausbau ihrer Produktion. Stattdessen stärkten sie ihre Bilanzen und erhöhten die Ausschüttungen an ihre Aktionäre.
Europäische Öl-Aktien: Hohe Gewinne, Dividenden und Schuldenabbau
Shell erzielte einen bereinigten Gewinn von 9,8 Milliarden Dollar. Damit verzeichnete der Konzern das beste zweite Quartal seit 2022. Gleichzeitig reduzierte Shell seine Nettoverschuldung innerhalb eines Quartals um fast elf Milliarden Dollar.
TotalEnergies steigerte den bereinigten Gewinn auf sechs Milliarden Dollar und erhöhte seine Dividende um 5,9 Prozent.
Der italienische Energiekonzern Eni meldete einen Anstieg des bereinigten Gewinns um 106 Prozent auf 2,33 Milliarden Euro. Die hohe Steigerungsrate erklärt sich vor allem durch die niedrige Vergleichsbasis des Vorjahres. Gleichzeitig senkte Eni seine Verschuldungsquote auf den Rekordwert von zehn Prozent.
Der spanische Konzern Repsol konnte seinen bereinigten Gewinn beinahe verdreifachen. Er stieg auf 1,84 Milliarden Euro. Neben den hohen Energiepreisen trug vor allem der Produktionsbeginn beim Projekt Pikka in Alaska zu diesem Ergebnis bei.
Auch Equinor profitierte stark von den Marktbedingungen. Der norwegische Konzern steigerte seinen Nettogewinn im zweiten Quartal auf 4,84 Milliarden Dollar. Das waren 267 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahresquartal.
Die Bilanz von Equinor zählt weiterhin zu den am wenigsten belasteten im Sektor. Das Verhältnis zwischen Nettoverschuldung und Eigenkapital sank auf 10,4 Prozent. Neben einer soliden Dividende weitete der Konzern sein Aktienrückkaufprogramm aus.
Für deutsche Anleger sind die Ergebnisse ebenfalls relevant. Sie verdeutlichen, welche Unterschiede bei Bewertung, Dividendenrendite und Kapitalverwendung zwischen amerikanischen und europäischen Öl-Aktien bestehen. Darüber hinaus beeinflussen hohe Ölpreise die deutsche Wirtschaft unmittelbar. Sie können die Kosten für Verkehr, Logistik und energieintensive Unternehmen erhöhen und den Inflationsdruck verstärken. Was den Ölkonzernen Rekordgewinne beschert, kann für deutsche Unternehmen und Verbraucher deshalb zu einer zusätzlichen Belastung werden.
Die aktuellen Ergebnisse zeigen zugleich, dass sich die Ölkonzerne selbst nicht darauf verlassen, dass die außergewöhnlich hohen Gewinne dauerhaft bestehen bleiben. Ihre Priorität liegt auf Schuldenabbau, Dividenden und Aktienrückkäufen. Für Anleger ist das ein Hinweis darauf, die jüngsten Rekorde nicht einfach in die Zukunft fortzuschreiben, sondern Öl-Aktien über den gesamten Rohstoffzyklus hinweg zu bewerten.


